5. September 2026
Zeitgemässe Betrachtung über die schulische Selektion

Viele Wege führen ins Leben

Kinder sind verschieden. Sie lernen und entwickeln sich unterschiedlich. Bildungsgerechtigkeit sucht deshalb nicht gleiche Wege für alle – sie beginnt mit der Anerkennung dieser Verschiedenheit. Doch die Selektion nach der Primarschule soll zunehmend abgeschafft werden. Ist das tatsächlich gerechter?, fragt Condorcet-Autor Carl Bossard.

Es beginnt mit einer einfachen Tatsache: Kinder sind verschieden. Und diese Verschiedenheit hat weitreichende Folgen für die Schule.

Kinder bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit. Sie entwickeln ihre Begabungen, Interessen und Fähigkeiten auf unterschiedliche Weise – und in unterschiedlichem Tempo. Manche suchen früh die intellektuelle Herausforderung, andere entfalten ihre Stärken später. Einige sind sprachlich stark, andere praktisch, technisch oder musisch.

Diese Verschiedenheit ist kein Fehler des Bildungssystems. Sie gehört zum Menschsein.

Carl Bossard, Condorcet-Autor und Bildungsexperte: Verschiedenheit ist keine Ungerechtigkeit.

Die bildungspolitische Debatte dreht sich dennoch zunehmend um die Frage, ob Kinder zu früh auf unterschiedliche Bildungswege verteilt werden. Dabei gibt es gewichtige Stimmen. Katharina Maag Merki, Professorin an der Universität Zürich, sieht in der frühen Selektion ein grundlegendes Problem des Schweizer Bildungssystems. Auch Thomas Minder, Präsident des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz, spricht sich für eine weitgehende Abschaffung früher Selektion und des Langzeitgymnasiums aus.

Das Anliegen ist ernst zu nehmen. Kein Kind soll wegen seiner sozialen Herkunft, einer falschen Zuschreibung oder einer Momentaufnahme um Bildungschancen gebracht werden.

 Verschiedenheit ist keine Ungerechtigkeit

Doch daraus folgt nicht, dass Selektion als solche ungerecht ist. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie gehen wir mit der Verschiedenheit der Kinder um? Wer sie ernst nimmt, muss fragen, ob ein möglichst langes gemeinsames Lernen für alle tatsächlich der gerechteste Weg ist. Gleichheit der Wege ist nicht dasselbe wie Gerechtigkeit.

Ein gerechtes Bildungssystem muss zweierlei können: Es muss gemeinsame Bildung ermöglichen und individuelle Verschiedenheit ernst nehmen. Denn Gleichheit und Gerechtigkeit sind nicht dasselbe. Gleichheit verlangt denselben Weg für alle; Gerechtigkeit nimmt Unterschiede ernst.[1]

Nicht Aussortierung, sondern Zuordnung

Das Wort «Selektion» hat einen schlechten Klang bekommen. Es klingt nach Auslese, nach Gewinnern und Verlierern. Solche Konnotationen können problematisch werden, wenn mit der Selektion zugleich die Vorstellung eines endgültigen Urteils über die Zukunft eines Kindes verbunden ist.

Gerade darin liegt eine Stärke des schweizerischen Bildungssystems. Es kennt verschiedene Bildungswege: das Langzeit- und das Kurzzeitgymnasium, die Berufsbildung, die Berufsmaturität und über die Passerelle weitere Wege an die Universität.

Doch verantwortungsvolle Selektion meint etwas anderes. Sie stellt eine schlichte Frage:

Welcher Bildungsweg passt zu diesem jungen Menschen – jetzt?

Ein zwölfjähriges Kind ist kein fertiger Mensch. Seine Entwicklung bleibt offen. Deshalb darf ein Selektionsentscheid niemals ein Urteil fürs Leben sein. Er muss Übergänge ermöglichen, Korrekturen zulassen und neue Wege offenhalten.

Gerade darin liegt eine Stärke des schweizerischen Bildungssystems. Es kennt verschiedene Bildungswege: das Langzeit- und das Kurzzeitgymnasium, die Berufsbildung, die Berufsmaturität und über die Passerelle weitere Wege an die Universität. Wer nach der Primarschule nicht ins Gymnasium eintritt, hat deshalb nicht «verloren». Ein anderer Bildungsweg ist kein Ausschluss von Bildung, sondern eine andere Möglichkeit, sie weiterzuführen. Ein Bildungsweg ist nicht das Leben. Er ist ein Weg ins Leben.

Verschiedenheit verlangt Differenzierung

Es gibt Schülerinnen und Schüler, die schon am Ende der Primarschule mit grosser Neugier lesen, fragen, abstrahieren und nach anspruchsvolleren Lerninhalten verlangen. Für sie kann das Gymnasium der richtige Lernort sein. Das ist kein Privileg. Es kann Begabungsförderung sein.

Natürlich darf soziale Herkunft nicht über Bildungswege entscheiden. Das ist eine der grossen Herausforderungen jedes selektiven Systems. Wer in einem bildungsnahen Elternhaus aufwächst, kann bei solchen Entscheidungen Vorteile haben. Doch die Antwort darauf kann nicht sein, Unterschiede zwischen Kindern an ihre soziale Herkunft zu binden.

Sie muss vielmehr darin liegen, fairer und sorgfältiger zu selektionieren: mit transparenten Kriterien, professioneller Beurteilung und der Gewissheit, dass ein früher Entscheid später korrigiert werden kann.

Ungerecht wird sie dort, wo Herkunft wichtiger wird als Fähigkeit, wo ein Entscheid endgültig ist oder wo spätere Wege versperrt werden.

Gleichheit oder Gerechtigkeit?

Hier liegt der Kern der Frage. Gleichheit sagt: Alle gehen denselben Weg. Gerechtigkeit fragt: Welcher Weg eröffnet diesem Kind die besten Möglichkeiten?

Eine Schule ohne frühe Selektion kann sozial gerechter sein. Sie kann aber auch neue Ungerechtigkeiten schaffen, wenn Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, Interessen und Lerngeschwindigkeiten zu lange im selben Lernsystem bleiben müssen. Umgekehrt ist Selektion nicht automatisch ungerecht. Ungerecht wird sie dort, wo Herkunft wichtiger wird als Fähigkeit, wo ein Entscheid endgültig ist oder wo spätere Wege versperrt werden.

Darum sollte die Frage nicht lauten: Selektion – ja oder nein? Die bessere Frage lautet: Wie muss Selektion gestaltet sein, damit sie Bildungschancen eröffnet statt begrenzt?

Denn Unterschiede verschwinden nicht, wenn man auf Selektion verzichtet. Sie zeigen sich trotzdem – im Lernen, in den Interessen, in den Leistungen und später im Berufsleben.

Die Schule kann sie ignorieren. Sie kann versuchen, sie zu nivellieren. Oder sie kann ihnen gerecht werden.

Eine verantwortungsvolle Bildungspolitik sollte deshalb Vielfalt der Wege mit Durchlässigkeit verbinden. Selektion darf kein Urteil über den Wert eines Kindes sein. Sie muss korrigierbar bleiben und spätere Entwicklungen berücksichtigen. Dann kann sie eine pädagogische Antwort auf eine einfache Wahrheit sein: Kinder sind verschieden.

Wer diese Verschiedenheit ernst nimmt, schickt nicht alle auf denselben Weg. Er sorgt dafür, dass jedes Kind jenen Weg findet, auf dem es seine Möglichkeiten entfalten kann. Und dass aus einem frühen Entscheid kein Urteil fürs ganze Leben wird.

Viele Wege führen ins Leben.

 

[1] Mathias Brodkorb, im Interview mit Nadja Pastega, in: SonntagsZeitung, «Wir haben die schlechtesten Schülerleistungen aller Zeiten», 16.08.2026, S. 16–17.

 

 

 

image_pdfAls PDF herunterladen

Verwandte Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert