Linguistik II

Klassiker light – ein bedenkliches Unterfangen

Und nachfolgend zum ersten Text von Professor Dr. Mario Andreotti (Lingiuistik 1) veröffentlichen wir unmittelbar seinen zweiten Beitrag, der den ersten sehr gut ergänzt. Immer mehr Menschen haben Mühe mit Lesen und Schreiben. Öffentliche Institutionen gehen deshalb vermehrt dazu über, Informationen auch in “leichter Sprache” zugänglich zu machen, damit auch Menschen mit kognitiv bedingten Leseschwierigkeiten sie verstehen. Was sich aber schon für Texte in der Alltagssprache als problematisch erweist, ist mit Blick auf literarische Texte höchst bedenklich. Ein Gastkommentar von Prof. Dr. Mario Andreotti, ehemaliger Dozent für Neuere deutsche Literatur.

Two bronze statues of two men side by side against a clear blue sky, captured from a low angle.

 

Was das für das Schicksal jedes einzelnen Betroffenen bedeutet, kann sich ausmalen, wer überlegt, welche Rolle Lesekompetenz in seinem eigenen Lebensalltag spielt. Daher kann es auf den ersten Blick nur verständlich sein, wenn immer mehr öffentliche Institutionen und Ämter dazu übergehen, ihre Informationen nicht nur in Normalsprache, sondern auch in sogenannt “leichter Sprache” herauszugeben.

Notwendige Massnahme für Bildungsgerechtigkeit?

Was sich aber schon für Texte in der Alltagssprache als problematisch erweist, ist mit Blick auf literarische Texte höchst bedenklich. Trotzdem bieten renommierte Verlage, wie beispielsweise Cornelsen, seit Jahren sprachlich vereinfachte Versionen literarischer Klassiker wie Goethe, Schiller, Gottfried Keller, Thomas Mann und andere an. Und dies zunehmend auch für den Literaturunterricht an Gymnasien. Die Befürworter dieser vereinfachten Versionen sehen in der Anpassung eine notwendige Massnahme für mehr Bildungsgerechtigkeit. Es gehe darum, ungeübten Lesern und Schülern den Zugang zu komplexen literarischen Texten zu erleichtern.

Prof. Dr. Mario Andreotti, Literaturwissenschaftler

Doch da gibt es dreierlei zu bedenken. Zum einen verweisen literarische Texte, ganz im Gegensatz zu Texten in der Normalsprache, nicht in erster Linie auf eine ausser ihnen liegende Wirklichkeit, sondern vielmehr auf ihr eigenes Gemacht-Sein. Die Literaturwissenschaft spricht von der Selbstreferenzialität literarischer Texte. Danach beansprucht nicht die Botschaft, sondern die Sprache als solche das Hauptinteresse. Sie ist nicht einfach veränderbar, indem man Originaltexte kürzt oder angeblich schwer verständliche Satzkonstruktionen auflöst, ohne dass die künstlerische Eigenart des Originaltextes verloren geht. Dass gekürzte Originaltexte die Lesemotivation fördern, die Freude am Lesen wecken, wie das der Cornelsen Verlag in der Werbung für seine Buchreihe “Klassiker für ungeübte Leser/-innen” behauptet, ist weniger das Ergebnis seriöser Studien als vielmehr Ausfluss von Wunschdenken.

Utilitaristischer Bildungsbegriff

Dazu kommt ein Zweites: Lesen wir ein literarisches Werk, etwa Theodor Fontanes Zeitroman “Effi Briest”, dann kann es uns geschehen, dass bei aufmerksamer Lektüre der Nebel der Fremdheit zu weichen beginnt und wir plötzlich erkennen: Dieses Werk spricht ja von uns, und zwar insofern, als Fontanes Kritik am Ehren- und Sittenkodex des ausgehenden 19.Jahrhunderts auch uns selbst trifft, die wir weitgehend durch unser soziales Umfeld bestimmt sind. Das setzt aber den Originaltext voraus, der die Stimmung der damaligen Zeit, vollständig wiedergibt, und nicht einen “kastrierten” Text, der fast ganz auf sein Handlungsgerüst gekürzt ist.

Dass mit dieser “Kastration” der Klassiker ein Kulturverlust einhergeht, wird dabei kaum bedacht.

 

Schliesslich noch ein Drittes: Es gibt heute, selbst an Gymnasien, eine zunehmende Tendenz, alles zu vereinfachen. Das hängt nicht zuletzt mit einem neuen, utilitaristischen Bildungsbegriff zusammen, wonach sich die Bildung an ihrem praktischen Nutzen messen lassen muss. Was diesem Nutzen nicht dient, ist nur Ballast. Die Vertreter dieser utilitaristischen Bildung gehen teilweise so weit, dass sie nicht nur Griechisch und Latein, sondern selbst die Behandlung von Goethes “Faust” im Gymnasium für überflüssig halten. Verwundert es da, dass sprachlich vereinfachte Textausgaben immer mehr auch an Gymnasien genutzt werden, damit sich Frust beim Lesen angeblich vermeiden lässt.

Dass mit dieser “Kastration” der Klassiker ein Kulturverlust einhergeht, wird dabei kaum bedacht. Eine ältere Sprache mit ihren Tücken, eine Sicht auf die Welt, die nicht mehr die unsrige ist, sind nun einmal Teil unserer abendländischen Kultur, der nicht durch sprachliche und inhaltliche Simplifizierungen verloren gehen darf. Solche Simplifizierungen sind kaum geeignet, das Verständnis für die Literatur und ihre Eigengesetzlichkeit zu fördern.

 

Legende Titelbild: Johann Wolfgang von Goethe und Christoph Friedrich von Schiller, Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater in Weimar (Bild: Ernst Rietschel)

 

Mario Andreotti ist ehemaliger Gymnasiallehrer, heute Dozent für Neuere deutsche Literatur und Autor des UTB-Bandes “Die Struktur der modernen Literatur”, 6.Auflage, Haupt Verlag, 2022.

 

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