12. August 2026
Zur Volksinitiative für ein Verbot der digitalen Geräte in den ersten vier Schuljahren

Die Frühdigitalisierung ist kein pädagogischer Fortschritt

Die Anziehungskraft digitaler Geräte auf Kinder ist gewaltig. Wer zuhause mit Kindern im Primarschulalter zu tun hat, erlebt diese fast unglaubliche Faszination der Jungmannschaft für die Welt des Digitalen immer wieder. Steht ein Handy unverschlüsselt zur Verfügung, geht es nicht lange, bis eines der Kinder verdächtig ruhig wird und sich irgendwo zurückzieht. Schaut man nach, findet man es am Schauen eines mehr oder weniger witzigen Kurzfilms oder beim Spielen mit einem aufregenden Game. Man kann ziemlich sicher sein, dass es sich in der nächsten Stunde nicht mehr von seinem Bildschirm trennen wird.

Hanspeter Amstutz, ehemaliger Sekundarlehrer: Man kann ziemlich sicher sein, dass es sich in der nächsten Stunde nicht mehr von seinem Bildschirm trennen wird.

Enttäuschte Erwartungen bei der schulischen Digitalisierung

Die Vorstellung, dass diese anziehenden Geräte auch in der Pädagogik wirkungsvoll eingesetzt werden können, lag nahe. Der pädagogische Traum, anstrengendes Üben durch individualisierte Lernprogramme für jedes Schulkind ersetzen zu können, schien auf dem besten Weg Realität zu werden. Doch dann platzte der Traum vom grossen Sprung nach vorn fast schlagartig. Ernüchternde Resultate einer Studie des angesehenen Karolinska-Instituts in Stockholm über den Einsatz digitaler Geräte in der Primarschule liessen aufhorchen. Offensichtlich wurde eine ganze Reihe von unerfreulichen Nebenwirkungen des forcierten digitalen Lernens völlig unterschätzt. So haben die meisten Primarschüler Mühe, längere Zeit konzentriert vor einem Bildschirm zu sitzen. Sie lernen weit weniger, wenn sie isoliert an einem Stoff arbeiten statt gemeinsam in einem lebendigen Klassenverband von einer kompetenten Lehrerin unterrichtet zu werden.

Leitet eine Lehrerin eine Klasse wie eine fähige Dirigentin ihr Orchester, holt sie in der Regel aus ihren Schülerinnen und Schülern weit mehr heraus als alle noch so klug konzipierten Lernprogramme. Auch zeigte sich, dass der Einsatz von Papier und Schreibstift sowie das Lesen gedruckter Texte mehr Erfolg brachten. Die Ernüchterung über diese Tatsache war im stark digitalisierten schwedischen Schulsystem und weiteren Ländern so gross, dass die kürzlich beschlossene Rückkehr zum analogen Unterricht nun als pädagogischer Fortschritt begrüsst wird.

 

Grosse Angst bei vielen Schulen, abgehängt zu werden

Doch bei unseren Bildungsverantwortlichen sitzt die Angst noch immer tief, man gerate bei einem weitgehenden Verzicht auf eine digitale Ausrüstung der Primarschulen arg ins Hintertreffen. Schulleitungen und Bildungspolitiker verkünden vielmehr stolz, dass man mit der Anschaffung modernster digitaler Geräte nun auf den Zug des Fortschritts aufgesprungen sei. Man könne jetzt den Unterricht besser individualisieren und werde die Früchte der modernen Unterrichtstechnologien schon bald ernten können. Wenn das nur stimmen würde!

Von Kritik, selbst wenn sie von seriöser Seite kommt, will man nichts hören. Wenn die kostspieligen Geräte einmal angeschafft sind, die Schulung des Lehrpersonals in die Wege geleitet ist und Verträge mit Software-Firmen abgeschlossen sind, gibt es kaum noch ein Zurück. Bedenklich wird es dann, wenn Schulleitungen glauben, sie müssten den Einsatz der digitalen Geräte den Lehrpersonen mehr oder weniger vorschreiben. So weiss ich von Konflikten mit ausgezeichneten Pädagoginnen, welche wegen der spärlichen Verwendung der teuer angeschafften Tablets stark unter Druck gerieten. Es ist geradezu absurd, Lehrkräften analoge Unterrichtsmethoden auszureden, wenn diese erwiesenermassen zu mehr Erfolg führen als digitale Konzepte.

Analoger Unterricht ist kindgerechter und schafft mehr Schulerfolg

Warum nur wird in Bildungsdiskussionen selten die Frage gestellt, welche Neuerungen die Schule wirklich voranbringen? Nur was erwiesenermassen lernwirksam ist und bei den Schülern nachhaltige Bildungsprozesse auslöst, verdient es, im Unterricht eingeführt zu werden. Die Frühdigitalisierung der Primarschulen gehört ganz sicher nicht dazu.

 

Spielend lernen, spielend arbeiten…

Wo Lehrkräfte gut sichtbar den Unterricht gestalten, indem sie voll im pädagogischen Dialog mit ihrer Klasse stehen, verblassen dagegen digitale Lernprogramme für jüngere Kinder sehr bald. Statt die Schüler beispielsweise im Deutsch mit digitalen Lernprogrammen zu beschäftigen, lässt ein lebendiger Unterricht einen Schulmorgen zum abwechslungsreichen Geschehen werden. Spannende Erzählungen mit Einschüben für Klassengespräche, gemeinsames Lesen mit erhellenden Kommentaren, musikalische Auflockerungen mit ein paar begleiteten Liedern und gemeinsames Üben zur Wortschatzerweiterung in sportlichem Geist schaffen ein Lernklima, das Primarschulkinder aufblühen lässt. Wo so unterrichtet wird, vermissen die Kinder das Tablett, das Smartphone oder den Laptop in keiner Minute.

Eine Primarschule ohne frühen Digitalunterricht ist auch ein deutliches gesellschaftliches Zeichen, dass es mit der Abgabe eines Smartphones an Primarschüler künftig weniger pressieren muss.

Die Initiative verdient die volle Unterstützung

Die Volksinitiative der Starken Schule beider Basel hat klar erkannt, worauf es in einer guten Schule ankommt. Kompetentes analoges Unterrichten, eine gute Klassenführung durch eine wohlwollende Lehrperson und eine klare Botschaft bezüglich des Zeitpunkts für eine vorsichtige Öffnung hin zur digitalen Welt stehen an erster Stelle. Die Initiative will kein Nein für den späteren Einsatz digitaler Hilfsmittel, aber sie enthält eine deutliche Forderung nach einer Neubewertung überschätzter digitaler Lernkonzepte. Das ist eine Bildungspolitik, die wohl von den allermeisten Eltern unterstützt wird. Eine Primarschule ohne frühen Digitalunterricht ist auch ein deutliches gesellschaftliches Zeichen, dass es mit der Abgabe eines Smartphones an Primarschüler künftig weniger pressieren muss. Viele Eltern werden der Schule dafür dankbar sein.

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