Waren Sie schon einmal in Moskau mit der Metro unterwegs? Bei mir ist das auch schon eine ganze Weile her. Schuld daran ist natürlich der Krieg. Aber ich bekenne auch jetzt noch: Ich mag die Stadt an der Moskwa. Die russische Metropole ist ähnlich weltläufig wie Hauptstädte anderer ehemaliger Imperien. London, Paris oder Lissabon. An wenigen Orten wird das so deutlich wie im gigantischen Röhrensystem der U-Bahn, das jeden Tag Millionen Menschen zwangsvergemeinschaftet.
Noch etwas anderes fällt auf, wenn man im Moskauer Untergrund unterwegs ist. Die Menschen lesen – Bücher. Nicht alle, aber doch viele. Eine signifikante Minderheit, womöglich ist es gar ein Drittel der Mitreisenden. Oder war es doch, als ich vor sieben Jahren zum letzten Mal in Moskau war. Steigen Sie einmal in eine U-Bahn in Hamburg, Berlin oder Frankfurt. Wie viele Bücherleser treffen sie da? Wenn es hochkommt, ist es einer unter lauter Leuten, die gebannt auf ihre Smartphones starren, als würde darin die gesammelte Weisheit des Universums stecken.
Der Professor am Katheder konkurriert mit Twitter, Instagram und TikTok – und zieht im Wettrennen um die Aufmerksamkeit des Publikums auf den Bänken nur allzu oft den Kürzeren.
Der Weltuntergang ist oft beschworen worden, und immer wieder haben in den Doomsday-Szenarien Informations- und Kommunikationstechnologien eine Rolle gespielt: Schrift, Buchdruck, Fernsehen, Computer, Künstliche Intelligenz – und natürlich auch das Smartphone. Dies ist nicht der Ort, um die nervigen, aber eben auch ungeheuer hilfreichen kleinen Kisten in Grund und Boden zu bashen. Vermutlich sind sie ohnehin nur eine Brückentechnologie auf dem Weg zu neuen digitalen Ufern, die wir uns heute nicht auch nur ansatzweise vorzustellen vermögen.

Dass die Aufmerksamkeitsspanne aller Menschen immer kürzer wird, ist hundertfach behauptet und bejammert worden. Und natürlich dürfte auch beim Nachlassen der Konzentrationsfähigkeit das Digitale eine Schlüsselrolle spielen. Wo ständig alles verfügbar ist, ist das Gehirn chronisch überfordert. Es will alles zugleich konsumieren und kommt mit dem Prioritätensetzen nicht hinterher. Das passiert auch im Hörsaal ständig. Der Professor am Katheder konkurriert mit Twitter, Instagram und TikTok – und zieht im Wettrennen um die Aufmerksamkeit des Publikums auf den Bänken nur allzu oft den Kürzeren.
Was also hat die Misere mit mir zu tun?
In der Vorlesung immer das gleiche Bild: Kaum öffnen sich die Türen, geht der Kampf um die besten Plätze los. Die sind mitnichten in der ersten Reihe, sondern möglichst weit hinten. Dort fühlen sich die Kommilitonen unbeobachtet, wenn sie zwischendurch mal schnell übers Smartphone wischen oder eine WhatsApp tippen. Doch die Sicherheit der billigen Plätze ist trügerisch. Ich gelte in meinem Institut als streng. Wenn ich beobachte, wie jemand hartnäckig unter den Tisch starrt, spreche ich die Leute direkt an, mitten im Seminar oder der Vorlesung. Die meisten kriegen dann einen hochroten Kopf.
Dabei habe ich meine Zweifel. Immer öfter habe ich nach einer Doppelstunde das Gefühl, dass die Lehre nicht gelungen ist. Sind womöglich die Smartphones nur ein Symptom, nicht Ursache der Malaise? Sicher, viele Studenten operieren hart am Rand der Internetsucht, wenn sie nicht in der Lage sind, 90 Minuten die piependen und vibrierenden Kistchen zu ignorieren. Aber ich muss mich schon selbstkritisch fragen, was die nicht gelingende Lehre mit mir zu tun hat. Ob ich es noch schaffe, im Hörsaal zu zeigen, wie aufregend Erkenntnis ist und welch reichen Lohn eifriges Sich-bemühen abwirft. Denn nichts anderes bedeutet ja das lateinische Wort “studium”. Was also hat die Misere mir zu tun? Mit mir und dem System, das ich jeden Tag vertrete?
Die besten Seminare waren die, in denen man mit voller Wucht ins kalte Wasser geschubst wurde. Hochschuldidaktiker von heute überkäme dort das nackte Grausen. Die Arbeitsweise war knallhart “inputorientiert”, wie man heute sagt.
Als ich selbst vor 35 Jahren mein Studium in Freiburg aufnahm, war ich voller Ideale. Ich hatte das Privileg, die Fächer studieren zu können, an denen mein Herz hing: Latein, Griechisch, Geschichte. Ich freute mich auf Vorlesungen, in denen der Professor sein Wissen vor mir ausschüttete, mich in die Geheimnisse des Denkens einweihte. Und ich träumte von Seminaren, in denen vom Erkenntnishunger Getriebene gemeinsam ihre Grenzen suchten. Ich stellte mir die Universität als verschworene Gemeinschaft junger Menschen vor, die sich auf eine phantastische Reise in die Gelehrtenrepublik begeben würden.
Ich wurde enttäuscht, denn natürlich gab es die Universität, die ich mir vorgestellt hatte, nicht. Es hatte sie auch nie gegeben. Statt der Gelehrtenrepublik wartete harte Arbeit auf mich. Durch die Zwischenprüfung kam nur, wer zügig die Ilias übersetzen, wer Latein wie Cicero schreiben und wer eine schwierige Quelle anständig interpretieren konnte. Das war eher solides Handwerk als Kastalien. Viele Lehrveranstaltungen waren zum Abgewöhnen langweilig, in etlichen hielt ich nicht durch. Doch in manchen sprang der Funke sofort über. Ich machte mich mit Eifer, “studium” also, an die Arbeit und wurde mit reichlich Glückshormonen belohnt, wenn der Groschen fiel.
Die besten Seminare waren die, in denen man mit voller Wucht ins kalte Wasser geschubst wurde. Hochschuldidaktiker von heute überkäme dort das nackte Grausen. Die Arbeitsweise war knallhart “inputorientiert”, wie man heute sagt. Wir wurden mit Inhalten traktiert. Ich verdanke den besten meiner Lehrer am Gymnasium und an vier Universitäten, dass ich mich in einer komplizierten Gegenwart zurechtfinde. Der analoge Kanon, den sie vermittelt haben, sorgt dafür, dass ich mich heute in der digitalen Welt angstfrei bewege. Diese Lehrer haben mich paradigmatisch an riesige Wissensbestände herangeführt und auf diese Weise solide Inseln in einem endlosen Ozean geschaffen. Über das Wasser dazwischen musste ich selbst segeln, aber sie haben mir den Kompass dafür in die Hand gedrückt.
Bologna hat die Universität kaputtmodularisiert
Heute, in der durch die Bologna-Reform kaputtmodularisierten Universität, sollen wir Studenten mit Kompetenzen ausstatten. Die sind längst der heilige Gral universitärer Lehre geworden. Das liest sich dann so: “Die Studierenden erweitern das im Basiscurriculum erworbene strukturierte historische Grundwissen über die Antike; vertiefen ihre Kenntnisse zu den Spezifika antiker (Original-)Quellen sowie zu Hilfsmitteln und Methoden zur kritischen Auseinandersetzung mit diesen Quellen; stärken ihr Reflexionsvermögen hinsichtlich fachlicher Konzepte und Ansätze und setzen sich kritisch mit den Ergebnissen historischer Forschung auseinander; bearbeiten althistorische Fragestellungen unter Anwendung der wissenschaftlichen Methoden und Arbeitstechniken des Fachs und gelangen zu rationalen Urteilen.” Diese Sätze liest der neugierige Student im Modulhandbuch zum Aufbaumodul Alte Geschichte an meiner Universität.
So also sieht “outputorientierte” Lehre aus. Immerhin hat der bürokratische Popanz, der um sie getrieben wird, den Vorzug, dass niemand, wirklich niemand, der das Modulhandbuch gelesen hat, mit Idealen an die Uni kommt, so wie ich anno 1990. In die Handbücher und Handreichungen, die erklären, wie kompetenzorientiertes Studieren funktioniert, fließt die geballte Expertise von Kommissionen und Uni-Gremien. Für die europäische beziehungsweise nationale Vergleichbarkeit sorgen der Europäische und der Deutsche Qualifikationsrahmen.

Ganz wichtig ist die Qualitätskontrolle. Um sie sicherzustellen, werden die Studiengänge in regelmäßigen Abständen akkreditiert. Geld, das Forschung und Lehre zur Verfügung stehen könnte, fließt dann in aufwendige “Begehungen” und an eigens zu diesem Zweck aus dem Boden gestampfte Akkreditierungsagenturen. Der nichtsahnende Steuerzahler lässt sich diesen Unfug einiges kosten: Schätzungen aus dem Umfeld der Hochschulrektorenkonferenz gehen von einem dreistelligen Millionenbetrag aus – pro Jahr.
Um sicherzustellen, dass die Studenten die Kompetenzziele auch wirklich erreichen, wird geprüft, was das Zeug hält. Hausarbeiten, Essays, Klausuren, Kurztests, Portfolios, mündliche Prüfungen: Sie schlagen dem Semester den Takt. Wir prüfen und prüfen, so lange, bis die Inhalte keinen mehr interessieren. Für eine Vorlesung, deren Inhalt nicht abgeprüft wird, wird kein großer Hörsaal benötigt. Es kommen sowieso fast nur Gasthörer jenseits der Sechzig. Kaum ein Student verirrt sich in eine Vorlesung, in der es nur um die Sache geht. Und im Seminar wachen manche Kommilitonen erst aus dem Tiefschlaf auf, wenn die Bedingungen für die Prüfungsleistungen bekanntgegeben werden.
Wenn die im Grunde nicht studierfähigen Massen dem Seminar fernbleiben, weil sie es dürfen, könnte das Seminar wieder zu einem Ort des wissenschaftlichen Eros werden. Es wäre ehrlicher, den Studenten gleich bei der Immatrikulation das Bachelor-Zertifikat in die Hand zu drücken – und anschließend all denen die Tür zum Hörsaal zu öffnen, die wirklich an Inhalten interessiert sind.
Ich bekenne: Ich kann die Studenten verstehen. Anstatt ihre auf Smartphones starrenden Avatare in die Vorlesung zu schicken, bleiben sie lieber ganz zu Hause. Das ist keine Faulheit, sondern bloß systemkonformes Verhalten. Der Gesetzgeber billigt es ausdrücklich, indem er hohe Hürden für die früher übliche Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen setzt. In Niedersachsen etwa ist die physische Anwesenheit in Seminaren nur verpflichtend, wenn sie zum Erreichen des Lernziels “zwingend erforderlich” ist, etwa bei Laboren und medizinischen Praktika. Die Verbindlichkeit von Lehrveranstaltungen hat, bitteschön, hinter höheren Zielen zurückzutreten: der Vereinbarkeit des Studiums mit Erwerbstätigkeit, Kindererziehung und Pflege von Angehörigen. Per Hochschulgesetz wird kundgetan, was akademische Lehre in Zeiten von Bologna noch wert ist: nichts.
Leere statt Lehre
Statt Lehre herrscht also in den heiligen Hallen der Universitäten nur noch Leere. Das ist politisch gewollt und folgt einer systemimmanenten Logik. Paradoxerweise weist gerade die leere Hochschule den Weg in eine Zukunft jenseits der Massenuniversität. Wenn die im Grunde nicht studierfähigen Massen dem Seminar fernbleiben, weil sie es dürfen, könnte das Seminar wieder zu einem Ort des wissenschaftlichen Eros werden. Es wäre ehrlicher, den Studenten gleich bei der Immatrikulation das Bachelor-Zertifikat in die Hand zu drücken – und anschließend all denen die Tür zum Hörsaal zu öffnen, die wirklich an Inhalten interessiert sind. Doch das ist Zukunftsmusik. Einstweilen sind Professoren und Studenten in einer Hochschule gefangen, die mit Bildung kaum noch etwas zu tun hat.
Die Moskauer U-Bahn-Leser haben mir nie mehr zu denken gegeben als heute. Vielleicht ist das Rätsel gar keines. Wer in einer Gesellschaft lebt, in der Konformität Pflicht ist und Abweichung bestraft wird, zieht sich in jene Räume zurück, die kein Staat vollständig kontrollieren kann: in Bücher, in Gedanken, in Bildung als innere Emigration.
Hierzulande läuft der Mechanismus anders, aber nicht weniger wirksam. In Westeuropa ist niemand gezwungen, konform zu sein – und doch erzeugt das System Universität eine eigene Art von Gleichschaltung: die des Kompetenzrasters, des Modulhandbuchs, der abgeprüften Lernziele. Wer in solch einem System studiert, hat keinen Grund, ins Buch zu flüchten. Die Flucht ins Smartphone ist bequemer – und ehrlicher.
Legende Titelbild: So viel Augenkontakt hat ein Dozent heute selten (Quelle: Getty Images/Tom Werner)
Michael Sommer lehrt Alte Geschichte an der Universität Oldenburg. Zuletzt ist von ihm im Verlag C. H. Beck erschienen „Mordsache Caesar“ (2024) und „Die verdammt blutige Geschichte der Antike ohne den ganzen langweiligen Kram“ (mit Stefan von der Lahr, 2025).

