25. September 2022

In Krisenzeiten schlägt die Stunde der Schulpraktiker

Der dramatische Lehrkräftemangel ist ein schweizweites Problem. Nach dem Artikel von Carl Bossard (Innerschweiz) und Alain Pichard (Biel) nimmt sich auch der ehemalige Bildungsrat Hanspeter Amstutz dieses Themas an. Er sieht die Bildungsverwaltung in der Verantwortung.

Hanspeter Amstutz:
Beispielloses Versagen

Jahrelang versuchte die Zürcher Bildungsdirektion den chronischen Lehrermangel in der Volksschule kleinzureden. Doch letzte Woche erfolgte eine radikale Kehrtwende. Aufgrund der dramatisch verschlechterten Personalsituation erging ein eigentlicher Hilferuf an alle, die sich pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen vorstellen können. Selbst Unausgebildete sollten sich für den Schuldienst zur Verfügung stellen, sofern sie sich die herausfordernde Aufgabe zutrauten. Dieses Versagen vorausschauender Bildungspolitik ist in neuerer Zeit wohl beispiellos.

 Hausgemachte Gründe für den Lehrermangel sind offensichtlich

Die Reaktionen in der Presse auf das konzeptlose Agieren der Bildungsdirektion und die zunehmenden Burnouts in der Lehrerschaft liessen nicht lange auf sich warten. Scharf formulierte Leserbriefe erschienen im Tages-Anzeiger und in der NZZ. Für die Leserbriefschreiber ist die überproportionale Zunahme der Schülerzahlen in den letzten Jahren kein ausreichender Grund, um den grossen Lehrermangel zu erklären. Alle kritisieren zu Recht, dass sich die dramatische Entwicklung längst abgezeichnet hat und für den Lehrermangel eine Reihe hausgemachter Ursachen vorliegen. Sie erwähnen die gestiegene Grundbelastung in den Regelklassen, weil die Kleinklassen abgeschafft wurden. Sie sehen im überladenen Lehrplan, in der Verzettelung auf zu viele Bildungsziele und in der oft praxisfernen Lehrerbildung die stärksten Belastungsfaktoren.

Jahr für Jahr wird die Lehrerschaft vertröstet, dass man das komplexe Fördersystem verbessern und versuchen werde, mehr Heilpädagoginnen einzusetzen. Doch dass dies in Zeiten des Lehrermangels Luftschlösser sind, ist allen klar.

Inkusion: Pragmatische Lösungen gefragt

Die kantonalen Bildungsdirektionen müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass es den Verantwortlichen an Entschlossenheit mangelt, bei gewissen Schulprojekten endlich zu einem Abschluss zu kommen. Was wurde nicht schon alles geschrieben über die Integration verhaltensauffälliger Schüler in Regelklassen! Jahr für Jahr wird die Lehrerschaft vertröstet, dass man das komplexe Fördersystem verbessern und versuchen werde, mehr Heilpädagoginnen einzusetzen. Doch dass dies in Zeiten des Lehrermangels Luftschlösser sind, ist allen klar. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen mit aller Deutlichkeit, dass bei einer zu grossen Zahl an verhaltensauffälligen Schülern auch bei grösstem Einsatz der Klassenlehrer die Integration zum Scheitern verurteilt ist. Nötig sind pragmatische Lösungen mit Einbezug von gut geführten Kleinklassen, um die blockierenden Dogmen in der Integrationsfrage endlich überwinden zu können.

Erfahrene Kolleginnen unterstützen mit Rat und Tat Studierende, die vorzeitig in Vikariaten eingesetzt werden. Bei den Schulleitungen hat man gemerkt, dass gut qualifiziertes und zupackendes Personal weit wichtiger ist als die Lenkung des Bildungsgeschehens durch ausgeklügelte Lernprogramme und zeitraubende Lehrplan-Weiterbildungen.

Gefragt ist Zupackendes Engagement und Besinnung aufs Wesentliche

Um in diesen aufwühlenden Zeiten die Qualität unserer Volksschule zu erhalten, braucht es ein aussergewöhnliches Engagement der Lehrerinnen und Lehrer. Die meisten arbeiten nicht erst seit Corona weit mehr, als dies der kleinkarierte Berufsauftrag vorschreibt. Würde man die Überstunden am Jahresende kompensieren, könnte einige bereits im November in die Ferien gehen. Der Aufruf zur Unterstützung der Schulen verhallt zum Glück nicht ungehört. Manch pensionierter Lehrer übernimmt in seiner ehemaligen Schule eine verwaiste Klasse. Lehrerinnen erhöhen trotz Familienpflichten ihr Pensum oder springen spontan für eine erkrankte Kollegin ein. Erfahrene Kolleginnen unterstützen mit Rat und Tat Studierende, die vorzeitig in Vikariaten eingesetzt werden. Bei den Schulleitungen hat man gemerkt, dass gut qualifiziertes und zupackendes Personal weit wichtiger ist als die Lenkung des Bildungsgeschehens durch ausgeklügelte Lernprogramme und zeitraubende Lehrplan-Weiterbildungen. In der Praxis muss die Spreu vom Weizen geschieden werden, wenn die Schulen die Krise unbeschadet überleben wollen. Schulpraktiker geniessen wieder sehr viel mehr Kredit, und das ist gut so. Jetzt bietet sich die Chance, die Schulen pädagogisch und inhaltlich wieder aufs Wesentliche auszurichten.

Dringend nötig wäre ein schonungsloses Überprüfen umstrittener Reformen und aufwändiger administrativer Massnahmen der letzten Jahre.

Die Bildungspolitik muss endlich ihre Hausaufgaben lösen

Und was tun lautstarke Bildungspolitiker in dieser wichtigen Phase? Einige schweigen, und das ist nicht einmal das Dümmste. Doch ihre Aufgabe wäre es eigentlich, all die Hemmnisse in den Schulen abzubauen, welche das tägliche Unterrichten erschweren. Dringend nötig wäre ein schonungsloses Überprüfen umstrittener Reformen und aufwändiger administrativer Massnahmen der letzten Jahre. Und nicht zuletzt wäre es auch die Aufgabe einer mutigeren Bildungspolitik, den Ursachen des Lehrermangels auf den Grund zu gehen.

KV-Lehre: schwammige Konzepte

Ein Blick auf das Gesamtsystem unseres Bildungsangebots zeigt, dass auch die KV-Schulen in einer turbulenten Phase stecken. Dieser wichtige Zweig des dualen Berufsbildungssystems ringt je länger je mehr um begabte Schülerinnen und Schüler, die zwischen KV-Lehre und Gymnasium schwanken. Doch die Bildungsverantwortlichen sind drauf und dran, die Weichen mit der neuen KV-Reform falsch zu stellen. Statt in Leistungsfächern die Jugendlichen gründlich auszubilden, werden schwammige Konzepte mit Modulen für situatives Verhalten entwickelt. Erfahrene KV-Lehrpersonen sind entsetzt über die unausgegorene Reform. Sie befürchten wohl zu Recht einen massiven Abbau an Schulqualität. Interessant ist, dass die Banken beim neuen Modell ausscheren und weiterhin an einem fächerorientierten Unterricht festhalten.

Die Stärkung der Berufsbildung bleibt eine Herausforderung

Vielleicht hilft ein Blick über die Grenzen, um fatale Entwicklungen im Bildungsbereich noch zu verhindern. In einigen deutschen Bundesländern hat die Verwässerung der Anforderungen an den Mittelschulen zu einer Zunahme der Abiturientenquote auf über 50 Prozent und zu einer höchst unerfreulichen Abwertung der Berufsbildung geführt. Universitäre Ausbildungen sind das Ziel, handwerklich-technische Berufe gelten als zweite Wahl. Die Schweizer Bildungspolitik müsste durch die hohe Arbeitslosigkeit in Ländern mit einem zu leichten Zugang zu den Gymnasien und einem tiefen Sozialprestige der Berufslehren gewarnt sein. Besser als eine Erhöhung der Maturitätsquote ist eine Aufwertung der Berufslehren vom KV bis zur Schreinerlehre, denn ohne hervorragend ausgebildete Berufsfachleute kann unsere Wirtschaft ihre starke Stellung nicht behaupten.

Hanspeter Amstutz

Ehemaliger Bildungsrat und Sekundarlehrer

Fehraltorf

 

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1 Kommentar

  1. Das gesamtschweizerische Lehrpersonal lässt sich immer wieder von Bildungstheoretikern das Gehirn waschen bzw. gar vorwerfen, was es doch in der Vergangenheit alles falsch gemacht hätte. Das gilt für das Lehrpersonal an den Volksschulen und an den Berufsschulen gleichermassen. Immer mehr Lehrer(innen) hängen ihren geliebten Beruf an den Nagel, denn die Bildungspolitik ist nicht bereit, den wahren Ursachen des Lehrermangels auf den Grund zu gehen. In 1 – 2 Jahren wird man feststellen, dass nicht nur an den Volksschulen der Lehrermangel weiter zugenommen hat, sondern auch die KV-Schulen massiv davon betroffen sein werden. Die Weichen dazu sind mit der neuen KV-Reform 2023 entsprechend gestellt. Eigentlich sind die vier möglichen Richtungen bereits klar vorgezeichnet:

    • Es gibt Lehrpersonen, die noch aktive versuchen, das Beste aus der missratenen Reform herauszuholen und sich auch weiterhin im Schuldienst – trotz kleinkariertem Berufsauftrag – stark engagieren und hoffentlich nicht frustriert aufgeben;
    • Dann gibt es jene, die einfach schweigen und zunehmend frustrierter werden, weil sie klar eine andere Vorstellung von ihrem Berufsauftrag haben, als unausgegorene Reformen diesen vorgeben und die dann innerlich “kündigen” bzw. einfach nur noch Dienst nach Vorschrift machen oder die Reform gar durch passiven Widerstand unterlaufen;
    • Oder es gibt auch jene, die aktiv und offen gegen die Reform der praxisfremden Bildungstheoretiker kämpfen, dabei von Schulleitungen mundtot gemacht werden und irgendwann frustriert den Schuldienst quittieren oder gar entlassen werden;
    • Und zuallerletzt sind es jene, die sich sagen: Diesen “Quark” muss ich mir nicht antun und sofort aussteigen bzw. von sich aus kündigen.

    Und alle werden sich erstaunt über den Lehrermangel wundern, vom generell sinkenden Bildungsniveau sei an dieser Stelle ganz zu schweigen.

    Warum lässt sich das entsetzte Lehrpersonal einfach tatenlos das Gehirn waschen? Ohne gutes Lehrpersonal, gibt es auch keine gute Schule. Ihr seid doch am längeren Hebel: Wehrt Euch und kämpft für Euren tollen Beruf. Steht doch endlich zusammen und bereitet diesem Kompetenzschwachsinn auf allen Stufen ein Ende. Es wäre fairer und transparenter, wenn ihr jetzt (auch wenn es bereits etwas spät ist) die Reissleine zieht, als wenn ihr nach 2023 die Reform unterlaufen müsst, weil ihr feststellen werdet, dass sich mit dem ganzen schwammigen “Kompetenzgeschwurbel” der Lernerfolg nicht mehr einstellen wird (so wie ja bereits heute sichtbar in der Volksschule, künftig auch an den Berufsschulen, und bei den Gymnasien ist man leider ebenfalls auf dem besten Weg dazu). Es kann doch nicht sein, dass (wie kürzlich auf dieser Plattform beschrieben) die Bildungsforschung in fünfzig Jahren herzhaft lachen wird über die 2020er Jahre, die so vernarrt waren in den Kompetenzbegriff und ihm hinterherliefen wie dem Rattenfänger von Hameln. Man wird dies nämlich nicht den “Jahren”, sondern den “Lehrern” zuschreiben, die blindlings den dogmatischen Reformern gefolgt sind. Ihr wollt Euch doch später nicht vorwerfen lassen wollen, dass ihr als “Ratten” einfach gefolgt seid? Tut heute etwas dagegen, dass dieser Fall gar nicht erst eintreffen wird. Wer, wenn nicht das vereinigte Lehrpersonal kann etwas tun? Das seid ihr euch und den künftigen Schülern bzw. Lernenden schuldig.

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