16. Februar 2026
Newsletter Starke Volksschule Zürich

Götterdämmerung bei den Schulreformen

Wenn eine grosse Partei wie die SVP sich ernsthaft der Bildungspolitik annimmt und gängige Vorstellungen über eine fortschrittliche Pädagogik infrage stellt, wird es spannend. Vieles was jahrelang als Sprung nach vorn gefeiert wurde, wird nun sogar beim LCH mit einem grossen Fragezeichen versehen. Es ist wieder salonfähig, über die mit ideologischem Eifer vorangetriebene Totalintegration zu diskutieren. Man distanziert sich vom überzogenen Mehrsprachenkonzept der Primarschule und empfindet die Überfülle des neuen Lehrplans als belastend für den Grundauftrag der Volksschule. Auch die neue Rolle der Lehrpersonen als Begleiterinnen und Begleiter möglichst selbständig ausgeführter Lernprozesse steht unter kritischer Beobachtung.

 

Die Bildungsoffensive der SVP stösst auf einem Feld vor, wo der Widerstand der Reformkräfte durch jahrelange berechtigte Kritik aus der Schulpraxis stark geschwächt war. Das Frühfranzösisch war nie auf einen grünen Zweig gekommen, die Deutschkenntnisse eines grossen Teils unserer Schulabgänger sind ungenügend und der Lehrplan scheint je länger je weniger seine Rolle als verlässlicher Bildungskompass zu erfüllen. Die störende Diskrepanz zwischen den grossartigen Bildungsversprechungen und den schockierenden Resultaten seriöser Erhebungen rief geradezu nach einer politischen Intervention ins fehlgeleitete Bildungsgeschehen.

Bildungssteuerung mit detaillierten Kompetenzzielen überzeugt nicht 

Zum Schaden für unsere Volksschule hat es allerdings lange gedauert, bis man merkte, dass der Dampfer auf einem falschen Kurs war. Die anvisierten Bildungsziele waren verlockend, die Aufbruchstimmung an Bord bestens. Man glaubte, mit neuen didaktischen Konzepten die Grenzen des pädagogisch Machbaren mit Leichtigkeit verschieben zu können. Höhepunkt dieser Welle des euphorischen Aufbrechens war die Einführung des neuen Lehrplans. Das Volk hatte mit überwältigendem Mehr Ja gesagt zur sinnvollen Vereinheitlichung der Bildungsziele in der ganzen Deutschschweiz. Doch die Schulreformer wollten weit mehr. Die Schule sollte durch ein von der EDK eingerichtetes Monitoring sanft überwacht und klug gesteuert werden. Dazu brauchte es den Wechsel von den bisher inhaltlich definierten Bildungszielen zu exakt beschriebenen Kompetenzzielen im Lehrplan.

Condorcet-Autor Hanspeter Amstutz, Starke Volksschule Zürich

Gegen die systematische Überprüfung von Bildungsleistungen ist nichts einzuwenden. Man benötigt Daten, um über den Leistungsstand eines Schulsystems im Bild zu sein. Doch die Pläne gingen in eine andere Richtung. In führenden Kreisen glaubte man, durch einen bis ins Detail ausgearbeiteten Bildungsplan mit vorgegebenen Kompetenzschritten den Weg zum schulischen Erfolg den Lehrkräften vorzeichnen zu können. Ein gezieltes schweizweites Monitoring sollte dabei aufdecken, wo allenfalls Schwachstellen vorhanden waren und wo entsprechend Korrekturmassnahmen nötig wären. Bildung per Knopfdruck von oben schien den Weg in die Zukunft zu weisen.

Lückenhaftes Monitoring und Ratlosigkeit bei der Behebung der Leseschwächen 

Doch das neue Konzept erfüllte die Erwartungen in keiner Weise. Schon beim Monitoring zeigte sich, dass manche Kantone bei heiklen Bildungsbereichen keine Erhebungen durchführten. So fand es der in der Sprachenfrage vorgepreschte Kantone Zürich nicht für nötig, das höchst umstrittene Mehrsprachenkonzept der Primarschule zu evaluieren. Die negativen Resultate der Erhebungen zum Frühfranzösisch in anderen Kantonen genügte der Zürcher Bildungsdirektion, um von einer eigenen Untersuchung abzusehen. Man befürchtete, weit hinter den Versprechungen zum spielerischen Mehrsprachenlernen zurückzuliegen und verwässerte so das Monitoring erheblich.

Es graute den Verantwortlichen offensichtlich, den tieferen Ursachen der Misere auf den Grund zu gehen. Entschuldigungen waren rasch zur Hand und mancher Reformer hoffte, die Sache würde wohl bald vergessen.

 

Als wohl grösste Enttäuschung bei den Versprechungen erwiesen sich die aufgrund festgestellter Mängel angekündigten didaktischen Korrekturmassnahmen. Obwohl die Leseschwächen unserer Schulabgänger längst einen Alarmwert erreicht hatten, ging es im Deutsch weiter bergab. EDK und Pädagogische Hochschulen zeigten sich ratlos, was konkret zu tun wäre, um die Resultate in einem der wichtigsten Schulfächer zu verbessern. Es graute den Verantwortlichen offensichtlich, den tieferen Ursachen der Misere auf den Grund zu gehen. Entschuldigungen waren rasch zur Hand und mancher Reformer hoffte, die Sache würde wohl bald vergessen.

Individualisierte Lernkonzepte überfordern die Lehrkräfte 

Bildungsversprechungen und Schulrealität klaffen aber nicht nur im Sprachenbereich weit auseinander. Das individualisierte Lernen, welches im Lehrplankonzept vorgespurt ist, erweist sich immer mehr als organisatorische Überforderung der Lehrkräfte. Für jedes Kind ein massgeschneidertes Lernprogramm zusammenzustellen ist ein geradezu abenteuerliches Unterfangen, das einen gewaltigen Aufwand generiert. Die Vorstellung, die Schule könne dank einer forcierten individuellen Förderung bei jedem Kind viel mehr als bisher erreichen, hat masslose Erwartungen geweckt. Viele Eltern pochen heute darauf, dass ihr Kind in jeder Situation ein Anrecht auf eine individuelle Behandlung hat. Da bei einer konsequenten Individualisierung die einzelnen Schüler ihre Kompetenzziele zu unterschiedlichen Zeitpunkten erreichen, droht zusätzlich zu allem Übel eine völlige Unübersichtlichkeit in der Notengebung. Es überrascht darum nicht, dass der Ruf nach Abschaffung der Noten immer lauter ertönt.

Die Vorstellung, die Schule könne dank einer forcierten individuellen Förderung bei jedem Kind viel mehr als bisher erreichen, hat masslose Erwartungen geweckt.

Die heftigen Vorwürfe, die Schule könne ihren Bildungsauftrag nicht mehr zufriedenstellend erfüllen, richtet sich nicht gegen die Lehrpersonen. Es sind die vielzitierten Experten der vergangenen Reformphase, welche für den Abstieg der Schule in zentralen Bereichen verantwortlich sind. Sie hätten längst erkennen müssen, dass einiges schiefläuft. Doch für das Eingestehen von Fehlern fehlte ihnen meist der Mut.

Eine Rückbesinnung auf den Grundauftrag ist kein Rückfall in alte Zeiten 

Ein Weiterfahren wie bisher kann sich unsere Volksschule jedoch keinesfalls länger leisten. Das Bildungsprogramm muss entschlackt und die Lehrerbildung stärker auf die Praxis hin ausgerichtet werden. Den Lehrkräften ist mehr Zeit fürs Wesentliche einzuräumen und die Lehrmethoden sind aufgrund ihrer Wirksamkeit hin zu beurteilen. Das sind anspruchsvolle Forderungen. Aber diese führen nicht, wie der LCH und aufgeschreckte Bildungspolitiker behaupten, zu einem Rückfall in alte Zeiten. Eine starke Volksschule wird sich keiner nützlichen Lerntheorie verschliessen und sich auch gegenüber überzeugenden Neuerungen aus dem digitalen Bereich offen zeigen. Aber sie wird wieder klar kommunizieren, dass nachhaltiges Lernen stets mit Anstrengung verbunden ist. Gründliches Lernen wird nur durch viel engagiertes Üben und einem sorgfältigen Bildungsaufbau erreicht. Dabei zählt ein vorschneller Einsatz von KI-generierten Programmen sicher nicht zu den zentralen Kompetenzen, die für eine solide Grundbildung nötig sind. Vielmehr gilt es, den durch unzählige Wunschvorstellungen getrübten Blick auf die Schulpraxis durch eine realistischere Sicht auf den Bildungsauftrag der Volksschule zu ersetzen.

Eine praxisbezogene Neuorientierung als grosse Chance 

Unser Startbeitrag von Margrit Stamm deckt einiges auf, was sich in der Bildungspolitik ändern muss, um wieder auf Erfolgskurs zu kommen. Die Hoffnung der Autorin, die verantwortlichen Bildungsexperten könnten aus ihren Fehlern lernen und auf eine pragmatischere Linie einschwenken, dürfte allerdings kaum in Erfüllung gehen. Zu lange war sich diese Generation gewohnt, populäre Bildungswünsche zu fördern und sich als Taktgeber des Fortschritts zu sehen. Nur wenige von ihnen haben überhaupt bemerkt, dass man längst den Boden unter den Füssen verloren hatte und der Schule unzumutbare Aufträge erteilte.

Nicht ganz einfach wird es sein, die Deutungshoheit über das Schulgeschehen wieder stärker den Lehrpersonen zuzuweisen und den theoretischen Überbau der Erziehungswissenschaften in einen vernünftigen Rahmen einzuordnen.

 

Die Chance einer konstruktiven Erneuerung der Schule ist dennoch vorhanden. Sie liegt in der laufenden Wachablösung in der Bildungspolitik und an den Pädagogischen Hochschulen. Die neue Generation steht allerdings vor der Herkulesaufgabe, gründlich mit den gescheiterten Projekten aufzuräumen und genau zu prüfen, welche Konzepte für eine gesunde Schulentwicklung geeignet sind. Nicht ganz einfach wird es sein, die Deutungshoheit über das Schulgeschehen wieder stärker den Lehrpersonen zuzuweisen und den theoretischen Überbau der Erziehungswissenschaften in einen vernünftigen Rahmen einzuordnen. Dafür braucht es Persönlichkeiten, die weit über populäre Bildungswünsche hinausdenken und den Auftrag der Volksschule realistisch beurteilen können. Die von uns ausgewählten Texte setzen sich mit diesem Wandel auseinander enthalten wertvolle Ideen zu einer grundlegenden Neuorientierung.

Das Ringen um eine innere Schulreform ist nicht nur in unserem Land ein Thema, wie die angefügte Einladung zu einer internationalen Veranstaltung in Bonn zeigt. Mit dabei als gefragter Referent ist Carl Bossard, dessen bildungspolitische Texte weit über die Schweiz hinaus grosse Beachtung finden. Als Abschluss haben wir deshalb eine ausführliche Vorschau auf diese bedeutende Tagung ausgewählt.

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