Condorcet:
Lieber Hans, wir duzen uns, wie im Rat üblich. Erzähle unseren Leserinnen und Lesern doch kurz, wer du bist.
Hans Schori
Ich bin 65 Jahre alt, Familienvater, habe in frühen Jahren Agronomie studiert, habe meinen Betrieb auf Bio umgestellt und wurde später Berufssoldat. Ich bezeichne mich als Bauer, Soldat und Patriot (lacht)

Und damit hätten wir schon alle Klischees beisammen, die es braucht, um dich als einen harten, fremdenfeindlichen Rechtskonservativen bezeichnen zu dürfen…
Vielleicht müsstest du dazu noch das «Bio» rausnehmen (lacht).
Du bist seit acht Jahren Präsident der Seeländer Gemeinde Seedorf, ein Blick auf die Karte zeigt da ja einen ziemlichen Flickenteppich.
In der Tat, die 20km2-grosse Gemeinde besteht aus 16 Dorfschaften und Weilern. Sie zählt 3’111 Einwohner, die in 1670 Haushalten leben.
Und ist eher konservativ…
Das wollen wir ja jetzt zusammen herausfinden…
Genau, denn dir ist auf Bildungsebene ein Meisterstück gelungen, an dem vor kurzem eine von eher linken Kreisen lancierte Volksinitiative gescheitert ist. Du hast in deiner Gemeinde einen Prozess eingeleitet, der zu einem durchlässigeren Oberstufenmodell führte.
Der Kanton Bern erlaubt es ja, seinen Gemeinden ihr eigenes Oberstufenmodell zu entwickeln. Und da gab es das stark trennende System 1, in dem die Real- und Sekundarschüler getrennt unterrichtet wurden. Wir hatten bislang diese Form. Ab der 7. Klasse fuhren die Sekundarschüler in die Sekundarschule Aarberg, während die Realschüler bei uns in Seedorf blieben.

Ihr bildet ja einen schulischen Gemeindeverband mit Aarberg…
Nicht nur wir, zum Schulverband gehören insgesamt acht Gemeinden.
Und die haben alle ihre Realschüler bei sich behalten?
Genau, wir bemerkten mit der Zeit, dass dieses Modell einfach nicht mehr zeitgemäss war. Es gab zunehmend Spannungen bei den Übertritten, die Realschüler, die bei uns blieben, wurden hinter vorgehaltener Hand als die «Dummen» abgestempelt und uns war ja schon länger bewusst, wie unterschiedlich die Begabungen der Schüler sind.
Was meinst du damit?
Nun, das ist heute ein No-Brainer, es gibt Schüler, die sehr stark in Mathematik sind, aber im sprachlichen Bereich Mühe haben, es gibt die Spätentwickler, die musisch Begabten usw.…man kann da nicht einfach einen Schnitt machen, die Schüler in zwei Schubladen stecken und sie zudem noch örtlich separieren.
Diese Erkenntnis ist tatsächlich nicht neu… wie ist es dazu gekommen, dass der Gemeinderat schliesslich einen Prozess eingeleitet hat, der zur Einführung eines durchlässigeren Oberstufenmodells gekommen ist?

Ich muss hier betonen, dass meine Gemeinderatskollegin, Sina Känel von den Grünen, den ganzen Prozess mit mir entworfen hat und wir sehr gut zusammengearbeitet haben. Zu deiner Frage: Der Gemeinderat traf sich zu einer ganztägigen Klausur, um die Zukunft unserer Oberstufe zu diskutieren.
Hat euch da jemand begleitet, bzw. gab es da eine auswärtige Moderation?
Wir haben uns in der Regel selber organisiert, für die Klausur haben wir uns einen Spezialisten beigezogen.
Keine Beratung, kein ausserbehördliches Mandat… das ist abenteuerlich…
Und vor allem billiger (lacht), es war auch nicht nötig. Wir konnten das, weil wir uns ja im Wesentlichen einig waren, dass wir eine bessere Lösung brauchten.
Als bessere Lösung war bald einmal klar, dass es ein durchlässigeres Modell brauchte.
So ist es, und damit begannen auch die Probleme…
Man musste sich für ein Modell entscheiden. Ihr habt euch für das Modell 3a in Aarberg entschieden. Wie kam es dazu?
Wir hatten zwei Modelle. Das eine war das Modell 3a, das beinhaltete, dass wir alle unsere Oberstufenschüler ab der 7. Klasse nach Aarberg schickten, sie dort in Sekundarschul- und Realschulstufen einteilten, aber Niveaukurse in den Hauptfächern anboten, womit auch eine gewisse Durchlässigkeit ermöglicht wurde. Das andere Modell war das Modell 4
Das Modell Twann
Wir nannten es «Mosaikschule». Dieses Modell beinhaltete, dass wir alle Schüler bei uns behielten, die Trennung in Sekundarschule und Realschule völlig auflösten und komplett auf innere Differenzierung setzten.
Dieses Modell wird derzeit in vielen kleineren Schulen umgesetzt…
Das mag sein. Wir gingen zuerst einmal zu unseren Lehrkräften, den Primarlehrpersonen in unserer Gemeinde, später auch zu den Lehrkräften an der Oberstufe in Aarberg. Wir fragten sie direkt: «Traut ihr euch das Modell 4 zu?» Die Antwort war klar. Sie bevorzugten das Modell 3a.
Warum?
Wir haben in unserem Verband erfahrene Lehrkräfte mit viel pädagogischem Knowhow. Sie wissen genau, was eine totale innere Differenzierung mit sich bringt und was sie leisten können. Und letztendlich sind sie auch die Schulexperten, die dies umsetzen müssen. Dazu kamen die Kosten. Eine Oberstufe in unserer Gemeinde hätte erhebliche Investitionen zur Folge gehabt, die wir nicht stemmen konnten.

Nun hattest du eine gewagte Idee. Ihr habt nicht nur Eltern, Behörden und Lehrpersonen befragt, sondern auch eure Schüler…
Genau, ich dachte mir, die können sich ja auch eine Meinung bilden, wenn man sie gut vorbereitet…
Erstaunlich, denn dieser zukünftige Modellentscheid beträfe die aktuellen Schüler gar nicht. Bis dieser realisiert wird, sind die heutigen Schüler schon längst draussen.
Das war von Anfang an klar und das teilten wir ihnen auch mit. Und zudem stellten wir noch eines klar: Der Entscheid der Schüler hatte juristisch gesehen keinen Einfluss. Es handelte sich um einen rein konsultativen Prozess.
Wie haben die Schüler reagiert?
Merkwürdigerweise taten diese beiden Umstände ihrer Motivation keinen Abbruch. Die waren Feuer und Flamme.
Wie seid ihr vorgegangen?
Wir organisierten eine sogenannte Schülergemeindeversammlung. Wir holten all unsere Kinder von der 5. bis zu 9. Klasse in die Mehrzweckhalle, rund 150 Lernende.

Auch die Sekundarschüler aus Aarberg?
Ja, auch die. Die kamen an die Versammlung und gingen dann rund zwei Stunden später in ihr Oberstufenzentrum. Und die Versammlung zogen wir genauso auf, wie eine richtige Gemeindeversammlung. Die Schüler erhielten eine Botschaft mit den beiden vorgeschlagenen Modellen. Diese Botschaft wurde von den Lehrkräften im Vorfeld im Unterricht behandelt, wertfrei und informativ.
Und die Lehrkräfte haben dies ohne Beeinflussung gemacht?
Zumindest war das unsere Anweisung, wir waren natürlich nicht dabei, aber ich glaube schon, dass die das hinkriegten.
Ich hatte fast Tränen in den Augen.
Und wie lief dann diese Versammlung ab?
Wie in einer Gemeindeversammlung. Meine Kollegin Sina Känel stellte den Antrag vor, ich leitete die Diskussion. Jeder Schüler, der sich meldete, musste aufstehen und seinen Namen sagen. Und dann ging es los…
Und die 150 Schüler konnten zu diesem Thema echt diskutieren?
Wir hatten uns im Vorfeld natürlich überlegt, wie wir vorgehen würden, wenn es keine Wortmeldungen gäbe oder es zu chaotischen Situationen käme. Da hatten wir gewisse Fragen vorbereitet. Aber das war nicht nötig, die Diskussion ging spontan los, die Wortmeldungen sprudelten so richtig hinein. Ich hatte fast Tränen in den Augen.
Keine Lehrkräfte, die neben ihren Zöglingen sassen und eingriffen, wenn es zu laut würde?
Nein, die sassen hinten und mussten kein einziges Mal eingreifen. Auch der Schulinspektor war zugegen. Am Schluss gab es dann die Abstimmung. 85% der Anwesenden befürworteten unseren Antrag. Modell 3a in Aarberg!
Gab es auch Gegenvoten?
Es gab sie und es gab auch Fragen.
Wie ging es dann weiter?
Ich erklärte ihnen, dass es nun eine Urnenabstimmung gäbe, und ihre Eltern den Entscheid fällen würden. Dann erläuterte ich ihnen den Begriff «Lobbyieren». Ich legte ihnen nahe: «Erzählt euren Eltern von der heutigen Versammlung und versucht, sie zu überzeugen. Das taten sie denn auch und wir erhielten sehr viele Rückmeldungen.
Und was kam bei der Gemeindeabstimmung heraus?
84,5% befürworteten den Vorschlag des Gemeinderates, also fast das gleiche Ergebnis wie bei der Schülerversammlung.
Ich war schon vorher für das Stimmrechtsalter 16 und bin es heute noch mehr. Und aus dieser fast historischen Kinderversammlung entwickelte sich ein umfassendes Staatskundeprojekt, ab der 3. Klasse.
Was bedeutet das für Seedorf?
Zunächst einmal löste dies eine grosse Investition in Aarberg aus. Wir mussten natürlich für die vielen zusätzlichen Schüler – die anderen Gemeinden schlossen sich mit einer Ausnahme auch diesem Projekt an – einen grossen Anbau planen und erstellen ihn derzeit. Im Jahr 2028/29 werden dann die ersten 7. Klässler nach Aarberg in die Oberstufe gehen.
Und was bedeutet dieser Prozess für dich?
Ich war schon vorher für das Stimmrechtsalter 16 und bin es heute noch mehr. Und aus dieser fast historischen Kinderversammlung entwickelte sich ein umfassendes Staatskundeprojekt, ab der 3. Klasse. Hier werde auch ich eingeladen und organisiere alle zwei Jahre einen ausgedehnten Besuch des Bundeshauses und des Ratshauses für die 5./6. Klassen.
Hans Schori, ich danke dir für das Gespräch.

