24. März 2026
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Wer die Gymiprüfung abschaffen will, ist auf dem Holzweg

Mit 96 zu 72 Stimmen hat der Zürcher Kantonsrat die Abschaffung der Gymiprüfung abgelehnt – ein weiser Entscheid. Für unsere Schule, aber auch für die Jugendlichen und für die Lehrerschaft wäre ein solcher Schritt nicht von Gutem gewesen.

 

Sek muss wieder eine gute Schule werden

Bekanntlich wollen viele Eltern ihre Kinder nach der sechsten Klasse ins Gymi schicken, weil die Qualität der Oberstufe der Volksschule vielerorts zu wünschen übrig lässt. Wenn jedes Kind – mit oft unrealistischen Vornoten – ohne Prüfung ins Gymi zugelassen wird, würde das Image der einst allseits geschätzten Sekundarstufe auf eine zweitrangige Schule sinken. Das ist nicht recht, gibt es doch auch viele leistungsstarke und lernwillige Jugendliche, die lieber eine Berufslehre machen wollen. Ihnen und ihren Mitschülern müsste die Oberstufe eine Top-Bildung als Voraussetzung für einen guten Berufseinstieg bieten, was leider heute oft nicht der Fall ist. Hier gilt es anzusetzen: Die Sek muss wieder zu einer guten Schule werden, auch ausserhalb der Gymi-Vorbereitung.

Eine Bemerkung zu den unrealistischen Vornoten: Mit der Abschaffung der Aufnahmeprüfung würden diese exponentiell zunehmen, denn verständlicherweise würden noch mehr Eltern die Sek-Lehrerinnen zu überzeugen versuchen, ihren Kindern den vom Gymnasium verlangten Notenschnitt ins Zeugnis zu setzen. Für die gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern wäre der prüfungsfreie Eintritt ins Gymnasium eine Belastung, die wir beiden Seiten ersparen sollten.

Niveau der gymnasialen Bildung ist dringend zu verbessern

Aber auch dem Bildungsniveau am Gymnasium wäre es abträglich, wenn Schüler hineindrängen, die die nötigen Voraussetzungen nicht mitbringen. Laut Stefan Wolter (Tagi vom 7. März) ist der Anteil solcher Schüler in Kantonen ohne Aufnahmeprüfung fünfmal höher, dadurch wird das Vorankommen der ganzen Klasse gebremst. Dabei müssen die Mittelschulen heute schon um einen Bildungsstand kämpfen, der einigermassen eines Gymnasiums würdig ist. Jedenfalls würde mit der Erhöhung der Quote der Mittelschüler der Zustand unseres Gymnasiums nicht verbessert.

Marianne Wüthrich, Starke Volksschule Zürich

Wie wir hier auch schon thematisiert haben, lesen zum Beispiel immer mehr Mittelschullehrer mit ihren Schülern klassische Literatur in “einfacher Sprache”, weil die Originaltexte angeblich “veraltet” und schwer verständlich seien. Lesen Sie dazu den aufrüttelnden Artikel von Carl Bossard, der unsere Textsammlung abrundet. Bei der von ihm demonstrierten “Übersetzung” von “Kleider machen Leute” in einfache Sprache wird es einem übel. Arme Jugend, die einen solchen Schrott vorgesetzt bekommt – und das im Gymnasium! – statt dass sie durch ihren Deutschlehrer mit Begeisterung und Gespür für den feinen Humor des Dichters an Gottfried Kellers herrliche Seldwyler Geschichten herangeführt wird. Die paar Begriffe, die sich dabei nicht von allein aus dem Verständnis des Textes erschliessen, dürften nicht so schwer zu erklären sein.

Die Abstimmungsvorlagen zu verstehen und sich eine Meinung bilden zu können verlangt mehr an sprachlichem Verständnis und politischer Bildung.

 

Wie Carl Bossard richtig hinweist, lebt auch die Demokratie davon, dass die Bürger Texte verstehen und Argumente prüfen können. Mit den Informationen in “leichter Sprache” im Abstimmungsbüchlein ist es nicht getan: Die Abstimmungsvorlagen zu verstehen und sich eine Meinung bilden zu können verlangt mehr an sprachlichem Verständnis und politischer Bildung.

Aber jetzt zur zentralen Frage für die Zukunft unserer Kinder.

Wie werden Lernfähigkeit und Einsatzwillen der Jugend gefördert?

Wenn man die Einwände mancher Zürcher Kantonsräte gegen die Aufnahmeprüfung ins Gymi hört, könnte man meinen, es sei eine Zumutung sondergleichen für einen jungen Menschen und zudem ein Verstoss gegen die Chancengerechtigkeit, wenn er in einer Prüfung sein Können und Wissen beweisen muss. Lesen Sie dazu die ausgezeichneten Stellungnahmen im selben Parlament und in den beiden Leserbriefen zum Thema. Fazit: Das Leben ist nun einmal kein Zuckerschlecken, sondern bringt viele Situationen mit sich, wo der junge oder ältere Mensch sich in einer kurzen Zeitspanne bewähren muss. Und ja, das kann manchmal ein rechter Stress sein. Umso besser, wenn man schon in jungen Jahren gelernt hat, mit Prüfungssituationen umzugehen.

Wieder einmal ein Müsterli aus meiner Zeit an der Berufsschule: Ich kann mich kaum an einen Schüler erinnern, der die Theorieprüfung nicht bestanden hat, wenn er autofahren wollte. Es war faszinierend, wie Jugendliche, die in der Schule kaum ein paar Testaufgaben richtig zustandebrachten, dieses umfangreiche Lernprogramm bewältigten, manchmal zwar mit Ächzen und Stöhnen, aber trotzdem, spätestens beim dritten Mal.

Noch ein paar Worte zur Chancengerechtigkeit: Wir sind uns vermutlich alle einig, dass die sozialen Voraussetzungen unserer Kinder nicht gerecht verteilt sind. Aber was sicher höchst ungerecht ist: Wenn allein der Lehrer darüber entscheidet, ob die Leistungen seiner Schülerin fürs Gymi genügen oder nicht. Da ist es viel gerechter, wenn sie ihre Fähigkeiten an einer Prüfung beweisen kann, die jemand anders korrigiert.

Ausserdem stört es mich als Berufsschullehrerin ungemein, wenn es in den Medien zuweilen so klingt, als wäre die Matura der einzig erstrebenswerte Weg für junge Menschen. Die Schweizer Jugend hat mit der dualen Berufsbildung ein einzigartiges und durchlässiges System, das unsere Akademiker und Bildungsexperten oft nicht genügend schätzen – vielleicht auch, weil sie es zu wenig kennen. Was es neben einem «klugen Kopf» sonst noch braucht, um sein Leben gut zu meistern, legt Margrit Stamm in ihrem Beitrag dar: “Wenn wir kluge Köpfe hervorbringen, die nicht umsetzen, nicht dranbleiben, nicht Verantwortung übernehmen können, entsteht ein Vakuum. Die grossen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht allein durch Analyse bewältigen, sondern durch praktisches Können, Kooperation und Beharrlichkeit.”

Der Artikel “Der Streit um ein behindertes Kind könnte das Schweizer Bildungssystem umkrempeln” verdient eine genauere Analyse. Diese finden Sie in meinem separaten Kommentar.

Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung und hoffentlich neue Erkenntnisse.

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