Eine aktualisierte Chronik über das Frühfranzösisch

Pleiten, Pech und Pannen oder wie uns eine Bildungsbürokratie einen monumentalen Irrtum mit immer neuen Argumenten schmackhaft machen will.

Nächste Woche wird das bernische Kantonsparlament über eine Verschiebung des Frühfranzösisch in die 5. Klasse abstimmen. Die Condorcet-Autoren Alain Pichard, Urs Kalberer und Felix Schmutz haben eine Zeitleiste des monumentalen bildungspolitischen Irrtums erstellt. Mit den Baustellen Frühfremdsprachenunterricht und Mehrsprachendidaktik wurden Hunderte von Millionen Franken in den Sand gesetzt. Zugeben will es niemand! Wir bringen eine aktualisierte Fassung.

Frustrated student at a cluttered desk as a teacher shows an F, with a crossed-out Eiffel Tower and a Swiss flag in the background; two kids walk away with backpacks.

1998

Die EDK erlässt ein Gesamtsprachenkonzept. Die Empfehlungen werden Thesen genannt. Damit unterstreicht die EDK deren programmatischen und empirisch nicht abgestützten Charakter.

2000

  1. PISA-Test 2000. Obwohl die Fremdsprachen gar nicht Teil des Pisa-Tests sind, werden auch sie durch den inszenierten «Pisa-Schock» im Jahr 2000 erfasst. Erschüttert vom angeblichen Beleg für das Ungenügen des hiesigen Schulsystems, sieht man über die Grenzen hinaus und stellt fest, dass in Nachbarländern die Schulkinder viel früher mit Fremdsprachen beginnen. EDK-Erklärung verlangt einen früheren Fremdsprachenunterricht

2001

Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER 2001) bildet den Eckpfeiler für die Neukonzipierung des Fremdsprachenunterrichts (was später zur Einführungder Mehrsprachendidaktik führen wird. Stichwort: Passepartout).

Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER 2001) bildet den Eckpfeiler für die Neukonzipierung des Fremdsprachenunterrichts (was später zur Einführung der Mehrsprachendidaktik führen wird. Stichwort: Passepartout)..

2002

Um die berechtigten Einwände betreffend der fehlenden wissenschaftliche Legitimation zu «entkräften», bestellt die Zürcher Erziehungsdirektion 2002 ein Gutachten an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Unglaublich, aber wahr: Der Urheber der Expertise ist an Frühfremdsprachenprojekten und der Entwicklung der entsprechenden Lehrmittel persönlich massgeblich beteiligt. Von einem unabhängigen Gutachten kann nicht die Rede sein.

2003

Der Kanton Zürich zieht Englisch vor und verhindert damit eine Harmonisierung des Fremdsprachenunterrichts.

2004  

Überhastet erfolgt die Verabschiedung des neuen EDK-Sprachenkonzepts, demgemäss die erste Fremdsprache im dritten und die zweite im fünften Schuljahr einzusetzen habe sowie eine davon eine Landessprache sein müsse. Diese Lösung ist ein rein politischer Kompromiss zwischen den Kantonen, die sich nicht einigen konnten, ob zuerst Französisch oder Englisch gelehrt werden sollte. Um die Romandie zu besänftigen, versüsst man das in Zürich und anderswo favorisierte Primat des Englischen mit der Pille der Festlegung der zweiten Fremdsprache auf der Primarstufe.

Erste Hinweise, dass das frühe schulische Vermitteln einer Fremdsprache keine Wunder wirkt, liefert die spanische Studie. Carmen Muñoz von der Universität Barcelona verglich zwei Gruppen von Schülern: Die eine wurde bereits ab dem 8. Lebensjahr, die andere erst ab dem 11. Lebensjahr in Englisch unterrichtet. Im Alter von 15 testet sie die beiden Gruppen auf ihre Sprachkompetenz. Das Ergebnis ist ernüchternd: Gegenüber denen, die erst später begonnen haben, haben die Frühlerner kaum Vorteile. Lediglich bei der Aussprache schneiden sie etwas besser ab.

2005

Zwei zeitgleiche Artikel in SPIEGEL und ZEIT bezeichnen die Einführung von Frühenglisch in Deutschland als «Murks» und «Blödsinn».

2006

Der Bildungsartikel wird mit grosser Mehrheit angenommen und verlangt eine weitgehende Harmonisierung der Bildungslandschaft Schweiz.

Sechs Kantone starten das Projekt Passepartout.

 

2007

Urs Kalberer vergleicht in seiner Master-Arbeit Schüler, die nach dem neuen Lehrplan bereits in der Primarschule in Frühenglisch unterrichtet wurden, mit solchen, die erst in der Sekundarstufe die Fremdsprache aufnahmen. Fazit: Die frühen Lerner erbringen trotz viel mehr Unterricht keine besseren Leistungen.

2009

15 Kantone nehmen das HarmoS-Konkordat an, 7 lehnen es ab.

Tausende von Unterstufenlehrerinnen und -lehrer werden mit Kursen zu Französisch- bzw. Englischlehrkräften «gemacht».

2011

Passepartout wird ohne vorherige Erprobungsphase flächendeckend eingeführt. Es gilt als das teuerste Lehrmittel ever und ist eine Einwegmappe aus Plastik für jedes Schuljahr.

An einer Orientierung über Frühfranzösisch fragt eine Schulleiterin den damaligen Erziehungsdirektor Pulver, was denn das Ziel von Frühfranzösisch sei: «Sollen die Schüler am Ende der obligatorischen Schulzeit besser Französisch können oder gleich gut oder will man einfach Frühfranzösisch einführen?» Herr Pulver fragt darauf seinen Zentralsekretär: «Ja, haben wir da eine Zieldefinition?»

Beginn der Passepartout-Kurse in den 6 Passepartout-Kantonen.

2012

Die Berner Zeitung titelt: Frühfranzösisch kommt den Kanton teuer zu stehen. Sie spricht von 40 Mio Franken!

Ohrfeige für Frühfremdsprachler, titelt die Luzerner Zeitung und berichtet von einer Evaluation der Englischkenntnisse von 6. KlässlerInnen. Im Bereich Hören schaffen 53,9 Prozent die Lehrplanziele nicht. Im Lesen sind es gar 65,3 Prozent, die unter den gesetzten Zielen liegen, im Sprechen bleiben 3,2 Prozent unter den Lehrplanzielen und im Schreiben 25,3 Prozent. Dabei handelt es sich wohlverstanden um Minimalanforderungen, die grundsätzlich von allen Schülern erreicht werden sollten.

2014

An einem Podium vor der Delegiertenversammlung des lvb in Muttenz werden die Passepartout-Vertreter regelrecht vorgeführt. «Das Podium geriet zum Tribunal», titelt die BAZ.

2015 

Die Evaluation Französischunterricht in der Zentralschweiz zeigt erschreckende Resultate. Ein Grossteil der Schüler erreicht die Ziele nicht.

2016

«Unmut der Eltern» titelt die BAZ und berichtet von einer öffentlichen Veranstaltung, in der Regierungsrat Eymann seitens der Eltern heftige Kritik abwehren muss.

Der Basellandschaftliche Lehrerverein spricht von insgesamt 100 Mio Fr. für die sechs Passepartout-Kantone, die das Frühfranzösisch und Frühenglisch kosten sollen.

2017 

Die Passepartout-Lehrmittel «Milles Feuilles» sollen überarbeitet werden. Das beschliessen die Bildungsdirektoren der sechs Passepartout-Kantone.

Mit 62 gegen 60 Stimmen hat das Thurgauer Kantonsparlament am Mittwochmorgen in zweiter Lesung die Verschiebung des Französischunterrichts von der Primar- in die Sekundarschule abgelehnt.

Susanne Zbinden weist in einer empirischen Studie der Uni Freiburg über das Verstehen von französischen Texten nach, dass die Passepartout-Lernenden gegenüber den Bonne-Chance-Lernenden massiv im Rückstand seien.

Die Fremdspracheninitiative im Kanton Zürich, welche nur eine Fremdsprache auf der Primarstufe fordert, wird mit 60% der Stimmen abgelehnt.

Der Kanton Solothurn verzichtet auf Passepartout für die gymnasiale Vorstufe.

2018

Die Berner Gymnasien streichen die französische Grammatik aus den Aufnahmeprüfungen für das Gymnasium und führen nur noch mündliche Prüfungen durch.

Schlagzeile in der BAZ: „Dieses Lehrmittel ist nicht mehr haltbar“.

Baselland beschliesst den Austritt aus dem Passepartout-Konkordat.

Das Hearing der Baselbieter Bildungsdirektion zum Französischlehrmittel «Mille Feuilles» ergibt ein vernichtendes Urteil.

2019

George Lüdi, Professor für französische Sprachwissenschaft an der Universität Basel und Verfasser des EDK-Konzepts zur Einführung von Frühfranzösisch gibt zu: «Internationale Studien haben in der Tat nachgewiesen, dass innerhalb des klassischen Fremdsprachenunterrichts “Frühstarter” am Schluss der Schulzeit ohne zusätzliche Massnahmen bezüglich ihrer Sprachkompetenzen kaum mehr messbare Vorteile haben».

Die EDK hält fest, dass sich die Situation beim Fremdsprachenunterricht konsolidiert habe und alle Kantone ihren sprachregionalen Lehrplan eingeführt oder beschlossen hätten.

Kurz darauf: Die Ergebnisse der ersten EDK-Tests (ÜGK) zeigen miserable Ergebnisse für die Französischkenntnisse der Passepartout-Kantone.  Wiedenkeller, Eva/ Lenz, Peter: Schlussbericht zum Projekt ‚Ergebnisbezogene Evaluation des Französischunterrichts in der 6. Klasse (HarmoS 8) in den sechs Passepartout-Kantonen‘, 2019.

Die lange angekündigte Evaluation der Passepartout-Lehrmittel durch das Freiburger Institut für Mehrsprachigkeit liegt vor: Sie stellt dem Lehrmittel ein miserables Zeugnis aus. Die Studie sollte geheim gehalten werden («Die geheime Studie», titelt die Berner Zeitung).

Die Passepartout-Verantwortlichen verzichten auf eine Evaluation des Oberstufen-Lehrmittels Clin d’Oeil, obwohl diese zugesichert war.

Mit überwältigendem Mehr stimmt der Kanton Baselland für die Lehrmittelfreiheit, was einem Aus für Passepartout gleichkommt.

Die Sprachforscherin Frau Dr. Simone Pfenninger und ihr Kollege David Singleton legen ihre Langzeitstudie «Beyon Age Effects in Instructional Learning» vor. Sie zeigt, dass Frühstarter gegenüber Spätstartern keinerlei Vorteile haben und endet mit folgender Feststellung:

“Schließlich, und vielleicht am wichtigsten, stellt sich die Frage des möglichen Gesichtsverlusts; Bildungspolitiker sind nicht bereit, eine Intensivierung des Fremdsprachenunterrichts über kürzere Zeiträume später im schulischen Lehrplan (d.h. in der Sekundarschule) in Betracht zu ziehen, da dies mit ziemlicher Sicherheit als ‘Rückzieher’ und als Eingeständnis des Scheiterns der neuen Bildungsgesetze betrachtet würde”.

2020

Bern zeigt sich offene für alternative Französischlehrmittel.

Auch Basel-Stadt führt die Lehrmittelfreiheit ein, d.h. die Passepartout-Lehrmittel für Englisch und Französisch werden auf elegante Art und Weise entsorgt.

2021

Eine Masterarbeit (PJ FHNW) von Christian Henzi, in Basel-Stadt nimmt eine umfassende Analyse des Französisch-Lehrmittels auf Sekundarstufe 1, – Clin d’Oeil vor und kommt zu niederschmetternden Resultaten.

2022

Die Bildungsdirektion des Kantons Bern gibt zu: Es gab keine Zieldefinition bei der Einführung von Frühfranzösisch. Frühfranzösisch wurde eingeführt, weil die EDK das wollte.

 

 

 

2023

Die katastrophalen Ergebnisse der ÜGK (Überprüfung der Grundkompetenzen) 2023 im 9. Schuljahr scheinen politisch keine hohen Wellen zu werfen. Der Präsident der EDK, Regierungsrat Darbellay, wimmelt ab, er sieht keinen besonderen Handlungsbedarf. Am frühen Fremdsprachenunterricht ab 3. Primarklasse will er unbedingt festhalten.

Eine Gruppe kritischer Bildungsdirektoren innerhalb der EDK verlangt intern eine Überprüfung der Fremdsprachenposition der EDK.

Der Condorcet Blog veröffentlicht ein Weissbuch zur Einführung von Frühfranzösisch – Analyse eines monumentalen Irrtums. Darin enthalten ist eine Aufzählung der aktuellen Studienlage. Fazit: Es gibt keine Studie, die die Wirksamkeit eines früheren Fremdsprachenunterrichts belegt, dafür viele, die das Gegenteil beweisen.

2024

Nach den verheerenden Resultaten der ÜGK verlangt das kantonale Parlament des Kantons Baselland eine Überprüfung des Frühfranzösisch in Form eines Postulats.

Kurz darauf stimmt nun auch das Kantonsparlament des Kantons Bern einer Überprüfung des Frühfranzösisch zu, allerdings in der verpflichtenden Motionsform. Diese Überprüfung wurde im Vorfeld von der Bildungsdirektion, von Bildung Bern und den linken Parteien bekämpft.

Erstmals verkündet die Bildungsdirektorin des Kantons Bern: „Schuld an den schlechten Resultaten ist das Lehrmittel mit der Mehrsprachendidaktik.“

Eine überarbeitete Variante Mille Feuilles kommt auf den Markt.

2025:

Appenzell Ausserrhoden: Der Kantonsrat erklärte im März 2025 eine Motion zur Verschiebung von Französisch in die Oberstufe erheblich. Dies auch unter Hinweis auf den Kanton AI, wo Französisch erst ab der Oberstufe unterrichtet wird und dies ohne erkennbare Nachteile für die Schüler.

Die am 22. Mai veröffentlichten ÜGK-Teste zeitigen erneut katastrophale Ergebnisse. Nun reagiert auch der LCH und schreibt: „Die gesetzten Ziele sind unrealistisch“. Der LCH fordert die kantonale Bildungspolitik und die Behörden dringend auf, die Situation sorgfältig zu analysieren und darauf basierend die Ziele der EDK-Sprachenstrategie unter Einbezug von Fachgremien und Praxisvertretungen zu überarbeiten und wirksame strukturelle Massnahmen umzusetzen”.

Eine Umfrage unter Lehrpersonen und Eltern in BS und BL ergibt, dass zwei Drittel den Unterricht von zwei Fremdsprachen in der Primarschule ablehnen. Feststellung: Französisch beginnt mit grosser Motivation. Diese verliert sich in den vier Primarschuljahren gänzlich.

Zürcher Kantonsrat verschiebt den Anfang des Französischunterrichts gegen den Willen von Regierungsrätin Steiner auf die Sekundarschule.

Anfrage im Nationalrat zum Frühfranzösisch im September 2025 von Katja Christ: Sie verlangt eine faktenbasierte Auslegeordnung über die Wirkung des Frühfremdsprachenunterrichts in der Volksschule. Der Bundesrat schlägt am 5.11. das Anliegen ab. Im Rat ist es bisher nicht traktandiert. Zahlreiche weitere Vorstösse in den Kantonen sind hängig.

St. Gallen: Der Kantonsrat beschloss im September 2025 ebenfalls, Französisch künftig erst ab der Oberstufe als Pflichtfach vorzusehen. Zuvor hatte St. Gallen bereits auf das Schuljahr 2025/26 hin die Lektionentafel reduziert: Auf der Primarstufe wurde die Unterrichtszeit in Englisch und Französisch um je eine Lektion gekürzt.

Schaffhausen: Auch dort wurde 2025 eine Motion zur Verschiebung des Einstiegs in Französisch auf die 1. Klasse der Sekundarstufe I erheblich erklärt, mit 36 zu 17 Stimmen.

Bundesrätin Baume -Schneider droht mit dem Eingriff des Bundes. Die Befürworter von Frühfranzösisch warnen vor dem Verlust der nationalen Einheit.

Die GLP verlangt im bernischen Kantonsparlament die Verschiebung des Französischunterrichts in die 5. Klasse.

2026

Schwyz: Zwei Fremdsprachen sind nach Ansicht des Kantonsrats Schwyz für die Primarschule eine zuviel. Mit 76 zu 20 Stimmen hat das Parlament im Februar 2026 ein Postulat überwiesen, das die Verschiebung des Französischunterrichts auf die Oberstufe verlangt. Dieser Entscheid reiht sich in die laufende Fremdsprachendebatte in Schwyz ein. Bereits im vergangenen Herbst hatte der Erziehungsrat diese Haltung eingenommen und vertreten. Damit schert Schwyz aus dem nationalen Fremdsprachenkompromiss aus, der seit 2009 in Kraft ist.

Thurgau: 2026 nahm der Grosse Rat eine Motion an, die Französisch von der Primarschule auf die Sekundarstufe I verschieben will. Die Regierung hatte die Motion zuvor abgelehnt und auf die Bedeutung der Landessprachen sowie auf rechtliche und bildungspolitische Spannungen hingewiesen. Das Parlament beauftragte die Regierung dennoch mit 71 zu 48 Stimmen, eine gesetzliche Grundlage auszuarbeiten.

 

Eine 200‘000 Fr. teure Studie der Bildungsdirektionen der beiden Basel sollte die Ursachen für das Französisch-Desaster darlegen: Der neue Bildungsdirektor des Kantons Baselland zitiert aus der Studie, will diese aber noch nicht veröffentlichen.

Aufgrund heftiger Proteste wird die Studie im Mai veröffentlicht. Schuld an dem Debakel seien: Ungenügend ausgebildete Lehrer, unrealistische Vorstellung eines Sprachbads, zu wenig Ressourcen. Man wünscht sich noch einmal 4 Jahre, um die Leistungen zu verbessern.

Die ÜGK 24, welche die Landesprach- und Mathematikkompetenzen der 4. Klässler untersuchte, bestätigt, dass ein erheblicher Teil der Schulkinder bereits jetzt die Grundkompetenzen nicht erreicht. Auffallend hier: Die deutlich schlechten Resultate im französisch sprechenden Berner Jura.

In einer verzweifelten Botschaft wendet sich die Députation francophone im Berner Grossen Rat an die Öffentlichkeit, um für die Beibehaltung des Frühfranzösisch zu werben. Als Argument dient: Minderheitenpolitik, Nationaler Zusammenhang, zu wenig Ressourcen… kein einziges Wort über die schlechten Ergebnisse auch in der Romandie zu Frühdeutsch.

Und das ist die Studienlage

Vor 1998

Oller JW & Nagato N (1974) ‘The long-term effect of FLES: an experiment’ in: The Modern Language Journal 58 / 1: 15-19 „ … ältere Beginner können in fünf Jahren so viel lernen wie jüngere in elf Jahren.“

 

Burstall C, Jamieson M, Cohen S & Hargreaves, M (1974) Primary French in the balance Windsor: NFER. Die Leistungen der älteren Lerner waren durchgängig signifikant höher. Diese Langzeitstudie an 17’000 Schülern hatte zur Folge, dass das Programm zum frühen Fremdsprachenlernen an Schulen in England und Wales beendet wurde.

 

Singleton D (1989) Language acquisition: the age factor Clevedon: Multilingual Matters „Die Datenlage nach Vorteilen für jüngere Schüler in einem formalen Kontext ist extrem schwach.“

 

Spada N & Lightbown PM (1989) ‘Intensive ESL programs in Quebec primary schools’ in: TESL Candada Journal 7/1: 11-32

 

1998 – Gesamtsprachenkonzept. Der Einfluss der Neurologie wurde massiv überschätzt. Ausserdem wurde nicht differenziert, ob der Spracherwerb naturalistisch im fremden Sprachgebiet oder in der Schule geschieht.

 

Lightbown PM (2000) ‘Classroom second language acquisition research and second language teaching’ in: Applied Linguistics 21 / 4: 431-462 „ … das Alter, in dem der Unterricht beginnt, ist weniger wichtig als die Intensität des Unterrichts und der fortgesetzte Kontakt mit der Fremdsprache.“

 

Marinova-Todd SH, Bradford SH & Snow CE (2000) ‘Three misconceptions about age and L2 learning’ in TESOL Quarterly 34/1: 9-34 „ … die Qualität des Unterrichts, die Motivation der Schüler und die Sprachumgebung sind wichtigere Faktoren im L2-Erwerb als der Zeitpunkt des Beginns des L2-Unterrichts“

 

Singleton D (2001) Age and second language acquisition. „Die Vorstellung, die altersmässigen Unterschiede beim L2-Erwerb seien nur neurologisch bedingt und verliefen in zeitmässig genau abgesteckten Grenzen … wird je länger je unglaubhafter.

 

Cenoz J (2002) ‘Age differences in foreign language learning’ in: International Review of Applied Linguistics 135-136: 125-142 „ … Schüler, welche Englisch in der 6. Klasse begonnen haben, können nach sechs Jahren besser Englisch als Schüler, welche genau gleich viele Lektionen Englisch besuchten, aber in der 3. Klasse begonnen haben.“

 

Singleton D & Ryan L (2004) (2nd Ed) Language acquisition: the age factor Clevedon: Multilingual Matters „… bei gleicher Anzahl Lektionen übertreffen die Leistungen der älteren Beginner diejenigen der jüngeren Beginner signifikant.“

 

2004 – Beschluss Einführung Frühfremdsprachen

Kalberer U (2005) ‘Lernt man jünger wirklich besser?’ in: Neue Zürcher Zeitung 21. 6. 2005

Munoz C (ed) (2006) Age and the rate of foreign language learning Clevedon: Multilingual Matters.

Barcelona Age Factor Project. Lief während mehr als 20 Jahren und lieferte viele Einsichten zum optimalen Start des Fremdsprachenbeginns. Resultate:

  1. Späteinsteiger übertreffen jüngere Einsteiger nach einer ähnlichen Anzahl von Unterrichtsstunden;
  2. Unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten: jüngere Lernende langsamer, mit “beschleunigter Progression zwischen 11 und 13 Jahren, viel schneller als zwischen 14 und 16 Jahren″ (2006:31)
  3. In schulischen Kontexten, in denen es kaum Möglichkeiten für implizites Lernen und Üben gibt, können ältere Lernende schneller eine weitere Sprache erwerben.

 

Kalberer U (2007) Rate of L2 Acquisition and the Influence of Instruction Time on Achievement. University of Manchester.

 

Aus Schweizer Sicht:

Amelia Lambelet, Raphael Berthele (2014) Alter und schulisches Fremdsprachenlernen : Stand der Forschung : Bericht des Wissenschaftlichen Kompetenzzentrums für Mehrsprachigkeit

Pfenninger, S. E. and D. Singleton. (2017). Beyond Age Effects in Instructional L2 Learning: Revisiting the Age Factor. Bristol: Multilingual Matters. ISBN: 9781783097616

Berthele, R. (2019). Policy recommendations for language learning: Linguists’ contributions between scholarly debates and pseudoscience. Journal of the European Second Language Association, 3(1), 1–11. DOI: http://doi.org/10.22599/jesla.50

Zusammenstellung: Urs Kalberer, 7. Oktober 2022

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2 Kommentare

  1. Im Abschnitt “2001” (s.o.) sind folgende Zeilen doppelt enthalten:

    Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER 2001) bildet den Eckpfeiler für die Neukonzipierung des Fremdsprachenunterrichts (was später zur Einführung der Mehrsprachendidaktik führen wird. Stichwort: Passepartout)..

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