30. März 2026
Deutsche Schulen

Die stille Tragödie der “Tablet-Klassen”

Deutsche Schulen setzen immer noch auf “Tablet-Klassen” – ein Irrweg, den andere europäische Länder längst gestoppt haben. Denn Studie zeigen klar, wie elektronische Medien die “kognitive Geduld” der Kinder zerstören, schreibt die freie Autorin Kristina Schröder in einem Beitrag für die WELT.

 

Schulen digitalisieren! Mit keiner anderen Forderung lassen sich bildungspolitische Debatten so zuverlässig entschärfen. Egal, wie kontrovers man eben noch über Inklusion oder “Schreiben nach Gehör” diskutiert hat, an dieser Stelle nicken alle. Ist ja auch wirklich ein Unding, dass in vielen Schulen immer noch mit Schulbuch und Kreidetafel unterrichtet wird. Andere europäische Länder sind da schon viel weiter.

Das sind sie in der Tat. Viele haben den Irrweg nämlich bereits erkannt. Schweden beispielsweise hat kürzlich die seit 2017 forsch betriebene Digitalisierung der Schulen gestoppt und ein Budget von 60 Millionen Euro bewilligt, um wieder Schulbücher anzuschaffen. Die Umstellung auf Bildschirme sei ein Experiment gewesen, das sich als Fehler erwiesen habe, so die liberale schwedische Bildungsministerin Lotta Edholm.

Kristina Schröder, freie Autorin

Von dieser Erkenntnis ist Deutschland noch weit entfernt. Hier sind “Tablet-Klassen” noch ein Argument, mit dem man bei Informationsabenden für weiterführende Schulen Eltern von Viertklässlern beeindrucken kann.

Dabei sind kognitionswissenschaftliche Studien ziemlich eindeutig: Der Mensch geht mit Texten auf einem Screen anders um als mit solchen auf Papier. “Don’t throw away your printed books” ist der programmatische Titel einer Studie des spanischen Psychologen Pablo Delgado, in die Daten von rund 170’000 Schülern einflossen. Der Forscher konnte zeigen, dass Schüler Texte deutlich schlechter durchdringen, wenn sie sie in elektronischen Medien lesen.

Unsere Kinder und Jugendlichen sind gerade im Begriff, sich diese grundlegende Kulturtechnik gar nicht mehr anzueignen. Zumal es auch im Gymnasium in den meisten Klassen nur noch ein paar Schüler sind, die wirklich täglich als Freizeitbeschäftigung ein Buch in die Hand nehmen.

 

Ich fürchte ja, dass das noch nicht alles ist. Das Bildschirm-Lesen führt dazu, dass man sich das Lesen längerer anspruchsvollerer Texte komplett abgewöhnt. Der Teaser hat doch schon weitgehend alles verraten, zur Not hilft auch eine KI-Zusammenfassung.

Bei uns Erwachsenen ist diese oberflächliche (zugleich so seltsam von der Außenwelt abkapselnde) Art des Lesens schon schlimm genug, aber wenigstens haben wir es mal anders gelernt. Unsere Kinder und Jugendlichen sind gerade im Begriff, sich diese grundlegende Kulturtechnik gar nicht mehr anzueignen. Zumal es auch im Gymnasium in den meisten Klassen nur noch ein paar Schüler sind, die wirklich täglich als Freizeitbeschäftigung ein Buch in die Hand nehmen.

Lieber ein Buch lesen

Wer mit Hochschullehrern spricht, ahnt, was wir da gerade an intellektuellen Fähigkeiten verlieren. Selbst in geisteswissenschaftlichen Fächern haben es die meisten inzwischen aufgegeben, von ihren Studenten die Lektüre grundlegender Texte ihres Fachs zu verlangen. Jede Woche zwanzig, auch mal vierzig Seiten eines Originaltextes zu lesen, um dann im Seminar drüber sprechen zu können? “Vergiss es”, sagt mir ein befreundeter Prof. Die “kognitive Geduld”, so nennt es die amerikanische Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf in ihren Arbeiten zum “Deep Reading”, ist auch bei vielen angehenden Akademikern schlicht nicht mehr vorhanden.

Hier gegenzusteuern heißt nicht, blind zu sein gegenüber den Vorteilen mancher digitaler Anwendungen im schulischen Bereich. Eine Vokabel-Lern-App, die gezielt immer wieder die Vokabeln abfragt, mit denen der Schüler Probleme hat, und auch direkt die Aussprache dazu liefert, kann eindeutig mehr als ein Vokabelheft. Neulich beim Mathe-Lernen mit der mittleren Tochter habe ich mir vorher auch nochmal diskret die Primfaktorzerlegung von der KI erklären lassen. Und ab der Mittelstufe ist es sicher sinnvoll, die Schüler zu ihren Referaten auch eine Präsentation anfertigen zu lassen.

Nur wer nachvollzogen hat, wie in der Weimarer Republik eine Demokratie von innen ausgehöhlt wurde, wird heute Ähnliches rechtzeitig erkennen können. Und nur wer einmal Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung verstanden hat, wird Aussagen über Häufigkeiten oder Risiken adäquat einordnen können.

 

Aber in all diesen Fällen ist Digitalisierung kein Inhalt von Bildung, sondern ein Instrument. Um zu wissen, wie man Apps herunterlädt oder Grafiken anfertigt, brauchen die Schüler sicher keine Lehrer, eher umgekehrt. Der Sinn von Informatik als Unterrichtsfach hat mich auch nie so recht überzeugt – ist das, was da gelehrt wird, in zehn, zwanzig Jahren wirklich noch relevant? Und betont jugendlich auftretende Lehrer, die beifallheischend in ihren Online-Kanälen erklären, Social Media müsse Thema im Unterricht werden, kann ich nicht wirklich ernst nehmen.

 Auf “Ankerwissen” konzentrieren

Klar, man kann mal für eine Unterrichtseinheit auf die Meta-Ebene gehen und über Mechanismen von Mobbing oder Desinformationen sprechen, das sind durchaus wichtige Themen. Aber insgesamt muss Schule sich doch in ihrer begrenzten Zeit, in der sie aus der täglich wachsenden Fülle unseres Weltwissens ohnehin nur einen winzigen Ausschnitt vermitteln kann, auf etwas konzentrieren, das man “Ankerwissen” nennen könnte. Kenntnisse also, die den Schüler lebenslang befähigen, neues Wissen sinnvoll einzuordnen. Nur wer die grundlegenden Gedanken der Aufklärung einmal erfasst, möglichst ein paar zentrale Quellen im Original gelesen hat, wird in der Lage sein, in neuen Ideologien antiaufklärerische Argumentationen zu erkennen. Nur wer nachvollzogen hat, wie in der Weimarer Republik eine Demokratie von innen ausgehöhlt wurde, wird heute Ähnliches rechtzeitig erkennen können. Und nur wer einmal Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung verstanden hat, wird Aussagen über Häufigkeiten oder Risiken adäquat einordnen können.

 

 

Ankerwissen bedeutet also Urteilsfähigkeit. Etwa im kritischen Umgang mit Quellen. Egal, ob man eine mittelalterliche Bulle oder einen TikTok-Clip vor sich hat: Die relevanten Fragen sind, wer da, in welcher Absicht, mit welchem Kenntnisstand und mit welchen normativen Vorentscheidungen spricht.

Bei der Vermittlung dieses Ankerwissens können digitale Anwendungen hier und da von Vorteil sein. Aber der notwendigen Fähigkeit und Bereitschaft, sich auf komplexe Texte und Gedanken, auch aus anderen Epochen und Kulturkreisen, wirklich einzulassen, steht eine stark digitalisierte Form des Lernens eher im Weg,

Eine bekannte Direktorin einer Grundschule erzählte mir neulich, dass sie aufgefordert war, dem Kultusministerium ein “Medienkonzept” vorzulegen. Das Kollegium der Schule entschied sich daraufhin, das Konzept mit folgendem Satz zu beginnen: “In der Grundschule ist das zentrale Medium das Buch.”

 

Kristina Schröder war von 2002 bis 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages und von 2009 bis 2013 Bundesministerin für Familien, Senioren, Frauen und Jugend. Heute ist sie unter anderem als Unternehmensberaterin tätig und als stellvertretende Vorsitzende von REPUBLIK21, Denkfabrik für neue bürgerliche Politik. Sie gehört der CDU an und ist Mutter von drei Töchtern.

 

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2 Kommentare

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