21. März 2026
Spitzenforschung

Wie Chinas Universitäten westliche Hochschulen abhängen

Elite-Unis im Westen wollen heute vor allem divers und nachhaltig sein. Die chinesischen Unis streben danach, die weltweit Besten zu werden, schreibt der Evolutionsbiologe Axel Meyer in einem Gastbeitrag in der WELT.

 

Im vergangenen Jahr überraschte mich ein ehemaliger Doktorand von mir mit einer Nachricht. Er hatte seit Jahren eine “endowed” Professur an einer der besten Universitäten Kanadas inne. Dennoch entschied er sich, sein Labor in Montreal zu schließen und an die Zhejiang Universität in China zu verlegen. Ich hatte jüngst die Gelegenheit, diese Universität zu besuchen und war sehr beeindruckt. Die Gebäude, die Ausstattung, das Landscaping, die elegante Architektur, die gesamte Infrastruktur – nur vom Besten. Alles strahlte Qualität und Selbstbewusstsein aus. Und die Forschung dort ist nachweislich top. Ich verstehe seine Entscheidung. China ist die Zukunft der weltweiten Forschung, der Westen verliert, auch und insbesondere die USA, die bisher die Forschung weltweit dominierten. Das zeigt sich mittlerweile klar an den Trends der globalen Universitätsrankings.

Bei meinem Besuch zeigte mir der Dekan der School of Life Sciences der Zhejiang Universität eine Präsentation zum Status seiner Universität in nationalen und weltweiten Rankings – der Aufwärtstrend ist offensichtlich. Die Zhejiang Universität gilt als drittbeste in China (nach Tsinghua und Peking University in Peking), sie war bisher schon unter den 25 weltweit führenden Universitäten. Der Dekan sagte klar, was ich auch schon an der Fudan University in Shanghai gehört hatte: dass sie innerhalb der nächsten zehn Jahre unter den zehn besten Universitäten der Welt sein wollten. Darauf arbeiten sie hin, mit viel Geld, Fleiß, Talent und Ambitionen.

Keine primären Aufgaben der Universität

An deutschen Universitäten hingegen scheint man – ein wenig überspitzt formuliert – vor allem stolz darauf zu sein, wenn man weniger CO2 verbraucht, Reisen einschränkt und sich um soziale Gerechtigkeit, nachhaltige Umwelt und allgemeines Wohlbefinden kümmert. Das sind löbliche Unterfangen, sie haben aber nichts mit den primären Aufgaben einer Universität zu tun. In Deutschland ist man froh, den Status quo zu halten – und hat damit schon verloren. Ein Programm wie EUniwell (European University for Well-Being) kann sich nur die EU ausdenken.

Evolutionsbiologe Axel Meyer

Es gibt viele weltweite Rankings von Universitäten, und keines ist wirklich objektiv. Oft geht es zu sehr um den Ruf, wo Oxford, Cambridge, Berkeley, Stanford und Harvard immer sehr weit oben angesiedelt sind. Andere viel beachtete Rankings sind Shanghai, QS, Times of Higher Education. Aber bei fast keinem ist auch nur eine deutsche Universität unter den Top 25. Heidelberg, TUM und LMU München sind, berechtigterweise, das Beste, was Deutschland im internationalen Wettbewerb aufzubieten hat. Meist schaffen es diese drei so gerade unter die Top 50.

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen die meisten Nobelpreise an deutsche Forscher gingen und man in Physik oder Chemie weltweit auf Deutsch publizieren musste. Leider sind in den letzten Jahren sogar mehr deutsche Universitäten im Ranking abgefallen als aufgestiegen. Und dies nach zwei Jahrzehnten Exzellenzprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Der wissenschaftliche Output, gemessen an der Zahl der Publikationen und deren Qualität, etwa beim “Nature Index”, lässt sich objektiver ermitteln. Und da ist die Zhejiang Universität die produktivste Universität der Welt.

Die Zeiten, in denen die allermeisten der Welt-Top-10-Universitäten in den USA waren, sind vorbei.

 

Harvards Rang und der anderer US-Universitäten fällt zunehmend, weil die chinesischen Universitäten seit Jahren schneller auf- und überholen und die westlichen Universitäten nicht einmal den Status quo halten können. Die Zeiten, in denen die allermeisten der Welt-Top-10-Universitäten in den USA waren, sind vorbei. Nun sind acht der zehn besten Universitäten zumindest im Leiden-Ranking in China und nicht mehr in den USA angesiedelt, ähnlich ist es beim “Nature”-Ranking.

Die Qualität von wissenschaftlichen Journalen wird landläufig durch den Impactfactor gemessen. Die besten multidisziplinären internationalen Zeitschriften “Cell”, “Nature” und “Science” (CNS genannt) genießen das größte Ansehen, auch weil es so schwierig ist, dort zu publizieren. Fast alle eingereichten Manuskripte werden dort abgelehnt. In China wird so großer Druck auf die Wissenschaftler gemacht, in diesen Journalen zu veröffentlichen, dass junge Assistenzprofessoren an einigen Top-Universitäten 50 Prozent ihres Gehalts gekürzt bekommen, wenn sie es nicht schaffen, innerhalb der ersten fünf Jahre ihrer Anstellung in CNS-Journalen zu veröffentlichen. Wenn man es schafft, winken in China große Gehaltsboni in der Größenordnung um 50’000 US-Dollar.

Exzellenz oder Moralismus?

An meiner – jetzt ehemaligen – “Exzellenz-Uni”, aber auch im ganzen deutschen Kontext, werden solche Leistungen meist weder finanziell belohnt noch mit einem Lebenszeichen oder gar Lob von der Universitätsleitung honoriert. Überhaupt ist China in vielerlei Hinsicht viel kapitalistischer und damit erfolgreicher als die Universitäten vieler Länder im Westen.

Wenn Universitäten glauben, es sei ihre Aufgabe, die Welt moralisch besser oder gleicher zu machen, anstatt nach der Wahrheit zu suchen (Harvards Motto ist “veritas”), dann wird auch weniger Forschung dabei herauskommen.

 

Die Gründe dafür sind vielfältig. Wenn es bei Berufungs- oder Zulassungsentscheidungen um Kriterien wie Geschlecht oder Diversität statt um Leistung und Talent der Bewerber geht, muss notwendigerweise die Qualität der Universitäten sinken. Wenn Universitäten glauben, es sei ihre Aufgabe, die Welt moralisch besser oder gleicher zu machen, anstatt nach der Wahrheit zu suchen (Harvards Motto ist “veritas”), dann wird auch weniger Forschung dabei herauskommen. Hinzu kommen das Anspruchsdenken und die Arbeitsethik der jetzigen Studentengeneration und vieler Universitäts-Angestellten (Stichworte: Work-Life-Balance, Brückentage, Urlaubs- und Krankheitstage).

Hierzulande leidet die Forschung weniger unter Geldmangel als zunehmend unter der immer absurder werdenden Bürokratie und grünen Umweltbehörden, die oft zwei Jahre brauchen, um einfache Tierexperimente zu genehmigen. Damit wird Forschung verzögert, verhindert oder gar vertreiben. Warum wohl sind viele der ehemals in Deutschland angesiedelten Primatenforscher nun an chinesischen Instituten tätig?

Universitäten sollten nach der Wahrheit (veritas) suchen, so Axel Meyer.

Die meritokratischen Prinzipien, die den Westen wissenschaftlich und wirtschaftlich einst stark gemacht haben, sind hier mittlerweile zu sehr verwässert. In Chinas Schulen wird gesiebt und sehr fleißig gelernt (auch am Samstag). Noten-Inflation wie in Harvard, wo mehr als zwei Drittel der Studenten die Topnote “A” bekommen, oder wie in Deutschland, wo die Studenten zumindest im Hauptstudium eine “1” erwarten, gibt es in China nicht. Eine “1” in der Masterarbeit oder ein Doktortitel ist an deutschen Universitäten fast bedeutungslos geworden. Einen Doktoranden verdienterweise durchfallen zu lassen, das geht in Deutschland fast nicht mehr, egal wie faul oder inkompetent geforscht wurde.

China öffnet sich westlichen Wissenschaftlern

In China gibt es am Ende des Abiturs einen harten nationalen Test, den Gaokao, dessen Ergebnis darüber entscheidet, zu welcher Universität ein Student zugelassen wird. Diese Art von Tests werden in China auch schon seit langem dafür genutzt, um die klügsten Bewerber für den öffentlichen Dienst zu rekrutieren.

Während sich die einst führenden Länder wie Großbritannien oder die USA immer mehr abschotten, öffnet sich China nach Corona mehr und mehr und rekrutiert westliche Wissenschaftler mit ihrer Expertise und Erfahrung im dialektischen Denken. Dabei machen sie Angebote, die deutsche Professorengehälter weit in den Schatten stellen. Auch für Studenten gibt es neue Visa-Programme. Dennoch begegnet man an chinesischen Universitäten bisher noch wenigen Studenten aus westlichen Ländern, sondern hauptsächlich aus Pakistan, Bangladesch, dem Iran oder aus Ländern in Afrika. Die Besten wollten bisher in die USA, aber der Markt der Talente verschiebt sich gerade merklich.

Es hat sich herumgesprochen, dass wir keine Infrastruktur mehr bauen können, unsere Züge nicht mehr pünktlich fahren und dass unsere Bahnhöfe und Innenstädte unsicher geworden sind. Deshalb ist abzusehen, dass nicht Deutschland, sondern China künftig die klügsten Talente anziehen wird.

 

Das langfristige und absehbar erfolgreiche Programm der chinesischen Regierung ist wissenschaftliche Dominanz insbesondere in Zweigen der Wissenschaft, die von wirtschaftlicher oder militärischer Relevanz sind. In der Welt regiert nicht eine weltfremde feministische Außenpolitik, sondern das Recht des Stärkeren. Deutschland steigt wissenschaftlich und wirtschaftlich merklich ab und wird es sich bald nicht mehr leisten können, bestimmte Fächer an Universitäten anzubieten, die gleiche Anzahl von Universitäten offenzuhalten oder ausländische Studenten bei uns umsonst Musik studieren zu lassen.

Wir müssen uns schnell auf die ehemals als deutsch geltenden Tugenden besinnen, für die wir auch in China in der Vergangenheit bewundert wurden. Heute nehmen uns viele nicht mehr ernst, weil wir unsere Atomkraftwerke abschalten oder wichtige Industriezweige mit selbstverschuldeten astronomischen Energiepreisen, Steuern und Abgaben zerstören oder vertreiben. Es hat sich herumgesprochen, dass wir keine Infrastruktur mehr bauen können, unsere Züge nicht mehr pünktlich fahren und dass unsere Bahnhöfe und Innenstädte unsicher geworden sind. Deshalb ist abzusehen, dass nicht Deutschland, sondern China künftig die klügsten Talente anziehen wird.

 

Axel Meyer hat die Professur für Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz inne.

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