21. Juni 2024
Langjähriger Lehrer rechnet ab

“Universitäten geflutet von Leuten, die da nichts verloren haben”

Vier Jahrzehnte war Volker Müller als Lehrer tätig, auch in der Schulleitung. Er zieht eine pessimistische Bilanz und kritisiert die Richtung, die das deutsche Schulsystem seit Langem eingeschlagen hat. Besonders die Folgen einer Entwicklung seien „fatal“. Er hat einen Vorschlag für eine Systemkorrektur. Wir bringen einen Beitrag von Sabine Menkens, der in der WELT erschienen ist.

Volker Müller (Name geändert) hat auf die Bildungsmisere einen ganz eigenen Blick. Von 1980 bis zu seiner Pensionierung 2017 unterrichtete er an einer Realschule in Nordrhein-Westfalen Mathematik und Erdkunde – und konnte in dieser Zeit gut beobachten, wie das Niveau vor allem in Mathematik stetig weiter nach unten ging. Wegen der Treuepflicht seinem Dienstherren gegenüber möchte er seinen echten Namen nicht nennen, dieser ist der Redaktion bekannt.

Im Folgenden berichtet er von seinen Erfahrungen:

“Ich war bis zu meiner Pensionierung Mathelehrer an einer Realschule in Nordrhein-Westfalen, in den letzten 20 Jahren war ich auch Mitglied der Schulleitung. Man kann sagen, dass ich Lehrer aus Leidenschaft war. Dennoch würde ich den Beruf heute nicht mehr ergreifen. Das liegt daran, dass das Niveau in den 40 Jahren, die ich im Schuldienst verbracht habe, eigentlich stetig gesunken ist. Natürlich gibt es auch nach wie vor richtig gute Schüler, die gibt es in jeder Generation. Aber an unserer Schulform waren zuletzt eigentlich nur noch Schüler, die in den 70er- und 80er-Jahren die Hauptschule besucht hätten.

Sabine Menkens, Gastautorin und WELT-Journalistin

Ich habe 1978 mein Referendariat angefangen und bin 1980 in den Schuldienst eingetreten. Damals bin ich jeden Morgen mit Freude zur Schule gegangen, das muss ich einfach so sagen. Ich habe einen gewissen Anspruch an meinen Unterricht, den konnte ich damals auch noch durchsetzen. Doch das wurde dann sukzessive anders, und das hängt meines Erachtens mit einem falschen Verständnis des Begriffs Chancengleichheit zusammen.

Warum Schüler in Mathe abstürzen – und was dagegen helfen kann

Die Idee an sich ist natürlich richtig: Wir können es uns in Deutschland nicht leisten, das Intelligenzpotenzial von Kindern brachliegen lassen, nur weil sie aus bildungsfernen Kreisen kommen. Aber die Ausführung ist einfach vollkommen falsch gelaufen. Denn letztlich hat man einfach die Ansprüche abgesenkt, um möglichst viele Kinder zum Abitur zu führen. Das Niveau ist sukzessive Jahr für Jahr gesunken.

Ein Instrument dabei war der sogenannte Elternwille. In den meisten Bundesländern können die Eltern einfach selbst entscheiden, auf welche weiterführende Schule ihr Kind gehen soll. Das macht sich nicht nur an den Gymnasien, sondern auch an den Realschulen bemerkbar. Wir hatten plötzlich jede Menge Kinder mit Hauptschulempfehlung an der Schule, weil da niemand mehr hinwollte. Als ich angefangen habe, gab es bei uns in der Stadt noch fünf Hauptschulen, jetzt nur noch eine. Das spricht ja schon Bände. Wir haben ja keine wunderbare Intelligenz-Explosion gehabt in den letzten 40 Jahren.

Wir haben den falschen Weg gewählt

Die Folgen sind fatal. Es gab früher den sogenannten Drittelerlass, wonach nicht mehr als ein Drittel der Klassenarbeiten mangelhaft sein durften. Das führte dazu, dass das Niveau gesenkt werden musste, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Und auch als der Drittelerlass abgeschafft wurde, hat sich nichts geändert. Man kann es sich einfach nicht leisten, der Hälfte der Klasse eine Fünf zu geben. Also passt man das Niveau so an, dass man maximal in diesem Drittelbereich bleibt. Man kann das sehr schön vergleichen, wenn man mal ein Mathebuch von 1980 neben eins von heute legt. Vieles von dem Stoff, der damals schon in der Mittelstufe gelehrt wurde, kommt jetzt erst in der Oberstufe dran.

Aus meiner Sicht haben wir den falschen Weg gewählt, Chancengerechtigkeit zu schaffen. Es geht nicht allein um den Zugang zu einer höheren Schulform. Die eigentlichen Weichen werden in der Vorschule gestellt. Wenn ein Kind bis zum fünften, sechsten Lebensjahr nicht anständig gefördert wird, holt es in der Schule nicht mehr auf. Deshalb einfach das Niveau zu senken, ist jedenfalls nicht die Lösung.

Wenn das Abitur aber nicht mehr zuverlässig Auskunft über die Studierfähigkeit geben kann, müsste es im Grunde Aufnahmeprüfungen an den Universitäten geben.

Es nützt nichts, wenn die Universitäten geflutet werden von Leuten, die da letztlich nichts verloren haben und gleichzeitig niemand mehr Handwerker werden will. Da werden den Kindern auch Illusionen vorgegaukelt, die nicht eingehalten werden können. Dazu tragen auch die Noten bei. Heutzutage gibt es Gymnasien, auf denen 54 Prozent der Abiturienten einen Einserschnitt haben. Bei mir hatte damals der Beste die Note 2,4!

Wenn ein Kind bis zum fünften, sechsten Lebensjahr nicht anständig gefördert wird, holt es in der Schule nicht mehr auf.

 

Meine Schülerschaft hat sich jedenfalls im Verlauf meiner Schullaufbahn leistungsmäßig total verändert. Auch die Herkunft der Kinder hat sich verändert. Zum Schluss hatten wir vor allem Kinder aus der Unterschicht, sehr viele mit Migrationshintergrund und eher bildungsfern. 1980 hingegen hatten wir überwiegend Kinder aus der Mittelschicht und der unteren Mittelschicht. Einige sind heute in Top-Positionen.

Viele Eltern haben sich damals nicht getraut, ihr Kind aufs Gymnasium zu schicken. Da gab es so eine gewisse Ehrfurcht, was natürlich falsch ist. Damals sind deshalb zu wenige Kinder aufs Gymnasium gegangen, weil die Eltern ihre Kinder unterschätzt haben. Heute werden die Kinder hingegen häufig überschätzt in ihrem Leistungsvermögen.

Kinder können sich nicht selbst Mathe beibringen

Ich glaube aber nicht, dass die Schüler heute dümmer sind als früher. Sie werden nur von Anfang an nicht richtig gefordert. Die Lehrpläne sind auch nicht mehr darauf angelegt, dass Kinder wirklich Mathematik verstehen können. Es geht heute immer darum, wo kann ich das im Alltag gebrauchen? Das ist wichtig, natürlich. Aber erst mal muss man die Basics können, eine Gleichung lösen können, die Regeln der Bruchrechnung beherrschen, diese Dinge. Das muss erst mal richtig eingeschliffen sein. Und dann kann ich darangehen, das auf die Lebenswelt zu übertragen.

Die richtige Methodik ist hier wichtig. Es wird heute unglaublich viel Wert auf die Schülereigentätigkeit gelegt. Das funktioniert in vielen Fächern prima. Aber nicht in Mathematik. Die Kinder können sich nicht selber beibringen, wie man eine quadratische Gleichung löst oder wie man den Satz des Pythagoras herausfindet. Da muss der Lehrer derjenige sein, der auf einem Stellwerk sitzt und die Weichen stellt – fahren müssen die Kinder dann selber.

Heutzutage gibt es Gymnasien, auf denen 54 Prozent der Abiturienten einen Einserschnitt haben. Bei mir hatte damals der Beste die Note 2,4!

 

Und wenn sie anschließend studieren sollen, müssen sie auch die Mathematik kennen, die man hinterher an der Uni braucht. In vielen Bereichen ist Mathematik eine Voraussetzung, um ein Studium absolvieren zu können. Viele brechen deswegen sogar ihr Studium ab oder fallen durch. Wenn das Abitur aber nicht mehr zuverlässig Auskunft über die Studierfähigkeit geben kann, müsste es im Grunde Aufnahmeprüfungen an den Universitäten geben.

Natürlich haben die Kinder unterschiedliche Begabungen. Ich hatte mal einen Schüler, der war in Mathe ein absolutes Ass, in Sprachen aber so schlecht, dass er beinahe den Übergang zum Gymnasium verpasst hätte. Heute hat der Junge einen Doktor in Physik.”

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Ein Kommentar

  1. Dass die weitgehend linke Chancengleichheits-Ideologie und die daraus abgeleitete Praxis zu einem Absenken des Leistungsniveaus führen würden, war besonders in Deutschland angesichts der ganzen Immigrationsproblematik von Anfang an schon rein theoretisch zu erwarten. Bald gab es mit Erhebungen über das sinkende Leistungsniveau auch negative empirische Befunde. Aber das ganze System mit seiner reformprogressiven Bildungsbürokratie reagiert dermassen träge, wenn überhaupt, dass eine Trendumkehr nicht mehr zu erwarten ist.

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