15. September 2026
Pro und Contra-Stellungnahmen zweier Grossräte im Bieler Tagblatt

Braucht die Bildung neue Verfassungsartikel?

Das Grossratsduo Oriana Pardini (SP) und Mathias Müller (SVP) kreuzen im Bieler Tagblatt jede Woche die Klinge über ein politisches Thema. Diesmal geht es um die Berner Bildungsinitiative.

Oriana Pardini:

Oriana Pardini, SP-Grossrätin: Die Zahlen sind alarmierend

«Eine ignorante Gesellschaft lässt sich manipulieren.»

Wir sind das reichste Land der Welt und bei der Volksschule und der Bildung unserer Kinder und Enkelkinder soll gespart, geknausert werden. Genau hier setzt die Bildungsinitiative an. Bildung soll verbindlich in der Verfassung verankert werden. Kanton und Gemeinden müssen dafür sorgen, dass Schulen genügend gut geschultes Personal, Zeit und Mittel haben. Klingt selbstverständlich? Ist es leider nicht.

Die Zahlen sind alarmierend! In der Schweiz erreicht jeder vierte 15-Jährige beim Lesen nicht die grundlegenden Pisa-Anforderungen, in Mathematik verfehlt fast jeder Fünfte die Mindestanforderungen. Die internationale Bildungsstudie Pisa der OECD misst, wie gut Jugendliche grundlegende Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften beherrschen.

Wer heute bei der Bildung spart, wird morgen gezwungen sein, in Erziehungsanstalten zu investieren. Bildung ist Prävention. Sie entscheidet über Selbstständigkeit, Ausbildung und Verantwortung. Gute Schulen kosten Geld. Schlechte Bildung kostet eine Gesellschaft weit mehr.

Eine Verdummung der Gesellschaft können und wollen wir uns nicht leisten. Eine ignorante Gesellschaft lässt sich manipulieren. Das ist Gift für unsere direkte Demokratie. Wer Fakten nicht einordnen kann, wird leichter zum Spielball von Populisten und falschen Versprechen.

Unsere Gesellschaft steht und fällt mit dem Wissen ihrer Bürgerinnen und Bürger. Deshalb dürfen wir nicht nur auf den Durchschnitt schauen, sondern müssen uns am schwächsten Glied messen. Was nützt uns eine hervorragend ausgebildete Elite, wenn ein Viertel der Jugendlichen beim Lesen einfacher Texte scheitert?

Die Bildungsinitiative sorgt dafür, dass Bildung in unserer Gesellschaft und in der Politik einen besonderen Stellenwert erhält. Denn Bildung ist der kostbarste Rohstoff, über den die Schweiz verfügt. Wer heute an Bildung spart, verspielt die Zukunft der Schweiz. Denn eine unwissende Gesellschaft verliert ihre Freiheit, ihren Wohlstand und ihre Fähigkeit, Demokratie zu verteidigen.

 

Mathias Müller: «Vielleicht muss man sich fragen: Ist weniger nicht mehr?»

Mathias Müller, SVP, Orvin (BE): Mehr Selbstkritik der Lehrerverbände.

Gesellschaftliche Probleme werden in der Politik meist mit drei Lösungen beantwortet: eine neue Regulierung, ein Verbot oder mehr Geld – alle drei kosten den Steuerzahler mehr, ohne das Problem grundlegend zu lösen.

Das Ansinnen, Bildungsqualität neu in der Verfassung zu verankern, ist ein klassisches Beispiel. Seit 2012 sinken die Lese- und Schreibkompetenzen unserer Kinder kontinuierlich.

Das liegt nicht am Geldmangel. 1990 gab die öffentliche Hand in der Schweiz 16,2 Milliarden Franken für Bildung aus, 2023 waren es 45,5 Milliarden. In unserem Kanton belegen die Bildungsausgaben neu den Spitzenplatz im Budget. Trotzdem wurden die Resultate schlechter.

Der kantonale Vergleich ist aufschlussreich. Das Wallis erreicht mit halb so viel Geld wie Basel-Stadt einen Spitzenplatz, während die Rheinstadt mit dem teuersten Schulsystem regelmässig den Schlussplatz belegt.

Bildungsinvestitionen müssen Nutzen schaffen. Bleibt dieser aus, muss man über ihre Wirkung reden. In den letzten 30 Jahren hat der Kanton mit über 20 Reformen unser Bildungssystem umgepflügt. Viele erreichten nicht die erwünschten Resultate. Und was sagt die Lehrergewerkschaft? Es braucht halt noch mehr Ressourcen!

Vielleicht muss man sich fragen: Ist weniger nicht mehr? Brauchte es die frühere Einschulung, mehr Lektionen oder das Frühfranzösisch – alles teure Massnahmen –, wenn ein grosser Teil der Kinder am Schluss weder Französisch noch richtig lesen und schreiben kann?

Die Bildungsinitiative verlangt Qualität, genügend qualifiziertes Personal und die notwendigen Mittel in der Verfassung. Das klingt gut. Aber was heisst «genügend»? Was sind «notwendige Mittel»? Und vor allem: Was ist Bildungsqualität? So viel wie Basel-Stadt? Oder so wenig wie der erfolgreiche Kanton Wallis?

Diese Fragen scheut der Lehrerverband wie der Teufel das Weihwasser. Aber gerade sie müssen beantwortet werden. Dazu bräuchte es Mut zur Selbstkritik, aber keinen weiteren nebulösen Bildungsartikel.

 

Mathias Müller (SVP) hat Jahrgang 1970 und lebt in Orvin; er ist Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission (SiK) und Vizepräsident der SVP-Fraktion im Grossen Rat. Müller ist Berufsoffizier und Psychologe.

Oriana Pardini (SP) hat Jahrgang 1998 und lebt in Lyss; sie ist Grossrätin seit 2024 und war 2025 Präsidentin des Grossen Gemeinderates Lyss, sie ist Teil des GGR Lyss. Pardini ist Masterstudentin Rechtswissenschaften.

 

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