Sinkende Leistungsbereitschaft

“Im Wirtschaftsunterricht sagen Schüler zu mir: ‘Bürgergeld ist doch auch eine super Lösung'”

Schüler lassen sich freiwillig eine Sechs geben, Eltern kommen mit dem Anwalt: Der deutsche Realschullehrer Jonas Schreiber schildert in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), wie das System Schule ins Wanken gerät.

Close-up of a smiling man in a blue button-down shirt against a wooden wall background.

 

NZZ: Herr Schreiber, Sie sind Lehrer an einer bayrischen Realschule. Was macht Ihnen am Schulwesen derzeit am meisten Sorgen?

Jonas Schreiber: Die fehlende Leistungsbereitschaft – und zwar bei allen Beteiligten. Eltern fordern heute deutlich mehr ein als früher. Früher sassen Eltern und Lehrer bildlich gesprochen auf einer Seite des Tisches und die Schüler auf der anderen. Heute sitzen die Eltern oft auf der Seite des Kindes und erklären dem Lehrer, was er zu tun hat. Dazu kommen Schüler, die weniger leisten wollen, weil sie wissen: Irgendwie komme ich trotzdem durch. Und ein System, das Anforderungen immer weiter senkt, damit niemandem zu nahegetreten wird.

NZZ: Deckt sich das mit den alarmierenden Befunden aktueller Bildungsstudien?

Schreiber: Absolut. Das ist fächerübergreifend. Ich sehe es sogar im Sport. Wir haben regelmässig einen Spendenlauf, der benotet wird. Da kommen 20 bis 30 Prozent der Schüler zu mir und sagen: «Tragen Sie mir gleich die Sechs ein, ich laufe nicht.» Dabei sollte Sport eigentlich Freude machen. Für mich ist das ein Prototypbeispiel.

NZZ: Warum lassen sich Schüler freiwillig die schlechteste Note eintragen?

Schreiber: Ich glaube, das ist ein gesellschaftliches Phänomen. Kinder nehmen auf, was sie bei Erwachsenen sehen. Wenn sich Arbeit nicht mehr lohnt, weil Bürgergeld oder Grundsicherung ähnlich bewertet werden wie Arbeit, schlägt sich das auf die Kinder nieder. Im Wirtschaftsunterricht sagen Schüler immer wieder: Bürgergeld ist doch auch eine super Lösung. Das Mindset dahinter ist: Ich muss nicht so viel leisten, wie ich könnte, ich komme ja trotzdem durch.

Beatrice Achterberg, Redaktorin NZZ Büro Berlin

NZZ: Was macht das mit Ihnen?

Schreiber: Es ist zermürbend. Ich möchte, dass junge Menschen wachsen, besser werden, mehr verstehen. Wenn Schüler nur in den Tag hineinleben und ihnen vieles egal ist, macht Unterrichten auf Dauer keinen Spass. Ich sehe auch Kollegen, die über die Jahre abgestumpft sind. Genau das möchte ich nicht. Deshalb habe ich das Buch geschrieben – als Weckruf.

NZZ: Wann haben Sie gemerkt, dass in der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule etwas grundlegend schiefläuft?

Schreiber: Ein Schüler in der neunten Klasse stand kurz davor, ohne Abschluss die Schule zu verlassen. Er war schon einmal durchgefallen, die Noten wurden nicht besser. Ich habe viel versucht. Dann schrieb der Vater eine Mail an die Schulleitung und mich: Man investiere viel Geld in Nachhilfe und wolle wissen, warum der Schüler immer noch so schlecht sei. Zum Gespräch erschien zusätzlich ein Anwalt. Der wurde zum Glück nicht zugelassen. Aber da dachte ich: Wir wollen dem Schüler helfen, er selbst will es nicht – und nun stellt sich auch noch ein Anwalt auf seine Seite gegen die Schule.

“Unsere Schule hat etwa 700 Schüler, theoretisch also weit über 1000 Eltern. Am Ende waren zehn bis fünfzehn Eltern im Call – ungefähr so viele wie Lehrer.”

 

NZZ: Sie schildern auch Elternabende mit fast leeren Fluren.

Schreiber: Ja. Wir hatten einen digitalen Elternabend zur Medienkompetenz, lange angekündigt. Unsere Schule hat etwa 700 Schüler, theoretisch also weit über 1000 Eltern. Am Ende waren zehn bis fünfzehn Eltern im Call – ungefähr so viele wie Lehrer. Am Schluss fragte eine Mutter im Chat, warum so wenige Eltern da seien. Genau das ist ja das Problem: Wir investieren Geld, wir wollen unterstützen, aber das Interesse ist gering.

NZZ: Sie haben in einer achten Klasse die Bildschirmzeit abgefragt. Was kam heraus?

Schreiber: Zwischen sechs und elf Stunden am Tag. Die Schüler sollten erst schätzen und dann auf dem Handy nachsehen. Die Augen waren gross. Wir haben ausgerechnet, wie wenig Zeit neben Schule und Schlaf überhaupt noch bleibt. Der Aha-Moment war da . . . aber in der nächsten Pause sassen fast dieselben Schüler wieder am Handy.

NZZ: Wäre ein Social-Media- oder Handyverbot für unter 14-Jährige eine Lösung?

Schreiber: Nein. Wir haben an der Schule bereits ein Handyverbot. Trotzdem sammle ich jeden Tag 30 bis 40 Handys ein. Dann muss die Schulleitung Eltern anrufen, Eltern weigern sich, das Gerät abzuholen, manche Kinder haben ein Zweit- oder Dritthandy dabei. Wir jagen wie ein Hund dem eigenen Schwanz hinterher. Viele Erwachsene wollen Verbote – aber warum fangen sie nicht beim eigenen Kind an? Im Restaurant sieht man Kleinkinder mit dem Handy, damit die Eltern in Ruhe essen können. Da muss jeder zuerst bei sich selbst anfangen.

Eine Forderung des Realschullehrers: Digitalisierung sollte nur punktuell eingesetzt werden, wo sie echten Mehrwert bringt, etwa KI-gestützt bei Hausaufgaben oder Wiederholungen.

NZZ: Man gewinnt den Eindruck, dass Lehrer heute mehr mit dem Drumherum beschäftigt sind als mit dem eigentlichen Unterricht.

Schreiber: Leider ja. Wir sind oft Erzieher, Digitalaufsicht und Bürokraten zugleich, obwohl wir eigentlich Wissen vermitteln sollen. Das kostet enorm viel Zeit.

NZZ: Was wären Ihre drei wichtigsten Forderungen an die Bildungspolitik?

Schreiber: Erstens: mehr individuelle Förderung, vor allem am Nachmittag für Kinder mit Schwächen in bestimmten Fächern. Zweitens: Digitalisierung zurückfahren. Nicht jedes Kind braucht ständig ein iPad. Wir sollen unterrichten und gleichzeitig auf dreissig kleinen Kacheln kontrollieren, wer im Internet surft. Das funktioniert nicht. Digitalisierung sollte punktuell eingesetzt werden, wo sie echten Mehrwert bringt, etwa KI-gestützt bei Hausaufgaben oder Wiederholungen. Drittens: die Leistungsanforderungen wieder erhöhen. Wenn wir Schülern mehr zutrauen und mehr einfordern, leisten sie auch mehr.

NZZ: In Ihrem Buch erzählen Sie von einem Schüler, dessen Eltern Ihnen erst vorwerfen, sich in sein Privatleben einzumischen – und Sie danach um Hilfe bitten. Was ist passiert?

Schreiber: Der Schüler hatte schulische Probleme und Talent im Basketball. Ich kannte seinen Trainer und erfuhr zufällig, dass der Junge aus dem Verein geworfen worden war, weil er Mitspieler gemobbt hatte. Ich fragte den Schüler, was passiert sei. Daraufhin beschwerten sich die Eltern, ich solle mich aus seinem Privatleben heraushalten. Im Gespräch mit der Schulleitung fragte mich der Vater dann allen Ernstes, ob ich über meine Kontakte ein Probetraining im Leistungszentrum organisieren könne. Da bin ich aufgestanden und habe gesagt: Nein, das werde ich nicht tun.

“Wenn eine Leistung nicht gut ist, müssen wir das sagen dürfen. Das ist nicht angenehm, aber es gehört zu unserem Auftrag. Bildung, Leistung und eine gesunde Autorität müssen wieder höher gehalten werden – nicht nur bei Lehrern, auch bei Polizisten und anderen Institutionen.”

 

NZZ: Ist Schule zum Servicezentrum geworden?

Schreiber: Leider ja, in vielen Fällen.

NZZ: Wo überfordert die Politik das System Schule?

Schreiber: Immer wenn bei jedem Problem gesagt wird: Das soll die Schule auch noch machen. Mehr Ganztag, mehr Medienbildung, mehr Prävention, mehr Sozialarbeit. Alles hängt an uns Lehrern, und oft sieht niemand, dass daran Vorbereitung, Korrekturen und Elterngespräche hängen. Sinnvoll fände ich, Vereine stärker einzubinden – Sport, Musik, Theater. Das können externe Fachleute oft besser als wir.

NZZ: Sie schildern auch Eltern, die in Whatsapp-Gruppen Stimmung gegen Lehrer machen. Was braucht es da?

Schreiber: Schule muss wieder als etwas Gutes gesehen werden. Lehrer sind da, um Kinder voranzubringen, nicht um gegen sie zu arbeiten. Wenn eine Leistung nicht gut ist, müssen wir das sagen dürfen. Das ist nicht angenehm, aber es gehört zu unserem Auftrag. Bildung, Leistung und eine gesunde Autorität müssen wieder höher gehalten werden – nicht nur bei Lehrern, auch bei Polizisten und anderen Institutionen.

NZZ: An Ihrer Schule haben viele Kinder einen Migrationshintergrund. Wo prallen Welten aufeinander?

Schreiber: Zum Beispiel, wenn Eltern nach über zehn Jahren in Deutschland kein Deutsch sprechen und das Kind im Problemgespräch übersetzen soll. Dann weiss man nicht, was wirklich ankommt. Kolleginnen berichten auch, dass manche Schüler mit muslimischem Hintergrund ihnen sagen, sie hätten ihnen nichts zu sagen, weil sie Frauen seien. Oder dass Schüler sich weigern, neben Schülerinnen zu sitzen. Solche Situationen erschweren Schule massiv.

“Wir müssen Schülern wieder mehr zutrauen, ihnen konsequent sagen, was Sache ist, und deutlich mehr einfordern, damit sie auf das Leben vorbereitet sind.”

NZZ: Sie kritisieren auch zusätzliche religiöse Feiertage für muslimische Schüler. Warum?

Schreiber: In Bayern können Schüler sich für religiöse Feste befreien lassen. Das ist grundsätzlich möglich. Aber wenn die Hälfte der Klasse wegen des Zuckerfests fehlt, fragen andere Schüler natürlich: Warum müssen wir hier sein? Ich finde, wir brauchen gemeinsame Feiertage, an die sich alle halten. Sonst entsteht schnell ein Gefühl von Ungerechtigkeit.

NZZ: Was ist Ihr Appell in einem Satz?

Schreiber: Wir müssen Schülern wieder mehr zutrauen, ihnen konsequent sagen, was Sache ist, und deutlich mehr einfordern, damit sie auf das Leben vorbereitet sind.

NZZ: Kritiker würden sagen: Das ist neoliberale Leistungsrhetorik und blendet soziale Ungleichheit aus.

Schreiber: Das sehe ich anders. Gerade durch individuelle Förderung rücken wir den Schüler stärker in den Mittelpunkt. Jeder kann aus sich etwas machen, auch wenn er an der Mittelschule startet. Wer will, kann später Professor oder Oberarzt werden. Aber dieses Wollen muss aus einem selbst kommen. Der Staat kann es niemandem abnehmen.

NZZ: Gibt es auch Lichtblicke?

Schreiber: Ja. Ich hatte eine Unterrichtsstunde zu Freiheit und Gleichheit vorbereitet, angeregt durch den Ökonomen Friedrich Hayek. Die Stunde kam so gut an, dass Schüler aus einer anderen Klasse fragten, ob ich sie bei ihnen auch halten könne, sogar am Nachmittag. Es kamen nur eine Handvoll, aber sie kamen freiwillig. Solche Momente zeigen mir: Das, was ich tue, kommt an. Und manchmal reicht auch ein einfaches Danke am Ende des Schuljahres. Das gibt mehr zurück, als man denkt.

 

Das Gespräch zwischen dem Realschullehrer Jonas Schreiber und Beatrice Achterberg, Redaktorin der NZZ in Berlin, ist ein Auszug aus dem Deutschland-Podcast “Machtspiel” von der NZZ und der Brost-Stiftung. Das vollständige Interview finden Sie hier.

 

Beatrice Achterberg, geboren 1991 in Potsdam. Studium der Germanistik und Amerikanistik/Anglistik an der Universität Potsdam. Nach dem Hochschulabschluss folgte das Volontariat an der Axel-Springer-Akademie mit Stationen bei “Musikexpress” und “Welt”. Seit Juli 2022 Redaktorin des Berliner Büros der NZZ.

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