18. Juni 2026
Kulturtechniken

Rechtschreibung: Brauchen wir sie noch?

Fehlerfrei schreiben – das macht jetzt die KI. Warum es sich trotzdem lohnt, die Kulturtechnik nicht gleich aufzugeben. Dieser Beitrag ist zuerst in der ZEIT am Wochenende erschienen.

Close-up of a gold fountain pen nib with a droplet of ink hanging from its tip against a red blurred background.

 

Es gab eine Zeit, in der falsche Rechtschreibung oder Schreibfehler dramatische Folgen haben konnten. Im Sommer 1962 sollte eine Raumsonde zur Venus aufbrechen. Mariner 1 startete am 22. Juli von Cape Canaveral in Florida. Knapp fünf Minuten später sah sich ein Sicherheitsoffizier am Boden gezwungen, die Rakete zu sprengen, weil sie vom Kurs abgekommen war. Der Grund dafür: In den handschriftlichen Gleichungen, mit denen die nötigen Kurskorrekturen bestimmt wurden, fehlte ein Strich über einem “R”. Übertragen in Computercode, führte dies dazu, dass die Rakete nicht korrekt manövrieren konnte. Der Schreibfehler ging in die Geschichte der Nasa ein als teuerster Strich, der jemals in einem Schriftstück vergessen wurde.

Fehlerhaft zu schreiben, hat heute an Dramatik verloren.

 

Heute wäre so was wohl nicht passiert. Man hätte den Code durch eine KI checken lassen. Dabei wäre aufgefallen, dass da etwas komisch aussieht. Die Strategie funktioniert nicht nur in der Raumfahrt. Wir lassen heute alle Arten von Schriftstücken auf Schreib- und Rechtschreibfehler prüfen, unsere digitalen Geräte ergänzen unsere Wortanfänge, Texteditoren wie Word unterkringeln rot, was statistisch falsch erscheint. Fehlerhaft zu schreiben, hat heute an Dramatik verloren.

Dr. Maria Mast, Redaktorin im Ressort Wissenschaft, DIE ZEIT

Kann es uns also ganz egal sein, sollten viele Deutsche immer schlechter schreiben? Anders gefragt: Sollte man sich trotz KI die Mühe machen, eine gute Rechtschreibung zu pflegen und zu erlernen? Überhaupt: Stimmt es, dass Rechtschreibung an Wichtigkeit verloren hat? Und falls ja: Was würde das bedeuten, für unsere Kommunikation, für die Gesellschaft, für unser Denken?

Wir sind diesen und anderen Fragen nachgegangen. Etwa bei einem 91-Jährigen, der die deutschen Großbuchstaben gerettet hat. Bei einem Politiker, der schlecht schreiben, aber sehr gut formulieren kann. Und bei all jenen, die wissen, was da im Kopf und auf dem Papier passiert, wenn man korrektes Schreiben lernt.

 

Können wir heute schlechter schreiben?

Für viele Schülerinnen und Schüler scheint die Antwort zu lauten: Ja. Zumindest steht es um deren Fähigkeiten, richtig schreiben zu können, nicht gut.

Die wichtigste Studie zu dem Thema ist der IQB-Bildungstrend. Er liefert repräsentative, vergleichbare Daten für Viert- und Neuntklässler. Die beiden jüngsten Erhebungen in diesen Altersklassen zeigten eine klare Tendenz: 2021 scheiterte fast jedes dritte Kind am Ende der vierten Klasse an den Mindeststandards für Rechtschreibung. 2016 war es nur fast jedes fünfte Kind. Bei den Neuntklässlern verfehlte 2022 jeder Fünfte die Mindestanforderungen für den mittleren Schulabschluss. 2015 nur jeder Siebte.

Neben dem IQB-Bildungstrend erheben noch die bundesweiten Vera-Tests (die Abkürzung Vera steht für Vergleichsarbeiten) ähnliche Daten. Sie werden jährlich durchgeführt, aber nicht veröffentlicht (mit diesen Daten haben wir exklusiv einen Test erstellt). Sonst gibt es nur kleinere Studien, etwa eine Analyse der Abituraufsätze eines niedersächsischen Gymnasiums, die zeigt, dass in den vergangenen sieben Jahrzehnten Kommafehler zugenommen haben.

Aber trifft diese Diagnose auch auf Erwachsene zu? Die Datenlage zur allgemeinen Rechtschreibkompetenz ist schwierig. Repräsentative Studien darüber, ob der durchschnittliche deutsche Erwachsene heute mehr Rechtschreibfehler macht als früher, gibt es nicht. Denn bei Erwachsenen interessiert weniger die richtige Orthografie, als dass sie Texte lesen, verstehen, reflektieren und selbst schreiben können. Warum? Das lässt sich wiederum nur beantworten, wenn man versteht, was Rechtschreibung für den Einzelnen in Zeiten von KI bedeutet.

 

Wie erkennt unser Gehirn die korrekte Schreibweise – und wie die falsche?

Stanislas Dehaene ist ein französischer Kognitionswissenschaftler und Psychologe am Pariser Collège de France. Er ist Vorsitzender des Wissenschaftlichen Rates für das Bildungswesen (CSEN), der die französische Regierung berät.

 

Stanislas Dehaene

DIE ZEIT: Herr Dehaene, was passiert, wenn wir ein Wort lesen?

Stanislas Dehaene: Das Wort gelangt über die Netzhaut in den visuellen Kortex. Das Hirnareal an unserem Hinterkopf, das fürs Sehen zuständig ist und auch Buchstaben und Buchstabenfolgen erkennt – und sie quasi als Bild wahrnimmt. Hier wird unser Wissen über Wörter aufbewahrt.

ZEIT: Und was passiert, wenn das Wort falsch geschrieben ist?

Dehaene: Bei jedem neuen Wort passt unser Gehirn seine Statistik darüber an, welche Buchstaben wo stehen können. Wenn Sie “Krokodel” lesen, wissen Sie sofort, dass “Krokodil” gemeint ist, weil es zwischen dem “d” und “l” nur einen möglichen Buchstabennachbarn gibt – bei kurzen Wörtern wie “an”, “in” oder “am” gibt es hingegen viele mögliche Nachbarn. Man braucht also genug Flexibilität, um das ursprüngliche Wort zu erkennen und dann zu bemerken, dass ein Buchstabe falsch ist.

Schwer zu lernen, schwer zu vereinfachen

ZEIT: Wieso scheint das für Kinder besonders schwer?

Dehaene: Weil die Gehirnregion beim Lesenlernen zunächst Buchstabe für Buchstabe registriert. Im nächsten Schritt kann man mehrere Buchstaben gleichzeitig erfassen und schließlich eine ganze Buchstabenfolge parallel erkennen. Es dauert im Durchschnitt etwa drei Jahre, bis ein Kind flüssig liest.

ZEIT: Je nach Sprache?

Dehaene: Richtig. Es gibt Sprachen, in denen jeder Buchstabe einem Laut zugeordnet ist oder andersherum – im Italienischen etwa schreibt man einfach, was man hört, und kann die Sprache deshalb in wenigen Monaten lernen. Und es gibt Sprachen, in denen Aussprache und Buchstaben nicht besonders gut korrespondieren – das Englische ist vermutlich die schlimmste Sprache in diesem Sinne.

ZEIT: Könnte man das nicht vereinfachen?

Dehaene: Ja, sicher. Aber die geschriebene Form des Wortes gibt grammatikalische Hinweise auf die Bedeutung. Im Französischen ist es beim Lesen von Vorteil, dass die Schreibweise am Ende eines Verbs anzeigt, ob es Singular oder Plural ist: Je pense (»ich denke«) gegenüber ils pensent (»sie denken«). Die Schreibweise ist schwer zu lernen, aber beim Schreiben helfen uns jetzt die Computer – also haben wir das Beste aus beiden Welten.

ZEIT: Richtig Schreiben ist schwer zu lernen, mündliche Sprache erwerben wir quasi mühelos. Ist unser Schriftsystem eigentlich für unser Gehirn geeignet?

Dehaene: Nun ja, unser Gehirn ist sehr gut in Statistik. Aber es gibt Rechtschreibregeln, die helfen, und welche, die das Gedächtnis mit unnützer Information belasten. Letztere könnten wir abschaffen.

Am Landauer Max-Slevogt-Gymnasium wird mit Schülern wie Paul, 11, im Projekt “Mikro” ausprobiert, wie man Rechtschreibung am besten lernt. (© Anna Ziegler für DIE ZEIT)
Mit diesem Beispielsatz wollen die beiden Lehramtsstudierenden Sila Kurt, 23, und Christian Eberle, 24, heute testen, was im Deutschunterricht am besten funktioniert. Die Stunde ist Teil des Projekts “Mikro” von der RPTU Landau. Hier sollen zukünftige Lehrer herausfinden, wie ihre ideale Interaktion mit Schülern aussieht, sodass die besonders gut lernen. (© Anna Ziegler für DIE ZEIT)
Alle vier Schüler sind elf Jahre alt und gehen seit diesem Schuljahr auf das Landauer Max-Slevogt-Gymnasium. Heute sollen sie lernen, warum manche Wörter im Deutschen großgeschrieben werden und andere klein. (© Anna Ziegler für DIE ZEIT)

ZEIT: Hat es wenigstens einen kognitiven Vorteil, wenn man ein kompliziertes Schriftsystem beherrscht?

Dehaene: Ich kenne keine Studie, die das zeigt.

ZEIT: Verlieren wir etwas, wenn wir unser Rechtschreibwissen an eine KI auslagern?

Dehaene: Ich glaube eher, dass wir irgendwann nicht mehr von Hand schreiben werden. Aber das Lesen wird nicht verschwinden, und deshalb brauchen wir auch orthografisches Wissen. Es ermöglicht uns den Zugang zu Informationen. Aber beim Schreiben können wir uns gerne von der KI helfen lassen, damit unsere Botschaft korrekt und damit leichter zu lesen ist.

Jeden Tag verschicken wir weltweit sieben Milliarden Sprachnachrichten über WhatsApp. Pro Mensch also fast eine, nur über diesen Messenger. Inhalte schneller zu produzieren, bedeutet aber auch: Wir können sie uns schlechter merken. Studien zeigen das am Beispiel der Handschrift. Wer Buchstaben handschriftlich formt, merkt sich die Inhalte besser, als wenn er sie tippt. Denn das langsamere Tempo lässt uns mehr Zeit fürs Denken und um kreativ zu sein. Vielleicht ein Grund, weniger Sprachnachrichten zu verschicken? Die Autorin dieses Artikels hat sich das jedenfalls vorgenommen. Hier testet sie, wie lange sie für diesen Satz mit welcher Methode braucht: “Wer von Hand schreibt, merkt sich das Geschriebene besser.”

Handschriftlich: 20,92 Sekunden

Tastatur: 10,08 Sekunden

Smartphone: 16,76 Sekunden

Sprachnachricht: 3,42 Sekunden

 

Zu Besuch beim Retter der Großbuchstaben

Ein Montagvormittag im Mai in Erlangen. Hier wohnt der Retter der deutschen Großbuchstaben. Horst Haider Munske begrüßt in geblümtem Hemd, Hosenträgern, Weste. Morgen wird er 91 Jahre alt.

“In der Rechtschreibkommission waren alle dafür, diese Eigenheit des Deutschen abzuschaffen. Ich war der Einzige, der dagegen war. Großbuchstaben machen das Lesen leichter – und unsere Rechtschreibung ist eine Leseschreibung.”

 

Munske schenkt Mineralwasser ein, zwischendurch ruft er “Frau Munske?”, um zu schauen, wo seine Frau gerade steckt. Munske hat jahrelang dafür gestritten, dass die Deutschen ihre Substantive weiterhin großschreiben. “Hosenträger” statt “hosenträger”, “Frau” statt “frau”. Nicht nur am Satzanfang und bei Eigennamen, wie es viele Sprachen machen, sondern auch mitten im Satz. “In der Rechtschreibkommission waren alle dafür, diese Eigenheit des Deutschen abzuschaffen. Ich war der Einzige, der dagegen war. Großbuchstaben machen das Lesen leichter – und unsere Rechtschreibung ist eine Leseschreibung.” In den Achtziger- und Neunzigerjahren trafen er und die anderen Rechtschreibreformer sich, um über die deutsche Schriftsprache zu beraten.

Horst Haider Munske (© Jana Margarete Schuler für DIE ZEIT)
Horst Haider Munske in seinem Büro. Die Wände sind voll mit Büchern über Sprache. (© Jana Margarete Schuler für DIE ZEIT)

Als junger Sprachwissenschaftler war Munske hoch motiviert, das Deutsche von seinen unsystematischen Regeln zu befreien. Der Großschreibung, dem Dehnungs-h, der uneinheitlichen Markierung der Vokallänge: “Bohne” könnte man auch “Bone” schreiben, “Riese” auch “Rise”. Munske beruft sich im Erlanger Wohnzimmer auf große Vorbilder: Jacob Grimm, Märchensammler und Begründer der deutschen Philologie, habe das so gesehen. Und auch Friedrich Gottlieb Klopstock, visionärer Dichter des 18. Jahrhunderts. Eben jeder, der sich fachkundig mit Rechtschreibung befasst habe, “und auch ich dachte: Gott, das kann man doch vereinfachen!” Genau deshalb, sagt er, beriefen ihn die Kultusminister in die Kommission.

Nicht alles muss geregelt werden

Zu der Zeit war er Professor an der Universität Erlangen und Spezialist für die Schreibweise von Fremdwörtern im Deutschen. Auch da war er etwa dafür, “Milieu” eher “Miljöh” zu schreiben, wie man es ausspricht. In die Kommission geholt wurde er aber, weil er in der FAZ einen reformfreundlichen Leserbrief veröffentlicht hatte. “Man berief die Reformer, die entschieden dafür waren, etwas zu ändern.” Und das war er. Bis er bemerkte: Die Rechtschreibregeln mögen zufällig und unlogisch sein, aber einfach zu ändern, das sind sie nicht.

“Viele konnten gar nicht sagen, warum. Es war einfach ihr Gefühl.”

 

Die Politik habe alles neu, alles leichter für die Schüler machen wollen. “Aber die Leute haben sich empört ohne Ende!” Schon vor der Verabschiedung 1996 waren die Proteste so groß, dass die radikalsten Änderungen verworfen wurden, auch die Abschaffung der Großbuchstaben. Und trotzdem tobte der kulturpolitische Aufstand. Schriftsteller, Germanisten, Lehrer, Wissenschaftler verfassten rechtschreibreformkritische Resolutionen, Eltern zogen bis vor das Bundesverfassungsgericht, in Schleswig-Holstein stimmte eine Mehrheit per Volksentscheid dafür, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren. Warum hat die Reform solche Wut hervorgerufen? “Viele konnten gar nicht sagen, warum. Es war einfach ihr Gefühl.” Und die Schriftkultur sei etwas, das der gesamten Sprachgemeinschaft gehöre.

Munske steht auf, übergibt ein Büchlein mit dem Titel Lob der Rechtschreibung, das er Anfang der Nullerjahre geschrieben hat, gerade hat er ein weiteres zur Verteidigung der Sprache geschrieben. Wie fühlt es sich an, sein Leben einem Thema gewidmet zu haben, das nun durch die KI immer unwichtiger erscheint? “Seit man automatisch korrigieren kann, hat Rechtschreibung unglaublich an Wert verloren”, sagt Munske. Er sehe das positiv. Die Digitalisierung sei die dritte große Revolution für unser Schreiben, nach dem Buchdruck und der Einführung der allgemeinen Schulpflicht. “Heute kann jeder schreiben.”

Die Groß- und Kleinschreibung empfindet er sowieso nicht mehr als Problem. Er selbst schreibe sogar absichtlich “nicht im geringsten” oder “des öfteren” klein. Auch wenn das nach der neuen Rechtschreibung mit dem Artikel davor großgeschrieben werde. “Denn was ist denn ‘das Öftere’ als Substantiv? Das gibt es ja gar nicht.” Die KI, die Reformdiskussion und ein langes Leben haben ihn davon überzeugt, dass man nicht alles regeln muss. Im Gegenteil. “Einiges kann man ja auch den Leuten überlassen.”

 

Wie ist es, nicht richtig schreiben zu können?

Bodo Ramelow (Die Linke) ist Legastheniker und seit 2025 Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Mit 14 Jahren begann er eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann, später holte er die Fachhochschulreife nach. 1999 ging er in die Politik, 2014 bis 2024 war er Ministerpräsident von Thüringen.

 

DIE ZEIT: Herr Ramelow, wieso ist vielen Menschen Rechtschreibung so wichtig?

Bodo Ramelow: Daran wird festgemacht, ob jemand klug ist oder nicht. Ich kriege bei Schreibfehlern auf Social Media oft Kommentare wie “Der kann ja nicht mal schreiben”. Ich antworte dann: “Das stimmt. Ich bin Legastheniker und bestätige das ausdrücklich.”

Linke-Politiker Bodo Ramelow, Legastheniker, Vizepräsident des Deutschen Bundestages

ZEIT: Wie war das für Sie in der Grundschule, in der Klasse zu sitzen und zu wissen: Ich kann das nicht, was alle anderen können?

Ramelow: Verletzend. Ich wollte mich nicht so fühlen und habe eine Strategie entwickelt: Ich wurde zum Klassenclown. Oder ich habe einfach stundenlang aus dem Fenster geguckt.

ZEIT: Wann genau haben Sie bemerkt, dass Sie nicht so gut schreiben können wie die anderen?

Ramelow: Das kam mit den Diktaten. Von der Tafel abschreiben, langsam, das ging. Aber als dann der Wechsel zum Hören und dann Schreiben kam, setzte die Legasthenie ein. Ich wusste aber nicht, was das war. Nur, dass ich nicht weiß, ob in das Wort »viel« ein »v« oder ein »f« gehört.

ZEIT: Was haben Ihre Lehrer gesagt?

Ramelow: Na ja, die Lehrerin meinte, ich sei hochbegabt, aber faul. Also habe ich geübt, zu Hause am Küchentisch. Aber es blieb dabei: Vorlesen – Eins, Aufsatz – Drei, weil der Inhalt sehr gut war, aber Diktat – immer Sechs.

ZEIT: Sie haben mit 14 eine Ausbildung bei Karstadt gemacht und dann die Mittlere Reife nachgeholt. Wann haben Sie zum ersten Mal was von der Diagnose Legasthenie gehört?

Ramelow: Mit 19, als ich die Mittlere Reife nachholen wollte, habe ich gemerkt, dass Schreiben wieder nicht geht. Das war der Moment, in dem ich zur Lehrerin bin und gesagt habe: »Ich kann das hier nicht abschreiben, und ich weiß nicht, warum.« Sie hat mich zum Schulpsychologen geschickt, und der hat mir zum ersten Mal gesagt: Sie sind Legastheniker, und zwar hochgradig. Hat Ihnen das noch keiner gesagt?

“Ich habe mich als Teenager nicht getraut, einem Mädchen einen Liebesbrief zu geben, weil ich ja nicht wusste, wie viele Fehler drin sind. Ich habe ihn geschrieben und weggeschmissen. Ich konnte ja nicht zu meiner Mutter gehen und die fragen, ob sie Korrektur liest.”

 

ZEIT: Wie war das, die Diagnose zu bekommen?

Ramelow: Als ob in mir ein ganzes Gebirge zusammenbricht, die Mauern, die ich um mich herum gebaut habe. Ich habe mich als Teenager nicht getraut, einem Mädchen einen Liebesbrief zu geben, weil ich ja nicht wusste, wie viele Fehler drin sind. Ich habe ihn geschrieben und weggeschmissen. Ich konnte ja nicht zu meiner Mutter gehen und die fragen, ob sie Korrektur liest.

ZEIT: Seit 2023 ist Legasthenie als Behinderung gerichtlich bestätigt. Ist das gut?

Ramelow: Ich benutze das Wort “Behinderte” in der Form nicht.

Wie KI das Schreiben verändert

ZEIT: Durch die Einordnung werden Nachteile ausgeglichen, Rechtschreibfehler zählen nicht, Betroffene kriegen mehr Zeit für Prüfungsleistungen.

Ramelow: Klar. Das Wort »Legasthenie« finde ich auch nicht diskriminierend. Es gibt Handicaps, die vertragen sich nicht mit bestimmten Berufen, und ich finde es okay, das ins Zeugnis zu schreiben. Aber wer Legasthenie hat, hat keine Schwäche, mit Sprache umzugehen. Das beweise ich schon seit 70 Jahren.

ZEIT: Und nun gibt es ja auch KI.

Ramelow: Ja, früher hatte ich eine Lexika-Sammlung, die so groß war wie ein Schrank. Heute tippe ich ein Wort in eine KI ein, so wie ich denke, dass es geschrieben wird, und gucke, was ich da finde.

ZEIT: Inzwischen haben die meisten Bundesländer den Fehlerquotienten abgeschafft. Das heißt, Rechtschreibfehler zählen in der Benotung zumindest weniger.

Ramelow: In Thüringen wollten wir raus aus dem ganzen Benotungssystem. Die Kategorien sind zu starr. Stattdessen müssten die Lehrer den Schülern erklären, was sie gut gemacht haben. Und wenn KI alles kann, was wir bislang konditionieren, müssen wir Schülern beibringen zu erkennen, wann die KI Quatsch schreibt.

ZEIT: Machen Sie heute noch Rechtschreibfehler?

Ramelow: Gerade heute habe ich einer lieben Person einen handschriftlichen Gruß geschrieben. Da weiß ich nicht, ob ein Fehler drin ist. Aber es ist mir auch egal.

 

Wie korrektes Schreiben über Karrieren entscheidet

Rechtschreibfehler können Karrierechancen mindern. Vor allem bei Menschen, deren Ausgangslage sowieso schlechter ist. Denn Rechtschreibung hat viel mit Vorurteilen und Diskriminierung zu tun. So lässt sich eine Studie belgischer Forscher mit 445 Personalern zusammenfassen, die 2023 für Aufsehen sorgte. Die Wissenschaftler wollten herausfinden, wie die Testpersonen auf fehlerhafte Bewerbungsschreiben reagierten. Ergebnis: Sie reagierten empfindlich – und ungerecht. Ausgerechnet bei Menschen, die sich auf Berufe bewarben, in denen es um körperliche oder handwerkliche Arbeit ging, wogen die Fehler schwerer als bei Menschen, die sich auf akademische Berufe bewarben. Bei Letzteren sahen die Personaler die Intelligenz offenbar schon dadurch belegt, dass sie sich tendenziell mit einem höheren Bildungsabschluss bewarben. Das folgerten die Forscher aus der Befragung und dem Verhalten der Personaler: Diese luden die Bewerber für akademische Berufe trotz Fehlern eher zum Vorstellungsgespräch ein.

Die Testpersonen gingen aber nicht nur davon aus, dass korrektes Schreiben auf höhere Intelligenz hinweist. Sie glaubten auch, dass es Anzeichen eines besseren Charakters sei: Sie nahmen die fehlerfrei Schreibenden als gewissenhafter und sozial kompetenter wahr. Frauen übrigens wurden für die gleichen Rechtschreibfehler härter sanktioniert als ihre männlichen Kollegen. Da von Frauen noch immer ein höheres Maß an Sorgfalt und Genauigkeit erwartet werde, verstoßen Rechtschreibfehler gegen geschlechtsspezifische Verhaltensnormen, so die Forscher. Anders gesagt: Dasselbe Defizit wird härter bestraft.

Wozu Rechtschreibung trotz KI gebraucht wird

Menschen bewerten sich gegenseitig aufgrund ihrer Rechtschreibfehler, ob der Schreibende das möchte oder nicht. Der wahre Grund für die Fehler spielt keine Rolle, der Leser wird Schlüsse daraus ziehen, über die der Schreibende nur bedingt Kontrolle hat.

“Hat ein falsch geschriebenes Wort eine andere Bedeutung als ein richtig geschriebenes?”, fragt Naomi Baron in einem Zoom-Call. “Ich würde sagen: Ja.” Die 79-Jährige ist emeritierte Professorin für Sprachwissenschaften und Leseforscherin. “Unsere Gesellschaft hat entschieden, dass Rechtschreibung etwas ist, das einen Wert hat. Wie wir schreiben, ist deshalb eine Art, uns selbst darzustellen.”

Wer fehlerfrei schreibt, hat einen Vorteil. Doch wenn man das Wissen über Rechtschreibung an eine Maschine abgibt, verliert man einen Teil seiner Autonomie. Baron hat ein Buch über die Verlockungen der KI geschrieben und darüber, wie sie das menschliche Schreiben bedrohen. Sie sagt: “Ich habe ein Jahr in Schweden unterrichtet. Wenn ich nicht mehr weiß, wie man Göteborg schreibt, vergesse ich damit einen Teil meiner eigenen Geschichte.” Die Erinnerung verblasst, auch an das, was mehr als Sprache ist.

Haben wir die Kontrolle über die Sprache verloren?

KI-Programme markieren aber nicht mehr nur Rechtschreibfehler. Sie beeinflussen, wie wir schreiben. Studien konnten zeigen, wie ChatGPT durch den häufigen Einsatz bestimmter Vokabeln wie delve (“sich vertiefen”) oder meticulous (“sorgfältig”) die Sprache in akademischen Texten verändert und sogar mündliche Kommunikation beeinflusst.

Eine Studie der Cornell-Universität untersuchte 2023, wie sich die Nutzung von “Smart Replies”, also automatischen Antwortvorschlägen, auswirkt. Die Forscher entwickelten dafür eine eigene Messaging-App namens Moshi, die ihren Usern – neben einer selbst getippten Antwort – Vorschläge wie Really? (“Wirklich?”), Sounds good! (“Klingt gut!”) oder I can’t agree more (“Ich kann dem nur zustimmen”) machte. Mit Erfolg, User nahmen die Vorschläge meist an.

Bildungsforscherin Rebecca Winthrop: “Ich glaube, Rechtschreibung ist ein bisschen wichtig, aber nicht extrem wichtig.”

Die Kommunikation wurde dadurch nicht nur schneller, sondern vom Tonfall her auch positiver und emotionaler. Schreibende wurden dadurch von den Empfängern der Nachricht als kooperativer und zugewandter wahrgenommen. Sobald allerdings der Verdacht aufkam, dass eine KI mitgewirkt haben könnte, verkehrte sich der Effekt ins Gegenteil.

Das Anliegen, die Rechtschreibung zu delegieren, könnte also dazu führen, dass der Mensch die Kontrolle über seine Kommunikation abgibt, über die Verständigung mit anderen. Und damit über eine der zentralen Fähigkeiten, die uns als Menschen ausmacht.

Warum Kinder noch Rechtschreibung lernen sollten

Sollten Schülerinnen und Schüler also weiterhin alle Eigenheiten der Sprache in jahrelanger Quälerei lernen?

Eine der wichtigsten internationalen Bildungsforscherinnen sagt dazu: “Ich glaube, Rechtschreibung ist ein bisschen wichtig, aber nicht extrem wichtig.” Rebecca Winthrop hat den US-Präsidenten Barack Obama ebenso beraten wie den einstigen UN-Chef Ban Ki Moon. Ihr Thema: Wie und was sollten Kinder heute am besten lernen?

Wichtig für junge Menschen, sagt Winthrop, sei es, lesen zu lernen, schreiben zu lernen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie Sprache funktioniert – sonst seien sie leicht von KI zu manipulieren. Was man hingegen nicht jahrelang lernen müsse: jedes schwierige Wort buchstabieren zu können.

Kinder sind frustriert. Sie wollen lernen und haben zugleich Angst, dass KI sie dümmer macht.

 

Winthrop und ihr Team des Center for Universal Education an der Brookings Institution in Washington haben Anfang des Jahres einen Bericht veröffentlicht, für den sie mehr als 400 Studien ausgewertet und Schülerinnen und Schüler, Eltern und Bildungsverantwortliche in 50 Ländern zum Lernen mit KI befragt haben. Das Ergebnis: Kinder sind frustriert. Sie wollen lernen und haben zugleich Angst, dass KI sie dümmer macht.

Diese Empirie bestärkt Winthrops Vision für ein neues Bildungssystem, das angesichts von KI seinen Schwerpunkt verändert. Ja, das reine Lernen von Inhalten bleibe wichtig, sagt Winthrop, aber bedeutender werde die Frage, wie man diese Inhalte nutze, um Probleme zu lösen. “Technologie kann jungen Menschen helfen, ihre Ideen zum Leben zu erwecken.” Kinder könnten ihr Mathe- und Physikwissen nutzen, um mit einer KI das Hitzeproblem auf dem Schulhof in den Griff zu bekommen, sie könnten das Periodensystem lernen, um ein Experiment im Chemie-Unterricht zu machen – und sie könnten Lesen und Schreiben lernen, um ein Theaterstück zu schreiben und aufzuführen.

Grundsätzlich lohne es sich weiterhin, schwierige Dinge zu lernen. “Weil Kinder so Selbstvertrauen gewinnen, dass sie eine große Herausforderung meistern können, dass sie etwas mit Aufmerksamkeit und Disziplin gelernt haben und jetzt beherrschen.” Das müsse nicht die Rechtschreibung sein – es könne aber die Rechtschreibung sein.

 

Quelle Beitragsbild: Philotheus Nisch für DIE ZEIT

 

Dr. Maria Mast ist seit 2019 Wissenschaftsredakteurin bei der ZEIT und als Reporterin im In- und Ausland unterwegs. In ihrer Arbeit erklärt sie komplexe Krisen in unterschiedlichen Formaten: in Reportagen, Datenstücken, Analysen und Podcasts.

image_pdfAls PDF herunterladen

Verwandte Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert