21. September 2026

Die Visionen der «Bildungsrevolutionäre» sind intellektuell unbedarft

Im blauäugigen Vertrauen in eine digitale Welt, in der niemand mehr etwas wissen muss, weil sich alles im Internet findet, drückt sich eine veritable Verachtung des Wissens aus. Paul Konrad Liessmanns Beitrag erschien zuerst in der NZZ vom 27.8.2019.

Der Sommer neigt sich seinem Ende zu, die Schulen öffnen wieder ihre Pforten, und die Bildungsrevolutionäre hämmern in die Tasten. Mit schöner Regelmässigkeit wird die ohnehin von Dauerreformen geplagte Schule der Gegenwart ihres Ungenügens überführt, und es werden Visionen entwickelt, von denen man nicht zu sagen wüsste, was schlimmer ist: ihre intellektuelle Unbedarftheit oder die Vorstellung ihrer Realisierung.

Derzeit dominieren zwei Konzepte die Köpfe der Bildungsrevolutionäre. Das eine könnte man «Erlösung durch Technik» nennen. Alles wird besser, wenn endlich die Digitalisierung in den Klassenzimmern Einzug gehalten hat. Dass die kritische Begleitmusik, die seit geraumer Zeit dem Digitalisierungsdiskurs folgt, von den Bildungsexperten geflissentlich überhört wird, zeugt davon, dass es ihnen durchwegs an jenem kritischen Sensorium mangelt, das sie sonst unter dem Stichwort Medienkompetenz gerne einmahnen. Im blauäugigen Vertrauen in eine digitale Welt, in der niemand mehr etwas wissen muss, weil sich alles im Internet findet, drückt sich weniger eine didaktische Perspektive als vielmehr eine veritable Verachtung des Wissens aus, die umso paradoxer erscheint, als ja angesichts der Lügen und Halbwahrheiten in den sozialen Netzwerken gerne vor dem Verlust der Urteilskraft gewarnt wird.

Das andere Konzept liesse sich trefflich unter dem Titel «Erlösung durch Infantilisierung» zusammenfassen. Alles wird besser, wenn Lehrer und andere Erwachsene endlich damit aufhören, Kinder und Jugendliche zu belehren, und diese individuell, selbstbestimmt und ihren Interessen folgend tun und lassen können, was sie wollen. Herkömmliche Strukturen müssen deshalb aufgelöst, Schulen in «Lernhäuser» umgewandelt, die Fächer und Disziplinen abgeschafft und in «Projekte» transformiert werden. Dass der Erfolg einer wissensbasierten Kultur auch von einer Ökonomie des Lernens abhängt, die es erlaubt, sich etwas in kurzer Zeit – etwa durch einen spannenden Frontalunterricht – anzueignen, was andere in mühsamer Arbeit zusammengetragen haben, wird dabei vergessen.

Es lohnt sich, kurz bei dem Phantasma des interessengeleiteten Lernens zu verweilen. Dieses unterschlägt nämlich, dass die Herausbildung von Interessen selbst das Resultat eines Lernprozesses ist, der nicht zuletzt von den Fähigkeiten und dem Einsatz der Lehrpersonen abhängt, mit denen Kinder und Jugendliche konfrontiert werden. Man könnte Schule geradezu umgekehrt als jene Institution beschreiben, die die Aufgabe hat, junge Menschen mit Dingen bekannt zu machen, die sie nicht kennen und für die sie sich (noch) nicht interessieren. Dass dies auch mit den avancierten technischen und didaktischen Möglichkeiten versucht werden soll, versteht sich eigentlich von selbst.

Wer sich einmal in einige Gebiete der Kultur und des Wissens vertieft hat, weiss, dass es nahezu nichts gibt, was nicht interessant werden könnte. Keine Vorgaben zu machen, keine Leistungsanreize zu bieten, sondern auf die irgendwie zustande gekommenen Interessen und intrinsischen Motivationen der Schüler zu hoffen, schreibt auch deren von infantilen Regungen dominierten Bewusstseinszustand fest. Ähnlich unsinnig ist die Vorstellung, in Schulen nur noch das zu vermitteln, was später einmal gebraucht werden kann. Kultur bedeutet schlechthin, mehr zu wissen und auch anderes zu tun als das Notwendige.

Die grossen Revolutionen im Bildungsbereich zu verkünden, ist wohlfeil. Phrasen und hochtrabende Leerformeln kosten nichts. Diese billige Bildung, setzt sie sich in den Köpfen von Entscheidungsträgern und Lehrpersonen einmal fest, wird uns aber noch teuer zu stehen kommen.

Konrad Paul Liessmann ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien und Mitglied der Gesellschaft für Bildung und Wissen (GBW) und damit Teil unseres Netzes, das den Condorcet-Blog unterstützt.

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2 Kommentare

  1. Paul Liessmann lässt den Leser teilhaben an seinem Fundus an Wissen und Erfahrung. Er tut dies mit einer Klarheit und Verständlichkeit, die man eher von wissenschaftlichen Verlautbarungen aus dem angelsächsischen Raum kennt. So zeigt er mit einfachen Worten und analytisch scharfem Blick die wesentlichen Denkfehler diverser Reformirrtümer auf und weist dadurch auch den Weg aus dem Dunkel des aktuellen Reformdickichts. Was für ein Segen, wenn solche Leute mehr Einfluss hätten in der Bildungspolitik. Angesichts des enormen und schnellen Fortschritts in China, der nicht zuletzt mit dem dortigen Bildungssystem einhergeht, kommt der Verdacht auf: Die müssen Liessmann lesen.

  2. Die scharfsinnige Analyse des Wiener Professors trifft haargenau auch auf die Schweiz zu, was vermuten lässt, dass die Digitalisierungsinitiative von langer globaler Hand gesteuert wird. Das Lob auf den „Frontalunterricht“ wird durch die Tatsache getrübt, dass mit „Frontalunterricht“ ein Begriff für den bewährten Klassenunterricht verwendet wird, dessen Ursprung gemäss Wiechmann (2000) auf einen Aufsatztitel von Petersen und Petersen (1954) zurückverfolgt werden kann. Seit den 1960ern wird der Ausdruck wie selbstverständlich benutzt, zumeist in abwertender Absicht, um die zu bevorzugende Gruppenarbeit und andere offene Unterrichtsformen davon abzuheben. Der Schulreformer Peter Petersen ist wegen restaurativer und antisemitischer Äußerungen nach dem Zweiten Weltkrieg in die Kritik geraten. https://de.wikipedia.org/wiki/Klassenunterricht

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