Finanzwissen

Reden wir über Geld! – Warum es auch “financial literacy” braucht

Man redet viel von der Akademisierung der Bevölkerung. Doch wird die Bevölkerung dadurch auch wirklich gescheiter? Was das Finanzwissen betrifft, gibt es noch Luft nach oben, insbesondere bei den Jüngeren und bei den Frauen. Gemessen wird das Finanzwissen gerne mit den “Big Three”-Standardfragen. Ausprobieren im Schulzimmer erwünscht!

Was ist eigentlich Zins? Und was ist Zinseszins? Was ist ein Schuldenschnitt? Und was ist mit Umlageverfahren gemeint? Was ist ein Kapitaldeckungsverfahren oder ein Umwandlungssatz? Wie funktioniert das 3-Säulen-System, warum steigen Prämien, was versteht man unter der “Tragik der Allmend”» und was genau ist Inflation, Deflation, Stagflation und Rezession? Und welche Bedeutung haben in alldem überhaupt Goldpreis, ETFs und Bitcoin? Lohnt es sich zu sparen, oder sollte man vielmehr investieren oder Goldbarren bunkern?

Finanzwissen gehört in die Schule

Es sind dies Fragen, die jedem und jeder irgendwann begegnen und auf die man deswegen eigentlich eine Antwort haben sollte, die über das “Bauchgefühl”, Hörensagen oder das Definieren der Begrifflichkeiten hinausgeht. Es geht um das Verstehen finanztechnischer Mechanismen. Finanzbildung oder zu Neudeutsch “financial literacy” gehört in einer modernen Dienstleistungsgesellschaft zum Kanon der Allgemeinbildung wie das Lesen, Schreiben und Rechnen.

Condorcet-Autorin Claudia Wirz: Um das Finanzwissen der Bevölkerung ist es eher bescheiden bestellt, insbesondere bei der Generation Z.

In der direkten Demokratie gilt dies umso mehr, da hier die Bevölkerung bei der Gestaltung des politischen und sozialen Systems oder der Staatsausgaben mehr mitredet und mitentscheidet als anderswo auf der Welt, wenn man von Liechtenstein absieht. Auch aus privaten Gründen ist eine solide Grundbildung in Finanzfragen wichtig. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass geringes Finanzwissen das Risiko für private Verschuldung erhöht.

Zurecht forderte die oberste Lehrerin der Schweiz jüngst in der Sonntagspresse angesichts der weltweiten Krisenherde mehr Einsatz für die politische Bildung. Mit Blick auf die wirtschaftliche Lage weltweit – nicht zuletzt beim Nachbarn Deutschland – ist Finanzbildung aber genauso angezeigt. Die Schulen sind also auch hier gefordert.

Obwohl Finanzbildung im Lehrplan vorkommt, könnte bzw. müsste das Finanzwissen der Schweizer Bevölkerung besser sein, als es ist. Unter anderem hat ein Forscherteam um den Luzerner Professor Andreas Dietrich den Stand der finanziellen Volksbildung im Jahr 2022 im Auftrag von PostFinance mit einer repräsentativen Umfrage erhoben. Dabei zeigte sich: Jugendliche und Frauen verfügen über deutlich weniger Finanzkompetenz als Ältere und Männer. Anders als in anderen Ländern nimmt in der Schweiz das Finanzwissen mit dem Alter nicht ab, sondern zu. Das heisst: Die Jugendlichen müssen aufholen!

Big Three als Massstab

Wissenschafter messen das Finanzwissen anhand von drei Standardfragen, den sogenannten “Big Three” (siehe Anhang unten). Die erste Frage befasst sich mit dem Zins, die zweite mit der Inflation und die dritte mit Risikoverteilung. Es stehen jeweils verschiedene Antwortmöglichkeiten plus ein “weiss nicht” zur Auswahl. Es sind Fragen, die durchaus auch im Unterricht gestellt und “durchgenommen” werden können.

Im internationalen Vergleich liegt die Schweizer Bevölkerung mit ihrem Finanzwissen nur im Mittelfeld.

Obwohl die Schweiz ein bedeutender Finanzplatz ist, konnten laut der genannten repräsentativen Umfrage im Jahr 2022 nur 55,9 Prozent der Befragten alle drei Fragen richtig beantworten. Immerhin waren es fünf Prozentpunkte mehr als zehn Jahre zuvor. Männer und Ältere wissen deutlich besser Bescheid als Frauen und Junge.

In der Generation der Babyboomer können 64,1 Prozent der Befragten alle drei Fragen richtig beantworten, bei der Generation Z sind es mit 43,8 Prozent weniger als die Hälfte. Was die Geschlechter betrifft, so haben 67,2 Prozent der Männer alle Fragen richtig beantwortet, aber nur 44,7 Prozent der Frauen. Bei den Personen mit tertiärem Abschluss lagen 72 Prozent bei allen Fragen richtig, bei jenen ohne höheren Abschluss 46 Prozent. Ausserdem zeigte sich, dass Personen mit besserem Finanzwissen auch öfter an den Finanzmärkten aktiv sind.

Ökonomin Annamaria Lusardi: “Viele Junge sind finanzielle Analphabeten.”

Im internationalen Vergleich liegt die Schweizer Bevölkerung mit ihrem Finanzwissen nur im Mittelfeld. Die Skandinavischen Länder, Kanada, Israel, Grossbritannien sowie Deutschland und die Niederlande liegen deutlich vor der Schweiz. Diese Zahlen sind allerdings schon 10 Jahre alt. Neuere Studien zeigen ein leicht vorteilhafteres Bild für die Schweiz.

Finanzwissen verbessern!

Gleichwohl kann man nicht zufrieden sein, insbesondere, was das Wissen der Jungen betrifft. Wie die unter anderem an der Stanford University tätige “Finanzpädagogin” Annamaria Lusardi in ihren umfangreichen Untersuchungen feststellt, sind viele Junge “finanzielle Analphabeten”. Auch in Ländern mit gut entwickelten Finanzplätzen ist die Finanzkompetenz junger Menschen gering. “Wir müssen”, sagt sie in einem Interview, “die finanzielle Allgemeinbildung verbessern”. Sie plädiert dafür, die Finanzbildung an der Schule auszubauen. Dieses Wissen sei eine wichtige Voraussetzung, um erfolgreich an der Gesellschaft teilzunehmen.

Initiativen in diese Richtung gibt es bereits, etwa vom Verein “FinanceMission”, der vom LCH, SER und dem Verband der Kantonalbanken gegründet worden ist.

 


Die Big-Three-Fragen, mit denen das Finanzwissen getestet wird

Frage 1: Sie haben 100 Franken auf dem Konto bei einem Zinssatz von 2 Prozent. Wie hoch ist der Kontostand nach fünf Jahren? Es fallen keine Kontogebühren an.
A: Mehr als 102 Franken
B: Genau 102 Franken
C: Weniger als 102 Franken
D: Weiss ich nicht
Frage 2: Der Zinssatz auf dem Konto beträgt 1 Prozent und die Inflationsrate liegt bei 2 Prozent. Können Sie, wenn Sie wollen, mit dem auf dem Konto liegenden Geld nach einem Jahr
A: mehr kaufen als jetzt?
B: genauso viel kaufen wie jetzt?
C: weniger kaufen als jetzt?
D: weiss ich nicht
Frage 3: Der Kauf einer einzelnen Aktie ist in der Regel weniger riskant als der Kauf eines Aktienfondsanteils. Diese Aussage ist
A: richtig
B: falsch
C: weiss ich nicht
image_pdfAls PDF herunterladen

Verwandte Artikel

Die Geschichte eines Sprechverbots: An der Uni wird wieder der bestraft, der anders denkt

Der Condorcet-Blog wurde seinerzeit gegründet, weil seine Initiatoren der Meinung waren, es werden in den Medien, in den PH’s, in der Verwaltung und in den Parteien nicht mehr alle Meinungen abgebildet oder zugelassen. Ausserdem würde sehr oft versucht, umstrittene Personen mit „Kontaktschuld“ und Etikettierung aus dem Diskurs fernzuhalten. Vier Jahre nach der Gründung unseres Bildungsblogs müssen wir feststellen, dass die Problematik der „Cancel culture“ um sich greift. Wenn verlangt wird, dass Professorinnen, die sogenannt missliebige Studien veröffentlichen, von ihrer Fakultät entlassen oder namhafte Wissenschaftler mit unpopulären Meinungen am Auftreten gehindert werden, müssen wir das klar benennen und uns dagegen wehren. Es widerspricht unseren Prinzipien einer offenen und freien Debatte. Von Anfang an suchten wir immer den Dialog mit Persönlichkeiten, die auch andere Überzeugungen haben und bemühten uns um das Prinzip „Rede und Gegenrede“. In keinem Milieu gedeiht die Einengung des Diskurses so prächtig wie an den Universitäten. Das Verrückte dabei ist: Niemand ist in Deutschland und in der Schweiz so abgesichert wie ein auf Lebenszeit berufener Hochschullehrer. Es kann ihm nichts passieren, wenn er sich querlegt oder einfach nur das macht, was er für richtig hält. Und dennoch ziehen alle sofort den Kopf ein, wenn Ärger droht. Jan Fleischhauer berichtet im Fokus von einem Fall an der Uni Erlangen.

Wenn Bildungsreformen die Bildungsschere weiten

Bildung erzeugt immer Differenz. Das ist so. Und gleichzeitig muss die Schule für Chancengleichheit sorgen. So will es der Auftrag. Doch wie weit wird er durch die aktuelle Reformwelle erschwert? Diese Frage beschäftigt Condorcet-Autor Carl Bossard.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert