Ties Rabe (SPD), 65, war von 2011 bis 2024 Senator für Schule und Berufsbildung in Hamburg. Infolge der von ihm angestoßenen Reformen stieg die Hansestadt in dieser Zeit im Bildungsranking auf.
WELT AM SONNTAG (WAMS): Pünktlich zum Schulstart erscheint Ihr Buch “Endlich mal anfangen. Was Kinder und Schulen wirklich brauchen”. Der Titel klingt, als müsse man nur die Ärmel hochkrempeln und loslegen, damit die Schulleistungen wieder besser werden. Verweigern Sie sich etwa der Katastrophenerzählung über die Bildungskrise?
Ties Rabe: Grundsätzlich ist es richtig, dass wir in Deutschland lebhaft über Schulpolitik diskutieren. Aber wir diskutieren schon sehr lange. Wir wissen schon seit dem IQB-Bildungstrend 2021 und Pisa 2023, dass unsere Schülerinnen und Schüler bei Schlüsselkompetenzen wie Lesen und Rechnen zurückfallen. Wer heute in der neunten Klasse ist, erreicht in der Regel nicht einmal mehr das Leistungsniveau einer achten Klasse von vor zehn Jahren. Angesichts dieser Dringlichkeit wundere ich mich, dass so wenig in Gang kommt. Ich will den Anstoß dafür geben, dass jetzt endlich gehandelt wird.

WAMS: Am 8. September erscheint die nächste Pisa-Studie. Was erwarten Sie?
Rabe: Ich kann mir leichte Verbesserungen vorstellen, aber keine grundlegende Wende.
WAMS: Welche Folgen hat der Rückgang sprachlicher und mathematischer Schlüsselkompetenzen?
Rabe: Schlüsselkompetenzen bilden die Grundlage aller Lernprozesse. Man lernt weder in Musik noch in Biologie, Physik oder Politik erfolgreich, wenn man Texte nicht versteht, nicht lesen kann oder kein Verständnis für Zahlen, Größen und räumliches Denken entwickelt. Diese Fähigkeiten sind der Treibstoff für alles weitere Lernen. Ich habe den Eindruck, dass sie im deutschen Schulsystem etwas vernachlässigt werden.
WAMS: Der erste Pisa-Schock von 2001 erwies sich durchaus als heilsam. Es folgten Jahre des Aufschwungs. Danach kam der dramatische Einbruch. Warum?
Rabe: Die Entwicklung in Deutschland verläuft wie ein umgekehrter Smiley. Wir starteten schwach, lagen unter dem OECD-Durchschnitt, verbesserten uns dann stark und lagen 2012 deutlich darüber. Danach ging es erst langsam, dann rasant bergab. Die Fortschritte nach dem ersten Pisa-Schock hatten viel damit zu tun, dass man sich auf die Förderung von Schlüsselkompetenzen und Schulqualität konzentriert hat und hier Verbesserungen umgesetzt hat. Doch dann ist Deutschland selbstzufrieden geworden und hat es nicht mehr geschafft, gesellschaftliche Veränderungen schulisch auszugleichen.
Schule muss Antworten auf gesellschaftliche Veränderungen geben
WAMS: Welche gesellschaftlichen Entwicklungen meinen Sie konkret?
Rabe: Der Bildungsabsturz ist nicht nur in Deutschland zu beobachten, sondern in vielen OECD-Ländern. Die Ursachen werden klar beschrieben: langer Unterrichtsausfall während Corona, weniger Lesen in den Familien, stärkere seelische und psychische Belastungen von Kindern, auch durch digitale Medien. Hinzu kommt, dass die Zuwanderung erheblich zugenommen hat. Das sind gesellschaftliche Veränderungen, die Schule nicht verursacht hat. Aber die Schule muss jetzt Antworten darauf geben.
WAMS: In der öffentlichen Debatte schwankt die Stimmung zwischen Kopf-in-den-Sand-Stecken und der Forderung nach einem totalen Reset des Schulsystems. Sie lehnen beides ab. Warum?
Rabe: Ich sehe mit Sorge, dass immer wieder ein Komplettumbau des Schulsystems gefordert wird. Ich halte das für unmöglich und wirkungslos. Unser Schulsystem ist grundsätzlich leistungsfähig, das haben frühere Zahlen gezeigt. Man muss es verbessern, aber ein kompletter Neuanfang hätte wenig Aussicht auf Erfolg. Mit elf Millionen Schülern, rund 15 Millionen Eltern und etwa einer Million Beschäftigten ist es ein riesiges System, das täglich funktionieren muss: Zeugnisse schreiben, Kinder einschulen, Abschlussprüfungen organisieren. Man kann das Schulsystem nicht anhalten, neu erfinden und wieder starten. Wir wissen, dass es wirksamere Reformen gibt, die sofort umsetzbar sind.
Man braucht keine Superschule und keine außergewöhnlichen Lehrkräfte. Es könnte morgen losgehen. Vielleicht befriedigt das nicht die revolutionären Höhenflüge der Bildungsdebatte. Aber die Maßnahmen funktionieren, nützen und sind umsetzbar.
WAMS: Ihre Lösungsvorschläge klingen nach Old-School-Hausmannskost: mehr Unterricht, mehr Übung, mehr Nachhilfe, mehr Tests. Ein Schulleiter sagte zu Ihnen: Klingt irgendwie ungeil. Stört Sie das?
Rabe: Ja und nein. Es ist Hausmannskost und keine revolutionäre Idee für Talkshows. Aber sie hat zwei Vorteile: Erstens ist wissenschaftlich erwiesen, dass sie nützt. Bei vielen anderen Vorschlägen wissen wir das nicht. Zweitens funktioniert sie überall. Man braucht keine Superschule und keine außergewöhnlichen Lehrkräfte. Es könnte morgen losgehen. Vielleicht befriedigt das nicht die revolutionären Höhenflüge der Bildungsdebatte. Aber die Maßnahmen funktionieren, nützen und sind umsetzbar.
WAMS: Möchten Sie das noch etwas präzisieren?
Rabe: Der Schulforscher John Hattie hat nachgewiesen, dass der entscheidende Faktor für den Lernfortschritt guter Unterricht ist. Da setzen auch meine Vorschläge an. Wir brauchen mehr Unterricht in der Grundschule und einen sorgsameren Umgang mit der vorhandenen Zeit. Schülerinnen und Schüler in der Grundschule verbringen in Deutschland nicht einmal ein Sechstel ihrer Zeit zwischen dem Aufstehen und dem Zubettgehen im Unterricht. Nur zwei Stunden Unterricht pro Woche mehr in der Grundschule könnten reichen, um viele Bildungsprobleme zu lösen.
Systematisch über besseren Unterricht nachdenken
Zudem sollten alle Schülerinnen und Schüler mit einer Fünf im Hauptfach kostenlose Nachhilfe erhalten, organisiert durch die Schule und verbunden mit der Pflicht zur Teilnahme. In Hamburg funktioniert dieses Modell seit Jahren gut.
Zum anderen geht es um Unterrichtsqualität. Die kann man nicht verordnen. Lehrkräfte sollten aber Anstöße erhalten, ihren Unterricht regelmäßig zu hinterfragen und zu verbessern: durch gegenseitige Hospitationen und Schülerfeedback vor Zeugnissen, durch Vergleichstests und Schulinspektionen – eine Art “Schul-TÜV”. All das soll Lehrkräften helfen, systematisch über besseren Unterricht nachzudenken.

WAMS: Einen Schwerpunkt legen Sie auch auf die frühkindliche Bildung und frühe Sprachtests. Die Bundesregierung hat ein Kita-Qualitätsentwicklungsgesetz auf den Weg gebracht, das in diese Richtung zielt. Ist das der richtige Ansatz?
Rabe: Ja, das begrüße ich sehr. Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren sollten daraufhin überprüft werden, ob sie altersgemäß sprechen. Wo das nicht der Fall ist, brauchen sie schon ein Jahr vor der Einschulung zusätzliche Sprachförderung, etwa in der Kita. Wir wissen längst, dass entscheidende Lernprozesse vor der Schulzeit stattfinden. Deshalb müssen wir Kita-Bildung ernster nehmen. Die Schule allein kann Bildungsrückstände, die durch Veränderungen im Familienleben entstanden sind, nicht ausgleichen.
WAMS: Diesen Ansatz verfolgen Sie in Hamburgs Kitas und Schulen schon länger. Das Land ist während Ihrer Amtszeit im Bildungsranking der Bundesländer deutlich aufgestiegen und gilt mittlerweile fast als bildungspolitisches Labor. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Zutaten dieses Erfolgs?
Rabe: Entscheidend waren Reformen rund um Unterrichtszeit und Unterrichtsqualität. Dazu zählen mehr Unterrichtsstunden, kostenlose Nachhilfe- und Förderstunden, aber auch Qualitätskontrollen durch landesweite Schülertests und Schulinspektionen. Diese Maßnahmen waren vermutlich zentral für den Lernerfolg. Im Bundesländervergleich hängen Gewinner und Verlierer oft mit der sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft zusammen. Bildungsverlierer wie Bremen haben die meisten sozial benachteiligten Kinder und die meisten, die zu Hause nicht Deutsch sprechen. Bildungsgewinner wie Bayern und Sachsen haben viele Schülerinnen und Schüler aus bildungsnahen Elternhäusern.
Die richtigen Maßnahmen können auch unter schwierigen Bedingungen wirken.
Hamburg durchkreuzt dieses Muster: Rund 33 Prozent der Schülerinnen und Schüler sprechen zu Hause kein Deutsch, viele leben in Armut oder haben Migrationshintergrund. Trotzdem liegt Hamburg inzwischen im oberen Drittel. Das zeigt: Die richtigen Maßnahmen können auch unter schwierigen Bedingungen wirken.
WAMS: Das heißt, Sie weigern sich auch, diese Kinder verloren zu geben, wie das in der öffentlichen Debatte gelegentlich geschieht?
Rabe: Ja. Es geht um das Glück junger Menschen und das Glück unserer Gesellschaft. Wir brauchen auch künftig gute Minister, Forscher, Unternehmer. Wir können nicht sagen: Die Schülerinnen und Schüler können das heute nicht mehr. Wir müssen sie dorthin führen. Die Ursachen unserer Probleme liegen zwar eher im gesellschaftlichen Wandel als in der Schule, aber die Schule ist der wichtigste Hebel für Verbesserungen.
Meine Reformvorschläge kosten etwa vier bis fünf Milliarden Euro. Das sind weniger als fünf Prozent des heutigen Budgets. Viele Maßnahmen sind günstiger, als oft angenommen wird.
WAMS: Sie schreiben, Geld allein vollbringe keine Wunder. Dennoch kosten mehr Unterricht, Nachhilfe-Angebote und zusätzliche Tests den Staat Geld. Können Sie den Finanzbedarf beziffern?
Rabe: Das deutsche Schulsystem kostet jährlich rund 100 Milliarden Euro. Meine Reformvorschläge kosten etwa vier bis fünf Milliarden Euro. Das sind weniger als fünf Prozent des heutigen Budgets. Viele Maßnahmen sind günstiger, als oft angenommen wird. Die Kosten für Vergleichstests und Schulinspektionen liegen im Promillebereich. Mehr Unterricht lässt sich teilweise mit dem Ausbau der Ganztagsbetreuung verbinden, sodass Synergieeffekte entstehen. Deshalb halte ich gute Reformen für finanzierbar. Deutschland hat zwischen 2000 und 2012 bereits große Fortschritte erzielt. Ich sehe keinen Grund, warum das nicht erneut gelingen sollte.
Sabine Menkens berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.

