Dass viele Jugendliche, aber auch Erwachsene grosse Mühe mit dem Lesen und Schreiben haben, d.h. selbst einfache Texte nicht verstehen und nicht schreiben können, ist hinreichend bekannt. Was das für das Schicksal jedes einzelnen Betroffenen bedeutet, kann sich ausmalen, wer überlegt, welche Rolle sprachliche Kompetenz in seinem eigenen Lebensalltag spielt. Daher kann es auf den ersten Blick nur verständlich sein, wenn immer mehr öffentliche Institutionen und Ämter, unter ihnen das “Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen”, dazu übergehen, ihre Informationen nicht nur in Normalsprache, sondern auch in sogenannt “leichter Sprache” herauszugeben, damit auch Menschen mit kognitiv bedingten Leseschwierigkeiten sie verstehen.

Trotzdem ist das Unterfangen bedenklich, und zwar sowohl aus linguistischer als auch aus sozialer Sicht. Nehmen wir die linguistische Sicht vorweg: Bei der “Leichten Sprache” geht es um eine gänzliche Reduktion der Standardsprache, ja um eine Simplifizierung der Sprache. So werden keine langen Wörter (“Umweltschutzgesetz”) und schon gar keine Fremdwörter verwendet (nicht “Das war fatal”, sondern “Das war schlecht”). Dazu kommen nur kurze Sätze, wobei jeder Satz lediglich eine Aussage enthält (“Ich bin Hans Maier. Ich komme aus Bern. Jetzt wohne ich in Luzern.”). Und so werden Sätze in der Passivform (“Die Preiserhöhung wurde genehmigt.”), aber auch der Konjunktiv (“Man müsste mehr tun.”) vermieden, wird der Genitiv in den meisten Fällen durch die präpositionale Fügung “von” ersetzt (nicht “der Besitz des Vaters”, sondern “der Besitz vom Vater”) und so wird nicht zuletzt auch auf Negationen verzichtet (nicht “Für ungeübte Wanderer nicht geeignet”, sondern “Nur für geübte Wanderer”).
Gerade Metaphern erleichtern das Verständnis unserer komplexen Welt.
Selbst Metaphern, also bildstarke Ausdrücke, sind “verboten”. Stattdessen sollen alltagsnahe Wörter verwendet werden (nicht “den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen”, sondern “den Überblick verlieren”). Dabei wissen wir aus der kognitiven Linguistik, dass gerade Metaphern das Verständnis unserer komplexen Welt erleichtern. Wer hat schon eine wirkliche Vorstellung von einer Kernwaffenexplosion? Aber wenn ich dafür die Metapher “Atompilz” verwende, kann sich jeder ein Bild von der ungeheuren Wirkung einer solchen Explosion machen. Und wenn “aus allen Rohren gefeuert wird”, dann ist das wesentlich anschaulicher, als wenn nur geschossen wird.
Verarmung und Verfälschung
Keine Frage: “Leichte Sprache” führt zu einer Verarmung unserer Sprache. Ironie, Witz und all die Zwischentöne, von denen Texte nun einmal leben, lassen sich nur schlecht oder gar nicht in sie übersetzen. Zudem macht die dauernde Wiederholung von Wörtern in der “leichten Sprache” (“Max arbeitet im Büro. Das Büro ist im dritten Stock.”) einen Text langweilig und damit gerade weniger leicht zugänglich und vor allem weniger lesenswert. Aber nicht nur das: “Leichte Sprache” führt auch zu einer Verfälschung der Sprache. Einmal abgesehen davon, dass sich komplexe Inhalte kaum in “leichter Sprache” wiedergeben lassen, ist die Übersetzung von der Standardsprache in diese Sprachform stets mit einer Veränderung, ja mit einem Verlust an Information verbunden. Wer beispielsweise Aussagen auf das Nebeneinander von Hauptsätzen beschränken muss, kann keine Kausalbezüge mehr herstellen: “Hanna zieht nach Aarau, weil sie dort arbeitet”.
“Leichte Sprache” als Ausweg aus dem Dilemma? Wohl kaum, denn es braucht sie nicht. Sie liest sich wie eine Parodie auf behinderte Menschen, die wohlmeinend daherkommt.
Zu den linguistischen Bedenken treten soziale Vorbehalte: Die “leichte Sprache” wendet sich, wie eingangs bereits gesagt, an Menschen, die über eine geringe Kompetenz in der deutschen Sprache verfügen. Das führt zu einer höchst problematischen intellektuellen Zweiteilung unserer Gesellschaft und damit zwingend zu sozialer Diskriminierung: Hier die sprachlich Gebildeten, dort die Sprachbehinderten.

Viel nützlicher und vor allem nichtdiskriminierend wäre allgemein eine verständliche Sprache. Angesprochen sind dabei vor allem die öffentlichen Institutionen und Ämter, deren Texte häufig in Fachausdrücken und Fremdwörtern schwelgen oder sich in Schachtelsätzen verstricken, so dass man sie kaum noch versteht. Ihnen muss immer wieder in Erinnerung gerufen werden, dass gutes Deutsch verständliches Deutsch ist. Und wenn schon Kritik angebracht ist, dann auch am Deutschunterricht an unseren Schulen, in dem vor lauter Stoffhuberei für das Kerngeschäft, das Einüben von Lese- und Schreibkompetenz, oft kaum mehr Zeit bleibt. Es darf nicht sein, dass jeder fünfte Jugendliche die Schule ohne ausreichende sprachliche Kenntnisse verlässt.
“Leichte Sprache” als Ausweg aus dem Dilemma? Wohl kaum, denn es braucht sie nicht. Sie liest sich wie eine Parodie auf behinderte Menschen, die wohlmeinend daherkommt.
Mario Andreotti, Prof. Dr., geb. 1947, ist Literaturwissenschaftler und war als Lehrbeauftragter für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität St. Gallen tätig. Er wirkt heute noch als Fachreferent in der Fortbildung der Lehrkräfte an höheren Schulen und leitet Literaturseminare. Daneben ist er Mitglied der Jury für den Bodensee-Literaturpreis und Sachbuchautor. Von ihm erschien im Haupt Verlag Bern unter anderem der UTB Band “Die Struktur der modernen Literatur. Neue Formen und Techniken des Schreibens”, der längst als Standardwerk der literarischen Moderne gilt und 2022 bereits in 6., stark erweiterter und aktualisierter Auflage vorliegt.

