11. März 2026
Rechtsextremismus in der Schule

“Eine Lehrkraft sagte: Und was ist mit den ganzen Linksextremisten?”

Laura Nickel (37) und Max Teske (34) unterrichteten an der Grund- und Oberschule Mina Witkojc in Burg im Spreewald, als sie im April 2023 mit einem Brandbrief auf den Rechtsextremismus dort aufmerksam machten. Heute arbeitet Nickel als Leiterin einer Grundschule in Cottbus, Teske unterrichtet Musik und Physik an einer Oberschule in einer anderen Stadt. Sie haben das Buch “Rechtsruck im Klassenzimmer” geschrieben, das diese Woche erscheint. Ein Gespräch in der WELT über Polizeischutz, Kollegen, die die AfD wählen, und die Frage, warum die beiden trotz allem Lehrer geblieben sind.

 

DIE ZEIT: Frau Nickel, Herr Teske, fast drei Jahre ist es her, dass Sie einen Brandbrief geschrieben haben. Heute arbeiten Sie beide nicht mehr in Burg. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie dort weg müssen?

Laura Nickel: Das war kurz vor den Sommerferien, ich wollte mit den Schülern Eis essen gehen, wusste aber, dass die Gefahr, einfach durch den Ort zu gehen, zu groß ist. In einem Telefonat hatte mir der Staatsschutz geraten: “Wenn Sie von der Schule nach Hause fahren, schauen Sie in den Rückspiegel, ob Sie verfolgt werden, und parken Sie nicht direkt vor der eigenen Haustür.”

Max Teske: Vor unseren Häusern sind vermehrt Streifenwagen vorbeigefahren. Die Bedrohungslage wurde immer akuter, vor allem durch rechtsextreme Parteifunktionäre aus der AfD und dem Umfeld des Fußballvereins Energie Cottbus. Einmal, als ich mit meiner vierjährigen Tochter am Wochenende beim Bäcker Brötchen holen war, wurde ich verbal und beinahe körperlich angegriffen. Ich wurde als linke Zecke beschimpft und mir wurde gesagt, ich solle mich nach Berlin verpissen. Meine Tochter hat bitterlich geweint.

Hannah Mara Schmitt, freie Autorin

ZEIT: Sie haben zwar die Schule gewechselt, sind aber in Brandenburg geblieben und nicht nach Berlin gegangen.

Teske: Es ist immer noch meine Heimat und niemand anderes kann bestimmen, wer dort leben darf und wer nicht.

Nickel: Max und ich sind beide in Brandenburg geboren. Ich habe in Erfurt studiert, bin aber bewusst wieder in die Region gezogen, weil ich weiß: Hier gehöre ich hin.

ZEIT: Können Sie inzwischen wieder unbesorgt vor die Haustür gehen?

Teske: Ich bin zweimal umgezogen. Weiterhin in der Nähe von Burg zu wohnen und ständig zu überlegen, wo ich einkaufen kann, ohne verfolgt zu werden, war ziemlich belastend. Aber das ist kein Wegzug für die Ewigkeit. Für mich und meine Familie steht fest, dass wir irgendwann wieder nach Cottbus oder zumindest ins Umland ziehen werden.

Nickel: Im Gegensatz zu Max habe ich in meinem Heimatort, der etwa 20 Autominuten von Burg entfernt liegt, keine Feindseligkeit erlebt. Wenn ich angesprochen wurde, dann aus Neugier. Angst um meine Familie musste ich zum Glück nicht haben, und bin deshalb auch nicht weggezogen. Ein bisschen Sorge habe ich aber schon, dass uns das Buch, das wir geschrieben haben, wieder zur Zielscheibe macht.

 

Auch an meiner jetzigen Schule werden rechte Witze gemacht und Hakenkreuze in die Tische geritzt.

Max Teske

 

ZEIT: Frau Nickel, Sie leiten seit eineinhalb Jahren eine Grundschule. Was ist dort anders als in Burg?

Nickel: Dass ich an einer anderen Schule bin, merke ich vor allem daran, dass es mehr Kinder mit Migrationshintergrund gibt. An meiner jetzigen Schule fällt kein blöder Spruch wie: “Hey, du kommst aus der Ukraine und sprichst nur gebrochen Deutsch, was ist los mit dir?” Herkunft spielt keine große Rolle, und das, obwohl die Schule mitten in Cottbus ist, also gar nicht weit weg von Burg. Man sieht, dass die Realität selbst innerhalb weniger Kilometer verschieden sein kann.

ZEIT: Wie ist das bei Ihnen, Herr Teske?

Teske: Außer dass ich in einer anderen Stadt arbeite, merke ich keinen großen Unterschied. Auch hier werden rechte Witze gemacht und Hakenkreuze in die Tische geritzt. Aber ich finde es viel wichtiger, wie das Kollegium darauf reagiert. Und das ist an meiner jetzigen Schule definitiv weltoffener und direkter: Probleme werden angesprochen und nicht als Jungenstreiche abgetan.

ZEIT: Frau Nickel, Ihre beste Freundin arbeitet noch immer in Burg. Sprechen Sie mit ihr über die Schule?

Nickel: Ich will der Schule in Burg ein bisschen Ruhe geben, damit sie ihren Weg weitergehen kann, das ist also nicht ständig Thema. Meine beste Freundin ist keine Lehrerin, sondern Schulsozialarbeiterin und allein für knapp 500 Schüler zuständig. Auch sie hat damals überlegt, zu gehen, aber sie mag ihren Job dort und war keinen Bedrohungen ausgesetzt. Eigentlich hat sie das gemacht, was ich auch gern gemacht hätte: Sie ist geblieben.

Botschaften vor allem von aussen

ZEIT: Sie wären gern in Burg geblieben?

Nickel: Unglaublich gern. Nicht die Schüler per se waren das Problem. Mit vielen von ihnen konnte man reden. Die rechtsextremen Ansichten und verfassungsfeindlichen Botschaften kamen vor allem von außen, von den Eltern und sozialen Medien. Wegen der Drohungen konnte ich mich irgendwann nicht mehr auf den Kern meiner Arbeit fokussieren: den Unterricht. Das Gefühl ständiger Erschöpfung und die Sorge, als Mutter für meine eigenen Kinder nicht mehr funktionieren zu können, begleiteten meinen Alltag. Ich wollte nicht riskieren, aus psychischen Gründen auszufallen und länger krank zu sein. Deshalb bin ich gegangen.

ZEIT: Was waren das für Drohungen?

Nickel: Da gab es zum Beispiel einen anonymen Elternbrief, der an die Schulleitung gerichtet war und unsere Entlassung forderte, weil wir Schülerinnen und Schüler mit unserer “links-grün-versifften” Ideologie indoktrinieren würden. Oder einen ehemaligen Schüler, der Verbindungen zur rechtsextremen Szene hatte und uns drohte, uns nach dem Unterricht abzufangen.

“Eltern haben einen Erziehungsauftrag, Lehrer einen Bildungsauftrag”

ZEIT: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass oft die Eltern diejenigen sind, die Falschinformationen verbreiten und ihre Kinder von einem Besuch in Auschwitz abmelden, weil sie nicht “daran glauben”. Was kann Schule da überhaupt ausrichten?

Nickel: Dahingehend ist der Einfluss der Lehrer natürlich begrenzt. Im Schulgesetz steht: Eltern haben einen Erziehungsauftrag, Lehrer einen Bildungsauftrag. Andererseits verbringen Kinder den Großteil des Tages in der Schule und sitzen höchstens eine Stunde mit ihren Eltern am Abendbrottisch. Im besten Fall betreten sie das Schulhaus und landen in einer offenen Welt, die sie von zu Hause nicht kennen. Aber dafür braucht man ein Kollegium, das geschlossen dahintersteht. In Burg wussten manche Lehrkräfte nicht einmal, was ein verfassungsfeindliches Symbol ist. Ein Hakenkreuz kennt jeder. Aber eine Schwarze Sonne? Runen? Dafür mussten erst Flyer gedruckt werden, damit alle Lehrkräfte erkennen, was die Schüler da an Symbolen rumschmieren oder auf der Kleidung tragen.

Demokratie noch nie so gefährdet wie jetzt

Teske: In Burg gab es Lehrkräfte, die die AfD gewählt haben. Als wir damals in der Aula vor dem versammelten Kollegium erklären mussten, warum wir den Brandbrief geschrieben haben, sagte eine Lehrkraft: “Und was ist mit den ganzen Linksextremisten an unserer Schule?” Damit war die Handvoll Schüler gemeint, die Schlaghosen und Plateauschuhe trugen. Völlig normal gekleidete Jugendliche, die aber in Burg auffielen, weil sie aussahen wie Schüler aus Berlin. Wenn Demokratiebildung selbst in den Köpfen mancher Lehrkräfte nicht klick macht, kann man von außen noch so viel tun, es wird nicht funktionieren.

Lehrer sind inzwischen zu Dienstleistern geworden, Eltern haben bei allem mitzureden.

Laura Nickel

 

ZEIT: Gleichzeitig sind viele Lehrkräfte überfordert: Unterricht, Erziehungsarbeit, Papierkram, Digitalisierung – und dann auch noch die Demokratie verteidigen.

Teske: Bei meiner Einführungsveranstaltung in den Beruf hat eine Rednerin gesagt, Lehrkräfte seien gottähnlich. Sie seien Psychologen, Erzieher, Eltern. Nein, all das bin ich nicht. Ich bin Lehrer, ein Begleiter auf einem kurzen Lebensabschnitt. Ich bin derjenige, der sagt: “Lass uns darüber reden”, wenn ein Schüler depressives Verhalten zeigt. Aber ihn zu therapieren, würde ich mir niemals anmaßen. Das liegt nicht in meiner Verantwortung, und es ist ein Stück weit Selbstschutz, weil Lehrkräfte ohnehin massiv überarbeitet sind. Trotzdem haben wir einen Bildungsauftrag, mündige Bürger zu erziehen. Und dazu gehört, Vielfalt zu leben. Die Demokratie war in diesem Land noch nie so gefährdet wie jetzt. Da ist es manchmal zweitrangig, ob der Schüler die linearen Funktionen in Mathe beherrscht oder nicht.

Nickel: Das Problem ist, dass man versucht, den gesellschaftlichen Wandel mit einem veralteten System aufzufangen. Das funktioniert nicht. Nur bei der Digitalisierung mit der Zeit zu gehen und die neuesten Computer in die Schulen zu stellen, reicht nicht. Lehrer sind inzwischen zu Dienstleistern geworden, Eltern haben bei allem mitzureden. Elternabende sind wichtig, können aber frustrierend und zeitfressend sein. Wenn ein Kind nach der Schule nach Hause kommt und sagt: “Ich habe eine schlechte Note”, erhält man als Lehrer sofort eine E-Mail: “Wie konnten Sie nur?”, statt gefragt zu werden, wie es zu der schlechten Note kam. Die Ansprüche an den Job sind gestiegen, während das Ansehen gesunken ist.

Laura Nickel kann viele Momente aufzählen, in denen sie dachte: Genau deshalb mache ich den Job. (Foto: © Hannes Jung/DIE ZEIT)

ZEIT: Wie reagieren Sie auf solche E-Mails von Eltern?

Nickel: Ich versuche, die Seite der Eltern zu verstehen und wahre einen professionellen Ton. Viele Eltern sind verunsichert. Auch sie sehen den Personalmangel an den Schulen und die teilweise fehlende Ausbildung mancher Lehrkräfte. Trotzdem wünsche ich mir mehr Vertrauen in unsere Kompetenzen.

DIE ZEIT: Den Lehrermangel versucht man vor allem mit Seiteneinsteigern zu bekämpfen. In Brandenburg ist das knapp jede fünfte Lehrkraft. Herr Teske, Sie sind Seiteneinsteiger und haben zuvor als Erzieher gearbeitet. Warum wollten Sie Lehrer werden?

Teske: Ehrlich gesagt haben mich vor allem die Ferien gereizt. Bis ich gemerkt habe, dass es für Lehrkräfte eigentlich keine Ferien gibt, sondern nur unterrichtsfreie Zeit. Ich freue mich schon auf die Osterferien. In einer der beiden Wochen muss ich zwar den Unterricht vorbereiten, in der anderen habe ich aber frei. Und ich möchte mich nicht beschweren. Manche Menschen sind froh, wenn sie überhaupt 28 Urlaubstage im Jahr haben. Das ist ein gutes Leben, was man als Lehrkraft führt.

Jeden Abend arbeitete ich mich durch den Stoff und war immer eine Buchseite weiter als die Schüler.

Max Teske

 

ZEIT: Wie funktioniert die Ausbildung als Seiteneinsteiger?

Teske: Ich habe mich damals beim Schulamt Brandenburg beworben. Eine Woche später bekam ich einen Anruf. Zwei Wochen später sprach ich mit der Schulleitung, die mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, Mathematik und Englisch zu unterrichten. Ich dachte: Mathe auf Grundschullevel, das kriege ich hin. Dann fragte sie aber nach linearen Funktionen und ich merkte: Es geht um eine Oberschule. Vom Bewerbungsbeginn bis zum ersten Unterricht vergingen gerade mal vier Wochen. Bis zu meiner Stelle in Burg hatte ich mehrere Zeitverträge. An manchen Schulen war ich nur einen Monat, manchmal sogar an drei verschiedenen gleichzeitig.

ZEIT: Und die pädagogische Grundqualifizierung, die Seiteneinsteiger darauf vorbereiten soll, ohne Lehramtsstudium unterrichten zu können?

Teske: Ich dachte, die beginnt, bevor ich auf die Kinder losgelassen werde. Aber ich arbeitete schon fast ein Jahr lang, als es losging. Bis dahin habe ich mir alles selbst erarbeitet. Auch nach meinem Führungszeugnis hat man mich erst ein Jahr später gefragt.

ZEIT: Sorgten Sie sich, ohne Lehramtsstudium der Arbeit nicht gerecht werden zu können?

Teske: Klar, aber ich habe bei anderen Kollegen hospitiert und mich einfach durchgebissen. Jeden Abend arbeitete ich mich durch den Stoff und war immer eine Buchseite weiter als die Schüler.

“Nicht jede studierte Lehrkraft ist automatisch geeignet für den Job”

ZEIT: Immerhin hatten Sie als Erzieher schon pädagogische Erfahrung.

Teske: Das hat geholfen, aber vor allem deshalb, weil ich davor ein Leben außerhalb der Schule und der Universität kennengelernt habe. Ich weiß, was es bedeutet, mich zu fragen, wie ich in zwei Monaten meine Miete bezahlen soll. Einer studierten Lehrkraft wird das so gut wie nie passieren. Deshalb finde ich es nicht verkehrt, dass es Seiteneinsteiger gibt, weil sie die Lebensrealität vieler Eltern oft besser nachvollziehen können.

ZEIT: Inzwischen sind Sie unbefristet angestellt. Verbeamtet werden können Sie trotzdem nicht, und auch zur Schulleitung aufzusteigen ist für Seiteneinsteiger nicht möglich. Außerdem verdienen Sie fast 1000 Euro brutto weniger im Monat als studierte Lehrkräfte. Stört Sie das?

Teske: Um glücklich zu sein, brauche ich keine Verbeamtung. Ich habe trotzdem einen sicheren, gut bezahlten Arbeitsplatz. Was mich aber stört, ist, dass oft vergessen wird, was für einen Mehraufwand Seiteneinsteiger haben: Wir müssen uns so viel selbst beibringen – und das für deutlich weniger Gehalt. Das ist unfair. Ich habe sogar mal versucht, nebenberuflich zu studieren. Aber dafür hätte ich mehrmals pro Woche nach Potsdam fahren müssen. Das ist eine Stunde von meiner Schule entfernt, und Vorlesungen finden oft zu Zeiten statt, in denen ich selbst unterrichte. Vollzeit zu arbeiten, mich zu Hause um meine zwei Kinder zu kümmern und nebenbei zu studieren – das war unmöglich. Man könnte das Gefühl bekommen, der Staat möchte Seiteneinsteiger auf diesem Niveau belassen, damit er billige Arbeitskräfte hat.

Eine Lehrkraft, die an einer Grundschule arbeitet und Mathe unterrichtet, braucht nicht zwangsläufig ein Studium der höheren Mathematik.

Laura Nickel

 

ZEIT: Frau Nickel, Sie haben studiert, sind verbeamtet und stellen als Schulleitung selbst Lehrkräfte ein. Macht das Studium einen Unterschied?

Nickel: Nicht jede studierte Lehrkraft ist automatisch geeignet für den Job. Ich selbst hatte zwar ein Fachstudium, aber stand auch erst im letzten Semester vor einer Klasse. Ich würde mir wünschen, dass der Beruf weniger akademisiert wird. Eine Lehrkraft, die an einer Grundschule arbeitet und Mathe unterrichtet, braucht nicht zwangsläufig ein Studium der höheren Mathematik. Viel eher sollte man mehr Praxis einbauen, zum Beispiel in Form eines dualen Studiums: eine Woche Schule, eine Woche Uni. Viele sind sich unsicher, ob der Beruf das Richtige für sie ist, und merken das oft erst, wenn sie schon zu lange studieren.

Max Teske wollte nicht mehr als Erzieher, sondern als Lehrer arbeiten. (Bild: © Hannes Jung/DIE ZEIT)

ZEIT: Wir haben viel über Lehrkräfte gesprochen, lassen Sie uns noch zu den Schülerinnen und Schülern kommen. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass demokratiefeindliche Haltungen ab der sechsten Klasse sichtbar werden. Warum dann?

Nickel: Meinungen und Haltungen verfestigen sich meist ab der Pubertät. Das ist auch das Alter, in dem viele Schüler ihr erstes Handy bekommen, sich Videos schicken und Zeit auf Social Media verbringen. Aber sie beschäftigen sich noch nicht wirklich mit Politik, sondern übernehmen einfach das Verhalten anderer, die gut ankommen. In Burg zum Beispiel war die Gruppe rechtsextremer Schüler sehr beliebt. Da wollten viele dazugehören. Und dieses Gefühl ist in dem Alter unglaublich wichtig.

Nur ein Imitieren der Älteren

ZEIT: Wie ist das bei Grundschülern?

Nickel: Bei jüngeren Schülern steckt noch keine Haltung dahinter, das ist nur ein Imitieren der Älteren. Damals in Burg hat ein Zweitklässler gesehen, wie ein älterer Schüler den Hitlergruß gezeigt hat, und das nachgemacht. Im Kollegium kam die Frage auf, wie man mit diesem Kind am besten umgeht, und ob man das Jugendamt einschalten sollte. Natürlich muss man dem Kind erklären, warum das, was es getan hat, nicht gut war – aber kindgerecht. Man kann klarmachen, dass dieses Symbol etwas ist, das das Gesetz verbietet. Und das verstehen selbst Kinder in der zweiten Klasse.

ZEIT: Sie sagen, Kinder können in der sechsten Klasse noch nicht einordnen, was sie auf Social Media sehen. Die Bundesregierung diskutiert eine Altersgrenze ab 14 Jahren. Würden Sie weiter gehen?

Nickel: Ich finde, 16 ist das richtige Alter. Ab dann können Jugendliche zumindest schon kritisch hinterfragen, was sie sehen. Außerdem darf man das Suchtpotenzial von Social Media nicht vergessen. Wir würden unsere Kinder auch nicht mit elf Jahren mit Cannabis alleinlassen – aber mit TikTok tun wir das. Gerade für rechtsextreme Videos, KI-generierte Inhalte und Falschinformationen sind Kinder und Jugendliche besonders empfänglich. Wenn ein Video mehr als 300.000 Likes hat, glauben viele: “Das muss wahr sein.” Sie schicken es einfach weiter. Als das Sylt-Video kursierte, fingen selbst Schüler der sechsten Klasse an, das Lied zu summen.

ZEIT: Elfjährige auf TikTok, Lehrermangel, Rechtsextremismus. Frau Nickel, Sie machen diesen Job seit mehr als zehn Jahren. Warum?

Nickel: Ich könnte viele Momente aufzählen, in denen ich verzweifelt war, und direkt danach genauso viele, in denen ich dachte: Genau deshalb mache ich den Job. Max hat vorhin erzählt, dass seine Ausbilderin gesagt hat, Lehrer seien gottähnlich. Aus Sicht der Kinder stimmt das. Sie kommen in dramatischen Situationen auf uns zu und erwarten, dass wir helfen. Wenn es Probleme bei ihnen zu Hause gibt, wird man als Lehrer oft mit den Abgründen der Menschheit konfrontiert und fühlt sich machtlos. Dann zweifle ich manchmal daran, ob ich so weitermachen kann. Gleichzeitig ist die Arbeit mit Kindern unglaublich erfüllend. Man hilft ihnen in ihrem Alltag, man macht sie klüger. Ich kann mir nichts anderes vorstellen.

 

Hannah Mara Schmitt, geboren 1995, lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Sie hat Germanistik und Englisch studiert. Für ihre Bachelorarbeit forschte sie zu Feminismus und Humor an der New York University. Ihren Master machte sie an der Humboldt-Universität in Berlin. Sie schreibt Reportagen, Porträts und Interviews. Journalistisch ausgebildet wurde sie an der Reportageschule.

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