29. Juni 2026

Rhetorische Taktik in der PH-Prosa

Condorcet-Autor Felix Schmutz stiess im Basler Schulblatt auf einen Beitrag von Esther Wiesner, Professorin für Deutschdidaktik an der FHNW. Der Text sei ein beeindruckendes Lehrstück des PH-Sprechs, und beinhalte nicht viel mehr als eine aufgepflusterte Banalitätensammlung.

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Das Basler Schulblatt 2/26 widmet seine neueste Ausgabe dem Thema «Mehr Sprache». Die Mehrsprachigkeit der Kinder und ihr Sprachenlernen in Familie und Schule werden beleuchtet. Im Leitartikel «Kinder starten nie bei null» kommt die Professorin für Deutschdidaktik im Kindesalter an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz Esther Wiesner zu Wort. Sie schwärmt davon, dass Kinder bereits vielfältige Sprachkenntnisse in die Schule mitbringen und dass sie beeindruckende Leistung beim Sprachenlernen zeigen. (1)

Schönfärberei

Das Interview mit Frau Wiesner ist ein Musterbeispiel für den PH-Sprech, ein stets positiv-euphemistischer Duktus, der die Lernenden und die Situation im Klassenzimmer in rosigen Farben darstellt. Es gibt keine Probleme, nur «Chancen» und «Herausforderungen». Es gibt keine fehlerhafte Sprache, sondern nur situativ angemessene Kommunikation, die nicht «perfekt» sein muss, sondern auch mit begleitendem Lachen, Stirnrunzeln oder Zeigegesten ausgedrückt werden kann. Nicht mit der Sorge um das Erreichen von Zielen soll die Lehrperson unterrichten, sondern mit «Faszination» über die Leistungen.

Felix Schmutz, Baselland: Sie fühlen sich im Elfenbeinturm wohl.

Wenn Kinder mit mehreren Sprachen zu Hause und dem Deutsch in der Schule kämpfen und sprachliche Verwirrung mit sich herumtragen, nennt Wiesner dies sprachliche Vielfalt, Mehrsprachigkeit, ein sprachliches Vorwissen, das eine beträchtliche «Ressource» darstellt. Die Lehrperson muss diese Ressource nur anzapfen und schon geschehen Wunder.

Jede Lehrperson weiss, was es braucht, damit fremdsprachige Kinder wirklich genau verstehen, was man ihnen sagt oder was sie lesen. Frau Wiesner aber meint, Kinder verstünden oft mehr, als sie ausdrücken könnten. Dumm nur, wenn diese «Ressource» am Ende der obligatorischen Schule bei einem Viertel der 15-Jährigen nicht ausreicht, um in Texten das Minimum zu verstehen.

Wer erlebt hat, dass 13-Jährige zu Beginn der Sekundarschule angeben, in Französisch hätten sie alles Gelernte wieder vergessen, der staunt, wenn Frau Wiesner fasziniert ist vom Elan, mit dem Kinder die Herausforderung des Sprachenlernens angehen. Ob sie je eine Nachmittagsstunde Französisch in natura erlebt hat?

Eigentümliche Vorstellungen von Schule und Lernen

«Wenn Kinder miteinander über etwas sprechen, dann passiert Lernen.», meint Wiesner. Hat sie zugehört, wenn Kinder und Jugendliche bei einer Gruppenarbeit oder auf dem Pausenhof miteinander sprechen? Was sie da lernen, ist ein Jargon, den man mit dem Soziologen Bernstein getrost als «restringierten Code» oder als «Szenensprache» bezeichnen darf. In Klassen mit vielen Ausländerkindern übernehmen auch die Schweizer diesen Jargon, so dass Eltern manchmal ihre Kinder in ein anderes Quartier umschulen lassen.

Kein Problem, versichert Wiesner, ist für Kinder auch die Digitalisierung. Dank ihrem Projekt «myPad multimedial» hätten Kindergartenkinder und Primarschüler(innen) schon «Expertenthemen» bearbeitet, bevor sie schreiben konnten, sich dafür aber mit technischen Ausdrucksformen behelfen können. Dass die internationale Neuro-Forschung längst nachgewiesen hat, dass Lernen mit digitalen Hilfsmitteln nicht nachhaltig funktionieren kann, erwähnt die Didaktikerin nicht.

Esther Wiesner, Professorin für Deutschdidaktik an der FHNW: Aufplustern des Banalen.

Aufplusterung des Banalen

Zum PH-Sprech gehört auch die Zelebrierung von Banalitäten, die als wissenschaftliche Erkenntnis verbrämt werden. Zum Beispiel tönt es immer gut, wenn etwas «komplex» ist. Wiesner sagt: «Sprachenlernen ist eine sehr komplexe Aufgabe. Kinder müssen Laute heraushören, Wörter bilden, Sätze strukturieren…» Sind das Dinge, die den Leserinnen und Lesern des Schulblattes neu sein dürften? Hilfreich wären dagegen Ideen, wie Lehrkräfte die Aufgabe der Vermittlung angehen sollen.

Ein weiteres Beispiel für Scheinwissenschaftlichkeit: «Digitale Medien sind nicht per se gut oder schlecht.» Entscheidend sei, wie die Schule die Kinder dabei begleite. Eine Weisheit, die wohl allen vertraut ist, aber aus dem Munde einer Dozentin natürlich doppelt überzeugt und bei niemandem Anstoss erregen wird.

Die cohésion der Schweiz müsse gestärkt werden, es komme darauf an, «ein kulturelles Gut kennenzulernen» und nicht darauf, Kinder «kompetent kommunizieren» zu lehren. Offenbar haben die Lehrkräfte das Frühfranzösisch falsch verstanden: Nach Wiesner geht es nicht um Sprachbäder, sondern um Sightseeing in der Romandie, denn Sprachkompetenzen seien in der Schule schwer herzustellen.

Ausweichmanöver

 Als dritte Taktik des PH-Sprechs wären die Ausweichmanöver zu nennen. Gefragt, ob der Einstieg mit Frühfranzösisch in der 3. Klasse zu früh sei, lenkt Wiesner ab: Man müsse zuerst klären, welche Ziele mit Frühfranzösisch erreicht werden sollten. Es gehe ja nicht nur um Sprache. Die cohésion der Schweiz müsse gestärkt werden, es komme darauf an, «ein kulturelles Gut kennenzulernen» und nicht darauf, Kinder «kompetent kommunizieren» zu lehren. Offenbar haben die Lehrkräfte das Frühfranzösisch falsch verstanden: Nach Wiesner geht es nicht um Sprachbäder, sondern um Sightseeing in der Romandie, denn Sprachkompetenzen seien in der Schule schwer herzustellen.

Auf die Frage, wie sich Mehrsprachigkeit im Schulalltag konkret umsetzen liesse, hat Frau Wiesner eine eigenartige Antwort bereit: Sie berichtet von einem «Projekt», bei dem Kindern ein Buch in ihrer Erstsprache nach Hause mitgegeben wird, damit sie es «gemeinsam mit ihren Eltern» lesen und darüber sprechen können. Der Schulalltag wird zu den Eltern nach Hause wegdelegiert. Spätestens hier fragt man sich, wie weltfremd eine PH-Dozentin eigentlich sein darf.

Zweimal weicht Wiesner der Frage nach konkreter Umsetzung aus, indem sie für ihre «Projekte» wirbt. Damit drückt sie sich letztlich vor der Antwort auf die grundlegende Frage, wie ein erfolgversprechender Sprachunterricht im Alltag gestaltet werden soll, wie Lehrpersonen die Sprachbildung über die Jahre aufbauen können. Stattdessen zaubert sie punktuelle Events (Projekte) hervor, die womöglich «sauglatt» sind, aber nicht wirklich sprachliche Fähigkeiten langfristig entwickeln.

Fazit: Das Interview entlarvt die grosse Hilflosigkeit einer PH-Dozentin, die sich mit Theorien über Schule und Sprachunterricht beschäftigt, diese aber nicht in einen Zusammenhang mit den Realitäten des Klassenzimmers und der Menschen darin bringen kann und deshalb in einer Flughöhe von Tausenden Metern über dem Planeten Schule schwebt. Mit Rhetorik täuscht sie akademische Überlegenheit vor.

 

(1) https://media.bs.ch/original_file/1d2c40ab1eebdf3a9a15298f822feeb45cda85a9/b ssb-2-26-mehr-sprache.pdf

 

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