1997 eroberte die amerikanische Sängerin Ultra Naté mit ihrem DanceHit «Free» nicht nur die Charts in ihrer Heimat, sondern auch in diversen europäischen Ländern, darunter die Schweiz. «You’re free (mit langgezogenem «freeee») to do what you want to do / You’ve got to live your life / Do what you want to do» – so schallte der Appell ihres Refrains vor fast 30 Jahren durch die Clubs und Discos der Welt.

Für Jean-Paul Sartre, den grossen Existenzialisten, hat der Mensch keine vorgegebene Bestimmung und ist deswegen dazu verurteilt, frei zu sein; er trägt aber auch die volle Verantwortung für sein Handeln und sein Leben. Dieser Zusammenhang zwischen Freiheit einerseits und der Verantwortung für sein Tun und Lassen andererseits ging mir durch den Kopf, als ich in jüngster Vergangenheit immer häufiger Schlagzeilen wie diese zu Gesicht bekam: «Ein Buch lesen? Ganz?!» (Die Zeit), «The Elite College students who can’t read books» (The Atlantic), «Universities teaching literature students how to cope with long novels» (The Times).
Was verbirgt sich dahinter? Ein befreundeter Germanistik-Dozent berichtete mir, dass viele seiner Studierenden tatsächlich nicht nur Mühe damit hätten, längere und anspruchsvollere Texte zu lesen, sondern auch offen ihre Unlust darüber zum Ausdruck brächten. Das musste ich mir, trotz des bitteren Geschmacks, noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: Es gibt also junge Menschen, die sich aus freien Stücken für ein sprachlich-literarisches Studium entscheiden, ohne viel lesen zu wollen. Aber wie kommt man denn auf so eine Idee?
Sartres kongenialer Zeitgenosse Albert Camus hatte betont, dass Freiheit nicht in erster Linie aus Privilegien bestehe, sondern aus Pflichten.
Gegen die Freiheit des Individuums dürfte wohl kein halbwegs aufgeklärter Mensch etwas Grundsätzliches einzuwenden haben. Wer aber für sich in Anspruch nehmen will, etwas werden zu wollen, ohne sich um die dafür erforderlichen Anforderungen zu scheren und ohne dabei Aspekte wie Eignung und Qualifikation zu berücksichtigen, der unterliegt dem Konzept eines fehlgeleiteten radikalen Individualismus, das irgendwo in der kindlichen «Ich will»-Trotzphase (normalerweise im Alter von ca. 1,5 bis 3 Jahren auftretend) steckengeblieben ist. Sartres kongenialer Zeitgenosse Albert Camus hatte betont, dass Freiheit nicht in erster Linie aus Privilegien bestehe, sondern aus Pflichten.
Andernfalls müssten wir konsequenterweise auch mit Bademeisterinnen rechnen, die des Schwimmens nicht mächtig sind. Mit unter Höhenangst leidenden Bergführern. Oder mit Landschaftsgärtnern, denen es an körperlicher Belastbarkeit und handwerklichem Geschick fehlt.
Nun gut, was wir im Bildungsbereich infolge des quantitativen und qualitativen Lehrpersonenmangels schon seit längerer Zeit kennen, sind Lehrkräfte, die Fächer unterrichten, für die sie weder qualifiziert noch ausgebildet sind. Vielleicht haben die Schulen, wenn auch unfreiwillig, in dieser Hinsicht ja eine Pionierrolle eingenommen …


Gestern beim Besuch einer Familie mit Kleinkind gehört: Wir schaffen eine Ja-Umgebung.
Alles klar – Krönchen parat für den späteren Schulbesuch. Ich will, ich darf, ich will, ich darf, ich will…
Es wäre viel attraktiver, wenn der Inahlt des Artikels bereits in der e-mail vermerkt wäre, welche den neuen Artikel anpreist. Sonst verschiebt man die Mail einfach ungelesen in den Papierkorb.
Beste Grüße, M.Meili
Ja, bitte; denn der Artikel ist kurz, prägnant und trifft einen wesentlichen Aspekt der Entwicklung und Bildung.
Ferner, in anekdotischer Evidenz: Was ich als Mathematiklehrer zu Schuljahresbeginn als neueintretende „Gymnasiasten“ empfangen habe, trifft man mit der – zugegebenermassen zugespitzten – Formulierung „ohne Basics ausgestattete Krönchen-Zöglinge“ vortrefflich Es ist eine Herkulesaufgabe, sie in weniger als 4 Jahren auf die Hochschule vorzubereiten.