23. Januar 2026
Deutschunterricht - Kommentar

Lehrer, die ihren Schülern nichts mehr zutrauen

Wer wenig erwartet, wird wenig bekommen. Das weiß man schon lange. Trotzdem setzen selbst Gymnasien auf Klassiker in einfacher Sprache – in der Oberstufe. Wir bringen einen Kommentar, der zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung FAZ erschienen ist.

 

Eigentlich waren die Klassiker in einfacher Sprache für den Deutschunterricht an allen Schulen gedacht, aber nicht für die Gymnasien. Inzwischen nutzen Deutschlehrer sie auch für die Oberstufe des Gymnasiums. Denn das in vielen Ländern mehr oder weniger zugangsfreie Gymnasium ist längst zu einer Art Einheitsschule geworden, die mit unterschiedlichsten Schülern und Sprachniveaus zurechtkommen muss.

FAZ-Journalistin Heike Schmoll (Bild: www.deutschlandfunk.de)

Wie sehr auch die Gymnasien in den Sog der Abwärtsspirale bei den Bildungsleistungen geraten sind, hat der letzte Ländervergleich des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen gezeigt.

Ohne Faust, ohne Shakespeare

Im Unterschied zum Englischunterricht, den Schüler wegen der vielen filmischen und aktuellen Zugänge attraktiv finden, wird der Deutschunterricht als langweilig und angestaubt empfunden. In beiden Fächern ist die Lektüre von bestimmten Klassikern in vielen Ländern nicht mehr verpflichtend. Goethes Faust I (von Faust II ganz zu schweigen) ist häufig aus den Lehrplanempfehlungen ebenso verschwunden wie Shakespeare – selbst im Leistungsfach Englisch.

Oft genug wird Literatur nicht als eigener Inhalt oder ästhetische Kategorie gesehen, sondern funktionalisiert. Literarische Texte werden analysiert, um sprachliche, kommunikative und mediale Fähigkeiten einzuüben. Hinzu kommt, dass der Deutschunterricht als Querschnittsfach gesehen wird. So steht etwa im Kernlehrplan Nordrhein-Westfalens nicht nur Literatur im Mittelpunkt, sondern auch Menschenrechtsbildung, Werteerziehung, Demokratieerziehung, Bildung für die digitale Welt oder für nachhaltige Entwicklung.

Lehramtsanwärter in germanistischen Studiengängen brauchen Leselisten, weil nichts mehr vorausgesetzt werden kann außer einem sich verfestigenden Leseunwillen.

 

Dabei bietet die Schule für die meisten Schüler die einzige Möglichkeit, die Hürde zu einer fremd wirkenden sprachlichen Welt zu überwinden. Die erste Lektüre eines klassischen literarischen Textes erfordert Anstrengung, mehrfaches Lesen, Sicheinlassen auf eine andere, neue Welt, sich auf eine gedankliche Erkundung zu begeben.

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Warum eigentlich trauen Lehrer ihren Schülern immer weniger zu, obwohl die Bildungsforschung erwiesen hat, dass niedrigere Erwartungen auch zu schwächeren Leistungen führen? Warum entwickeln viele so wenig Phantasie, wenn es darum geht, Schülern Zugänge zu Klassikern zu schaffen?

An den Universitäten setzt sich die Entwicklung fort. Lehramtsanwärter in germanistischen Studiengängen brauchen Leselisten, weil nichts mehr vorausgesetzt werden kann außer einem sich verfestigenden Leseunwillen. Es gibt schon Universitäten, die mit Einführungsveranstaltungen einen groben literaturgeschichtlichen Überblick vermitteln. Den Umgang mit schwierigeren Texten beherrschen viele Studenten nicht.

Befremdliche Solidarisierung von Lehrern mit dem Widerwillen ihrer Schüler gegen Leseanstrengungen

An einigen Gymnasien konnten sie ihn auch nicht einüben. Die vermeintlich schülerfreundliche Praxis, die Klasse über eine Lektüre entscheiden zu lassen, die sie nicht kennt, endet regelmäßig damit, dass der Text mit dem geringsten Seitenumfang gewählt wird. Die anbiedernde Devise, die Schüler dort abzuholen, wo sie stehen, entpuppt sich bei der Lektüreauswahl als befremdliche Solidarisierung von Lehrern mit dem Widerwillen ihrer Schüler gegen Leseanstrengungen.

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Die Schulbuchverlage setzen schon aus ökonomischen Gründen auf Vereinfachung und werben dafür, dass leseunlustige Schüler angeblich durch aktuelle Texte in Alltagssprache für das Lesen gewonnen werden. Der Überbietungswettbewerb beim Vereinfachen zeigt sich darin, dass selbst literarische Texte von Gegenwartsautoren mit vielen Erläuterungen versehen sind. Muttersprachliche Schüler fühlen sich verschaukelt und für dumm erklärt, für andere mit Sprachproblemen genügen sie nicht.

Die Klassikerreihe in einfacher Sprache und in gekürzter Form wird zunehmend in der Oberstufe der Gymnasien eingesetzt. Die Entscheidung darüber trifft zumeist die Fachschaft der Deutschlehrer. Wer Lessings Ringparabel in einfacher Sprache lesen muss, wird spätestens durch einen Vergleich mit dem Original erkennen, wie holprig die umformulierten Teile aus dem Rhythmus des Textes fallen und wie willkürlich geändert und gekürzt wird. Es ist keinem Schüler zu verdenken, wenn ihm der Zugang zu einem eigenen Empfinden für sprachliche Ästhetik dadurch von Anfang an verbaut wird.

 

Heike Schmoll (1962) ist eine deutsche Journalistin. Sie studierte Germanistik und Theologie und betätigt sich als Bildungskritikerin. In der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) ist sie zuständig für Schul- und Hochschulpolitik sowie für Fragen der wissenschaftlichen Theologie. 

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