In Kürze:
- Zwei Kantone lehnten Bildungsvorlagen ab, die Lehrpersonen entlastet hätten.
- Rösler sieht die Abstimmungsresultate als Nein gegen zusätzliche Kosten, nicht gegen Lehrpersonen.
- Der Einsatz von Personen ohne Lehrdiplom untergräbt laut Rösler das Ansehen des Lehrberufs.
- Sinkende Pisa-Werte haben laut Rösler viele Ursachen, nicht nur schulische Faktoren.
Mit einem deutlichen Nein erteilte die Stimmbevölkerung in den Kantonen Zürich und Bern den vorgeschlagenen Bildungsreformen am vergangenen Abstimmungssonntag eine Absage. In Zürich ging es darum, ob Lehrkräfte mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung der Lektionen bekommen sollten. In Bern, ob die Bildungsqualität in die Verfassung gehört – und eine gute Schule damit nicht nur ein Ziel, sondern eine ausdrückliche Pflicht werden sollte.
Auch in der öffentlichen Debatte werden Pädagoginnen und Pädagogen ständig kritisiert: Von üppigen Ferien, fürstlichen Gehältern und einer ausgeprägten Jammerkultur ist dort die Rede. Das Ansehen des Berufsstands scheint zunehmend zu bröckeln. Doch woher rührt diese tiefe Skepsis? Und inwiefern trägt die Lehrerschaft womöglich selbst eine Mitschuld an diesem Misstrauen? Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), bezieht dazu im Interview Stellung.


Tamedia: Frau Rösler, wenn gleich zwei grosse Kantone zu Vorlagen Nein sagen, die den Lehrpersonen geholfen hätten: War das eine gezielte Klatsche der Bevölkerung?
Dagmar Rösler: Für mich sind diese Abstimmungsresultate kein Misstrauensvotum gegenüber den Lehrpersonen. Sie sind vielmehr ein Nein gegen dauerhafte zusätzliche Kosten. Für viele Menschen ist schwer fassbar, wofür es dieses zusätzliche Geld konkret braucht, weshalb sie eher Nein stimmen. Das zeugt vielleicht auch von einem gewissen Desinteresse oder Unverständnis gegenüber den heutigen Herausforderungen in der Bildung.
Sie sprechen von fehlendem Verständnis und Desinteresse. Haben die Lehrerinnen und Lehrer ein Imageproblem?
Rösler: Fast jeder Beruf hat das Problem, dass sich Aussenstehende schwer vorstellen können, wo der Stress und die eigentlichen Herausforderungen liegen. Es entstehen schnell Vorurteile. Es ist extrem schwierig, nach aussen ein reales Bild des Lehrberufs zu zeichnen und vom Klischee wegzukommen, man unterrichte von 8 bis 15 Uhr und ruhe sich danach aus.
In der Tat lautet ein häufig geäusserter Vorwurf: Lehrpersonen jammern ständig über Arbeitsüberlastung, haben aber Schulferien und Teilzeitpensen – und ein vergleichsweise hohes Lohnniveau. Ist die Schule nicht ein Stück weit selbst schuld, dass ihr die Empathie der Stimmbevölkerung fehlt?
Rösler: Die Frage ist: Würden wir mehr Sympathie erhalten, wenn wir immer nur davon sprechen würden, wie toll unser Beruf ist und wie glücklich wir sind? Aus unseren Berufszufriedenheitsstudien geht klar hervor, dass Lehrerinnen und Lehrer ihren Beruf sehr schätzen. Er ist sinnstiftend und kreativ. Leider machen die Medien das darauffolgende «Aber» oft riesengross und das Positive sehr klein.
Besonders auf der Primarstufe herrscht oft die falsche Meinung, für die Kleinen reiche es aus, wenn man Kinder gernhabe und das Einmaleins beherrsche.
Auch die Lehrerverbände und Ihr Dachverband haben jahrelang vor allem die Überlastung thematisiert, anstatt die Attraktivität und die Erfolge des Berufs zu betonen…
Rösler: Im Nachhinein sieht man immer Dinge, die man besser oder anders hätte machen können. Ich glaube aber auch, dass im Fall der Abstimmungen in Zürich und Bern die zeitlichen Umstände nicht optimal waren: Die Initiativen fielen in eine Zeit, in der rückläufige Schülerzahlen und steigende Anmeldezahlen an den Pädagogischen Hochschulen (PH) kommuniziert wurden. Das erweckt den Eindruck einer Entspannung. Die Leute fragen sich: Warum braucht es gerade jetzt mehr Geld?
Warum braucht es das?
Rösler: Im Kanton Zürich ging es um die Erhöhung von abgegoltener Zeit für die Vor- und Nachbereitung von Lektionen, da die aktuelle Anzahl Stunden nicht mehr der Realität entspricht. Das kostet natürlich. Die Verankerung der Bildungsqualität in der Verfassung des Kantons Bern hatte kein Preisschild. Sie wäre jedoch wichtig gewesen, um in Zukunft die Bildungsqualität mit gut ausgebildetem Personal zu sichern.

In Zürich arbeiteten zuletzt viele sogenannte Poldis, also Personen ohne Lehrdiplom, und immer häufiger kommen Quereinsteigende an den Schulen zum Einsatz. Das kann das Gefühl vermitteln: Eigentlich kann das doch jeder.
Rösler: Das ist tatsächlich ein grosses Thema. Wenn signalisiert wird, dass jeder und jede ohne entsprechende Ausbildung unterrichten kann, unterwandern wir unseren eigenen Beruf. Es braucht in der Schule ein starkes Rückgrat aus gut ausgebildeten Lehrpersonen und Heilpädagoginnen. Besonders auf der Primarstufe herrscht oft die falsche Meinung, für die Kleinen reiche es aus, wenn man Kinder gernhabe und das Einmaleins beherrsche.
“Schule sorgt immer dafür, dass es läuft”
Aber weshalb gelingt es nicht, der Bevölkerung genau das verständlich zu machen?
Rösler: Das ist eine gute Frage. Zum einen, weil die Bevölkerung die Schule meist nur aus der Aussensicht kennt: von der eigenen Schulzeit oder als Erziehungsberechtigte. Markant ist ausserdem tatsächlich: Die Schule sorgt immer dafür, dass es läuft – egal, welche Krise wir haben. Ob Corona, Lehrpersonenmangel oder viele ukrainische Kinder, die auf einmal in Klassen integriert werden mussten. Gegen aussen spürt man den Druck und die Notlagen in den Schulen gar nicht, weil die Kinder weiterhin jeden Tag hingehen.
Der Zürcher Lehrerverband spricht von durchschnittlich 340 Stunden Mehrarbeit oder sogar Gratisarbeit pro Jahr und Lehrperson. Wie belastbar ist eine solche Zahl?
Rösler: Das ist eine Hochrechnung und als solche sicher belastbar. Es ist aber bezeichnend, dass diese Rechnung nicht ernst genommen wird. Überzeit bei Lehrpersonen kann man sich offenbar nicht vorstellen. Ich habe auch schon gehört: “Dann müsst ihr halt pragmatischer sein und etwas weniger perfekte Arbeitsblätter machen, dann habt ihr nicht so viele Stunden.”
Würde eine Arbeitszeiterfassung nicht Transparenz schaffen?
Rösler: Der LCH macht regelmässig Arbeitszeiterhebungen und auch andere Studien. Aber die Resultate werden oft hinterfragt, und man sagt: «Das ist subjektiv, das sind ja nur die Lehrpersonen, die ihre eigenen Zeiten aufschreiben.» Wenn aber Tausende Lehrpersonen sich an unseren Umfragen beteiligen, müsste die Politik sich für die Ergebnisse interessieren und ihnen auf den Grund gehen.
Wir können in dieser grossen Vielfalt in einer Klasse leider nicht mehr immer alle Kinder so begleiten, wie wir gern würden.
Lange war die Bildungspolitik fest in linker Hand. Jetzt mischen die FDP und SVP stärker mit. Inwiefern verändert das die Debatte um die Volksschule?
Rösler: Die Veränderungen in der Gesellschaft sind stärker zum Thema geworden. Also etwa die wachsende Anzahl an Kindern mit unterschiedlichen Bedürfnissen oder der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund. Aber auch in den Gesprächen mit den bürgerlichen Parteien höre ich viel Wertschätzung für unseren Beruf. Sie wissen, was die Schulen leisten.
Nun bräuchte es eine gemeinsame Strategie, etwa was die integrative Schule betrifft. Aber in dieser Frage sind sich nicht einmal die Lehrpersonen einig, wie Ihre interne Befragung kürzlich zeigte…
Rösler: Es ist tatsächlich schwierig, eine gemeinsame Strategie zu finden. Dass die Lehrpersonen verschiedene Ansichten vertreten, ist aber verständlich – denn vom Kindergartenlehrer bis zur Sekundarschullehrerin haben sie ganz verschiedene Bedingungen in ihren Klassen. Ausserdem zeigt unsere Befragung, dass die Integration als pädagogische Idee befürwortet wird, sie aber mit der aktuellen Umsetzung kritisch betrachtet wird. Wir können in dieser grossen Vielfalt in einer Klasse leider nicht mehr immer alle Kinder so begleiten, wie wir gern würden.
Schweizer 15-Jährige schneiden in der Pisa-Studie beim Lesen und in Mathematik deutlich schlechter ab als noch vor zehn Jahren. Warum sollte man weitere Millionen in ein System pumpen, in dem die grundlegenden Fähigkeiten stetig nachlassen?
Rösler: Es bereitet uns tatsächlich Sorgen, dass junge Menschen immer schlechter abschneiden. Dieses Phänomen ist weltweit zu beobachten. Und man darf auch mal sagen, dass die Schweiz im OECD-Vergleich immer noch überall an der Spitze ist. Erwähnenswert finde ich übrigens, dass die Schweiz in den Naturwissenschaften das Niveau halten konnte. Das allein wäre doch eine Schlagzeile wert.

Aber die Grundkompetenzen sind im Sinkflug. Und das, obschon – wie Avenir Suisse kürzlich kommunizierte – die Bildungsausgaben pro Schülerin und Schüler seit dem Jahr 2000 um real fast 70 Prozent gestiegen sind…
Rösler: Wenn man einfach pauschal sagt, die Kosten seien massiv gestiegen und die Leistungen würden schlechter, ist das Polemik. Man muss genau differenzieren, wofür dieses Geld eingesetzt wird: Vor 26 Jahren sah die Schule völlig anders aus. Seither wurden Schulleitungen und Schulsekretariate aufgebaut, und Schulhäuser und Klassen mussten mit grossem finanziellem Aufwand digitalisiert werden. Es kamen veränderte gesellschaftliche Aufgaben hinzu, die Wirtschaft verlangt inzwischen frühe Fremdsprachen und digitale Kompetenzen, und die Verwaltungslast ist gestiegen. Zudem haben wir eine viel grössere gesellschaftliche Vielfalt in den Schulzimmern zu bewältigen.
Also trägt die Vielfalt die Hauptschuld dafür, dass die Kompetenzen sinken?
Rösler: Es gibt dafür viele Gründe. Wir wissen beispielsweise, dass Kinder mit sozioökonomischer Benachteiligung oder solche, die daheim nicht die Unterrichtssprache sprechen, die Grundkompetenzen in vielen Fällen nicht erreichen und auch stark benachteiligt sind. Die Bildungsgerechtigkeit in der Schweiz ist noch ausbaufähig. Kinder, die daheim keine Hilfe bekommen, sind in unserem Bildungssystem klar im Nachteil. Zudem haben sich die Freizeitgewohnheiten stark verändert: Kinder lesen heute seltener Bücher als Hobby und schreiben von sich aus keine langen Texte mehr.
Ich bin sicher, es gibt noch zahlreiche weitere Gründe, weshalb die Grundkompetenzen sinken. Aber nicht überall ist einfach die Schule schuld.
Sabrina Bundi ist Redaktorin im Ressort Inland von Tamedia und schreibt schwerpunktmässig über gesellschaftspolitische, bildungspolitische und regionale Themen.
Fabienne Sennhauser ist bei Tamedia diensthabende Redaktorin im Ressort Zürich mit Schwerpunkt Politik.

