5. März 2024

Probieren geht über Studieren

Der Condorcet-Autor Philipp Loretz ist auch Präsident des lvb. In der neusten Ausgabe des lvb-Bulletins werden im Detail die Ergebnisse einer Umfrage ausgewertet, welche der Verband in seinem Kanton durchführte (Der Condorcet-Blog berichtete darüber). Wir veröffentlichen hier das Editorial der ausserordentlich lesenswerten Broschüre.

Philipp Loretz, Lehrer Sekundarstufe 1, Präsident des lvb: In einer Wellnesswoche zum Arzt.

Auf die Frage, wie man herausfinden könne, ob man für den Lehrberuf geeignet sei, sagte ein Quereinsteiger ohne pädagogische Ausbildung freimütig: «Probieren geht über Studieren». Für dieses geflügelte Wort hege ich durchaus Sympathie. Ohne diese Haltung hätte ich weder laufen noch tanzen gelernt. Die neue IKEA-Kommode baute ich allerdings erst nach sorgfältiger Konsultation der Anleitung zusammen. Und im Unterschied zum Do-it-yourself-Möbelbau stellt Unterrichten ein weitaus komplexeres Unterfangen dar, das profunde Fachkenntnisse, pädagogisches Knowhow, ein reichhaltiges Methodenrepertoire u.v.m. erfordert.

Was sich angehende Lehrpersonen in einem drei- bis fünfjährigen Studium aneignen, lässt sich in Zeiten des Lehrpersonenmangels scheinbar auf fünftägige Crashkurse komprimieren – so geschehen letzten Sommer im Kanton Zürich. Ganz wohl ist es den Verantwortlichen beim Schwingen des Zauberstabes dann aber doch nicht. In Form von Mentoraten werden nicht diplomierten Einsteiger erfahrene Berufsleute zur Seite gestellt. Im besten Fall wird dieses Engagement entschädigt, im schlechtesten Fall unter «Teamarbeit» im Rahmen sogenannter Schulentwicklung verbucht.

Um zu verhindern, dass Studienabgänger den Lehrberuf vorzeitig verlassen, werden landauf, landab auch für diplomierte Berufseinsteiger Mentorate eingeführt resp. ausgebaut. Der Betrachter reibt sich verwundert die Augen: Mentorate für Quereinsteiger ohne pädagogischen Hintergrund, Mentorate für Studienabgänger mit pädagogischer Ausbildung.

Ursula Renold: Sollte das Experiment mit den Notfalllösungen allerdings von Erfolg gekrönt sein, dann muss die Wirkung der Akademisierung im Feld – im Schulzimmer – hinterfragt werden.

Dieser Widerspruch blieb auch den Medien nicht verborgen. So warf der Moderator der SRF-Sendung «Eco Talk» vom 29.8.22 die provokative Frage auf, ob man denn auf die zu akademische Ausbildung an den PHs nicht einfach verzichten könnte. Ursula Renold, Bildungsökonomin an der ETH, warnte vor voreiligen Rückschlüssen. Sollte das Experiment mit den Notfalllösungen allerdings von Erfolg gekrönt sein, dann müsse die Wirkung der Akademisierung im Feld – also im Schulzimmer – hinterfragt werden.

Mit dieser Forderung liegt Renold goldrichtig, denn die Lehrerbildung steckt tatsächlich in der Krise. Crashkurse zu Dumpingpreisen auf der einen, praxisferne, technokratische Ausbildungen auf der anderen Seite. Es ist deshalb höchste Zeit, Wege aus dieser doppelten Sackgasse zu finden.

In der aktuellen Notlage gilt es, engagierte Quereinsteiger mit einem Flair für Pädagogik zu gewinnen, die spätestens zwei Jahre nach dem Quereinstieg bedarfsgerechte Nachqualifikationen in Angriff nehmen. Gleichzeitig sei der PH FHNW wärmstens ans Herz gelegt, im wahrsten Sinne des Wortes über die Bücher zu gehen und dafür zu sorgen, dass angehende Lehrpersonen im fachdidaktischen Bereich von praxiserprobten, erfolgreichen Pädagogen mit Herzblut in die Kunst des Lehrens eingeführt werden. Die PH-Direktion wäre ferner gut beraten, sich vom Verlegenheitsmantra, Berufserfahrung sei schwer zu quantifizieren, zu verabschieden.

Wie weit soll die Forschung gehen in der Lehrerausbildung gehen?

Das kantonale Projektteam «Lehrpersonenmangel» unter Beteiligung des LVB ist bestrebt, drohende zürcherische Zustände mit Hilfe eines vielfältigen Massnahmenpakets abzuwenden. Wie die Attraktivität des Lehrberufs aus Sicht des LVB nachhaltig gesteigert werden kann, legt Roger von  Wartburg in seiner Auswertung der LVB-Mitgliederbefragung «Belastungsfaktoren im Lehrberuf» dar. [Die Condorcet-Leserinnen und Leser können diese hier (08_LVB-Mitgliederbefragung-Belastungsfaktoren-im-Lehrberuf_lvb-inform_22-23-02 ) öffnen.]

Sollte der Lehrberuf trotz aller Appelle schweizweit weiterhin an Anziehungskraft verlieren, werden Ihnen, liebe Mitglieder, wohl bald schon zahlreiche Türen offenstehen. Schliesslich dürften vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels auch andere gebeutelte Branchen kreative Angebote lancieren. Falls Sie also demnächst auf verlockende Ausbildungs-Dumping-Inserate wie «Maschineningenieur in 5 Tagen», «Werde Polymechanikerin, ein Wochenende genügt!» oder «Jetzt: in der Wellnesswoche zum Hausarzt» stossen sollten, dann nutzen Sie Ihre Ausstiegschancen unbesorgt, denn Sie wissen ja: Probieren geht über Studieren!

Philipp Loretz Präsident LVB

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