7. September 2026
Über die Aussagekraft der Noten

Das schlechte Gewissen wegen der Schulnoten

Condorcet-Autor Felix Schmutz nimmt sich eines Dauerbrenners in der bildungspolitischen Diskussion an. Sind Noten wirklich so unpräzise und schädlich? Analyse eines Praktikers.

Hanspeter Amstutz stellt in seinem Newsletter «Bildung bedeutet Vertrauen ins eigene Denken zu gewinnen» die Frage: Verabschiedet sich die Schule vom Leistungsgedanken? Dabei geht er auf die Diskussion um die Schulnoten ein. Er zitiert das Argument, Schulnoten seien «subjektiv, demotivierend und wenig aussagekräftig». Selbst Roland Reichenbach, der die Noten als leistungsförderndes Element verteidigt, hält sie für «wenig präzis». Wie ist diese Kritik an Schulnoten zu beurteilen? Ist sie überhaupt berechtigt? Normalerweise müsste Kritik mit Argumenten oder Beispielen untermauert werden. Darum ist es bei der Notenschelte schlecht bestellt. Amstutz empfiehlt seriöses Nachdenken. Dies soll hier versucht werden.

Felix Schmutz, Baselland: Inwiefern sind Noten nicht präzise?

Sind Noten nicht präzise?

 Inwiefern sind Noten nicht präzise, wie behauptet wird? Beispiel: Die Lehrerin stellt 10 Kopfrechenaufgaben im Bereich zwischen 0 und 100. 7 Resultate sind richtig, 3 sind falsch. Wenn sie über diese Leistung eine Skala legt, so könnte sie für 10 Richtige eine 6, für 7 Richtige eine 4.5 setzen. Was wäre daran unpräzise? Oder ein Lehrer diktiert einen vorbereiteten Text. Über die Schreibfehlerzahl legt er die Skala: 0 und 1 Fehler 6, 2 Fahler 5,5, 3 und 4 Fehler 5, etc. Was wäre daran ungenau? Beide Beispiele stehen für eine klar definierte Leistungsmessung.

Eine Messskala der beschriebenen Art ist sehr präzise. Eine Beurteilung in Prozenten der Maximalleistung wäre gleichbedeutend. Definiert werden muss bei Noten die Abstufung der Skala. Diese richtet sich nach der Länge und der Schwierigkeit der Aufgabe. Sie sollte natürlich dementsprechend angemessen sein. Aber präzise ist sie auf jeden Fall. Sie ist sicher präziser als jede Worterklärung oder eine Zeichnung von Blümchen oder Figürchen auf dem Blatt.

Sind Noten rein subjektiv?

Inwiefern sind Noten subjektiv? Grundsätzlich ist dieser Vorwurf immer dann berechtigt, wenn die Beurteilungskriterien nicht klar definiert und für alle Testpersonen gleich sind. Tatsächlich verlangt dies von der Lehrperson schon bei der Durchführung des Unterrichts und bei der Vorbereitung eines Tests genaue und logische Entscheidungen. Bei den oben genannten Beispielen ist der Vorwurf sicher nicht berechtigt. Die Bewertung ist objektiv richtig.

Schwieriger ist es, wenn komplexere Leistungen zu beurteilen sind. Kann man auch Aufsätze oder Projekte objektiv beurteilen? Oft werden Beispiele angeführt, wo verschiedene Lehrkräfte höchst unterschiedliche Noten vergeben haben, wenn sie Aufsätze zum Thema «Ein Mensch, der mich beeindruckt hat» beurteilen mussten. Die Werte für den gleichen Aufsatz konnten um bis zu 4 Noten variieren.

Das ist jedoch dann nicht verwunderlich, wenn sich die Lehrpersonen nicht darüber haben absprechen können, wie das Thema vorbereitet wurde, welche inhaltlichen und sprachlichen Kriterien den Jugendlichen vorab genannt wurden. Sobald solche Absprachen vorliegen, wird die Beurteilung sehr viel objektiver ausfallen. Nach eigenen Erfahrungen im Kollegium liegt die Differenz der Beurteilung noch bei einem Notenwert von 0.5,

Wenn ich bei uns eine 3.5 als Rückmeldung erhalte, weiss ich, dass meine Leistung nicht ganz schlecht, aber auch nicht ganz genügend ausgefallen ist.

Sagen Noten nichts aus?

Noten seien nicht aussagekräftig, lautet eine weitere Rüge. Dies ist einerseits richtig und andererseits falsch. Richtig ist, dass eine Zahl alleine nicht aussagekräftig ist. Wer in einer französischen Schule eine 14 bekommt, wäre tatsächlich ratlos, wenn die Lehrperson nicht hinschreiben würde 14 von 20. Sobald die Zahl in einem Bezugsrahmen auftaucht ist sie sehr aussagekräftig. Als Schülerin oder Schüler kann ich mich auf einer Skala verorten und erhalte eine klare Aussage über meine Leistung. Wenn ich bei uns eine 3.5 als Rückmeldung erhalte, weiss ich, dass meine Leistung nicht ganz schlecht, aber auch nicht ganz genügend ausgefallen ist. Dies dürfte wesentlich aussagekräftiger sein, als wenn ich einen wohlwollenden, aufmunternden Kommentar wie diesen erhalte:

«Du hast dir bei dieser Aufgabe Mühe gegeben. Dabei hast du übersehen, dass nicht die Frage der Gewaltentrennung im Vordergrund stand, sondern die eigentliche Aufgabe der Gerichte in der Demokratie. Du erwähnst zwar, dass sich die Gerichte auf die Gesetze stützen müssen, nimmst aber fälschlicherweise an, dass die Gerichte auch die Gesetze festlegen.»

Nichts gegen diesen Kommentar, der den Schüler auf seinen Irrtum hinweist. Wie soll sich der betreffende Schüler aber auf der Leistungsskala verorten, wenn dies die einzige Rückmeldung bleibt? Wie gut war ich eigentlich, wird mit den besten Kommentaren nicht beantwortet, mit einer Note hingegen sehr ausdrucksstark.

Entmutigen Noten die Lernenden?

Noten seien demotivierend, lautet ein weiterer Vorwurf. Hier begeben sich die Kritiker auf das Gebiet der Psychologie und der Moral. Es ist nicht zu bestreiten, dass diejenigen mit schwachen Leistungen in ihrem Selbstwertgefühl tangiert werden. Eine Erfahrung, die nicht nur in der Schule zutrifft. Wer der Letzte ist im Hundertmeterlauf, ist auch entmutigt. Wer im Fussball das Tor verfehlt, ist auch enttäuscht. Wer 15 cm kleiner ist als der Durchschnitt seiner Altersgenossen, hat auch Mühe mit seinem Schicksal.

Der Wegfall von Noten bringt das Unangenehme nicht zum Verschwinden.

Allerdings ist es ein Irrglaube zu meinen, wenn die Note, die einen auf einer Skala als schwächer verortet, wegfalle, würden die Kameraden nicht merken, dass ich schlechter bin als sie oder dass es mich selbst nicht demotivieren würde, wenn ich merke, dass ich etwas nicht konnte. Wer eine Niederlage einstecken muss, bemerkt es immer, ob mit oder ohne Noten. Und das ist das eigentlich Demotivierende: Die Tatsache, dass ich es nicht oder noch nicht konnte. Der Wegfall von Noten bringt das Unangenehme nicht zum Verschwinden.

Die entscheidende Frage ist, wie gehen Lernende oder deren Lehrpersonen mit der Schwäche um. Motivieren sie die Betroffenen, fleissiger zu arbeiten? Gehen sie im Unterricht oder in Förderstunden auf die Schwächen ein? Berücksichtigt die Schule auf der Sekundarstufe I die Tatsache, dass es Leute mit unterschiedlicher kognitiver Begabung gibt, indem sie diese entsprechend in Leistungsgruppen einteilt, so dass auch Schwächere in einem ihnen möglichen Rahmen besser werden können?

Noten geben lediglich eine Rückmeldung über den momentanen Lernerfolg. Sie begleiten die Lernschritte und messen punktuell und über einen beschränkten Zeitraum die geforderten Leistungen.

Fazit

Noten sollten in ihrer pädagogischen Bedeutung nicht länger falsch eingeschätzt werden. Richtig angewendet, sind sie ein geeignetes Instrument, um eine bestimmte Leistung hier und jetzt auf einer Messskala zu verorten. Sie machen keine Aussage über die Begabung, den Charakter, die menschlichen Eigenschaften eines Kindes. Sie wollen nicht seinen Lebensmut untergraben. Gute Noten garantieren ihrerseits nicht Glück, Ruhm und Reichtum im späteren Leben. Noten geben lediglich eine Rückmeldung über den momentanen Lernerfolg. Sie begleiten die Lernschritte und messen punktuell und über einen beschränkten Zeitraum die geforderten Leistungen. So verstanden, können sie eine wesentliche Stütze des schulischen Bildungsweges sein und sollten nicht pädagogisch verteufelt werden.

 

 

 

 

 

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