23. Januar 2026
Vorschlag für 1. Augustredner

Der Kulturauftrag der Primarschule liegt nicht beim Frühfranzösisch

Der 1. August scheint die in die Defensive geratenen Befürworter des Frühfranzösisch wieder zu einer verzweifelten Offensive zu ermutigen. Die letzte Zuflucht der Mehrsprachengurus ist – wie es sich für den 1. August gehört – der nationale Zusammenhalt. Für den aber sind sicher andere Unterrichtsinhalte zielführender, wie Condorcet-Autor Hanspeter Amstutz festhält.

Das hochgejubelte Mehrsprachenkonzept der Primarschule hat zu einem Fiasko geführt, das keine Geiss wegschlecken kann. Der gut belegte Leistungsabfall im Französisch kommt im aufschlussreichen Vergleich von Felix Schmutz klar zum Ausdruck. Doch wann endlich hören die verantwortlichen Bildungspolitiker auf, das didaktische Disaster weiter schönzureden und die nötigen Konsequenzen zu ziehen? Viele scheinen noch immer nicht eingesehen zu haben, dass mit dem Überladen des frühen Fremdsprachenunterrichts das Fach Französisch zum eigentlichen Verlierer wurde.

Die Primarschule hat weit bessere Möglichkeiten, die kulturelle Vielfalt unseres Landes den Schülern näherzubringen. Statt viele Stunden für ein gescheitertes Dreisprachenkonzept einzusetzen, würde ein gehaltvoller Geografie- und Geschichtsunterricht mit einer stärkeren Hinwendung zu den nichtalemannischen Regionen mehr bringen.

Condorcet-Autor Hanspeter Amstutz, Starke Schule Zürich: Frühfranzösisch trägt wenig zum Zusammenhalt bei.

Als Hauptargument für das frühe Lernen der französischen Sprache wird deren wichtige Funktion für den nationalen Zusammenhalt aufgeführt. Die Förderung eines über die kulturellen Unterschiede hinausgehenden Gemeinschaftsgefühls ist zweifellos eine wichtige Aufgabe, zu der auch die Schule einiges beitragen kann. Doch Frühfranzösisch ist alles andere als der Königsweg zu diesem Ziel.

Die Primarschule hat weit bessere Möglichkeiten, die kulturelle Vielfalt unseres Landes den Schülern näherzubringen. Statt viele Stunden für ein gescheitertes Dreisprachenkonzept einzusetzen, würde ein gehaltvoller Geografie- und Geschichtsunterricht mit einer stärkeren Hinwendung zu den nichtalemannischen Regionen mehr bringen. Doch es sind ausgerechnet die Realienfächer, welche in der Lehrerbildung infolge des Riesenaufwands für die Mehrsprachendidaktik am meisten Federn lassen mussten.

Die Romandie und das Tessin haben für Sechstklässler viel Attraktives zu bieten. Warum nicht die elektrische Energiegewinnung am Beispiel der Kraftwerkanlage der Grande Dixence erklären und dabei das Wallis geografisch den Schülern näherbringen? Der Kanton Neuenburg mit der Reissbrettstadt La Chaux-de-Fonds, der Uhrenindustrie und den malerischen Freibergen kann die Türe zu einem französischsprachigen Kanton weit öffnen. Zum Tessin wird mit der unerhört spannenden Geschichte der Gotthardbahn leicht ein Zugang gefunden. Und ein Klassenlager in einem Bündner Bergdorf könnte bei Sprachbegabten sogar Interesse für die wohlklingende romanische Sprache wecken. Es bieten sich unzählige Themen an, um die Regionen im Westen und Süden unseres Landes im Realienunterricht lebendig werden zu lassen.

Frühfranzösisch trägt wenig zum nationalen Zusammenhalt bei. Umso mehr müsste in einen qualitativ hochstehenden Geografie- und Geschichtsunterricht investiert werden. Der Bildungsauftrag der Primarschule braucht eine deutliche Akzentverschiebung, um unseren Schülerinnen und Schülern starke Bilder von der Vielfalt unseres Landes vermitteln zu können. Die Erstaugustredner sind gefordert, aber anders als die Verfechter der Mehrsprachendidaktik dies sehen.

 

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Ein Kommentar

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