28. November 2020

Beat Kissling bespricht die Be-Kenntnisse des Condorcet-Autors Riccardo Bonfranchi

Der langjährige Schweizer heilpädagogische Praktiker, Wissenschaftler und Lehrerbildner Riccardo Bonfranchi legt mit seiner Publikation “Phänomenologie der Geistigen Behinderung – Be-Kenntnisse eines
Heilpädagogen” eine Collage reichhaltiger Erfahrungen, Einsichten und theoretischer Reflexionen zum tieferen Verständnis dieses kleinen, besonders vulnerablen Teils der Bevölkerung vor. Darin entfaltet er Schritt für Schritt ein Verständnis für die vielfältigen Facetten dessen, was „geistige Behinderung“ wirklich beinhaltet. Das Buch richtet sich an ein breites, auch nichtfachliches Publikum. Beat Kissling hat es gelesen und stellt uns die Be-Kenntnisse vor.

Dr. Beat Kissling, Gymnasiallehrer, Mitherausgeber von “Einspruch”.
Riccardo Bonfranchi, Heilpädagoge und Buchautor

Integration ist heute in aller Munde, ein humanes Anliegen, das wohl niemand grundsätzlich in Frage stellen würde. Allerdings – welche Art der Integration? Bonfranchi problematisiert die aktuellen gängigen «naiven, wenig reflektierten» Lösungen in den Allgemeinen Schulen. Damit sei die Marginalisierung von Menschen mit geistiger Behinderung nicht weniger geworden, wie dies die Promotoren dieser fraglichen Integration behaupten, ganz im Gegenteil. Vor neun Jahren stach der streitbare Heilpädagoge mit dem NZZ-Artikel „Ein Akt gegen die Menschenwürde“ in ein Wespennest, als er die Top-Down implementierte Integration bzw. Inklusion scharf kritisierte und von einer behindertenfeindlichen Lösung sprach: Kinder mit geistiger Behinderung würden auf diese Weise per se in den Status des „Exoten“ versetzt, ohne echtes Vis-à-vis, ohne echte Bezugsgruppe und auch ohne Möglichkeit der wirklichen Teilnahme am Unterrichtsgeschehen, geschweige denn, am vergnüglichen Spiel in der Pause mitmachen zu können. Sie seien isoliert und ständig mit dem eigenen Unvermögen im Vergleich mit allen anderen konfrontiert, ohne etwas dagegen tun zu können.

Separation per se diskriminierend?

Diese Überlegungen führt Bonfranchi in der neuen Publikation weiter aus und wirft die schon fast ketzerisch wirkende Frage auf, wieso man das frühere, ausgezeichnet funktionierende System der Kleinklassen (in der Schweiz) für Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen eigentlich aufgegeben habe.

Integration: viel Ideologie, wenig Sachverstand
Bild: AdobeStock

Laut aktueller Sprachregelung gilt solche „Separation“ per se als diskriminierend, während die Integration – egal mit welcher Umsetzung – unbesehen geadelt wird. Dieser mehr ideologischen als sachlich-fachlichen Position setzt Bonfranchi eine schwer zu widerlegende Überlegung bzw. Argumentation entgegen:

Integration in der gängigen Form widerspreche dem für Schulen konstitutiven pädagogischen Grundsatz, nämlich: Alle Bedingungen (Lehrperson, Lehrmittel, Schuleinrichtung, Klassenzusammensetzung, -größe etc.) werden stets auf allen Schulstufen auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler abgestimmt.

Wieso gelte dies für Kinder mit geistiger Behinderung nicht? Diese seien bei der jetzigen Art der Integration mit den Rahmenbedingungen für Regelschüler konfrontiert, was sie in eine permanenten Minus-Situation mit einem chronischen Gefühl des Unvermögens versetze.

Die zweifelhafte Einstellung der Integrationsbefürworter „Hauptsache dabei sein“ überzeugt längst in vielen Schulen nicht mehr.

Permanente Minus-Situation
Bild: api, Dorsten Wulfen

Bonfranchi steht mit seiner Skepsis und seinen kritischen Argumenten nicht alleine. Die zweifelhafte Einstellung der Integrationsbefürworter „Hauptsache dabei sein“ überzeugt längst in vielen Schulen nicht mehr. Vielerorts wird angesichts der mehr als problematischen Erfahrungen sogar laut über die Rückkehr zur Kleinklasse nachgedacht. Der Heilpädagoge skizziert in seinem Buch auch realistische Alternativen der Integration – ausgehend von eigenständigen Regelklassen und Kleinklassen (in Heilpädagogischen Schulen), die regelmäßig an Halbtagen gemeinsame Aktivitäten (Projekte …) veranstalten. Gut betreut könne auf diese Weise zwischen den Klassen eine echte Kooperation entstehen, ohne die beschriebenen schwerwiegenden Nachteile.

Aufdringliche Schein-Solidarität

Bonfranchi stellt seine Kritik der aktuellen schulischen Integration in einen größeren gesellschaftlichen Rahmen, wenn er von der verbreiteten Tendenz spricht, geistige Behinderung zu trivialisieren und die Illusion von „Quasi-Normalität“ für Menschen mit Beeinträchtigungen zu schaffen. Dies ist zwar sicherlich gut gemeint, stehe aber – so Bonfranchi – als etwas aufdringliche Schein-Solidarität in Kontrast zur historischen, in unserer Kultur ausgeprägt ablehnenden Distanz gegenüber Menschen mit Behinderung, solchen mit geistiger Behinderung ganz besonders; ein Phänomen, das längst nicht überwunden sei. Zu dieser Einsicht gelangte Bonfranchi durch seine Auseinandersetzung mit Peter

Peter Singer, Philosoph: Präferenzenutilitarismus mit schwerwiegenden ethischen Konsequenzen.

Singers Präferenzenutilitarismus und den Konsequenzen aus der pränatalen Diagnostik, beides wirkungsvolle Einflussfaktoren im aktuellen Zeitgeist mit schwerwiegenden ethischen Konsequenzen. Sowohl das Absprechen eines gleichwertigen (menschenrechtlichen) Lebensschutzes für Menschen mit geistiger Behinderung im Sinn Singers als auch der sich abzeichnende Trend, aufgrund der Möglichkeit der pränatalen Diagnostik, die Geburt beeinträchtigter Kinder als Zumutung zu stigmatisieren, sind laut Bonfranchi bedenkliche Entwicklungen. Sie geben den nach wie vor bestehenden Fremdheit- bis Ablehnungsgefühlen diesen Menschen gegenüber eher Nahrung als sie aufzulösen. Mit Recht wirft er die Frage auf, wie unter solchen Voraussetzungen die tragende Generation Menschen mit geistiger Behinderung ins Herz schließen und wirklich echt (nicht nur formell) integrieren könne.

Wer sich auf diese Menschen wirklich einlässt und seine Distanz aufgibt, macht eine beglückende Erfahrung.

Gerade durch seine phänomenologische Annäherung an die „geistige Behinderung“, also mit Erörterung von Fragen zur emotionalen Erlebnisfähigkeit, zur Geistigkeit dieser Menschen und zu ihrer Ansprechbarkeit auf zwischenmenschliche Beziehung, beschreitet er den umgekehrten Weg, nämlich die feinfühlige Annäherung an die Erlebenswelt seiner Schützlinge. Wer sich auf diese Menschen wirklich einlasse und seine Distanz aufgebe, mache eine beglückende Erfahrung: „Das Ekelerregende“ trete in den Hintergrund und die Distanz verschwinde. Für die professionelle Arbeit sieht Bonfranchi die Notwendigkeit, bei den Auszubildenden die Einstellung einer CARE-Ethik, sprich einer Beziehungsethik aufzubauen. Ziel dieser Ethik sei es, stetig an der Qualität der Beziehung zur Person mit geistiger Behinderung zu arbeiten und mit den jungen Menschen ein „dialogisches Erziehungsverhältnis“ aufzubauen, das von Respekt, Engagement, Zuneigung und Fürsorglichkeit getragen sei.

Dieses sehr lesenswerte Buch ist allen ans Herz gelegt, die den Wunsch haben, Menschen mit geistiger Behinderung wahrhaft näher zu kommen und ihre Integration in unsere Gesellschaft so zu gestalten, dass sie den gleichen Respekt und die gleiche Förderung erfahren wie wir geistig sogenannt Vollsinnigen. Die Auseinandersetzung mit seinem Inhalt ist zugleich auch eine Schulung in Menschlichkeit.

Beat Kissling

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Hinweis: Diese Artikel ist in der Zeitschrift des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland (LVB) erschienen (Juni-Ausgabe 2020).

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