28. November 2021

Der Condorcet-Blog setzt ein wichtiges Zeichen für die Diskussionskultur

Zurzeit werden die Spendenbriefe für den Condorcet-Blog verschickt. Der Blog hat sich nach zweieinhalb Jahren etabliert, verzeichnet beachtliche Leserinnen- und Leserzahlen und hat soeben den Preis der Peter-Hans-Frey-Stiftung für pädagogische Innovation erhalten. Der Trägerverein wird von der Zürcher Gymnasiallehrerin Yasemin Dinekli präsidiert, die sich im kommenden Versand auch mit einem präsidialen Brief an unsere Unterstützer wendet. Yasemin Dinekli hat in der Vergangenheit den Initiator des Blogs, Alain Pichard, interviewt. Jetzt dreht die Redaktion den Spiess einmal um und führt ein Gespräch mit unserer «obersten Chefin».

Yasemin Dinekli, Mittelschullehrerin, Präsidentin des Trägervereins des Condorcet-Blogs: Der Preis ist eine grosse Befriedigung, weil der Wert unserer Arbeit geschätzt wird.

Condorcet

Yasemin, am 9. Dezember findet die Preisverleihung der Peter-Hans-Frei-Stiftung in Zürich statt. Wir erhalten den Preis für pädagogische Innovation. Was macht für dich diese Innovation aus?

Yasemin Dinekli

Es ist wie im Spendenbrief formuliert: Bei uns findet ein echter und ehrlicher Diskurs statt. Es schreiben und diskutieren linke, liberale, konservative und rechte Persönlichkeiten miteinander. Unsere Artikel stammen aus der Hand von Bildungspolitikerinnen, Professorinnen und Professoren, von Primar- oder Sekundarlehrpersonen, von Schülerinnen, Kindergärtnerinnen, Schulleiterinnen und Schulleitern usw.

Das ist ja zuerst einmal formal …

Nein, ganz und gar nicht. Gerade mit der Breite unserer Autorinnen und Autoren setzen wir ein wichtiges Zeichen. „Bildung ist die Fähigkeit, fast alles anhören zu können, ohne die Ruhe zu verlieren oder das Selbstvertrauen.“ Von diesem Anspruch des Schriftstellers Robert Frost sind wir heute leider weit entfernt. Wir erleben eine Retribalisierung politischen Denkens: auf der einen Seite Reformer, auf der anderen Seite Reformkritiker. Auf der einen Seite Identitätsaktivisten, auf der anderen Menschen mit konservativer Werthaltung. Wir erleben dabei zunehmend, dass Kritik nicht mehr als Anlass gesehen wird, die eigenen Annahmen zu überprüfen, sondern als aggressiver Angriff auf die eigene Identität. Selbst Fakten werden dem untergeordnet. Das führt nicht selten dazu, dass die Gegenseite nicht mehr als politischer Gegner gesehen wird, sondern als Feind. Political Correctness und Cancel Culture hier sowie Hate Speech und Fake News dort bilden zwei Seiten derselben Medaille eines sich vergiftenden Meinungsklimas – und sie treiben einander an. Dies zu überwinden, sind wir angetreten.

Bildung ist die Fähigkeit, fast alles anhören zu können, ohne die Ruhe zu verlieren oder das Selbstvertrauen.

Wo bleibt da die Haltung? Besteht nicht eine Gefahr der Beliebigkeit?

Es ist ja nicht so, dass wir alles publizieren, was eintrifft. Wir haben eine Redaktion, die durchaus einmal NEIN sagt, wenn ein Beitrag nicht unseren Ansprüchen entspricht.

Und wir haben genau dies zu unserem Markenzeichen gemacht. Wir empfinden diese Heterogenität als Bereicherung, lernen voneinander, schätzen einander. Nicht nur das: Wir suchen konsequent auch den Dialog mit unserem «Gegner».

Gründungsversammlung am 19. Mai 2019. Wir betrachten unsere Heteregonität als Markenzeichen.

Was sind denn «unsere Ansprüche»?

Der Blog wurde ja von Reformskeptikern gegründet. Sie plagte die Erfahrung, dass die Reformen der letzten Dekade top down durchgesetzt wurden, nicht mehr unter Einbezug der Lehrpersonen, nicht in einem offenen Diskurs. So mussten sich beteiligte Personen zum Schweigen verpflichten, Vernehmlassungen wurden extrem kurzfristig angesetzt – in der Regel zwischen Schuljahresabschluss und -beginn, um die Ferien herum. Auch in den Medien gab es einen Innovationshype, Kritiker wurden mit dem Etikett der «ewiggestrigen Konservativen» belegt und teilweise diffamiert. Wir Kritikerinnen und Kritiker haben natürlich den Kontakt gesucht und festgestellt, dass gegen die Reformen nicht nur aus dem konservativen Lager Einwände kamen, sondern auch prononciert Linke sie analysiert und für gefährlich befunden haben. Daraus ist unsere Condorcet-Gemeinschaft entstanden, politisch heterogen, aber einig in dem Anliegen, dass selbstverständlich die Debatte geführt werden muss: Und wir haben genau dies zu unserem Markenzeichen gemacht. Wir empfinden diese Heterogenität als Bereicherung, lernen voneinander, schätzen einander. Nicht nur das: Wir suchen konsequent auch den Dialog mit unserem «Gegner». Ein Beispiel: Es dürfte klar sein, dass unsere Leserinnen und Leser zum Beispiel in der Mehrheit die KV-Reform ablehnen. Trotzdem haben wir einen prononcierten Befürworter dieser Reform gebeten, seinen Standpunkt darzulegen.

Natürlich ist die Mehrheit unserer Leserinnen und Leser kritisch zur Kompetenzorientierung eingestellt.

Was dann allerdings auch regelmässig «abgewatscht» wird …

Nein, das nenne ich kein «Abwatschen». Unsere Redaktion achtet gerade bei Repliken auf den Ton, den Inhalt und die Fakten. Es geht uns um die Transparenz der Positionen, der dahinterstehenden Ideen und Theorien. Es geht um die Kraft der Argumente, dazu gehören die in der Praxis gemachten Erfahrungen, die pädagogische Bewährung. Wenn etwas in der Praxis nicht funktioniert, muss man auf die Suche gehen, wie es dazu gekommen ist und worin die Irrtümer liegen. Wie anders als im Diskurs lässt sich so etwas ergründen. Aber ich finde, es braucht dabei auch eine gewisse Sportlichkeit in der Haltung. Es stimmt natürlich: Die Mehrheit unserer Leserinnen und Leser ist gegenüber den laufenden Reformen wie der Kompetenzorientierung kritisch eingestellt. Aber ich gehe davon aus, dass alle unsere Autorinnen und Autoren sich für eine gute Bildung für alle einsetzen und das Prinzip der Öffentlichen Schule befürworten, wohlgemerkt, der Öffentlichen Schule, nicht einer Staatsschule, die von Behörden gelenkt wird. Und dazwischen gibt es jede Menge Platz für unterschiedliche Betrachtungen.

«Die Wahrheit gehört allen, die sie suchen, nicht denen, die vorgeben, sie zu besitzen»

Womit wir wieder bei den Ansprüchen wären. Ich höre daraus, dass ihr auf gegenseitigen Respekt setzt.

Ja, das ist uns genauso wichtig wie die Suche nach dem Richtigen. Eine Gelegenheit, Condorcet zu Wort kommen zu lassen: «Die Wahrheit gehört allen, die sie suchen, nicht denen, die vorgeben, sie zu besitzen». Allerdings haben wir bisweilen auch angriffige Artikel im Sortiment. Eine Portion Polemik schadet nie, und so müssen auch wir uns ab und zu einige bissige Kritiken anhören. Wenn diese sachlich begründet sind, werden sie selbstverständlich aufgeschaltet.

Immer noch zu wenig junge Autorinnen

Wo siehst du die Schwächen des Blogs?

Es machen immer noch zu wenig junge Menschen mit und definitiv zu wenig Frauen. Aber wir sind im aufsteigenden Trend. Auch sollten wir unseren Spenderinnen und Spendern häufiger unseren Dank aussprechen und Rückmeldung geben. Das ist bisher nicht immer konsequent passiert.

Die Qualität und Dichte der Texte sind sehr unterschiedlich. Da stehen extrem gut recherchierte Beiträge von Professoren neben eher einfach formulierten Meinungsartikeln von Schülerinnen und Schülern.

Stört dich das?

Nein, aber kann man dem Blog nicht den Vorwurf machen, er sei ein Sammelsurium, so zwischen Boulevard und Wissenschaft?

Die grossen wissenschaftlichen Artikel werden in der Tat weniger gelesen als kurze prägnante Texte. Aber sie werden gelesen und sie werden auch zitiert! Ich halte sie für ausserordentlich wichtig. Unsere Recherchen zur KV-Reform haben ein grosses Echo ausgelöst und auch unsere permanente Berichterstattung über die verfehlte Passepartout-Didaktik. Wir möchten aber auch unterhaltsam sein!

Rebecca Schaer: 24 Jahre alt, PH-Studentin und Klassenlehrerin: Das Interview hat mir sehr gefallen.

Welche Artikel liest denn du am liebsten?

Mir geht es im Alltag vermutlich wie den meisten unserer Leserinnen und Leser: Die kurzen Artikel, pointierte Stellungnahmen, ein süffiges Interview, das liest man so runter und es belebt meinen Gang ins Schulzimmer. Da ich selbst meine Gymnasialausbildung in Berlin-Kreuzberg gemacht habe, also wirklich mitten im Gang-Viertel, dann an einer Gesamtschule mit einer ähnlich schwierigen Klientel und nach meinem Umzug nach Zürich zuerst an einer Art Brennpunkt-Sekundarschule unterrichtet habe, bevor ich 2001 ans Gymnasium wechselte, gehen mir gerade solche Artikel ans Herz, in denen der Esprit des Pädagogischen spürbar ist. Insbesondere Carl Bossards grosse Plädoyers für die Bedeutung der Lehrpersönlichkeit und Alain Pichards sehr humorvolle Beiträge so mitten aus dem bunten Schulalltag möchte ich da hervorheben. Wirklich lustig, das Interview mit seiner Kollegin Rebecca Schaer, eigentlich ja ein Schlagabtausch, der mich an die Stimmung in unserem Spandauer Kollegium erinnert hat. Nachdem wir in den Pausen über unsere Niederlagen im Klassenzimmer allerlei Schoten gerissen und darüber herzlich gelacht haben, ging es voller Tatendrang und Elan wieder in die nächste Stunde. Das war eine Erfahrung jenseits irgendeines didaktischen Ansatzes … oder einer Reform. Ich hoffe, es geht auch anderen so.

Christine Staehelin, Primarlehrerin in Basel: Ausserordentlich kluge Beiträge.

Doch zurück zu den Artikeln. Manchmal ganz neu für mich: Haushistoriker Peter Aebersold gräbt immer wieder Schätze aus der Geschichte der Pädagogik aus. In Stil und Inhalt bin ich oft gefesselt von Beiträgen der klugen Christine Stähelin, dem analytisch beschlagenen Felix Schmutz und den schlagfertigen Basler Kollegen Felix Hofmann und Philipp Loretz. Sehr wichtig sind mir aber insbesondere die grösseren wissenschaftlichen Analysen und die diskursiven Artikel, denen Repliken folgen: Grandiose Artikel von Werner Herzog haben da den Anfang gemacht. Immer hoch fundiert und messerscharf: die Beiträge der Professoren aus der GBW (Gesellschaft für Bildung und Wissen). Jochen Krautz möchte ich erwähnen, irrsinnig klug, sprachlich eloquent, immer ein Lesegenuss.

Unser Blog wird immer mehr auch in Deutschland gelesen. Das ist eine schöne Sache.

Wie geht es Diane Ravitch?

Sie hat sich von einer Krankheit erholt und betreibt weiterhin ihren Blog. Die Redaktion steht in gutem Kontakt zu ihr. Sie war während der Trump-Zeit enorm auf die inneramerikanischen Verhältnisse fokussiert. Jetzt kommen wieder klassische Bildungsthemen. Wir haben auch Kontakt zum Bari Weiss-Blog. Bari Weiss vertritt eine ähnliche Haltung wie wir und klärt über die unsägliche Cancel-Culture an den amerikanischen Unis auf. Unsere Freunde der GBW aus Deutschland habe ich schon erwähnt. Die Professoren Kühnel, Lankau und Klein schreiben regelmässig für uns. Unser Blog wird immer mehr auch in Deutschland gelesen. Das ist eine schöne Sache.

Keine thematische Ausweitung?

Nein, die ist nicht geplant. Wir beschränken uns auf Bildungsthemen.

Keine Positionen zu Corona-Massnahmen oder Klimawandel?

Nur, wenn sie direkt mit der Bildung und unseren Schulen zu tun haben. Und auch hier sind wir sehr zurückhaltend mit Positionsbezügen. Grundsätzlich setzen wir uns gemäss unseres Namensgebers Condorcet für die Mündigkeit ein. Der Mensch muss durch Bildung zur Mündigkeit geführt werden.

Yasemin Dinekli während der Schulung bei KDT-Solutions von Kim Thurnherr: Wir gehen sehr sparsam mit den Mitteln um.

Wir erhalten von der Peter-Hans-Frey-Stiftung einen Betrag von rund 10’000 Fr. Dazu kommt jetzt die Spendensammlung. Was passiert mit dem Geld?

Zunächst einmal: Wir gehen sehr sorgfältig mit dem Geld um. Bezahlt werden unsere Sekretärin und unser Administrator. Dann kommen die Kosten für Bildmaterial, Zeitungs- und Programmabos und Reisekosten. Wir sind dabei, einen Podcast einzurichten, planen eigene Videos und eine grössere Veranstaltung zu unserem Namensgeber, Jean-Marie de Condorcet und seiner Frau Sophie de Condorcet. Ausserdem werden wir etwas Geld für die Werbung verwenden. Das Preisgeld ist nicht so entscheidend, wir haben eine treue Leserschaft. Aber der Preis ist eine grosse Befriedigung, weil der Wert unserer Arbeit geschätzt wird.

Danke für das Gespräch

 

 

 

 

 

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In seinem 2. Beitrag zum Thema “Politische Bildung” zeigt Condorcet-Autor Alain Pichard anhand eines ganz praktischen Beispiels, wie die Schüler in Entscheidungsprozesse eingebunden werden.

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