Darum geht’s
- Die KV-Ausbildung wurde reformiert, KI spielt grössere Rolle
- Nationalrat Paganini und Lehrerin kritisieren die Reform scharf; Ausbildung sei zu einfach geworden
- KV-Verband und Bund argumentieren dagegen
Hantierte man früher in der KV-Ausbildung noch mit Faxgeräten und Schreibmaschinen, spielt heute künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle. Auch bei den Abschlussprüfungen. Dieses Jahr fanden sie zum ersten Mal in einem neuen Modus statt – im Zuge der KV-Reform 2023. Lehrer und Politiker üben Kritik.
Absurde Korrekturen von KI-generierten Prüfungen
Mitte-Nationalrat Nicolò Paganini (60) hat in Bern eine Interpellation eingereicht, in der er kein gutes Haar an der Reform lässt. Nach den ersten Abschlussprüfungen hätten sich “die eklatanten Schwächen der Konzeption auf dramatische Weise” gezeigt, schreibt er.

Es dürfe etwa kein konkretes Fachwissen mehr abgefragt werden. Zudem prüfe man neu vor allem die Fähigkeit, gute Prompts – also Anweisungen für die KI – zu schreiben. “Dafür braucht es keine dreijährige Ausbildung”, so Paganini. Nun sehe man keine Unterschiede mehr “zwischen starken und weniger starken Lernenden”, sondern sehe nur, wer sich die beste KI leisten könne. Und Lehrpersonen müssten tagelang Prüfungen korrigieren, die KI geschrieben hat, so Paganini zu Blick. “Das ist absurd.”
Lernende sollten gute Prompts schreiben können, ist der St. Galler überzeugt. “Es macht aber keinen Sinn, dass man Prüfungsaufgaben hat, die man mit KI lösen kann, ohne selbst etwas wissen zu müssen.” Das führe dazu, dass sich Arbeitgeber nicht mehr auf ein KV-Zeugnis verlassen könnten.

Seine Interpellation sei auf viel Resonanz gestossen, sagt Paganini: “Lehrpersonen schreiben mir, meine Interpellation liege bei ihnen im Lehrerzimmer.” Viele hätten offenbar darauf gewartet.
Gegenüber Blick kritisiert auch eine KV-Lehrerin die Reform deutlich. Sie sei zwar alles andere als technologiefeindlich und finde es richtig, dass man einen grösseren Fokus auf Handlungskompetenzen lege, sagt die Frau, die anonym bleiben will. “Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es auch Wissen braucht, um kompetent handeln zu können.”
Durchfallen fast unmöglich
Ferner sei es fast unmöglich, die Abschlussprüfungen nicht zu bestehen. “Noch nie zuvor hatten wir so eine tiefe Durchfallquote.” Auch das Prüfungsdesign sieht sie kritisch: “Am Anfang des schriftlichen Prüfungsteils geben die Lernenden etwa fünfzehn Minuten lang die Aufgabenstellung in ein KI-Tool ein. Dann löst die KI die Aufgabe.”

“Meine Sorge ist, dass die Lernenden selbst keine Denkarbeit mehr leisten.” Eine mögliche Lösung sieht sie im verstärkten Fokus auf mündliche Prüfungen. “Dort sieht man schnell, wie kompetent jemand ist.”
Gegen diese Kritik wehrt sich der Kaufmännische Verband Schweiz. Die Reform sei ein “notwendiger und richtiger Schritt”, erklärt er auf Anfrage. Die Ausbildung sei jetzt näher an der beruflichen Realität.
Inhaltliche Bewertung noch nicht möglich
Mit der Neuausrichtung der Berufsausbildung verfolge man diverse Ziele: “Die KV-Lehre soll arbeitsmarktfähig bleiben, junge Berufsleute besser auf eine digitalisierte Arbeitswelt vorbereiten und die Anschlussfähigkeit an Weiterbildung, Berufsmaturität und höhere Berufsbildung sichern.”
Eine inhaltliche Bewertung der Prüfungsresultate sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich. Derzeit liefen Analysen. Klar sei jedoch, dass Fachwissen weiterhin ein wichtiger Teil der Ausbildung bleibe. Dieses “wird aber stärker in beruflichen Situationen angewendet”. Das gelte auch für die Allgemein- und Persönlichkeitsbildung sowie die Sprachen.
Legende Titelbild: Lehrer und Politiker kritisieren KV-Reform 2023. Der Hauptkritikpunkt: Die Abschlussprüfungen seien zu einfach geworden – auch wegen KI. (Foto: imago images/Karlheinz Egginger)

