16. Juli 2026
Bildungsökonom über Berufslehre

“Eltern müssen sich wieder fragen: Wo sind die Stärken meines Kindes?”

Die Lehre steht unter Druck. Im Kanton Baselland wird daher gefordert, das schulische Angebot abzuwerten – Bildungsforscher Stefan Wolter erklärt im Interview mit der Basler Zeitung (BaZ), warum das ein gangbarer Weg wäre.

Senior businessman in a navy suit and tie leaning on a dark countertop in a modern office lobby.

 

Ist die Berufslehre nach wie vor ein Erfolgsmodell, oder besucht man nach der Oberstufe doch besser ein weiterführendes schulisches Angebot? Im ganzen Land, aber zuletzt gerade auch im Kanton Baselland wird diese Frage immer wieder leidenschaftlich diskutiert. Tatsache ist: Die Quote an Gymnasien und weiteren Mittelschulen wie der WMS oder der FMS stieg in den letzten Jahrzehnten stark an, gleichzeitig verlor die Berufslehre an Bedeutung.

Waren es vor rund dreissig Jahren noch 75 Prozent der Jugendlichen, die nach der Oberstufe einen Beruf erlernten, sind es gemäss aktuellen Zahlen des Bundesamts für Statistik noch knapp sechzig Prozent. Hiesige Berufsbildner und Wirtschaftsverbände mahnen, dass die Lehre durch das schulische Angebot akademisiert werde – Gymi, FMS oder WMS hätten sich zur beliebten Alternative entwickelt und würden potenzielle Lehrlinge abziehen, heisst es.

Benjamin Wirth, Journalist bei der BaZ

Für Stefan Wolter, einen der bedeutendsten Bildungsexperten dieses Landes, ist die Kritik gerechtfertigt, wie er im Interview mit der BaZ sagt. Der Ökonom ist seit über zwanzig Jahren Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, die alle vier Jahre den Schweizer Bildungsbericht erstellt. Er leitet die Forschungsstelle für Bildungsökonomie an der Universität Bern. In diesem Frühjahr trat er zudem an der Woche der Berufsbildung in Basel auf.

 

BaZ: Herr Wolter, die Berufslehre verliert schleichend an Bedeutung. Sind die Jugendlichen arbeitsfaul geworden?

Stefan Wolter: So pauschal würde ich das nicht formulieren. Das Problem ist eher, dass immer noch zu viele denken, nur die akademische Laufbahn sei der Königsweg. Seit die schulischen Angebote an Gymnasien oder der FMS hinzugekommen respektive ausgebaut worden sind, werden Schüler durch ihre Eltern geradezu auf diesen Weg gedrängt. Die Eltern haben das Gefühl, ihre Kinder hätten durch die Allgemeinbildung später im Leben mehr Aufstiegsmöglichkeiten und könnten nur dadurch reüssieren.

Die Abbruchquoten sind an den Universitäten nach wie vor sehr hoch, fast ein Viertel aller Bachelorstudenten scheidet ohne Abschluss aus. Dazu kommt, dass mittlerweile weniger als achtzig Prozent der erfolgreichen Maturanden überhaupt ein Unistudium beginnen.

 

BaZ: Dem ist aber nicht so?

Wolter: Es stimmt zwar für die erfolgreichen Hochschulabsolventen. Diese verdienen über das gesamte Erwerbsleben hinweg durchschnittlich mehr als Personen ohne Studium. Doch vielen Eltern ist nicht bewusst, dass der Weg ans Gymnasium noch keine Garantie für einen akademischen Abschluss ist. Die Abbruchquoten sind an den Universitäten nach wie vor sehr hoch, fast ein Viertel aller Bachelorstudenten scheidet ohne Abschluss aus. Dazu kommt, dass mittlerweile weniger als achtzig Prozent der erfolgreichen Maturanden überhaupt ein Unistudium beginnen.

BaZ: Tatsächlich sind Akademiker mittlerweile nicht mehr so gut vor Arbeitslosigkeit geschützt wie früher.

Wolter: Was meinen Sie: Würden Eltern ihre Kinder immer noch so eifrig in ein schulisches Angebot schicken, wenn sie wüssten, dass auf drei Schüler, die ins Gymnasium gehen, am Schluss nur einer rauskommt, der einen Masterabschluss an einer Universität erworben hat und eine Stelle gefunden hat, für die ein Master gebraucht wird?

BaZ: Womöglich nicht.

Wolter: Ich war vor zwei Wochen an der Diplomfeier meiner Universität. Da sieht man die jungen Leute, denen die Diplome überreicht werden, und die stolzen Eltern. Das ist genau das Bild, das Eltern im Kopf haben, wenn ihr Kind 14 oder 15 Jahre alt ist. Sie sehen sich selbst zehn Jahre später in der Aula der Universität sitzen. In der Tat, ein verlockender Gedanke. Doch die Risiken des akademischen Wegs werden immer unterschätzt. Aber es gibt noch einen viel wichtigeren Punkt.

Dank Durchlässigkeit kommt man überall hin

BaZ: Welchen?

Wolter: Eine Entscheidung gegen eine allgemeinbildende Schule ist keineswegs eine Entscheidung gegen ein späteres Studium. Wer motiviert ist und sich weiterbilden möchte, kann nicht nur über die Berufsmaturität an die Fachhochschule, sondern über die Passerelle auch an die Universität. Wer talentiert ist, kommt in unserem durchlässigen System überallhin, auch ohne Gymnasium.

BaZ: Gerade im Kanton Baselland diskutiert die Politik auch deshalb darüber, nicht nur die Berufslehre aufzuwerten – sondern auch die schulischen Angebote abzuwerten.

Wolter: Sowohl der allgemeinbildende als auch der berufsbildende Weg haben ihre Berechtigung. Es ist eine Frage der Balance, und die Dynamik der letzten Jahre zeigt, dass die Balance nicht in allen Kantonen gewahrt wird. Nehmen wir die Fachmittelschulen, von denen sich viele – auch Politiker – erhofft hatten, dass sie als Alternative zum Gymnasium Druck aus dem System nehmen könnten, das heisst, dass sie das Wachstum der Gymnasien bremsen würden. Nun zeigen wir im Bildungsbericht, dass das Wachstum der beiden positiv korreliert ist. Mit anderen Worten: Der Zustrom an Fachmittelschulen ist in denselben Kantonen hoch, wo auch die Maturitätsquoten an den Gymnasien stärker gestiegen sind.

BaZ: Und damit sind die Schulen eine Konkurrenz zur Berufslehre?

Wolter: Absolut. Der Drang in die Allgemeinbildung schadet dem dualen Bildungssystem. Allen voran die Eltern müssen sich wieder stärker und ganz realistisch fragen: Wo sind die Stärken meines Kindes? Welches Lernumfeld ist wirklich förderlich? Es zählt am Ende nicht das Prestige eines Bildungswegs, sondern dass die Ausbildung zu den eigenen Stärken passt.

Wenn Ferien ein Hauptargument für einen Bildungstyp sind, dann denke ich nicht, dass dies eine gute Motivation für eine Entscheidung ist. Vielleicht sollte man dann ins Auge fassen, die Ferien zu verkürzen.

 

BaZ: Vollzeit arbeiten, weniger Ferien, keine freien Nachmittage: Zur Wahrheit gehört doch auch, dass die Berufslehre viele Jugendliche abschreckt.

Wolter: Genau darum ist es wichtig, auch die Vorzüge einer Lehre zu betonen. Da ist nicht nur der Lehrlingslohn, sondern auch die Möglichkeit, früh im Leben Verantwortung zu übernehmen und von Erwachsenen ernst genommen zu werden. Auch der Appetit aufs Lernen lässt sich durch eine Berufslehre bei schulmüden Jugendlichen eher steigern. Viele erkennen erst in der Lehre, wie sich Theorie direkt mit der Praxis verbindet. Viele Jugendliche erkennen in der Lehre zum ersten Mal konkret, dass Schulwissen nützlich sein kann.

BaZ: Eine Umfrage im Kanton Baselland hat ergeben, dass fast die Hälfte der Schüler die WMS wegen der Ferien besucht.

Wolter: Wenn Ferien ein Hauptargument für einen Bildungstyp sind, dann denke ich nicht, dass dies eine gute Motivation für eine Entscheidung ist. Vielleicht sollte man dann ins Auge fassen, die Ferien zu verkürzen.

Ferien für Praktika nutzen

BaZ: Wie stellen Sie sich das vor?

Wolter: Mir geht es dabei nicht darum, den schulischen Teil auszubauen. Wenn man von den dreizehn Wochen Ferien zum Beispiel fünf für Praktika nutzen würde, dann könnten die Schüler schon während der Allgemeinbildung auch Arbeitserfahrung sammeln, was ihnen im Leben wahrscheinlich mehr nützen würde.

“Verliert die Berufslehre weiter an Terrain, kann man in einen Teufelskreis geraten”, sagt Stefan Wolter. (Foto: Getty Images)

BaZ: Die Stadt Zürich will nicht die Schulen abwerten, sondern ihren Lehrlingen acht statt fünf Wochen Erholungszeit gewähren. Ist das nicht der bessere Ansatz, die Berufslehre zu fördern?

Wolter: Ich bin aus zwei Gründen skeptisch. Erstens: Die Firmen geniessen im Schweizer Berufsbildungswesen grosse Freiheiten, wofür sie weltweit beneidet werden. Das heisst umgekehrt aber auch, dass die Feriengestaltung in ihrer Verantwortung liegt. Möchte ein Betrieb mehr Ferien geben, kann er das heute schon – auch ohne Zwang. Zweitens: Wenn die Firmen es bis heute mehrheitlich nicht gemacht haben, dann müssen sie – angesichts des in den letzten Jahren herrschenden Lehrlingsmangel – gute Gründe haben. Der Nobelpreisträger Milton Friedman hat sinngemäss einst gesagt, dass einer ja dumm sein könne, aber Verhalten mit der Annahme zu begründen, dass alle dumm seien: Das sei eine blöde Annahme.

BaZ: Was sind denn die Gründe? Eine Aufstockung der Ferien würde wohl viele Jugendliche anziehen.

Wolter: Ein Grund ist sicher die Wirtschaftlichkeit. Ferien müssen bezahlt werden. Aber viel wichtiger ist der Umstand, dass der Lernstoff für die Berufsfachschule und die betriebliche Ausbildung auch bei längeren Ferien gleich bleiben würde. Mehr Ferien würden somit den Stress gerade bei schulisch schwachen Lernenden eher erhöhen als senken. Angesichts des Umstandes, dass heute schon viele Ausbildungsfirmen Nachhilfe anbieten müssen, ein nicht zu unterschätzender Punkt.

Auch Betriebe können noch mehr tun

BaZ: Aber die Firmen müssen ebenfalls einen Effort leisten, um wieder attraktiver zu werden?

Wolter: Natürlich, und es kann noch mehr getan werden. Einige reagieren mit dem Lehrlingslohn, aber andere bieten beispielsweise Auslandsaufenthalte während der Lehre an. Innovative Sachen, die die Betriebe auch Geld kosten, aber dem Lernenden etwas bieten, was er in einer Schule nicht erhält.

BaZ: Im Bildungsbericht schreiben Sie, dass die Berufsbildung wieder sichtbarer und verständlicher gemacht werden solle. An wen adressieren Sie diese Aufforderung?

Wolter: Was klar ist: Die Leute, die das System nicht aus eigener Erfahrung kennen, haben Mühe, dessen Vorzüge zu begreifen. Das betrifft neben den Eltern häufig auch die Lehrpersonen, welche die Schüler bei der Ausbildung unterstützen sollen. Sichtbarkeit kann hier nur durch eine verstärkte Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft entstehen.

Wenn immer weniger Jugendliche eine Berufslehre wählen, dann wählen auch Jugendliche, die eigentlich gern eine Berufslehre gemacht hätten, die Allgemeinbildung, weil sie sich nicht dem Stigma aussetzen wollen, zu den “Übriggebliebenen” zu gehören.

 

BaZ: Welche Rolle spielt der Staat? In der Baselbieter Politik wird ebenfalls gefordert, dass die Berufsbildung in den Infobroschüren des Kantons als gleichwertig mit dem akademischen Weg dargestellt wird. Das sei derzeit nämlich nicht der Fall.

Wolter: Der Staat ist in einer Doppelrolle. Einerseits soll er die Berufsbildung stützen oder gar fördern, und andererseits tritt er mit seinen eigenen Bildungsangeboten auch ständig als Konkurrent der Berufsbildung auf. Da ist es nicht immer leicht, die Balance zu finden.

BaZ: Was passiert, wenn die Berufslehre weiterhin an Zuspruch einbüsst?

Wolter: Verliert die Berufslehre weiter an Terrain, kann man in einen Teufelskreis geraten, wie man ihn in anderen Ländern schon gesehen hat. Wenn immer weniger Jugendliche eine Berufslehre wählen, dann wählen auch Jugendliche, die eigentlich gern eine Berufslehre gemacht hätten, die Allgemeinbildung, weil sie sich nicht dem Stigma aussetzen wollen, zu den “Übriggebliebenen” zu gehören. Bei den Firmen geschieht dasselbe: Wenn sie merken, dass ihre Wunschkandidaten in die Allgemeinbildung gehen, bauen sie Lehrstellen ab, was den Rückgang der Berufsbildung nochmals befeuert. Kurzum: Die Lehre überlebt nur, wenn genügend talentierte Jugendliche sie als Wunschausbildung betrachten und auch wählen.

 

Lehrabbruch Schweiz: Diese Berufe haben die höchsten Quoten

 

Legende Beitragsbild: Kenner des Bildungswesens: Stefan Wolter, Professor an der Universität Bern. (Foto: Nicole Philipp)

 

Benjamin Wirth ist Journalist und Autor. Er ist Mitglied des Politikteams im Lokalressort der BaZ.

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