6. April 2026
Hattie und sein Besuch in der Schweiz

Es braucht eine kluge Kombination aus Lehren und Lernen

Condorcet-Autor Hanspeter Amstutz ist für den aktuellen Newsletter der Starken Schule Zürich verantwortlich, den wir hier traditionell publizieren. In seinem einleitenden Votum geht er noch einmal auf die Aussagen des Bildungsforschers John Hattie ein, die seiner Meinung nach verkürzt und vereinahmend wiedergegeben werden.

Eine kurze Antwort, die John Hattie anlässlich eine Fragerunde nach dem Besuch einer integrativen Schule in Zürich gegeben hat, sorgt zurzeit für einige Aufregung in den Bildungsblogs. Was denn der grösste Fehler sei, den Schulen heute machen, wurde er gefragt. Darauf antwortete er: «Dass sie glauben, ihre Aufgabe sei es zu unterrichten. Lehrer müssen nicht lehren, sondern den Schülern beim Lernen helfen.» Die Antwort hat bei den Anhängern des selbstorganisierten Lernens in Lernlandschaften Genugtuung ausgelöst. Sie sehen sich bestätigt, dass sie auf dem richtigen Weg sind.

Gastautor Hanspeter Amstutz, Starke Schule Zürich: Direkte Instruktion an erster Stelle

Doch Hatties pointierte Aussage ist eine heikle Verkürzung einer pädagogischen Wahrheit. Sie öffnet das Tor zu einem gigantischen Missverständnis, wenn sie nicht präzis erläutert wird. Verständliches Lehren ist alles andere als zweitrangig, wie Hattie selbst in seinen Forschungsergebnissen klar festgehalten hat. Direkte Instruktion – populär oft als Frontalunterricht bezeichnet – steht in der Rangfolge wirkungsvoller Lehrmethoden auch für ihn an erster Stelle. Wieso also diese gefährliche Verkürzung?

Anschauliches Lehren fördert die Schüleraktivität

Selbstverständlich ist das Ziel des Lehrens stets das Auslösen eines Lernprozesses bei Kindern und Jugendlichen. Man kann dies ziemlich drastisch am Beispiel der Erzählkunst erklären. Geschichtliche Ereignisse zu schildern gilt vielerorts als ein überholtes didaktisches Konzept, das es durch das Quellenstudium von geeigneten Texten abzulösen gilt. Dabei geht völlig unter, dass spannende und auch sprachlich überzeugende Erzählungen bei den Schülern innere Bilder und anregende Denkprozesse auslösen. Sie tauchen ein in neue Welten und werden auch emotional angesprochen. Es ist das aktive Zuhören, welches das Lehren des Lehrers zum Lernen des Schülers macht.

Die Wirkung einer Erzählung erkennt man schon an den leuchtenden Augen der Kinder an den dramatischen Stellen einer Schilderung. Am besten aber erkennt man den Lerneffekt in nachfolgenden Klassengesprächen und Diskussionen. Da kommt schonungslos aus, welche Lernprozesse eingesetzt haben. Fragen werden aufgeworfen, aufgestellte Diskussionsthesen zum Thema zerzaust und Szenen aus der Erzählung als gemeinsames Wissen oft angesprochen. Vieles wirkt dabei so stark, dass selbst Jahre später direkte oder unterschwellige Erinnerungen wieder hochkommen.

Hattie kritisiert langatmiges Schwatzen statt klarer Instruktion, abgehobenes Dozieren statt schülergerechter Nähe und unstrukturiertes Herumspringen statt eines verständlichen Aufbaus.

Hattie kritisiert abgehobenes Dozieren, nicht die klare Instruktion

Hattie meint mit seiner These von der Funktion des Lehrers als Lernbegleiter sicher nicht, dass anschauliches Erklären und kluges Führen nebensächlich seien. Ganz im Gegenteil! Er kritisiert langatmiges Schwatzen statt klarer Instruktion, abgehobenes Dozieren statt schülergerechter Nähe und unstrukturiertes Herumspringen statt eines verständlichen Aufbaus. Wenn heute manche Schüler auf Youtube Lehrpersonen folgen, welcher die Kunst des anschaulichen Erklärens grossartig beherrschen, zeigt dies schon fast paradox, wie sehr geschicktes Lehren durch «Frontalunterricht» geschätzt wird. Arme Schüler, wenn sie an ihrer Schule keinen Mathematiklehrer haben, der ein Meister im verständlichen Instruieren ist!

John Hattie, Bildungsforscher, seine Studien rüttelten an vielen bequemen Vorstellungen.

Erfolgreiches Lehren hat auch beim Üben nichts mit dem zu Recht verachteten früheren Pauken zu tun. Lehrpersonen benötigen vielmehr eine ausgeprägte Fähigkeit des Motivierens und klugen Führens während der wichtigen Übungsphasen. Ihre Erwartungshaltung an die Schülerinnen und Schüler ist dabei entscheidend. In Trainingsphasen reden Lehrpersonen wenig, aber sie erkennen, wo sie unterstützend eingreifen müssen. Diese stille Kraft der Geduld, der Zuversicht und Ausdauer einer Lehrperson bildet einen Sportsgeist beim Üben, der ganze Klasse beflügeln kann.

Unterrichten verlangt das Aushalten unvermeidbarer pädagogischer Gegensätze

In unserem Startbeitrag nimmt Carl Bossard zur grossen Frage der Dualität des Lehrens und Lernens ausführlich Stellung. Der Autor sieht in der Einseitigkeit gewisser didaktischer Konzepte keinen Fortschritt, sondern eine Verarmung der Lernkultur. Die Einsamkeit der Schüler im Lernatelier, die Reduktion der Lehrerin zur Lernbegleiterin und das generelle Misstrauen gegenüber einem anspornenden gemeinsamen Klassenunterricht haben die Schulqualität nicht verbessert. Carl Bossard sieht nachhaltige Bildung in einer klugen Kombination von Lehren und Lernen.

Führen und selbständiges Lernen, Instruieren und freies Arbeiten sowie weitere Gegensatzpaare gehören zur Ambivalenz eines erfolgreichen Unterrichts. Wer aus disziplinarischen Gründen eine Klasse eng führt, muss sich bewusst sein, dass die Selbständigkeit der Schüler dadurch eingeschränkt wird. Es braucht eine grosse Urteilskraft eines Lehrers, um im Spannungsfeld dieser Gegensätze den richtigen Weg und das richtige Mass zu finden. Der Lehrerberuf bleibt spannend und anspruchsvoll.

Unseren Startbeitrag kann man als eine weit gefasste Antwort auf den Auftritt von John Hattie in der Schweiz sehen. Carl Bossard nimmt Hatties jüngste pädagogische Äusserungen auf und vergleicht sie mit den bisherigen Erkenntnissen einer in ihrem Kern komplexen Materie. Zu Recht warnt der Autor vor einer oberflächlichen Vereinfachung des pädagogischen Geschehens und der Tendenz zu einseitigen Konzepten.

Zur Information unserer Leserschaft haben wir einen NZZ-Bericht zu Hatties Zürcher Schulbesuch und einen Text mit einer Gegenüberstellung seiner jüngsten Aussagen zu seinen eigenen Forschungsergebnissen in unseren Newsletter aufgenommen.

Der Umgang mit Künstlicher Intelligenz setzt starke Urteilskraft voraus

Unter dem Titel «Mündigkeit statt Kompetenz» erschien diese Woche ein bemerkenswerter Beitrag in der NZZ über Künstliche Intelligenz. Der Philosoph Jörg Noller setzt sich eingehend mit pädagogischen Fragen rund um KI auseinander. Er fordert keine «technologische Askese», indem KI einfach aus den Schulen verbannt wird. Aber er erinnert an die Verantwortung der Pädagogik, den Menschen zu kritischem Denken zu erziehen und seine Urteilskraft umfassend zu stärken. Das bleibe eine pädagogische Aufgabe, die nur mit viel Anstrengung zu erreichen sei. KI sei zwar imstande, bei präzis gestellten Fragen im Vergleich zum denkenden Menschen unerhört schnell Resultate zu liefern. Doch nur eine urteilsfähige Person könne das entstandene Produkt richtig beurteilen und für die eigene Arbeit sinnvoll nutzen. So könne KI durch überlegte Prompts, die mehr Fragen als Anweisungen seien, interessante Gegenentwürfe zu eigenen Konzepten vorschlagen. Der Autor sieht KI als «Partner der Reflexion», was der neuen Technologie wohl den richtigen Platz im Bereich der Pädagogik zuweist.

Neben einem Leserbrief zur KI und einer knappen Zusammenfassung aus der NZZ zum vierhundertseitigen Schweizer Bildungsbericht enthält unsere Textsammlung noch einen Kommentar zum offenbar nachlassenden Lehrermangel. Die von der Zürcher Bildungsdirektion herausgegebene Erfolgsmeldung über eine Entspannung wird leicht ironisch kommentiert, was durchaus auch in unserem Sinne ist.

Wir wünschen Ihnen frohe Ostern und viel Zeit zum Lesen.

 

 

 

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