- Donia Mühlematter besitzt zwei Doktortitel, ist aber trotz über 180 Bewerbungen bisher ohne Anstellung.
- Die Arbeitslosigkeit unter Akademikerinnen und Akademikern ist leicht gestiegen.
- KI-Konkurrenz verändert den Arbeitsmarkt: Stellen in Datenanalyse, Modellierung oder Programmierung geraten zunehmend unter Druck.
- Bildungsökonom Wolter warnt vor «Massenproduktion» akademischer Abschlüsse ohne Jobgarantie.
Mit 40 Jahren, zwei Doktortiteln und einer langen Liste von Qualifikationen sitzt Donia Mühlematter plötzlich ohne Job da.
Jahrelange harte Arbeit, Forschungsprojekte, hier die Beste, da mit Auszeichnung – alles scheint nicht mehr zu zählen. «Was ist das?!», fragt sie fassungslos, als ihr die Arbeitsberaterin rät, das «Dr. Dr.» aus ihrem Lebenslauf zu streichen. Es schrecke Arbeitgebende ab.

Liebe für die Landwirtschaft
Mühlematter wuchs im Norden Tunesiens zwischen Orangen- und Mandarinenplantagen auf. Schon als Kind liebte sie die Landwirtschaft. Aus Neugier begann sie zu experimentieren, versuchte, auf dem Land der Eltern Kiwis oder Trauben anzupflanzen.
Früh war sie entschlossen: «Ich will studieren.» Der Vater ebnete ihr den Weg an die Universität. Am liebsten hätte er gesehen, dass seine Tochter Veterinärmedizin studiert und rasch ins Berufsleben einsteigt. Hätte sie auf ihn gehört, wäre wohl alles anders gekommen.
Aber Donia Mühlematter wollte in die Forschung.
Teil des Brain Drain: Stipendien in China und der Schweiz
Sechzehn Jahre lang, von 2004 bis 2020, war sie ohne Unterbruch an Universitäten eingeschrieben.
In Tunesien studierte sie Agronomie mit Schwerpunkt nachhaltige Landwirtschaft und Klimaschutz – lange bevor Netto-null-Ziele und ökologisches Bewusstsein den Mainstream erreichten. In China absolvierte sie einen zweiten Master, diesmal in Geografie. Als – zurück im Heimatland – im dritten Jahr ihres Doktorats ihr Professor an Krebs starb, riet man ihr, ein neues PhD zu machen. Im Ausland.

Mühlematter erhielt ein Stipendium in Bern, wo sie beide Doktorate abschloss – und schliesslich wohnen blieb. Damit wurde sie Teil des sogenannten «Brain Drain». Eine von vielen hochqualifizierten Fachkräften, die ihr intellektuelles Kapital ins Ausland zügeln. Sie forschte im Kriegsgebiet und schlief im Labor
7 Sprachen, 6 Ausbildungen, 17 Zertifikate, 100 Kenntnisse und 16 Publikationen – auf der Berufsplattform sind Donia Mühlematters Erfolge aufgelistet.
«Ich habe geschwitzt dafür», sagt sie mit eindringlichem Blick. Für die Diplome forschte sie allein in der Sahara, mitten in einem Kriegsgebiet, und handelte sich deswegen Streit mit ihrer Familie ein. Neben ihren beiden Dissertationen schrieb und publizierte sie ein Buch. Nicht selten arbeitete sie bis in die Nacht und schlief im Labor.
Viele hatten kein Verständnis für ihre Ambitionen. Ihre Cousins und Cousinen fragten: «Warum gehst du überhaupt studieren?» Viel einfacher wäre es, vom Familienerbe zu leben.
Dem Sparkurs zum Opfer gefallen
Als die Kolonialmacht Frankreich Tunesien verliess, bekam Mühlematters Grossvater eine leitende Position in den Phosphatminen. Er machte ein Vermögen, kaufte Land und 6000 Milchkühe. Bis heute reicht sein Vermögen für ein bequemes Leben. Mühlematter aber will helfen – «das ist mein Charakter».
Zuletzt arbeitete sie für das Nachhaltigkeitsprogramm einer internationalen Agrarfirma in Basel. Unter anderem entwickelte sie ein Modell, das Maisbauern im Corn Belt der USA ermöglicht, ökologischer und wirtschaftlicher zu arbeiten. Drei Forscherinnen waren am Projekt beteiligt, alle drei arbeiten nicht mehr für das Unternehmen.
Die Entlassungswelle in Basel begann 2024. Mehr als hundert Stellen wurden gestrichen, der Sitz der Stiftung für nachhaltige Landwirtschaft wurde geschlossen. Bis im Herbst 2025 baute der Konzern weltweit über 4000 Stellen ab. Zur Produktivitätssteigerung, wie begründet wurde. Mühlematter sagt: Der Krieg in der Ukraine und die Politik Russlands hätten den finanziellen Druck erhöht. Jetzt werde eingespart, was keinen «Cash» bringe. Zum Beispiel Gelder für Forschungsprojekte.
Über 180 Bewerbungen und keine Zusage
Gerne hätte sie etwas für die Schweiz bewegt, sagt Donia Mühlematter. Seit zwei Jahren hat sie den roten Pass. Mit ihrem Mann wohnt sie im Westen der Stadt Bern.
Arbeitete sie vorher acht, neun oder zehn Stunden, ist sie jetzt die meiste Zeit zu Hause. Hier stapeln sich Bücher und Gesellschaftsspiele in Regalen, die Wände sind mit Retropostern dekoriert. Die Sujets im Esszimmer: Orangen und eine Tennisspielerin.
Mühlematter sagt, nur beim Tennis könne sie abschalten. Seit sie ohne Arbeit sei, habe sie fast noch mehr zu tun als vorher. Oft sitze sie stundenlang an ihrem Bewerbungsdossier – über 180-mal hat sie es in den letzten Monaten verschickt, über 25-mal wurde sie zu einem Gespräch eingeladen. Eine Zusage erhielt sie bisher nicht. «Die Leute sind immer sehr ‹impressed›, aber entscheiden sich dann doch für jemand anderes.»
Ein Abschluss an der Hochschule – eine Jobgarantie?
Für ihre Karriere hat Donia Mühlematter bewusst auf Kinder verzichtet. Sie hat sich angepasst, nicht nur sprachlich. Mit Erfolg, wie ihre Referenzen zeigen: Wo sie arbeitete, schätzte man sie. «Ich bin überqualifiziert», sagt sie nun abgeklärt. Ihre Diplome sind keine Türöffner mehr, sondern Hindernisse geworden. «Ich schäme mich fast schon dafür.»
Mühlematter ist kein Einzelfall. In den letzten Jahren ist die Arbeitslosenquote von Hochschulabsolventinnen und -absolventen von 1,4 auf 2,2 Prozent gestiegen. Sie ist tiefer als die Gesamtquote, das Phänomen aber ist erkennbar: Die Zahl der Hochschulabschlüsse wächst schneller als die Nachfrage des Arbeitsmarkts. Besonders schwierig ist der Berufseinstieg nach dem weiterführenden Masterstudium.

Sollte Bildung nicht die Chancen auf eine Anstellung erhöhen? «Das gilt weiterhin», sagt Bildungsökonom Stefan C. Wolter von der Universität Bern, «aber mit Einschränkungen»: Der Wettbewerb habe sich verschärft, hinzu komme der Kostendruck: Gut ausgebildete Fachkräfte sind teuer. Unternehmen rekrutieren vermehrt günstigeres Personal im Ausland oder setzen auf Technologie. Konkurrenz durch KI – das bereitet auch Mühlematter Sorgen.
Wie KI den Arbeitsmarkt verändert
Eine Studie der Konjunktur-Forschungsstelle der ETH Zürich bestätigt: Seit 2023 stehen insbesondere KI-exponierte Berufe unter Druck.
Stefan C. Wolter warnt davor, die Auswirkungen von künstlicher Intelligenz vorschnell zu beurteilen. Zwar sei klar, dass kein technologischer Umbruch je so rasant vonstattenging wie dieser. Doch welche Berufe langfristig gefährdet seien, lasse sich derzeit kaum sagen. Klar ist nur: KI kann bereits heute meisterlich programmieren, Daten analysieren oder Modelle erstellen – Tätigkeiten, die einst Hauptbestandteil von Donia Mühlematters Alltag waren.
Besonders vom Wandel betroffen seien Einstiegsstellen und mittlere Qualifikationen, sagt Wolter. KI ermögliche es, dass auch Menschen mit wenig Erfahrung schnell ein produktives, aber oberflächliches Niveau erreichten. Am oberen Ende der Skala konzentrieren sich Einkommen und Nachfrage derweil zunehmend auf wenige Spezialistinnen und Spezialisten. Wolter nennt es: «The winner takes it all.»
Im Fall von Donia Mühlematter zeigt sich ein weiteres Paradox: Zwar ist sie für spezialisierte Positionen grundsätzlich attraktiv, doch in wirtschaftlich angespannten Zeiten zögern Unternehmen bei Neueinstellungen.
Trotz allem sieht Wolter keinen anderen Weg, als auf exzellente Fähigkeiten zu setzen. Problematisch sei jedoch die «Massenproduktion» akademischer Abschlüsse: Wenn durchschnittlich Qualifizierte keine Anstellung mehr fänden, müsse die Frage erlaubt sein: Wie viele Absolventinnen und Absolventen benötigt ein Fachgebiet tatsächlich?
Eine Zukunft als Lehrerin?
Das vergangene Jahr sei hart gewesen, sagt Donia Mühlematter. «Viel liegen und weinen.» Immer wieder probieren und enttäuscht werden. Aufgeben will sie nicht. Sie will Kurse nehmen, Projektmanagement zum Beispiel. Das sei gefragt.
Ihr Mann sage oft, sie habe noch Zeit. Bis im Oktober erhält Donia Mühlematter Arbeitslosengelder. Ihre Beraterin betone, Gesundheit und Familie seien wichtig. Mühlematter aber hat genug von der Arbeitslosigkeit. Sie sagt: «Meine Arbeit ist meine Identifikation. Ich will etwas Sinnvolles tun.»
Aktuell bewerbe sie sich noch auf ihrem Fachgebiet; Positionen unter ihrem Profil und darüber, Stellen in Bern oder ganz Europa, teilweise vor Ort oder in Fernarbeit. Illusionen macht sie sich keine. Vielleicht werde sie bald etwas ganz anderes machen. Lehrerin vielleicht – für Französisch oder Arabisch.

