Ein parlamentarisches Handy-Verbot

Ein Smartphone ist keine Zigarette

Condorcet-Autor Alain Pichard warnte in einer Zeit, da Parlamente und PH-Labors noch das Hohelied auf die Digitalisierung anstimmten, vor allfälligen Nebenwirkungen des Handy- und Computereinsatzes. Er sah aber auch ihre Chancen. Nun muss er feststellen, wie aufgrund von Studien und Alarmberichten plötzlich Verbote beschlossen werden. Für ihn der Gipfel der Heuchelei und eine Manifestation der Ahnungslosigkeit.

Am Donnerstag, den 25. Juli erlebten wir wieder einmal eine Sternstunde unseres Bieler Parlaments. Mit Stichentscheid der Ratspräsidentin entschied es sich für ein allgemeines Handyverbot an den Bieler Schulen. Wenn intellektuelle Leichtmatrosen sich auf Weltrettungsmission begeben, landen sie oft beim Verbot. Philipp Weber, Stadtrat der Grünen, reichte eine entsprechende Motion ein. Dasselbe versuchte ein Jahr zuvor auch der grüne Parlamentarier Manuel C. Widmer im Grossen Rat des Kantons. Dort wurde der Vorstoss klar abgelehnt, nachdem auch die Regierung und der bernische Lehrkräfteverband «Bildung Bern» sich gegen die Motion ausgesprochen hatten. Es herrschte der gesunde Menschenverstand.

Alain Pichard, ehem. Stadt- und Grossrat der GLP, Lehrer und Publizist: Ein Akt allgemeiner Ahnungslosigkeit

Dabei zweifelte niemand daran, dass der Smartphonegebrauch im Leben unserer Jugendlichen – und auch bei Erwachsenen – schwerwiegende Folgen haben kann. Besonnene Köpfe wissen hingegen, dass der Umgang mit den Handys bei den Schulen bleiben sollte. Allgemein erlassene Verbote haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie oft die Falschen treffen, unwirksam sind, dafür unerfreuliche Nebenwirkungen haben, die man gerade in diesem Fall voraussehen kann.

Eine Variante ist, dass die Handy abgegeben werden.

Eine vehemente Befürworterin des stadträtlichen Verbots unterrichtet in einer Schule, die den Handygebrauch grundsätzlich verboten hat, auch auf dem Pausenplatz. Sie sollte eigentlich wissen, wie die Realität aussieht. Wie setzt man ein solches Verbot um und wie reagieren die Schüler darauf? Welche Folgen hat das für den Unterricht? Hier beginnt schon das Dilemma. Den Schülern vorschreiben, dass sie das Handy zu Hause lassen müssen, geht rechtlich überhaupt nicht. Also bleiben zwei Möglichkeiten: Die Schüler müssen ihr Handy verstauen oder sie müssen es der Lehrkraft zu Beginn des Unterrichts abgeben. In den Schulen werden beide Varianten praktiziert. Und beide lassen Schlupflöcher zu. Die meisten Jugendlichen halten sich an das Verbot. Einige versuchen es mit Tricks. Sie müssen am Morgen mehrfach auf die Toilette gehen, es gibt in den Gruppenarbeiten und Pausen immer wieder Nischen, wo das Smartphone schnell und gefahrlos gezückt werden kann. Im Brennpunkt stehen dann 40 Lehrkräfte, die das Verbot umsetzen müssen, Schulleitungen, die dies kontrollieren sollen und Lehrerkonferenzen, in denen echauffiert über Kolleginnen und Kollegen diskutiert wird, die die Regeln nicht konsequent umsetzen. Dabei kenne ich keine Schule, die den Handygebrauch nicht regulieren will. Aber das Smartphone ist eben nicht eine Zigarette, es wird in der Schule konstant eingesetzt.

In Dutzenden von Weiterbildungen wurde den Lehrkräften beigebracht, wie sich das Handy im Unterricht einsetzen liesse.

Ohne das Smartphone hätten wir während der Coronazeit viele Jugendliche mehr verloren als ohnehin schon. Es gab nach der Einführung des Lehrplans eine regelrechte Digitalisierungseuphorie. In Dutzenden von Weiterbildungen wurde den Lehrkräften beigebracht, wie sich das

Das Handy inzwischen ist ein fester Bestandteil des Unterrichts.

Handy im Unterricht einsetzen liesse. Pflanzenbestimmungen während Naturexkursionen lassen heute eine Biodiversität eines Waldstücks auch von 3. Klässlern erfassen. Mit Quizlet-Tools senden wir den Schülern angepasste Volkabelübungen, mit denen sie zu Hause lernen können, in den Skilagern sorgen Chatgruppen für schnelle Hilfe in Notsituationen, Fotoreportagen und Strasseninterviews, Materialien für erkrankte Kinder oder Leseaufnahmen, die den Kindern das Üben erleichtern, prägen längst den schulischen Alltag. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine PH-Dozentin eine neues Unterrichtstool zirkulieren lässt. Der Gipfel der Heuchelei ist jedoch, dass unsere Schulen mittlerweile die ganze Kommunikation digitalisiert haben. Mit internen Portalen wie Klapp werden Eltern und Schüler mit Infos, Einladungen und Unterrichtsdokumenten eingedeckt, von denen fast alle mit dem Handy gelesen werden.

Wasch den Pelz, aber mach ihn nicht nass

Treuherzig versichern die Motionäre, dass das Handy für pädagogische Zwecke gebraucht werden dürfe, so nach dem Motto: Wasch den Pelz, aber mach ihn nicht nass. Grossartig! Der Lehrer kann also seinen Lernenden mitteilen: «Morgen machen wir ein Interview mit Handys, nehmt es also bitte mit! Aber gell, sonst ist es verboten, weil extrem schädlich!» Wir behandeln die Geräte als toxisch, verlangen aber von Eltern und Schülern den konstanten Gebrauch zu Hause, genau dort, wo die Probleme wirklich virulent sind.

Der viel beklagte Flickenteppich ist genau das, was eine lebendige Schullandschaft braucht.

Die Haltung der Bildungsdirektion, diesen populistischen Symbolakt in ein Postulat zu verwandeln, war vernünftig. Denn unsere direkten Partner in der Schule sind ja auch die Eltern- und Schülerräte. Mit Ihnen gilt es, praxistaugliche Regeln auszuhandeln, und nicht, sie topdown umzusetzen. Der viel beklagte Flickenteppich ist genau das, was eine lebendige Schullandschaft braucht. Eine Laborsituation, in der die Lehrkräfte mit Eltern und Schülern eine praxistaugliche Umsetzung entwickeln und voneinander lernen. Das Verbot des Stadtrats ist Ausdruck einer umfassenden Ahnungslosigkeit. Die Schulen haben die prekären Entwicklungen des Handygebrauchs schon erkannt und ihn reguliert, als in den Parlamenten und PH’s noch das Hohelied auf die Digitalisierung gesungen wurde. Und – wie es bei Maschinenstürmern so üblich ist – haben sie auch keine Ahnung von den neusten technologischen Entwicklungen. Die Verbotsvorlage sagt nichts darüber, wie die es mit den Applewatches weitergehen soll, die schon längstens im Schulalltag Einzug gehalten haben. Illegale Ton- und Bildaufnahmen, versteckte Kopfhörer hinter den Haaren, heimliche Spickanweisungen beschränken sich nicht nur auf die Gymnasien. Auch hier sind die Schulen gefordert.

Ein wie immer geartetes Verbot bleibt eh bei den Lehrkräften hängen. Eine ehemalige Kollegin schickte mir heimliche Bildaufnahmen von Schülerinnen und Schülern (die Gesichter waren unkenntlich gemacht), die in der Pause am Handy hingen. Ihr Kommentar war: “Darum bin ich für ein Handyverbot!” Ich antwortete: “Deine Schule hat ja ein striktes Handyvebot erlassen, das auch auf dem Pausenplatz gilt! Wie hast du reagiert?” Sie antwortete: “Am Anfang habe ich sie konsequent eingesammelt, aber weil es die anderen nicht taten, geriet ich unter Druck und habe aufgegeben!” Darauf entgegenete ich: “Und da soll ein Verbot des Stadtrats helfen? Bist du dir bewusst, dass wenn ein Parlament eine Regelung erlässt, und ihr das nicht hinkriegt, in letzter Konsequenz die Polizei einfahren muss?” Ihre Antwort: “Es geht darum Zeichen zu setzen!”

Von Bundesrat Jans stammt die treffende Feststellung: “Zeichen setzen ist etwas für Typographen, ich muss pragmatische Lösungen suchen!” Genau das müssen auch wir an den Schulen. Pragmatische Lösungen finden. Solche Symboldebatten braucht niemand.

 

 

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