11. August 2026
Bitte keinen Stress!

Warum das Leistungsethos an den Schulen abgenommen hat

Die Schule verabschiedet sich zunehmend vom Leistungsgedanken, Wettbewerb war gestern. Heute geht es vor allem darum, dass sich die Schüler wohlfühlen. Kommt das gut? Wir bringen einen Beitrag aus der “NZZ am Sonntag”.

Teacher hugs a smiling student in a bustling classroom environment.

 

Das Blatt ist gespickt mit Rechtschreibfehlern: “Ich häte vielleicht bischen mehr zeit gebraucht”, hat das Kind auf den Fragebogen geschrieben, und: “mir ist das Konsentrieren gut gelungen”. Es sind Selbsteinschätzungen eines Schülers aus der gemischten 5. und 6. Klasse der Lehrerin Janine Möll im Schulhaus Felsberg. Der denkmalgeschützte Bau steht erhöht über der Stadt Luzern, der Blick aus dem Fenster schweift vorbei an zwei Kirchturmspitzen über die Dächer der Stadt hinweg und geht bis zum Pilatus.

Es ist kurz vor den Sommerferien, die Schule ist aus, die Bänke sind leer. Die Lehrerin Möll blättert durch die Ordner ihrer Schülerinnen und Schüler, mit den Blättern, auf denen sich die Kinder selber beurteilen und sich weitere Ziele setzen. Diese dienen als Basis für ihre regelmässigen Coaching-Gespräche mit den Kindern. Sie sind auch Teil der Rückmeldungen der Schule an die Eltern.

NZZaS-Journalist René Donzé

Der Lehrerin Möll geht es bei den Sätzen auf diesen Bögen nicht um korrekte Grammatik und Orthografie. Die Kinder hier steigen mit lautgetreuem Schreiben in ihre Schullaufbahn ein, “um den Schreibprozess nicht zu behindern”, sagt sie. Erst später korrigiert sie die Rechtschreibung im Rahmen des Unterrichts. Bei den Beurteilungsbögen und Gesprächen hingegen sollen sich die Kinder reflektieren und ein differenziertes Feedback ihrer Lehrerin erhalten: Wo hast du deine Ziele erreicht, was sind deine Lernfortschritte, wie hast du dich vorbereitet, was müssen wir angehen, damit es beim nächsten Mal noch besser wird? Darüber diskutiert sie regelmässig mit ihren Schülern. Noten gibt es dabei keine.

“Eine Ziffer, die nichts aussagt”

Seit fünfzehn Jahren schon unterrichtet Janine Möll auf Primarschulstufe, vor zehn Jahren begann sie, sich schrittweise von Prüfungsnoten zu verabschieden, seit einigen Jahren verzichtet sie ganz darauf. Das hat aus ihrer Sicht viele Vorteile: “Wenn ein Schüler eine Note sieht, ist für ihn der Lernprozess abgeschlossen. Dann ist eine Ziffer in seinem Kopf verankert, die im Grundsatz gar nichts aussagt”, erklärt sie. In ihrer Klasse hingegen erhielten die Kinder differenzierte Rückmeldungen, nicht nur auf Prüfungen. “Dieses System ist aussagekräftiger, präziser und wird den einzelnen Kindern gerechter.” Möll spricht von verschiedenen Beurteilungsanlässen wie Arbeitsblättern, Vorträgen, Tests.

Aus all diesen Beobachtungen ergibt sich ein Gesamtbild für die Zeugnisnote, die sie halbjährlich ausstellen muss, das ist Gesetz. Diese sei dann ein “pädagogisch begründeter Ermessensentscheid”, der auch im Team mit den Lehrerkolleginnen zustande komme. Mit ihrem Vorgehen hat Möll etwas vorweggenommen, was ab dem neuen Schuljahr in der ganzen Stadt Luzern in der Primar- und der Oberstufe Vorschrift ist: Noten dürfen nur noch im Zeugnis verteilt werden, sonst sind sie tabu.

Starre Beurteilungskriterien sind zunehmend verpönt, Noten und Prüfungsdruck gelten als toxisch, Selektion als unfair.

 

Damit setzt sich die Stadt an die Spitze einer Bewegung, die seit langem das Schweizer Bildungssystem erfasst hat: Starre Beurteilungskriterien sind zunehmend verpönt, Noten und Prüfungsdruck gelten als toxisch, Selektion als unfair. Bis jetzt experimentieren in der Schweiz sonst vor allem einzelne Schulen mit dem Verzicht auf Schulnoten und setzen stattdessen auf Farbcodes, Buchstaben und Beurteilungsbögen.

Über die Jahre haben jedoch auch die Kantone den Zeitpunkt für das erste Notenzeugnis nach hinten verschoben: In Bern etwa geschieht das erst in der 4., in Basel-Stadt in der 5. und in Neuenburg in der 6. Klasse. Stellenweise versucht die Politik, dem entgegenzuwirken: Im Kanton Zürich etwa hat das Parlament Notenzeugnisse ab der zweiten Klasse gesetzlich verankert, bürgerliche Politiker befürchteten die “Abschaffung des Leistungsprinzips”, wie ein Parlamentarier sagte.

Abschied von der Meritokratie

Die Sorge kommt nicht von ungefähr. Und die Notendiskussion ist nur ein Beispiel dafür, wie sich die Schule schleichend von der Meritokratie verabschiedet – von der Idee, dass Leistungen gemessen, verglichen und belohnt werden sollen. Es sind zwei Bewegungen, die dabei ineinandergreifen: Auf Systemebene geraten alte Pfeiler der Schule ins Wanken. Dafür gibt es viele Anzeichen: Nebst der Notengebung steht auch die Selektion nach der sechsten Klasse in der Kritik, allen voran durch den Verband der Schweizer Schulleiter. Im Kanton Zürich geraten zudem das Langgymnasium nach der Primarschule und die Aufnahmeprüfung regelmässig von links unter Beschuss.

Sinnbildlich für den Abbau von Hürden steht die massive Ausbreitung des Nachteilsausgleiches bei Prüfungen für Schüler und Studierende mit Lerneinschränkungen. Und auch die Berufsbildung wurde von der Bewegung erfasst: Der Bund wollte die schriftliche Abschlussprüfung in Allgemeinbildung für alle Berufslernenden abschaffen – und krebste erst nach politischen Protesten zurück.

Es scheint, als habe die Schule ihre Orientierung verloren.

 

Auf didaktischer Ebene wiederum weicht der klassische geführte Unterricht zunehmend dem selbstorganisierten Lernen. Und an die Stelle von repetitiven Übungen, Aufsätzen und Diktaten treten Projektarbeiten und Schreibanlässe. Unterrichtsformen verbreiten sich, die Schüler überfordern können, welche klare Strukturen und Vorgaben brauchen. Es scheint, als habe die Schule ihre Orientierung verloren.

“Leistung ist wichtig für Selbstachtung”

Wie konnte das geschehen? “In unseren Schulen sind das Leistungsprinzip und das Übungsethos eindeutig geschwächt worden”, sagt Roland Reichenbach, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Zürich. Für das Gespräch hat er ein Café im Universitätsquartier ausgewählt, um der drückenden Hitze im Büro auszuweichen. Der 63-Jährige zeichnet das Bild einer Pädagogik, der ihr einstiges Fundament verlorengegangen ist.

Roland Reichenbach, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Zürich (Foto: Karin Hofer/NZZ)

Früher, wie er erklärt, beruhte die Schule auf drei Säulen, den “drei Gratiskräften” des Lehrers: seiner unbestrittenen Autorität, einem unhinterfragten Bildungskanon und einer gesellschaftlich mitgetragenen Grunddisziplin. “Davon ist heute nichts mehr übrig”, sagt er. Um das Vakuum zu füllen, erfänden pädagogische Hochschulen, Verwaltungen und Lehrpersonen immer neue Konzepte. Es sei der Versuch, auf eine veränderte Gesellschaft zu reagieren.

Doch die Rezepte hält Reichenbach für verhängnisvoll. Wenn die Lehrerin heute zum blossen “Lerncoach” auf Augenhöhe umdefiniert werde, untergrabe das genau jene Führung, die Kinder brauchten. “Menschliche Entwicklung braucht ein Gegenüber, das nicht nur motiviert, sondern auch einfordert”, betont er. “Ganz vieles, was wichtig ist im Leben, haben wir nicht freiwillig gelernt.”

“Am Ende selektioniert dann einfach die Wirtschaft.”

Roland Reichenbach, Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Zürich

 

Es gehe ihm nicht um Drill, sondern um ein fundamentales Bedürfnis. “Leistung ist wichtig für die Selbstachtung”, sagt er. Wer sich nie durch eine Schwierigkeit durchbeissen müsse, könne am Ende auch nicht stolz auf sich sein. Genau deshalb hält er den Trend zum Abbau von Schulnoten und der Selektion für gefährlich. “Noten sind nicht gut, aber nötig”, sagt er. Die Schule brauche einen Massstab, mit dem Leistung objektiviert werden könne. “Der soziale Vergleich gehört zum Leben.” Wer auf die Leistungsmessung verzichte, verschiebe das Problem bloss nach hinten: “Am Ende selektioniert dann einfach die Wirtschaft.”

“Fähigkeiten nehmen ab”

Der blaue Lichtpunkt bewegt sich über den Boden zwischen den Regalen, erst danach erscheint der Hubstapler. Der Punkt funktioniert als Vorwarnung, damit die Gefährte an den Kreuzungen der Gänge nicht zusammenprallen. Sie flitzen mit hoher Geschwindigkeit durch die riesige Lagerhalle im Niemandsland zwischen dem Autobahnkreuz bei Oftringen und Luzern. Zeit ist Geld. Hier werden Produkte zusammengestellt, palettiert, auf Lastwagen verladen, in die ganze Welt verschickt, von tiefgefrorenen Impfungen bis zu importierten Neuwagen. Rund 3500 Mitarbeitende beschäftigt die Galliker Transport AG, unter ihnen 145 Lernende in 21 Berufen.

Thomas Ettlin ist zuständig für die Logistik-Lernenden und arbeitet hier seit dreissig Jahren. Es liege ihm fern, die Schulen oder die Jugendlichen zu verurteilen, betont er im Sitzungszimmer des internen Schulungszentrums. Und doch muss er feststellen: “Bei den Bewerbungen, die bei uns landen, nehmen die Fähigkeiten tendenziell ab, vor allem in Deutsch und Mathematik.”

Die Noten in den Zeugnissen sind für den Ausbildner ein wichtiges Kriterium: “Wenn jemand eine gute Note hat, zeigt uns das, dass er sich wahrscheinlich auch anstrengen kann.” Natürlich wisse er um die Subjektivität der Ziffern, doch über die Jahre habe er ein gutes Gespür dafür entwickelt, hinter welchen Zeugnissen auch gute Lernende stünden. “Noten sind Zahlen, die der Schüler selbst abliefert”, sagt er. Verbale Beurteilungen hingegen könnten sehr stark durch zwischenmenschliche Aspekte verfälscht sein. “Wenn Noten abgeschafft werden, wird die Schule zum Wohlfühlgefäss.”

“Neben den Noten ist für uns die Leistungsfähigkeit der Jugendlichen der wichtigste Aspekt, da gibt es keinen Spielraum.”

Thomas Ettlin, Lehrlingsbeauftragter Galliker Transport AG

 

Spätestens in der Ausbildung folge dann die Konfrontation mit der Realität. “Neben den Noten ist für uns die Leistungsfähigkeit der Jugendlichen der wichtigste Aspekt, da gibt es keinen Spielraum.” Ettlin spürt, dass die Schulen und Elternhäuser weicher geworden sind. “Man gibt halt schnell nach.” Früher habe er zwischen starken und schwachen Schülern unterschieden, heute verlaufe die Grenze eher zwischen faulen und fleissigen. Der Anteil der Bequemen nehme zu, konstatiert der Lehrlingsbetreuer. “Die Lernenden müssen den Ansprüchen des Marktes und der Gesetze entsprechend ausgebildet werden”, sagt Ettlin. “Und diese werden stetig komplexer.”

Was Ettlin im Kleinen beobachtet, bestätigt auch der Luzerner Gewerbeverband: “In den Schulen werden Leistungshürden vermehrt aus dem Weg geräumt”, schreibt der Direktor Jérôme Martinu auf Anfrage. Als Indizien nennt er das Aufweichen messbarer Leistungsnachweise, kompetenzorientiertes Lernen und den Wegfall von Hausaufgaben. Zudem würden wegen der integrativen Förderung Ressourcen vermehrt für schwächere Lernende eingesetzt, was “zu einer Nivellierung nach unten” führe.

“Schule muss Ungleichheiten glätten”

Die Klagen sind gross, und sie sind in der Schule angekommen. Dagmar Rösler ist Präsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz und damit oberste Lehrerin des Landes. Im Gespräch umreisst sie das Dilemma, in dem die Schule steckt: “Wir sind nicht mehr in Albert Ankers Zeiten, als die Schule einfach Rechnen und Schreiben vermitteln musste”, sagt sie.

Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (Foto: Annick Ramp / NZZ)

Damit knüpft sie in gewissem Sinne direkt an Roland Reichenbachs Analyse der verlorenen drei Gratiskräfte an. Die Schule habe heute jedoch eine viel umfassendere Aufgabe als früher und betreue eine extrem heterogene Schülerschaft. Sie müsse sich ständig legitimieren und immer mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen – von der Integration bis zum Wertewandel.

Dazu kommt der Anspruch, das System fairer zu gestalten, weil die Kinder je nach Herkunft mit völlig unterschiedlichen Chancen starten. “Die Schule muss heute versuchen, Ungleichheiten zu glätten”, erklärt Rösler. Vor diesem Hintergrund sei auch der Ruf nach der Abschaffung von Selektion und Noten zu verstehen. “Wenn der leistungsschwache Schüler eine schlechte Note erhält, obwohl er sich extrem angestrengt hat, dann macht das etwas mit uns Lehrerinnen und Lehrern”, sagt Rösler. Es sei ungerecht, wenn alle Kinder trotz unterschiedlichen Voraussetzungen über denselben Leisten gezogen werden müssten. “Das ist es, was einen in heterogenen Klassen in ein grosses Dilemma bringt.”

“Gute Leistungen erbringen die Kinder dann, wenn sie gerne in die Schule gehen, und wenn sie Selbstwirksamkeit erleben.”

Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz

 

Der Versuch, möglichst allen gerecht zu werden, beginnt für die Lehrer bei der Beziehungsarbeit. “Gute Leistungen erbringen die Kinder dann, wenn sie gerne in die Schule gehen”, sagt Rösler, “und wenn sie Selbstwirksamkeit erleben.” Für das Kind sei es darum entscheidend, dass es vor allem seine eigenen Fortschritte wahrnehme. Diese formative Beurteilung müsse im Zentrum stehen.

Die summative Beurteilung durch Noten hingegen könne demotivieren, vor allem bei schlechten Ergebnissen. Auf der anderen Seite verlangten die Gesellschaft und die Wirtschaft verständlicherweise ein vergleichbares System. Auch hier stehe die Schule vor der Aufgabe, scheinbar widersprüchliche Bedürfnisse zu vereinen. “Wir werden immer auf der Suche nach dem bestmöglichen Weg sein”, sagt Rösler. “Aber es wird nie gelingen, dass alle vollumfänglich zufrieden sind.”

Feminisierung der Bildung

Dass die Beziehungsarbeit und das Wohlbefinden der Kinder heute viel stärker im Fokus der Schulen stehen, hat nicht nur mit den grossen gesellschaftlichen Herausforderungen zu tun, sondern es hat auch eine demografische Komponente. Dies legt eine Umfrage des Forschungsinstituts Sotomo von 2023 nahe: Für Frauen steht die Lust am Lernen ohne Druck stärker im Vordergrund als für Männer, die wiederum mehr Wert auf Wissensvermittlung legen.

Frauen sind auch eher für die Abschaffung von Noten und Hausaufgaben sowie gegen die Selektion nach der Primarschule. Ein ähnliches Muster zeigt sich auch nach Parteipräferenz und Alter: je rechter und je älter, desto stärker für Noten, Hausaufgaben und Selektion.

Was von Kritikern als Verlust der Leistungsorientierung gegeisselt wird, liesse sich also ebenso als schleichende Hinwendung zu einer mütterlich-fürsorglicheren Schule lesen – eine Kultur, die wohl zwangsläufig mit den Anforderungen der Arbeitswelt kollidiert.

 

Der Wertewandel an den Schulen könnte also durchaus auch mit der Feminisierung des Lehrerberufs zusammenhängen: An der Primarschule unterrichten weit über 80 Prozent Frauen, in der Sekundarschule sind es gegen 60 Prozent, und an den pädagogischen Hochschulen stellen die Dozentinnen mittlerweile ebenfalls die klare Mehrheit. Was von Kritikern als Verlust der Leistungsorientierung gegeisselt wird, liesse sich also ebenso als schleichende Hinwendung zu einer mütterlich-fürsorglicheren Schule lesen – eine Kultur, die wohl zwangsläufig mit den Anforderungen der Arbeitswelt kollidiert.

Janine Möll im Luzerner Schulhaus Felsberg zeigt einen weiteren Ordner eines Schülers, ein sogenanntes Portfolio. Dort ordnet er alles ein, was ihm wichtig ist, und notiert seine Wünsche. Diese Sammlung sei für die Kinder ebenso wichtig wie die Beurteilungen, sagt die Lehrerin. Eine Rückkehr zu Prüfungsnoten kann sie sich nicht vorstellen: “Das würde sich mit meinem pädagogischen Verständnis beissen.”

In ihrer Klasse sei der Konkurrenzdruck verschwunden, erzählt Möll. Die Schülerinnen und Schüler wüssten auch so, was sie von ihnen erwarte. “Ich glaube nicht, dass es wirksamer ist, wenn Kinder lediglich unter Stress und Druck leisten”, sagt sie. Viel besser für ihre Entwicklung sei es, wenn sie wüssten, was sie könnten. Dann würden sie später auch eher das für sie Passende finden.

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