Eine leise Hoffnung hatte es gegeben, dass Pisa 2025 zumindest eine kleine Trendwende bringen könnte. Dass es nach dem auch pandemiebedingten Tiefpunkt 2022 zumindest nicht noch weiter bergab gehen würde mit den Schulleistungen. Doch diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt – im Gegenteil: Die nunmehr neunte Pisa-Studie markiert vielmehr einen Negativrekord.
Seit 2000 untersucht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) alle drei Jahre die Fähigkeiten 15-jähriger Schüler in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Von Jugendlichen also, die sich dem Ende ihrer Pflichtschulzeit nähern. Und noch nie waren die gemessenen Leistungen so schlecht wie dieses Mal.

In allen drei Feldern gingen die erreichten Punktzahlen gegenüber 2022 zurück, in Mathematik von 475 auf 464, in den Naturwissenschaften von 492 auf 486, in der Lesekompetenz sogar sehr deutlich von 480 auf 465 Punkte. Zusätzlich erhoben wurde der Bereich computergestütztes Problemlösen. Mit 498 Punkten bewegen sich die deutschen Schüler hier im OECD‑Durchschnitt. Eine Zusatzerhebung wurde auch im Fach Englisch gemacht, die Ergebnisse werden 2027 veröffentlicht.

Entscheidend ist aber der Vergleich in den drei Hauptbereichen Mathe, Lesen und Naturwissenschaften. “Bei Betrachtung eines längeren Zeitraums sind die Ergebnisse von 2025 in allen drei Erhebungsbereichen die niedrigsten, die jemals im Rahmen von Pisa in Deutschland gemessen wurden, und verstärken einen negativen Trend, der sich über das gesamte vorangegangene Jahrzehnt erstreckt”, heißt es dazu im Länderbericht Deutschland.
Der erste Schock durch Pisa 2000 hatte sich noch als heilsam erwiesen: Durch gemeinsame Anstrengungen der Kultusminister und die konsequente Konzentration auf die Förderung von Schlüsselkompetenzen und Schulqualität konnte Deutschland sich im Ranking stark verbessern. 2012 erreichten die deutschen Schüler im Durchschnitt 514 Punkte in Mathematik, 524 in den Naturwissenschaften und 508 im Lesen. Das war deutlich über dem OECD-Schnitt. Dann aber folgte der langsame Abschwung. Seit 2018 geht die Kurve steil nach unten.
Dass Deutschland sich von den 91 getesteten Ländern mit Platz 23 immer noch knapp über dem OECD-Durchschnitt bewegt, liegt einzig daran, dass die Schülerleistungen auch anderswo abgesackt sind – darunter auch in einstigen Vorzeige-Bildungssystemen wie in Finnland oder Hongkong. Spitzenreiter ist China, wo allerdings nur in den Regionen Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang getestet wurde. Auch Singapur und Japan sind in der Spitzengruppe. Bestes europäisches Land ist Estland. Aber auch Großbritannien, Finnland, Irland und Polen schlossen besser ab als Deutschland. Das Schlusslicht bildet Ruanda.

Für Pisa 2025 wurden zwischen März und Mai 2025 weltweit mehr als 760’000 Schülerinnen und Schüler aus 91 Ländern und Volkswirtschaften getestet; in Deutschland nahmen 6659 Schüler in 246 Schulen teil. Verantwortlich für die nationale Durchführung der Pisa-Studie ist das Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien an der Technischen Universität München.
Gemessen wird die sogenannte “funktionale Grundbildung”. Sie zeigt, wie gut Jugendliche in der Lage sind, ihr Wissen aus verschiedenen Schulfächern und ihrem Leben außerhalb der Schule auf neue Problemstellungen aus dem Alltag zu übertragen. “Im Rahmen von Pisa 2025 wurde in Naturwissenschaften, Lesekompetenz und Mathematik der bislang niedrigste je beobachtete OECD-Durchschnitt ermittelt”, heißt es dazu im Berichtband. Der Anteil der “flüchtig Lesenden”, also der Schüler, die Texte hastig überfliegen und dann schnelle, falsche Antworten geben, habe sich zwischen 2018 und 2025 fast verdoppelt. Im OECD-Durchschnitt betrug der Rückgang bei der Lesekompetenz 25 Punkte, was mehr als einem Schuljahr entspricht.

OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher zeigte sich angesichts der Ergebnisse besorgt. “Zwischen 2018 und 2025 sind die Leseleistungen in drei Vierteln der Bildungssysteme mit vergleichbaren Daten gesunken.” Besonders überraschend sei, dass nicht die benachteiligten Schüler am stärksten zurückgefallen seien, sondern jene aus wohlhabenden Familien. “Dieser Befund weist auf eine Herausforderung hin, die weit über Fragen der Ungleichheit hinausgeht”, so Schleicher. Möglicherweise beeinträchtigten das immer seltener werdende Lesen zum Vergnügen und die Verlagerung hin zum digitalen Lesen, etwa das Überfliegen von Social-Media-Feeds und die rasche Verarbeitung von Informationen, die Fähigkeit der Schüler, sich mit komplexen Texten und Daten auseinanderzusetzen.
Auffällig ist, dass der Anteil der leistungsschwachen Schüler, die nicht einmal die Kompetenzstufe zwei erreichen, im Vergleich zu 2022 erneut angestiegen ist: von 30 auf 34 Prozent in Mathematik, von 25 auf 32 Prozent im Lesen und von 23 auf 27 Prozent in den Naturwissenschaften.
“Besorgniserregend ist der Rückgang gerade jener Kompetenzen, auf die es im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz besonders ankommt: Informationen bewerten, Bezüge zwischen verschiedenen Quellen herstellen und das Gelesene kritisch hinterfragen”, kritisiert Schleicher.
Bei Pisa werden die Leistungen nicht nur als Punktwert angegeben, sondern auch Kompetenzstufen zugeordnet. Als Mindestkompetenz für eine erfolgreiche gesellschaftliche Teilhabe gilt dabei die Kompetenzstufe zwei. Ab dieser Stufe können Jugendliche grundlegende Texte verstehen, einfache mathematische und naturwissenschaftliche Probleme bearbeiten und ihr Wissen auf Alltagssituationen anwenden; sie können dann etwa die Gesamtlänge zweier alternativer Routen vergleichen oder Preise in eine andere Währung umrechnen. Höhere Stufen stehen für komplexere Denk- und Problemlösefähigkeiten.
Auffällig ist, dass der Anteil der leistungsschwachen Schüler, die nicht einmal die Kompetenzstufe zwei erreichen, im Vergleich zu 2022 erneut angestiegen ist: von 30 auf 34 Prozent in Mathematik, von 25 auf 32 Prozent im Lesen und von 23 auf 27 Prozent in den Naturwissenschaften. Diese Verschlechterung bewegt sich im OECD-Schnitt. Die Zahl derjenigen, die Höchstleistungen erbringen, ging im selben Zeitraum um jeweils einen Prozentpunkt zurück. Die entsprechende Kompetenzstufe fünf erreichten in Mathematik acht Prozent der Schüler, im Lesen sieben Prozent und in den Naturwissenschaften neun Prozent.

Die sozioökonomische Herkunft spielt dabei nach wie vor eine große Rolle. Wie es im Länderbericht heißt, lagen die Leistungen des obersten Viertels der begünstigten Schüler im Bereich Naturwissenschaften um 125 Punkte über denen des unteren Viertels der benachteiligten Schüler. Damit war der Abstand zwischen den beiden Gruppen deutlich größer als im OECD-Durchschnitt (85 Punkte). Seit 2015 hat sich dieser Abstand sogar noch vergrößert.
Drittel der Schüler erklärt Schule zur “Zeitverschwendung”
Olaf Köller, Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und der Mathematik und mitverantwortlich für den nationalen Berichtsband, führt die absackenden Leistungen auf eine Vielzahl von Ursachen zurück, wie er bereits vor Monaten im Gespräch mit WELT andeutete. Eine schlechte Integration der zugewanderten Kinder und zunehmende Diversität der Schülerschaft spielten eine große Rolle. Ebenso die unzureichende Förderung der Leistungsschwachen, aber auch der besonders Leistungsstarken. Und der Unterricht selbst, der zu wenig motivierend und kognitiv aktivierend sei: “Die Daten deuten darauf hin, dass die Unterrichtsqualität deutlich zurückgegangen ist und auch die Anforderungen gesunken sind”, stellt Köller fest.

Dazu passt, dass mit 33 Prozent ein großer Teil der Schüler hierzulande angibt, die Schule als “Zeitverschwendung” zu betrachten – im OECD-Durchschnitt sagen das nur 24 Prozent. Dabei stimmen 77 Prozent in Deutschland der Aussage zu, dass sie neugierig auf viele verschiedene Dinge seien. Und 64 Prozent sagen, dass sie sich besonders anstrengten, wenn die Arbeit herausfordernd wird. Beide Werte liegen über dem OECD-Durchschnitt.
Tragen also auch die Lehrkräfte eine Mitverantwortung für das schlechte Abschneiden der Schüler? Für Susanne Lin-Klitzing, Chefin des Deutschen Philologen-Verbandes, eine berechtigte Frage. “Natürlich hat das auch mit Unterricht zu tun. Zugleich scheint aber die gesellschaftliche Bedeutung von Leistung und Bildung insgesamt an Gewicht verloren zu haben”, sagt sie WELT. “Ich möchte die Verantwortung nicht von den Lehrkräften wegschieben. Aber es geht ebenso darum, welche Erwartungen Eltern und Gesellschaft an Schule stellen. Das Bewusstsein, dass eigenes Lesen, Rechnen und Denken wertvoll sind und keine Zeitverschwendung darstellen, ist aus meiner Sicht schwächer geworden.”

Sie fühlt sich auch durch einen weiteren bei Pisa erhobenen Befund bestätigt: die große Rolle, die digitale Medien für die Lernleistungen spielen. So gaben 33 Prozent der Schüler an, dass ihre Mitschüler im Naturwissenschaftsunterricht durch die Verwendung digitaler Geräte abgelenkt seien. “Digitale Bildung kann sinnvoll sein, wenn sie klug eingesetzt wird. Privat genutzte Handys im Unterricht sorgen jedoch vor allem für Ablenkung und sollten dort keinen Platz haben”, so Lin-Klitzing.
“Die Zukunft gehört nicht nur denen, die Zugang zu Informationen haben, sondern denjenigen, die Informationen interpretieren, verknüpfen und Erkenntnisse daraus gewinnen können.”
Andreas Schleicher, OECD-Bildungsdirektor
Auch Schleicher befürwortet einen bewussten Umgang mit digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz. “Angesichts schrumpfender Aufmerksamkeitsspannen und zunehmender Informationsüberlastung kommt den Politikverantwortlichen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung einer Bildungskultur zu, die die Fähigkeit zum vertieften Denken fördert, die für menschliche Entfaltung erforderlich ist”, mahnte er. “Die Zukunft gehört nicht nur denen, die Zugang zu Informationen haben, sondern denjenigen, die Informationen interpretieren, verknüpfen und Erkenntnisse daraus gewinnen können.”
Ganze Bücher statt nur Auszüge lesen
Einige Länder nähmen diese Erkenntnis bereits ernst. So werde in Frankreich der Stellenwert von Literatur und Leseverständnis in den verschiedenen Fächern wieder stärker betont. Und in Singapur verbrächten Schüler trotz Hightech-Ausstattung der Klassenzimmer weiterhin viel Zeit mit gedruckten Texten. In Schweden gebe es nationale Lesekampagnen.
Lin-Klitzing fordert in diesem Zusammenhang, in der Schule wieder mehr ganze Bücher zu lesen statt Auszüge, wie es häufig der Fall sei. “Wer sich intensiv in ein Werk vertieft, entwickelt ein anderes Verständnis von Literatur und Interpretation. Das Lesen vollständiger Werke fördert Konzentration, Lesekompetenz und intellektuelle Neugier.”
Ob die Bildungspolitik diesmal etwas aus den Pisa-Ergebnissen lernt, wird sich übrigens erst in vier Jahren zeigen. Nach diesem Jahr wird der Veröffentlichungszyklus von drei auf vier Jahre umgestellt.
Sabine Menkens berichtet für DIE WELT über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.

