15. Februar 2026
Intelligenz

KI macht uns geistig faul

Die CEOs der führenden Big-Tech-Konzerne behaupten: KI-Systeme übertreffen demnächst die menschliche Intelligenz. Paradiesische Aussichten für alle Müssiggänger, Nichtstuer und Faulenzer, findet Philosoph Michael Rüegg in einem Beitrag im “Schweizer Monat”.

 

Lernen und Arbeiten sind seit Menschengedenken eine mühselige Sache. Wer eine Sprache oder ein Instrument beherrschen will, leidet viele Jahre. Bürojobs überspannen die Nerven. Unterrichten laugt aus. Die Arbeit auf Baustellen und Äckern oder in Betrieben und Fabriken ist auch heute noch kräftezehrend. Auch ein guter Text kostet Schweiss.

KI-Systeme sind nicht lebendig. Sie basieren auf statistischen Folgerungen. Sie sind verurteilt zur Mittelmässigkeit.

 

So erstaunt es nicht, dass Sigmund Freud in seinem Werk “Das Unbehagen in der Kultur” von einer “natürlichen Arbeitsscheu” des Menschen spricht. Arbeit ist kein Spiel, kein Vergnügen. Ihr haftet “etwas Unfreies” an, eine “letzte Vergeblichkeit”, wie Romano Guardini festhält. In seiner Schrift “Der Sonntag” wird Arbeit als “Busse” beschrieben, und zwar für den Ungehorsam des Menschen gegenüber der göttlichen Ordnung.

Der gut gelaunte KI-Assistent

Dank KI-Systemen bricht ein neues, goldiges Zeitalter an. Tätigkeiten, die Intelligenz erfordern, übernimmt der stets gut gelaunte KI-Assistent. Eine Maturaarbeit oder ein journalistischer Text? Delegiert man im Liegen. Ebenso geschenkt eine ärztliche Diagnose oder ein richterliches Urteil. Das aber ist erst der Anfang der Faulenzergesellschaft. Die Big-Tech-Konzerne und ihre smarten Roboter werden uns auch von der körperlichen Plackerei erlösen.

Michael Rüegg, Philosoph

Diese Utopie freilich ist ernsthaft dumm. Sie setzt voraus, dass menschliche und künstliche Intelligenz das Gleiche sind. Das ist falsch. KI-Systeme sind nicht lebendig. Sie basieren auf statistischen Folgerungen. Sie sind verurteilt zur Mittelmässigkeit. Das ist keine Absage an KI-Systeme. Ihr grosser Nutzen ist das hyperschnelle Verarbeiten von gigantischen Datenmengen. Sie ermöglichen neue Ansätze in der Grundlagenforschung oder helfen, komplexe industrielle Prozesse zu optimieren. Auch machen sie viele Dienstleistungen sicherer und komfortabler. Davon profitieren Junge genauso wie die wachsende Anzahl Senioren in unserer Gesellschaft.

Sinnbild für diese Entwicklung sind selbstfahrende Autos. Im Jahr 2024 gab es allein in der EU über 19’000 Verkehrstote. Der Einsatz von KI-Systemen dürfte künftig dabei helfen, viel Leid zu vermeiden. Ähnliches gilt für andere risikobehaftete Hightech-Anwendungen, die standardisiert besser ablaufen als in der Hand von Menschen, die vielleicht übermüdet oder alkoholisiert sind.

Lebenserfahrung hat ihren Preis

Fortschritt bedeutet aber immer auch Verlust. In Anlehnung an Hans-Georg Gadamer und seinen Aufsatz “Theorie, Technik, Praxis” kann man eine “allgemeine Regel” formulieren: Je “rationaler” unser Leben mit Hilfe von Wissenschaft und Technik organisiert ist, desto weniger üben und schulen wir eigenverantwortliches Handeln. Selbstfahrende Autos werden Verkehrsrüpel und reaktionsverminderte Greise ersetzen, aber auch zum allmählichen Aussterben guter Autofahrer führen.

Wir verlernen das selbstständige Entscheiden. Das gilt für das Schulkind genauso wie für die Führungskraft.

 

Omnipräsente KI-Systeme beschleunigen diese Entwicklung. Je mehr Aufgaben wir delegieren, desto weniger sammeln wir praktische Erfahrungen. Die Folge: Wir verlernen das selbstständige Entscheiden. Das gilt für das Schulkind genauso wie für die Führungskraft. Der gemeinsame Albtraum: Man sitzt als Patient einem grauhaarigen Arzt gegenüber, der das Erfahrungsniveau eines Pubertierenden besitzt, weil er sein Leben lang alles an eine Maschine delegiert hat, statt durch eigene Erfahrung zu reifen.

Die selbstständige Urteilsbildung will kultiviert sein. Lebenserfahrung hat ihren Preis. Sie benötigt Energie, Fleiss und Ausdauer. Und der Volksmund weiss: Durch Fehler wird man klug. Schliesslich kann aus dem Praktikanten ein Meister seines Fachs werden. Gadamer erinnert hier an eine “platonische Weisheit”. Je “mehr einer sein Können beherrscht”, desto “mehr Freiheit gegenüber diesem Können” besitzt er. Der “Meisterläufer” kann “auch am besten langsam laufen”, der “Wissende am sichersten lügen”.

Gute, ehrliche Arbeit erfordert Wissen und praktische Erfahrung, egal ob Diagnosen, Urteile, Analysen, Beratungen, Konzepte oder Texte. Und das wiederum bedeutet Anstrengung und Schweiss. (Bild: KI-generiert)

KI-Systeme dagegen besitzen keine Freiheit gegenüber ihrem statistisch generierten Wissen. Wenn es dumm läuft, halluzinieren sie. Sie können aber nicht lügen. Das Gleiche gilt für Schüler, Studenten und Berufsanfänger. Sie erreichen dank KI scheinbar mühelos das Niveau von Fortgeschrittenen – freilich auf eine teilnahmslose, mittelmässig-automatisierte Weise. Und sie bleiben gegenüber ihrem Scheinkönnen unfrei.

Faulenzerparadies als Trugbild

Gute, ehrliche Arbeit erfordert Wissen und praktische Erfahrung, egal ob Diagnosen, Urteile, Analysen, Beratungen, Konzepte oder Texte. Und das wiederum bedeutet Anstrengung und Schweiss.

Das Faulenzerparadies der Big-Tech-Konzerne erweist sich als Trugbild. Dennoch bleiben KI-Systeme aussergewöhnliche Werkzeuge. Entscheidend ist allerdings ihr richtiger Gebrauch. Sie sind kein Ersatz für menschliche Intelligenz oder für die Anstrengungen, die ein menschliches Leben braucht, um zur Reife zu gelangen. Das ins Bewusstsein zu rufen und einen entsprechend lebensdienlichen Umgang mit KI zu finden, das kann an Schulen und Universitäten, in Unternehmen und Einrichtungen gelernt werden.

 

Michael Rüegg (1969) ist Philosoph. Er hat einen Lehrauftrag für Religion an der Stiftsschule des Klosters Einsiedeln. Er studierte Philosophie, Religionswissenschaft und Osteuropäische Geschichte in Zürich. 

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