15. Januar 2026
Weihnachten an den Schulen

Lasst den Kindern die Weihnachten

Condorcet-Autor Alain Pichard ist ein bekennender Atheist. Dennoch hat er überhaupt keine Mühe, Weihnachten zu feiern, biblische Geschichten zu erzählen und mit seinen Schülern in einer Kirche Weihnachtslieder zu singen. Denn: Poetisches Sprechen öffnet den Raum und sieht die Schönheit, und das Gute, und das Warten auf die gute Zukunft.

Letzthin las ich meinen Grosskindern eine Geschichte vor, in der es um eine Frau ging, die immer am gleichen Ort Weihnachtsbäume verkaufte. Ein kleiner Junge gewann ihre Freundschaft und half ihr bei ihrem Geschäft. Jedes Jahr stellten die beiden die Tannen auf, verpackten sie, verkauften sie, putzten anschliessend den Platz und wurden dabei immer älter. Die Geschichte endete damit, dass die alte Frau eines Tages nicht mehr arbeiten konnte und die Tätigkeit ihr Ende fand, die Freundschaft aber weiterging. Unweigerlich kam das Gespräch auf den nahenden Tod der Frau. Mein Grosskind erzählte mir von einem anderen Buch, in der eine Eisbärmutter starb, aber ihr Kind vom Himmel aus beschütze. Die 2.Klässlerin gab dieses Buch leidenschaftlich wieder, erzählte vom lieben Gott und davon, dass der Junge und die alte Frau sich ja sicher auch im Himmel wiederbegegneten. Mein Sohn blickte mich etwas verlegen an und meinte fast entschuldigend, das wäre eben ein religiöses Buch gewesen.

Alain Pichard, Lehrer Sekundarstufe 1, GLP-Grossrat im Kt. Bern und Mitglied der kantonalen Bildungskommission:

Damit ist viel über unsere Familie gesagt. Ich wuchs selbst in einem uratheistischen Milieu auf. Mein Vater war antiklerikal und verbot uns, in die Kirche zu gehen. Meine Mutter hingegen schickte uns in den Religionsunterricht und wir hingen dort an den Lippen von Frau Schatz, die uns die Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament erzählte.

Professor für Bioökonomie Jan Grossarth: Biblische Geschichten lesen, heisst poetisch lesen.

Der Wissenschaftsjournalist und Professor für Bioökonomie Jan Grossarth schrieb kürzlich in der WELT: « Mit Kindern über Glauben sprechen heißt, poetisch sprechen. Poetisches Sprechen öffnet den Raum und sieht die Schönheit, und das Gute, und das Warten auf die gute Zukunft. Im Advent wartet Maria auf den Sohn, und die Hirten warten auch, und auch die Weisen aus dem Morgenland. Es genügt im Grunde, die Geschichten darüber zu lesen, die Lieder darüber zu singen.»

Warum fällt uns das so schwer? Warum diskutieren wir an Lehrerkonferenzen über die Semantik eines Weihnachtskonzerts, benennen Weihnachtsmärkte in Lichterfeste um oder sorgen uns um die Gefühle unserer muslimischen Mitbürger?

Die Bibel ist kein Regelwerk, sondern ein Kosmos, in dem die Glaubenserfahrungen von Jahrtausenden stecken. Der Journalist Frank A. Meyer nannte es kürzlich das klügste Buch der Welt. Kinder verstehen das. Wer sie zu früh mit dem Holzhammer der Ratio bedrängt, raubt ihnen etwas. Kindern Geschichten zu erzählen, bedeutet, sie zur Fantasie zu erziehen. Und wer – wie ich – letztes Jahr seine 3. Klässler in der Kirche in Pieterlen ein Adventskonzert singen liess, in die leuchtenden Augen sah, spürte, dass hier nicht Kinder zum Glauben erzogen werden, sondern dass von ihnen die Kraft der Fantasie und der Stolz auf uns Erwachsene überging.

Es ist nicht zu übersehen, dass uns das religiöse Bekenntnis heute große Probleme bereitet. Islamismus, christlicher Fundamentalismus und auch die jüdischen Ultraorthodoxien, die sich vom Dialog abwenden, sind Beispiele. Sie geben Anschauung dafür, wie die Religion Menschen trennt.

Damit treibt man Kindern viel zu früh jeden Gedanken an ein Geheimnis aus.

Wir sollten diesen Weg nicht gehen. Lasst uns diesen Advent gemeinsam feiern, die alten Bücher hervor nehmen, Mut haben, auch biblische Geschichten zu erzählen, solange Kinder dafür noch offen sind. Es ist keine Indoktrination, muslimische Kinder christliche Lieder singen zu lassen. Wer mit Kindern singt, ihnen biblische Texte vorliest, erzeugt Hoffnung, Vertrauen und Mitgefühl. Mit dem Vorlesen der

Gaby Geagea: Brennt in dir noch ein kleines Licht?

Weihnachtsgeschichte lässt man die Kinder auf den Advent warten. Warten. Das ist in unserer ungeduldigen Zeit und in den durchkommerzialisierten Weihnachtstagen, die immer früher beginnen, ein scheinbar hoffnungsloses Unterfangen. Und es gibt immer mehr Erwachsene, die können auch nicht damit warten, die Kinder mit dem Urknall, mit Darwin und der Sexualkunde zu belehren. Damit treibt man Kindern viel zu früh jeden Gedanken an ein Geheimnis aus. Mit 16 Jahren dürfen Jugendliche über ihre Religionszugehörigkeit entscheiden. Bis dahin soll man sie zu starken und mündigen Wesen erziehen. Biblische Geschichten tragen dazu bei. Der maronitisch-katholische Pfarrer Gaby Geagea meinte verschmitzt: „Vielleicht beginnt Glaube genau dort, wo wir nicht mehr wissen, worauf wir warten sollen. Advent fragt uns nicht: Bist Du bereit? Sondern: Brennt in dir noch ein kleines Licht, das niemand bemerkt außer Gott?“ Genau dieses Feuer strahlte mein Grosskind aus.

 

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Philipp Tingler (NZZ): Alles im Jetzt?

Wir zitieren diese Gedanken aus einem bemerkenswerten Essay des schweizerisch-deutschen Schriftstellers Philipp Tingler. Der vollständige Text (Wird alles neu, oder bleibt alles wie früher?) ist am 21.10.2020 in der NZZ erschienen.

Die Lehrer flüchten nicht aus dem Beruf

Es ist eine viel kolportierte Meinung – auch auf unserem Blog –, dass viele Lehrkräfte ihren Beruf an den Nagel hängen und aussteigen. Eine Längsschnittanalyse im Bildungsbereich über den Verbleib der Lehrkräfte an der obligatorischen Schule des Bundesamtes für Statistik (Oktober 2022) zeigt nun, dass von einer Flucht aus dem Schuldienst nicht die Rede sein kann. Die Lehrkräfte scheinen ihrem Beruf ziemlich treu zu bleiben. Einzig bei den über 55-Jährigen ist die Austrittsquote höher. Lesen Sie hier die Zusammenfassung.

Ein Kommentar

  1. Liberale Gläubige jeglicher Couleur und sanfte “Atheisten” werden von den “richtigen” Gläubigen (sprich “Fundamentalisten”) stets als Feigenblätter und Sprungbretter genutzt werden, um die verlorenen Schäfchen heimzuholen. Hand in Hand damit geht deren Strategie “Get them while they are young”.

    Auf meiner eigenen Suche nach Weisheit und Wahrheit ist mittlerweile viel geschehen. Nach 17 Jahren des religiösen Lebens als „evangelikaler Christ“ bzw. „biblischer Unitarier“ habe ich so vieles dekonstruiert (abgebaut) und so manches rekonstruiert (neu aufgebaut). Eingeschlossen darin ist die Heilung von religiösen Traumata.

    Ich empfehle als Appetitanreger die 10 Worte Solons (Diogenes Laertius, Lives of Eminent Philosophers, 1.60).
     
    1. Vertraue einem guten Charakter mehr als Versprechungen.
    2. Sprich nicht falsch (verlogen).
    3. Tue gute Dinge.
    4. Schließe nicht voreilig Freundschaften, aber verlasse sie auch nicht (vorschnell), wenn du sie geschlossen hast.
    5. Lerne folgsam zu sein, bevor du befiehlst. (Solon redet dabei nicht dem „blinden Gehorsam“ das Wort.)
    6. Wenn du Ratschläge gibst, empfiehl nicht das, was am angenehmsten ist, sondern das, was am nützlichsten ist.
    7. Mache die Vernunft zu deinem obersten Befehlshaber.
    8. Gib dich nicht mit Leuten ab, die schlechte Dinge tun.
    9. Ehre die Götter. (Solon meint damit diejenigen Ideen und Anschauungen, die zu Mitmenschlichkeit, Verständnis und Toleranz aufrufen. Dementsprechend sind die „abrahamitischen“ Religionen, zumindest gemäß ihrer „heiligen Schriften“, und ihnen ähnliche Ideologien ausgeschlossen. Dies folgt aus ihrem Ausschließlichkeitsanspruch, ihrer Versklavung des menschlichen Willens und dem Aufruf zur Verachtung, Verdammung oder gar Tötung „Ungläubiger“. Typische Beispiele: Christentum, Islam, Judentum, Faschismus, Kapitalismus, Kommunismus, Nationalismus.)
    10. Habe Achtung vor deinen Eltern. (Nimm Rücksicht auf deine Eltern. Also wiederum: kein blinder Gehorsam.)

    Einen ausführlichen Kommentar zu Solons 10 Worten findet die geneigte Leserin hier: https://infidels.org/kiosk/article/the-real-ten-commandments/. Man vergleiche diese 10 Worte Solons mit den angeblichen 10 Worten Moses, wie sie in Exodus (2. Mose) Kapitel 20 und Kapitel 34 zu finden sind. Der geneigte Leser wird sich ein eigenes Urteil bilden, welche der 10 Worte ein besseres Fundament für ein gelingendes Leben sowie eine freie, gerechte und tolerante Gesellschaft bilden (können).

    Er wird außerdem rasch merken, dass sich die beiden biblischen Kapitel offensichtlich widersprechen. Einer der hunderte Widersprüche im „unfehlbaren Wort Gottes“ (und dazu einer der schwerwiegenden), die ich mir über lange Zeit schöngeredet und rechthaberisch entschuldigt habe … leider. Eine ausführliche Liste dazu gibt es online in der “Sceptic’s Annotated Bible”. Und ein wenig Sarkasmus schadet nie: The Biblical 10 words are bullshit (George Carlin sowie The Sarcastic Sceptic auf Youtube).

    Übrigens ist Moses eine rein mythische Gestalt, bei Solon gehen die Meinungen auseinander. Ersterer benötigte “göttliche Offenbarung”, letzterer schlicht tiefes Nachsinnen, Lebensweisheit und das Gebrauchen des gegebenen und geübten Verstandes.

    Zu guter Letzt: Denke nach und blicke über den Tellerrand hinaus.  

    Mögliche Quellen zum weiteren Studium

    • Deschner, Karlheinz (Bücher)
    ◦ Abermals krähte der Hahn
    ◦ Der gefälschte Glaube
    ◦ Kriminalgeschichte des Christentums (insbesondere Band 1 und 2)
    • Fabian, Frank (Buch)
    ◦ Die größten Lügen der Weltgeschichte
    • Hassprediger Luther (Blog: https://hassprediger-luther.de/)
    • Jesus never existed (Kenneth Humphreys, Blog, insbesondere das Hörbuch)
    • von Paezensky, Gert (Buch)
    ◦ Teurer Segen – Christliche Mission und Kolonialismus
    • Sagen der Antike (griechische Mythologie, Michael Köhlmeier, Youtube)
    • No Stamp Collector (Satire, YouTube-Kanal)

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