Der Artikel der NZZ bringt eine Entwicklung auf den Punkt, die ich im Bildungsbereich zunehmend problematisch finde: Schule wird immer stärker danach beurteilt, wie angenehm sie sich für Schülerinnen und Schüler anfühlt – und immer weniger danach, was sie ihnen abverlangt.
Noten werden zurückgedrängt, Leistungsdruck soll reduziert, Selektion vermieden und Wettbewerb möglichst entschärft werden. Dahinter stehen durchaus nachvollziehbare pädagogische Anliegen. Individuelles Feedback, ein gutes Lernklima und die Berücksichtigung unterschiedlicher Voraussetzungen sind wichtig. Problematisch wird es aber dort, wo aus Förderung zunehmend Schonung wird und wir beginnen, Anforderungen selbst als etwas Negatives zu betrachten.

Schule hat nicht nur die Aufgabe, Lernende dort abzuholen, wo sie stehen. Sie muss ihnen auch zumuten, sich anzustrengen, Schwierigkeiten auszuhalten, zu üben, zu scheitern und es erneut zu versuchen. Lernen ist nicht immer angenehm. Gerade anspruchsvolle Bildung entsteht häufig dort, wo man Frustrationstoleranz entwickeln und sich über längere Zeit mit etwas auseinandersetzen muss, das nicht unmittelbar gelingt.
Roland Reichenbach formuliert im Artikel einen entscheidenden Gedanken: Menschliche Entwicklung brauche ein Gegenüber, das «nicht nur motiviert, sondern auch einfordert».
Auch Noten sind selbstverständlich kein perfektes Messinstrument. Daraus folgt aber nicht, dass man auf Leistungsmessung verzichten sollte. Jede ernsthafte Ausbildung benötigt Kriterien, anhand derer festgestellt werden kann, ob bestimmte fachliche Standards erreicht wurden. Wenn Schule diese Vergleichbarkeit immer weiter zurücknimmt, verschwindet Selektion nicht. Sie wird lediglich auf einen späteren Zeitpunkt verschoben – beispielsweise auf Hochschulen, Berufsausbildungen oder den Arbeitsmarkt.
Besonders nachdenklich sollte deshalb stimmen, dass im Artikel auch aus der Berufsbildung von sinkenden Fähigkeiten insbesondere in Deutsch und Mathematik berichtet wird. Gleichzeitig steigen die Anforderungen der Arbeitswelt. Eine Schule, die Anforderungen kontinuierlich reduziert, bereitet junge Menschen daher nicht zwingend besser auf das Leben vor.
Für mich liegt der entscheidende Punkt deshalb nicht in der Alternative zwischen einer «harten» und einer «fürsorglichen» Schule. Gute Schule sollte beides können: unterstützen und fordern. Sie sollte Fehler zulassen, ohne Ansprüche aufzugeben. Sie sollte individuelle Entwicklung fördern, ohne objektive fachliche Standards aufzulösen. Und sie sollte jungen Menschen vermitteln, dass Anstrengung, Wettbewerb, Misserfolg und Leistungsdruck in einem vernünftigen Mass keine pädagogischen Defekte sind, sondern Bestandteile von Lernen und Entwicklung.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, wie wir jede Belastung aus der Schule entfernen können – und wieder stärker darüber, was wir jungen Menschen zutrauen.

