
Peter Frattons Kritik am Manifest ist sehr differenziert, dennoch finde ich sie in drei Punkten nicht überzeugend:
- Der Autor geht von Idealvorstellungen bezüglich Klassengrösse, breiter Personaldecke, sozialem Hintergrund der Schüler und vor allem den finanziellen Ressourcen der Volksschule aus. Doch in all diesen Bereichen herrschen da keine Laborbedingungen. Mit einer intensiven Betreuung durch zwei Lehrkräfte pro Klasse mit aufgeweckten Schülern lässt sich viel erreichen. Doch von solchen Voraussetzungen kann man nur träumen.
- Die kritischen Bemerkungen des Autors gegenüber dem geführten Lernen durch kompetente Lehrpersonen lassen ein Misstrauen gegenüber einem verbindlichen Kulturauftrag erkennen. Wer Mühe hat, eine vertrauenswürdige Lehrerin wie eine Orchesterdirigentin mit einem klaren Auftrag zu sehen, wird pädagogische Führung leicht als fremdbestimmte Einmischung taxieren. Lehrer sollten nach Auffassung des Autors mehr Begleiter von Lernprozessen sein und sich möglichst zurücknehmen. Doch dieses Leitbild erweist sich in der aktuellen Schulrealität oft als völlig ungeeignet für eine gute Klassenführung.
- Der Autor geht davon aus, dass ein «guter» Unterricht nicht unbedingt auch eine hohe Bildungswirkung haben muss. Entscheidend sei allein das Fördern des Lernverhaltens. Das ist sicher ein wichtiger Aspekt, wird aber als zugespitzte Aussage dem ganzheitlichen Bildungsauftrag kaum gerecht. In diesem Zusammenhang kann ich Peter Frattons kritische Haltung gegenüber dem gemeinsamen Klassenunterricht nicht nachvollziehen. So wie Carl Bossard diese zentrale Unterrichtsform beschreibt, steckt darin eine ganze Palette an didaktischen Möglichkeiten. Neben dem wichtigen Instruieren kommt in Klassengesprächen das dialogische Lernen zum Zug und das anregende Üben in einer Gemeinschaft fördert soziales Verhalten. Der gemeinsame Klassenunterricht bleibt das Herzstück einer Schule, in welcher konzentriertes Lernen als Basis für den Schulerfolg erachtet wird.

