Die Debatte über den Fremdsprachenunterricht ist zurück. Im Baselbiet soll der Französischunterricht künftig erst in der Sekundarschule unterrichtet werden – und Englisch frühestens ab der fünften Primarstufe, so fordert es eine kantonale Initiative des Vereins Starke Schulen beider Basel. Sie wurde am Dienstag mit über 2200 Unterschriften in Liestal eingereicht.
Philipp Loretz ist Präsident des Lehrer*innenvereins Baselland. Der Verein vertritt die Anliegen und Perspektiven der Lehrpersonen bei methodisch-didaktischen Fragen und Bildungsreformen. Dafür führt er regelmässig Umfragen unter Lehrpersonen durch und bringt deren Anliegen und konkrete Vorschläge direkt bei der Bildungsdirektion des Kantons Basel-Landschaft ein.
Philipp Loretz, wie steht es um Ihre Französischkenntnisse?
Ich bin selbst ausgebildeter Französischlehrer und durfte am Langzeitgymnasium einen soliden Französischunterrichts besuchen und kam an der Universität Bern in den Genuss einer profunden fachlichen Ausbildung.

Die Debatte um den Fremdsprachenunterricht, ist im Baselbiet nicht neu. 2018 lehnte das Baselbiet die Initiative «Stopp der Überforderung von Schüler*innen: Eine Fremdsprache auf der Primarstufe genügt» ab. Sie verlangte, Englisch auf der Primarstufe abzuschaffen. Die Initiative der SSbB fordert nun, den Französischunterricht nach hinten zu verschieben. Überrascht es Sie, dass das Thema wieder aufkommt?
Nein, das entspricht einem Trend in der Deutschschweiz. Seitdem der frühe Französischunterricht Anfang der 2010er-Jahre eingeführt wurde, stehen wir diesem Konzept kritisch gegenüber. Schon damals warnten wir, dass zwei Fremdsprachen in der Primarschule viele Kinder überfordern könnten. Das hat sich inzwischen bestätigt. Die Ziele, welche die Verantwortlichen damals versprochen hatten, wurden nie erreicht. Gleichzeitig beobachten wir, dass sich die Deutschkompetenzen ungebremst im Sinkflug befinden. Auch hier müssen wir entschlossen gegensteuern und entsprechende Kapazitäten schaffen.
«Das Fass ist längst voll – und trotzdem wird immer noch mehr Wasser hineingeschüttet.»
Die heutige HarmoS-Lösung sieht zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe vor – eine Landessprache und Englisch. Der Bund will nun gesetzlich sicherstellen, dass eine zweite Landessprache auf der Primarstufe unterrichtet wird. Wieso hält man so stark am jetzigen Konzept fest?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer liegt in der Uneinsichtigkeit der Verantwortlichen – namentlich bei der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK) und den Pädagogischen Hochschulen. Sie müssten eingestehen, dass sie sich geirrt haben und das heutige Konzept nicht die erhofften Ergebnisse bringt. Ein möglicher Gesichtsverlust darf nicht dazu führen, dass an einem Konzept festgehalten wird, das in der Praxis nicht funktioniert.
Auch das kuriose Argument von Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider, der «nationale Zusammenhalt» stehe auf dem Spiel, überzeugt nicht. Die Schweiz ist vor der Einführung des Frühfremdsprachenunterrichts nicht auseinandergefallen. Der nationale Zusammenhalt hängt nicht davon ab, ob achtjährige Kinder in einem inexistenten Sprachbad plantschen. Ziel muss es sein, den Französischunterricht nachhaltig zu stärken.
Auch Ihr Dachverband Lehrer*innen Schweiz unterstützt den Grundsatz der Initiative – also nur eine Fremdsprache auf der Primarstufe. Sie stehen stets in engem Austausch mit den Lehrpersonen. Welche Rückmeldungen erhalten Sie?
Wir haben 2023 eine grosse Umfrage zu den Belastungsfaktoren im Lehrberuf durchgeführt. Die Hauptbotschaft war schon damals die Überfrachtung der Primarstufe. Die Primarschule wurde in den vergangenen Jahrzehnten mit immer neuen Fächern und zusätzlichen Inhalten belastet. Vor lauter vorgegebenen Prioritäten bleibt den Lehrpersonen und den Schülern immer weniger Zeit, sich auf die wirklich wichtigen Grundlagen zu konzentrieren. Das Fass ist längst voll – und trotzdem wird immer noch mehr Wasser hineingeschüttet. Das führt unweigerlich zu einer Überforderung. Die Bildungspolitik hat den Primarschulen viel zu viel zugemutet – auf Kosten der Kinder, die nun verbindliche Grundkompetenzen nicht erreichen.
Die Zahlen sind alarmierend: Im Baselbiet erreichen am Ende der Sekundarschule durchschnittlich nur 54 Prozent der Schüler*innen die Grundkompetenzen in Französisch. Eine Studie von 2023 zeigt zudem, dass der Einstiegszeitpunkt keinen Einfluss auf die späteren Kompetenzen hat. Müsste sich nicht grundlegend etwas an der Vermittlung von Französisch ändern?
Die Grundvoraussetzungen für einen erfolgreichen Französischunterricht sind derzeit nicht ansatzweise erfüllt. Ein immersives, dem Muttersprachenerwerb ähnliches Lernen funktioniert nur, wenn ein Kind täglich und über längere Zeit von der Zielsprache umgeben ist. Mit zwei Lektionen pro Woche lässt sich ein solches Sprachbad nicht herstellen. Dafür wären auch Lehrpersonen mit muttersprachlichen Französischkompetenzen nötig. Diese stehen auf dem Arbeitsmarkt jedoch schlicht nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung.
Hinzu kommt, dass über lange Zeit weltfremde Lehrmittel eingesetzt wurden, welche den systematischen Aufbau des Grundwortschatzes und grundlegender Sprachstrukturen sträflich vernachlässigten.
Sie nehmen also die Lehrpersonen in Schutz.
Man kann einem Menschen nicht eine Schere in die Hand drücken und ihm danach vorwerfen, dass er damit eine Eisenstange nicht durchschneiden kann.
Was wäre die optimale Lösung?
Wir sind weder gegen das Erlernen der schönen Landessprache Französisch noch gegen die Romandie. Im Gegenteil: Gerade weil uns ein guter Französischunterricht wichtig ist, müssen die Entscheidungsträger einsehen, dass es nun eine ehrliche Kurskorrektur braucht. Dazu gehören unter anderem das Ende der Überfrachtung der Primarschule, eine angemessene Stundendotation, ausgezeichnete Lehrmittel und genügend qualifizierte Lehrpersonen.

