Meinen Leserinnen und Lesern ist sicher nicht entgangen, dass ich ausserhalb meiner Biel-Bienne-Kolumnen auch ab und zu von anderen schweizerischen Medien zu Bildungsfragen konsultiert werde. Dabei kommt es auch vor, dass ich als Bildungsexperte bezeichnet werde. Das ist mir sehr unangenehm und ich dränge die Befragerin nicht selten, auf diese «Ehrenmeldung» zu verzichten. Das tue ich übrigens nicht, weil in den Lehrerzimmern der flapsige Spruch kursiert: «Ein Experte ist jemand, der 90 Liebesstellungen kennt, aber keine Freundin hat.»
Grundsätzlich ist der Experte kein geschützter Beruf, Experte wird man, wenn man von anderen dazu ernannt wird.

Ich unterstelle all den Sachverständigen nicht, dass sie von der Sache, zu der sie befragt werden, keine Ahnung hätten. Gerade im Bildungswesen findet man nahezu unendlich viele Experten, denn schliesslich sind wir alle einmal in die Schule gegangen. Und hier liegt die Krux beim Expertentum: Wir finden zu fast allen Themen unter der Sonne auch verschiedene Meinungen. Deshalb können die Befrager aus dem Heer der Experten das Exemplar heraussuchen, das am ehesten die gewünschte Ansicht vertritt.
Schmunzeln muss ich immer, wenn einleitend zu einer These folgender Satz verkündet wird: «Die Experten sagen…». Getoppt wird dieser Satz nur noch durch die verbale Allzweckwaffe: «Die Wissenschaft sagt…» Damit soll dem Medienkonsumenten eine Expertise vorgegaukelt werden, die möglichst neutral und faktenbasiert wirkt, in Wirklichkeit aber eine Meinung portiert.
Wenn es nicht gerade um allgemein akzeptierte Binsenwahrheiten geht, wie zum Beispiel, dass das Wasser nicht aufwärts fliesst, so haben wir es doch in politischen Themen vor allem mit unterschiedlichen Ansichten zu tun. In einer demokratischen Gesellschaft mit einer freien Presse sollten solche Meinungen ausgetauscht werden, am besten in Form von Argumenten. Will man einer Meinung einen hochwissenschaftlichen Anstrich geben, versucht man sie dem Diskurs zu entziehen. Das geht sehr oft schief. Der Virenexperte Wolfgang Drosten sagte noch zu Coronazeiten, dass der Ursprung des Virus von einem chinesischen Tiermarkt in Wuhan stamme und die Labortheorie unwahrscheinlich sei. Heute gilt die Labortheorie als die wahrscheinlichste.
Überhaupt erinnert mich der Anspruch, eine Meinung als wissenschaftlich bewiesen darzustellen, an die marxistische-leninistische Theorie, die an den Universitäten der kommunistischen Staaten Dutzende von Lehrstühlen innehatte. Nichts gegen Marx, er war ein kluger Wirtschaftsexperte, passabler Soziologe und miserabler Prognostiker. Aber seine Theorien als Wissenschaft zu verklären, hatte dann doch etwas Sektiererisches.
So richtig auf Touren kommen die Redaktionen und ihre auserwählten Experten allerdings, wenn es um die Apokalypse geht, also um das bevorstehende Grauen auf dem Planeten.
Ganz so toll treibt es unsere Expertokratie denn doch nicht. Unsere Experten wirken eher als Notare, die einer Meinung eine Art Beglaubigung geben. So richtig auf Touren kommen die Redaktionen und ihre auserwählten Experten allerdings, wenn es um die Apokalypse geht, also um das bevorstehende Grauen auf dem Planeten. Dann mutieren auch besonnene Experten zu Priestern.
Jeder Konflikt wird dann sofort zur Gefahr eines baldigen 3. Weltkriegs erklärt, jeder ausbleibende Regen führt unweigerlich zum Austrocknen des Gardasees.
Natürlich tue ich den Journalisten in den hiesigen Redaktionen etwas unrecht. Die armen Kerle müssen ständig neue Untergangsszenarien toppen und dabei die ganze Landschaft nach entsprechenden Experten absuchen. Und wenn dann ein Experte einmal etwas Differenziertes von sich gibt, muss man es journalistisch auf den Punkt bringen. Das durfte auch ich als «Bildungsexperte» erfahren: Eine Journalistin vom Blick fragte mich einst, ob Muslime die Schweizer in der Klasse behindern. Ich antworte: «Sie schaden sich vor allem selber, wenn sie die Chancen unseres Bildungssystems nicht ergreifen. Die meisten aber packen es.» Die Journalistin: «Aber Sarasin schreibt, Deutschland schaffe sich ab.» Ich: «Das ist eben der Unterschied zwischen Sarasin und mir. Ihm geht es um sein Land, mit geht es um den Lernerfolg der Migrantenkinder.» Die anschliessend fabrizierte Schlagzeile im Blick lautete: «Schweizer Sarasin schlägt Alarm. Muslime bremsen Schweizer aus!»
Das brachte mir denn auch gleich den Expertentitel für Islamophobie ein. Immerhin hat mich dieser Beitrag in ein weiteres vielversprechendes Expertengefilde katapultiert. Man darf mich ab sofort als Experte für das Expertentum interviewen.

