14. August 2026
Zu den Umfrageergebnissen des LCH zur Integration

Vernichtende Umfrage über die integrative Schule: Die Hälfte der Schweizer Lehrer hält das inklusive Modell für gescheitert.

Gerade jene Pädagogen, die am meisten betroffen sind, äussern sich negativ zum Status quo. Der Lehrerverband hält noch am System fest, fordert aber mehr Geld. NZZ-Journalist Sebastian Briellmann zu den Umfrageergebnissen des LCH zur Integrativen Schule.

Colorful paper sea creatures stuck to a large classroom window, with a red-and-white lighthouse model on the desk inside.

Sebastian Briellmann, Journalist der NZZ: Nur jeder siebte Pädagoge steht voll hinter dem Projek

Die integrative Schule, das Wunschprojekt der Bildungsreformer, mit dem die Sehnsucht nach absoluter Chancengerechtigkeit hätte erfüllt werden sollen, ist als Konzept seit Jahren unter Druck. Zu viele Leistungstests fallen vernichtend aus, zu viele Lehrer klagen über den unmöglichen Anspruch, allen Schülern gerecht zu werden.

Nun gerät die integrative Schule endgültig ins Wanken. Man könnte auch sagen: Sie ist gescheitert.

Der Schweizer Lehrerverband hat eine Umfrage beim Forschungsinstitut GfS Bern in Auftrag gegeben, damit die latent wabernde Unzufriedenheit wissenschaftlich untersucht und glaubwürdig dargestellt werden kann. Über 10 000 Lehrerinnen und Lehrer wurden befragt. Sie haben die Chance genutzt. Aber vielleicht nicht so, wie es die Bildungsbürokratie erwartet hat. Das Urteil ist vernichtend.

Die Sekundarlehrer – die Fachleute für Kinder in einem Alter, in dem die Leistung entscheidend wird – sprechen sich deutlich gegen die integrative Schule aus.

Nur eine knappe Mehrheit hält die integrative Schule für ein sinnvolles Modell, nur jeder siebte Pädagoge steht voll hinter dem Projekt. Das Mini-Plus kommt ohnehin nur zustande, weil viele Lehrer, die derzeit gar keine Schule geben, sich wuchtig für das inklusive Konzept ausgesprochen haben.

Geht man in die Details, zeigt sich, wie schwach der Rückhalt für das grösste Schulprojekt, die grösste Umwälzung des Systems nach nicht einmal zwei Jahrzehnten ist. Die Sekundarlehrer – die Fachleute für Kinder in einem Alter, in dem die Leistung entscheidend wird – sprechen sich deutlich gegen die integrative Schule aus. Genauso jene Lehrerinnen, die Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten in eine Regelklasse integrieren müssen.

Keine «erfüllende» Aufgabe

Dagmar Rösler, LCH-Präsidentin: Es braucht mehr Ressourcen.

Das ist genau jene Massnahme, die als wünschenswert propagiert wurde und wofür man die inklusive Variante eingeführt hat. Nun zeigt sich: Das Modell «alle zusammen in einer Regelklasse, auch die Verhaltensauffälligen» stösst bei den betroffenen Pädagogen auf Ablehnung.

Dasselbe Resultat ergeben weitere Befunde. Nur jeder Fünfte auf Sekundarstufe hält die integrative Schule für einen «erfüllenden Auftrag». 80 Prozent tun das also nicht. Die Hälfte gibt an, überlastet zu sein.

Ob diese Botschaft wohl ankommt? Dort, wo der scheinbar inklusive Gedanke prioritär behandelt wird – gerade in den pädagogischen Hochschulen? Beispiele für eine mögliche Kurskorrektur gäbe es genug: 83 Prozent der Lehrer sagen, dass ihre Arbeitsbelastung nach Einführung der integrativen Schule zugenommen habe; 81 Prozent fühlen sich durch herausforderndes Verhalten der auffälligen Schüler stark belastet; 71 Prozent sind der Meinung, dass leistungsstarke Schüler nicht gerecht gefördert würden, zu kurz kämen (was seit Jahren bestritten wird von offizieller Stelle); 52 Prozent kommen zu dem Schluss, dass das Leistungsniveau gesunken sei.

Selbst die gutmütigen Lehrer, die ihren (wertvollen) Beruf stets mit fast schon bewundernswerter Leidenschaft verteidigen, das Gute sehen in der Wissensvermittlung und in den Kindern sowieso, wenden sich von der Theorie ab: Jeder Zweite gibt schon an, dass die integrative Schule gescheitert sei. Wenn die Hälfte der wichtigsten Rädchen im System nicht an dieses glaubt: Kann es dann noch gerettet werden?

Die Abkehr des Lehrerverbands

Selbst der Schweizerische Lehrerverband, früher glühender Unterstützer des integrativen Unterrichts, hat bereits in den vergangenen Monaten das Wording verändert und einen neuen Realismus proklamiert. Die Präsidentin, Dagmar Rösler, hat ein feines Gespür für die Stimmung an der Basis. Und jene in der Politik. Die SVP und die FDP wollen die integrative Schule abschaffen. Rösler hat den Begriff längst beerdigt. Heute ist von einem «inklusionsorientierten Schulsystem» die Rede.

Philipp Loretz, Sekundarlehrer, Präsident des LVB: Überrascht haben mich die Resultate nicht.

Doch noch gibt Rösler das Modell nicht auf. Bei der Präsentation der Umfrageresultate sagte sie, dass sich die Zukunft nicht an der «Grundsatzfrage» entscheide, ob man das Modell als Gesellschaft wolle oder nicht. «Sie entscheidet sich an der politischen Bereitschaft, endlich die notwendigen Bedingungen zu schaffen, damit sie richtig umgesetzt werden kann.» Das heisst: Der Lehrerverband fordert mehr Geld.

Dass noch mehr finanzielle Mittel reichen werden, wird von den Kritikern schon lange bezweifelt. Skeptisch ist beispielsweise der Baselbieter Lehrerverband. Er spricht von «Wunschdenken statt Realitätssinn». Selbst mehr Geld hülfe nicht. Es gebe, zum Beispiel, gar nicht genügend Heilpädagogen, um alle Kinder mit einem Sondersetting fachgerecht zu betreuen. Überrascht von den Ergebnissen ist der Verbandspräsident Philipp Loretz deswegen nicht. Er weist darauf hin, dass nur ein Viertel der Lehrer finde, dass die Schüler «mit besonderem Förderbedarf» nun gleiche «schulische und soziale Chancen» hätten. Und für jene hat man das System geschaffen.

Wenn diese Kinder nicht profitieren und die Stärkeren ebenfalls geschwächt werden und die Lehrer an ihre Grenzen kommen: Dann muss sich der Lehrerverband überlegen, was überhaupt noch für die integrative Schule spricht.

 

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