9. April 2026
Reaktion auf den Artikel von Alain Pichard - wie lerne ich Erfolglosigkeit

Besserwisserisch und unfair

Die Kolumne unseres Condorcet-Autors Alain Pichard (https://condorcet.ch/2026/03/wie-lerne-ich-erfolglosigkeit-fuenf-ratschlaege/) ist seinem ehemaligen Lehrer Hans Müller sauer aufgestossen. Wir bringen seine Reaktion.

Fast alle, die sich für Schule interessieren, kennen die Kolumnen von Alain Pichard und wissen in etwa, wo er steht. Weniger bekannt dürfte für viele Paul Watzlawick sein. Er gilt als einer der profiliertesten Sprachphilosophen des 20. Jahrhunderts. Ein wichtiges Buch trug den Titel «Anleitung zum Unglücklichsein».

Hans Müller, ehem. Seminarlehrer, ehem. Parteipräsident der SP-Biel: Es stimmt mich traurig.

In Anlehnung daran erstellt Pichard in seiner letzten Kolumne einen «Leitfaden für Lehrpersonen und Bildungsfachleute», gewissermassen als Hilfe zur Planung «möglichst erfolgloser Laufbahnkarrieren». In der Folge geht es aber nicht mehr um Watzlawick, sondern um die pichardsche Liste, die aufzeigt, wie die Pädagogik und die Schule alles macht, um zum «garantierten Misserfolg» zu kommen. Stichworte dazu: zu viel Lob, zuviel selbstorganisiertes Lernen, zu viel Gruppenarbeit, zu viel Texte in vereinfachter Sprache, keine traumatisierenden Noten (am besten gleich abschaffen, auch die Selektion), zu viel Frühfranzösisch, dafür ganz viel sonderpädagogische Massnahmen und Schulsozialarbeit usw. – Pichards Bezugnahme auf den (grossen) Paul Watzlawick geht so nicht: zu kurz geraten, darum auch zum Teil falsch, im Sinne Einsteins, der gesagt haben soll: «Sag alles so kurz wie möglich, aber nicht kürzer.» Die 5 Punkte empfinde ich – sowohl inhaltlich wie im Ton – als ironisierendes, unfaires Abstrafen all der Lehrerinnen, Lehrer, Pädagoginnen und auch Eltern, die sich mit ebenso grossem Engagement wie er für Kinder und Jugendliche einsetzen.

Dies stimmt mich traurig. Wir kennen uns seit 50 Jahren. Alain war einer meiner Schüler am Seminar. Als Lehrer war er Mitdenker, Mitentwickler von Lehrmitteln, aber auch heftiger Kritiker des Lehrplans 21. Zu Recht? Das sei dahingestellt. Lange kämpften wir – mit vielen anderen – für eine gerechtere und bessere Schule. Wer hat das Sagen, wie diese aussehen soll? Sie entwickelt sich weiter, nicht nur im Sinne von Pichard. Kontinuierlicher Dialog mit allen Betroffenen ist nötig. Watzlawick schrieb einmal diesen bedenkenswerten Satz: «Man kann nicht nicht kommunizieren.» In diesem Sinne, lieber Alain: Wir werden weiterhin miteinander reden.

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8 Kommentare

  1. Und wo sind die Argumente, die den Reformirrsinn stützen? Sämtliche Untersuchungen geben Alain Pichard Recht. Das Ironische ist angesichts der unbeirrt ihren falschen Kurs verfolgenden Bildungspolitik ein angemessener Ton. Lehrerinnen und Lehrer werden mitnichten angegriffen, sondern lediglich die PH-Propheten und ihre verblendeten politischen Vollstrecker.

  2. Leider nein, Herr Müller.
    Die Volksschule ist schon lange keine Ervolksschule mehr (die gewählte Schreibweise ist beabsichtigt). Zu viele Köche aus Politik und Pseudowissenschaft haben inzwischen das fertiggebracht, was man vor 45 Jahren, als ich ins pädagogische Handwerk eingestiegen bin, nicht für möglich gehalten hätte: Die (gute) Volksschule hat sich abgeschafft. Ohne Not, aber aufgrund der Überheblichkeit und Besserwisserei von sogenannten Experten – also genau aus dieser Haltung heraus, die Sie Herrn Pichard nun vorwerfen, eine Haltung, die er aber m. E. überhaupt nicht vertritt. Im Gegenteil.

  3. Lieber Herr Müller, ich kenne Paul Watzlawick zu wenig und kann daher nicht beurteilen, ob Alain Pichard ihn im Kontext richtig verwendet hat. Was ich jedoch verstanden habe, ist, dass seine fünf aufgezählten Punkte zwar überspitzt formuliert, in der heutigen Situation aber durchaus zutreffend sind – und ich habe auch bereits über zwei Jahrzehnte Schuldienst auf dem Buckel. Ich fühle mich durch seine Kritik nicht angegriffen in meiner Tätigkeit als Oberstufenlehrer, sondern bestätigt. Allerdings hätte ich Alain Pichard vorgeschlagen, seine Rede, etwas angepasst, auch an heutige Eltern zu richten. Dies wäre der Komplexität der aktuellen Entwicklung noch etwas gerechter geworden. – Es ist schön, lieber Herr Müller, dass Sie mit Pichard im Gespräch bleiben wollen; in Ihrem veröffentlichten Beitrag jedoch vermisse ich Argumente, die das Gegenteil der fünf erwähnten Punkte belegen und die Situation besser beschreiben, als sie mir und vielen anderen erscheint. – Und ich kann Ihnen versichern: Auch mir liegt das Wohl und die Zukunft ALLER meiner Schüler am Herzen (und damit sind auch die Mädchen gemeint)!

  4. Alain Pichard liebt die Provokation und formuliert gerne pointiert. Damit verstärkt er die Wirkung seiner meist berechtigten Kritik, auch wenn dabei mancher Vorwurf etwas überzeichnet wird. Die im allgemeinen eher brave Lehrerschaft kann froh sein um solche Persönlichkeiten, die den nötigen Mut aufbringen, die Bildungspolitik auf der politischen Bühne wieder zu einer bedeutenden Angelegenheit zu machen.

    Kritik an den Schulreformen hat in keiner Weise etwas mit Abwertung der pädagogischen Tätigkeiten zu tun. Selbstverständlich erfüllt die überwiegende Zahl der Lehrkräfte ihre pädagogische Arbeit mit grossem Einsatz. Ja, sie sind es, die unsere Schule trotz einer Reihe von nicht mehr zu übersehenden Fehlentwicklungen auf einem recht hohen Stand halten. All diese Lehrkräften verdienen unseren Dank.

    Doch es bleibt ein Stein des Anstosses, dass dieses ehrliche Engagement durch die bekannten ewigen Schulbaustellen stark an Wirkung verliert. Man muss wirklich beide Augen schliessen, um das für die meisten Kinder deprimierende Mehrsprachenkonzept der Primarschule oder die grossen Belastungen eines radikal umgesetzten Integrationskonzepts zu übersehen. Viel zu lange hat die Lehrerschaft diese Reformen mitgetragen, obwohl die Misserfolge eklatant waren. Auch didaktische Konzepte aus den Pädagogischen Hochschulen wie das anspruchsvolle selbstorganisierte Lernen oder die propagierte Rolle des Lehrers als Begleiter haben viele Lehrkräfte stark verunsichert, statt ihnen den Rücken zu stärken.

    Wer in der Politik auf diese Missstände aufmerksam machen will, braucht eine mutige Sprache, sonst wird man nicht gehört. Alain Pichard setzt in seinem Kampf für eine gute Schule die ganze Pallette von der sachlichen Analyse bis zur umstrittenen scharfen Polemik ein. Er hat es wie nur wenig zuvor geschafft, mit seiner öffentlichen Präsenz und seiner Netzwerkarbeit der Lehrerschaft ein deutlicheres Profil in Bildungsfragen zu geben. Mit seinem starken Willen zu einem konstruktiven Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Lehrerschaft hat er die Türe zu einer praxisnäheren Bildungspolitik weit geöffnet.

  5. “Die 5 Punkte empfinde ich – sowohl inhaltlich wie im Ton – als ironisierendes, unfaires Abstrafen all der Lehrerinnen, Lehrer, Pädagoginnen und auch Eltern, die sich mit ebenso grossem Engagement wie er für Kinder und Jugendliche einsetzen.”
    Das ist überhaupt nicht klar! Ich verstand das ganz klar als Mahnung in die Richtung der PH’s und der Politik, die aus den gemachten Fehlern nicht lernen wollen. Die Lehrpersonen müssen sich wohl (oder übel?) an die Richtlinien halten.

  6. Alain Pichard, und ich sage das als Lehrer, Pädagoge und Vater, hat mir aus der Seele gesprochen. Er beobachtet und zieht Schlüsse. Das müssen nicht immer dieselben sein wie meine, aber ich ziehe gerne meinen Hut vor den wenigen, die die Realität noch zur Kenntnis nehmen. Wann haben Sie, Herr Müller, zum letzten Mal eine Klasse unterrichtet?

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