20. April 2024
Streitgespräch über KI

Wie kann man ChatGPT nur in der Schule einsetzen?

Die Lehrer Bob Blume und Patrick Bronner nutzen KI im Unterricht. Die Bildungsexperten Gottfried Böhme und Ralf Lankau, Condorcet-Autor, kritisieren das. Die Kontrahenden wurden von der FAZ zum Streitgespräch gebeten. Moderiert wurde das Gespräch vom Journalisten Uwe Ebbinghaus.

Eine Frage an alle: Wie und in welchem Umfang sollte ChatGPT in der Schule verwendet werden – und wird es derzeit falsch eingesetzt?

Uwe Ebbinghaus, FAZ-Journalist

Bob Blume: ChatGPT und digitale Medien sollte man in dem Masse in der Schule einsetzen – und zwar reflektiert –, in dem sie in der Gesellschaft eine Rolle spielen. Damit sie nicht außerhalb der Schule in einer Weise genutzt werden, die schädlich ist.

Gottfried Böhme: Ich weiss nicht, ob es die Aufgabe von Schule ist, alles, was technisch neu herauskommt, auf Teufel komm raus im Unterricht unterzubringen, auch wenn ich überzeugt bin, dass die beiden hier anwesenden unterrichtenden Kollegen gute Ideen haben, wie sie ChatGPT im Unterricht einsetzen. Die Aufgabe von Schule ist es ja, Schüler dazu zu bringen, mit den Problemen, die sie später im Leben haben werden und die unserer Welt auf den Nägeln brennen, zurechtzukommen. Davon leitet sich ab, ob ChatGPT einen Beitrag leisten kann oder möglicherweise Strukturen zerstört, die dafür notwendig wären.

Patrick Bronner: Wenn ich meine Schüler frage, wie viele von ihnen ChatGPT privat nutzen, kommt heraus, dass es 75 Prozent einer zehnten Klassenstufe tun, für Hausaufgaben und Referate – aber bisher eben meist ohne Anleitung und ohne pädagogische Unterstützung. Vor diesem Hintergrund müssen wir ChatGPT aktiv im Unterricht thematisieren. Die Schüler sollen lernen, kritisch, reflektiert und sinnvoll damit umzugehen. KI darf aber immer nur einen kleinen Teil von Unterricht ausmachen. Ich selbst setze das Tool im Unterricht vielleicht einmal für zehn Minuten ein und gehe dann zur nächsten Methode über. In meiner nächsten Physik-Klassenarbeit soll in einer von fünf Aufgaben KI angewandt werden. Die Schüler sollen das Programm befragen und reflektieren, ob die Antwort sinnvoll ist oder ob bestimmte Aspekte fehlen. ChatGPT ist ein Teil von gutem Unterricht, mehr nicht.

Streitgespräch zum Thema ChatGPT per Videoschaltung

Ralf Lankau: Ich möchte gerne etwas grundsätzlicher werden. Meine Grundfrage ist, warum wir es uns von IT-Unternehmen vorgeben lassen, mit welchen Techniken und Werkzeugen wir im Unterricht zu arbeiten haben? Warum haben wir im Fall von ChatGPT seit November des letzten Jahres diesen großen Hype, warum wird dieses Tool derzeit von den Medien derart in den Mittelpunkt gestellt – die Technik ist ja nicht neu? Es ist wichtig für Schulen zu vermitteln, dass wir es bei ChatGPT mit einer Instanz zu tun haben, die ganz klar wirtschaftliche Interessen verfolgt. Ähnlich wie bei den Social-Media-Kanälen werden wir auch jetzt wieder dazu verführt, Dinge zu verwenden, die vor allem anderen einen Nutzen bringen, in diesem Fall eine beträchtliche Datenlieferung. Jeder, der mit ChatGPT arbeitet, ist ja Teil der Community, die dieses Tool mit optimiert oder die Datenbestände generiert.

Bob Blume: Aber Herr Lankau, es gibt doch längst datenschutzkompatible Versionen von ChatGPT.

Patrick Bronner: Und selbst beim normalen ChatGPT können sie in den Einstellungen festlegen, dass keine Daten gespeichert werden, und auch, dass keine Daten zum Training verwendet werden. Ich weise die Schüler sogar gezielt darauf hin: Bitte, wenn ihr es privat verwendet, nehmt diese Datenschutzeinstellungen vor.

Warum arbeiten wir überhaupt mit Werkzeugen, die uns letztlich in eine Position bringen, in der nur noch Abfragen, Prompts, formuliert werden und nicht mehr die Notwendigkeit besteht, sich in ein Thema einzuarbeiten?

Ralf Lankau

 

Ralf Lankau: Sie haben aber keine Möglichkeiten, zu kontrollieren, ob wirklich keine Daten abgezogen werden. Ich arbeite an einer Technischen Hochschule. Wir haben an unserem Kollegium 12 Informatiker, davon sind sechs aus der Forensik. Und diese Forensiker, die echte Profis sind, sagen, sie haben keine Möglichkeit, die Systeme so zu justieren, dass sie wirklich datenschutzkonform sind. Der Schritt davor ist aber viel entscheidender, die Frage: Warum arbeiten wir überhaupt mit Werkzeugen, die uns letztlich in eine Position bringen, in der nur noch Abfragen, Prompts, formuliert werden und nicht mehr die Notwendigkeit besteht, sich in ein Thema einzuarbeiten? Unterricht heisst, Materialien zu verwenden, die valide sind. Bei ChatGPT weiß ich nicht, wie das Tool funktioniert, ich kenne seine Algorithmen nicht, ich kenne den Datenbestand nicht. Ich weiß nur, dass Antworten generiert werden, die zum Teil korrekt sind, zum Teil falsch, zum Teil konfabuliert. Warum soll ich in der Schule damit arbeiten?

Patrick Bronner: Weil ChatGPT längst in der Schule angekommen ist, nur ohne Lenkung. Ausserdem finde ich die Tatsache, dass ChatGPT momentan noch nicht perfekt ist, fürs Lernen großartig. Jetzt muss ich den Schülern beibringen, wie man es reflektiert einsetzt.

Gottfried Böhme: Die Schüler verwenden ChatGPT im Moment ja vor allem, wenn sie keine Lust haben, Hausaufgaben zu machen. Sie sparen sich Arbeit und können trotzdem gute Noten erzielen. Auf diese Art und Weise lernen sie aber nicht, wie man einen Gedankengang, eine Konzeption entwickelt oder eine These sauber belegt – alles, was sie später einmal brauchen, um auch wirklich kreativ zu sein. Das finde ich verheerend. Der junge Mensch wird dadurch geködert, dass er sich Mühen ersparen kann. Aber er wird nicht mehr in der Lage sein, die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen.

Bob Blume (Bild: Thomas Clemens)

Bob Blume: Ich möchte Herrn Lankau und Herrn Böhme gerne zustimmen. Ja, genau diese Gefahren bestehen – und deshalb müssen wir uns damit befassen. Was Herr Lankau über den Hype sagt, das stimmt ja. Experten im KI-Bereich wie Raskin und Harris sagen: Wir haben Social Media schon nicht in den Griff bekommen, jetzt vervielfältigt die KI die Probleme noch. Herr Lankau, Sie haben gefragt, ob wir uns von den KI-Unternehmen vorgeben lassen wollen, was wir im Unterricht einsetzen. Ich frage zurück: Sollen wir uns von den zahlreichen Autos vorgeben lassen, wie wir über die Strasse zu gehen haben? Ja, denn sonst werden wir überfahren. Wenn wir in der Schule nicht damit umgehen, wird ChatGPT so benutzt, wie Herr Böhme es beschreibt. Für mich ist die grössere Frage: Wie kann Lernen zu einem Prozess werden, der als so sinnstiftend wahrgenommen wird, dass er in seiner individuellen und dialogischen Vertiefung eine Weiterentwicklung junger Menschen im Hinblick auf ihre kognitiven, psychischen, persönlichen und professionellen Fähigkeiten ergibt. Ich glaube, Schulen sind momentan gerade deshalb so am Kämpfen, weil sie die Antwort noch nicht gegeben haben und weil sie gleichzeitig merken, dass die digitale Transformation es ihnen nicht erlaubt, so weiterzumachen wie bisher.

Ralf Lankau: Um das Beispiel „Auto“ aufzunehmen: Für den Strassenverkehr haben wir feste Regeln, und Kinder dürfen zum Beispiel bis zum zwölften Lebensjahr auf dem Bürgersteig fahren, weil sie die Gefahren nicht richtig einschätzen können. Das heißt, wir brauchen für den Einsatz dieser Tools ganz klare Regeln.

Bob Blume: Aber wer sieht das denn nicht so?

Ralf Lankau: Der zweite Schritt ist ja entscheidend: Wenn man bestimmte Techniken einsetzen will, muss man sie nach den eigenen pädagogischen und demokratischen Parametern verwenden. So muss aus meiner Sicht beim Einsatz von KI der Rückkanal der Daten gekappt, die Tools müssen am besten lokal installiert werden. Bei ChatGPT wird das schwierig, aber das Open-Source-Tool Stable Diffusion zum Beispiel ermöglicht dies alles. Wir haben es an meiner Hochschule ausprobiert: Wir konnten sehen, was bei der Eingabe am Prompt passiert und so weiter. Mir geht es darum, dass wir uns im Unterricht auf das Prinzip von KI konzentrieren: Wie funktioniert solch ein Generator? So verlieren wir unsere Abhängigkeit, unsere Unmündigkeit.

Mir macht das irrsinnige Tempo Sorgen, mit dem wir auf neue Techniken reagieren müssen, über die man eigentlich ganz lange und in Ruhe reden müsste.

Gottfried Böhme

 

Patrick Bronner: Ich verwende ChatGPT wie gesagt DSGVO-konform. Wir können auch Produkte aus dem deutschen Raum einsetzen, DeepL etwa oder Aleph Alpha oder PEER von der TU München. Die entscheidende Frage bleibt: Wie schaffen wir es, dass die Schüler etwas lernen, was die Maschine besser kann? Ich möchte, dass die Schüler im Unterricht ein Kompetenzerleben haben, das ihnen Freude macht.

Gottfried Böhme (Bild: privat)

Gottfried Böhme: Ich bin sicher, dass Herr Blume und Herr Bronner ChatGPT sehr reflektiert einsetzen. Ich glaube aber nicht, dass sie stellvertretend für „die Schule“ stehen. Ich denke, wir müssen darauf schauen, was ChatGPT in der Breite anrichtet – und das ist das eigentlich Bedenkliche. Mir macht das irrsinnige Tempo Sorgen, mit dem wir auf neue Techniken reagieren müssen, über die man eigentlich ganz lange und in Ruhe reden müsste. Ich denke, es ist wirklich schwierig, damit sinnvoll umzugehen. Ich selbst bin jedenfalls ziemlich ratlos. Und ich denke, dass es im digitalen Zeitalter wichtigere Aufgaben gibt, als ChatGPT richtig einzusetzen. So sollte man mindestens ebenso intensiv darüber nachdenken, wie man mit Schülern ins Gespräch darüber kommt, was ihnen viele Science-Fiction-Filme vorgaukeln: dass der Mensch letztlich eine Art Bioroboter ist und als solcher natürlich gesteuert werden kann, von wem auch immer. Das sind philosophische Fragen, die plötzlich eine grosse Rolle spielen. In den letzten Jahren ging es in der Didaktik weitgehend nur noch um die Einübung von Kompetenzen, da ist völlig aus dem Blick geraten, dass man bestimmte Inhaltskomplexe für die Schule neu aufarbeiten muss. Darum hat sich seit vielen Jahren kein Kultusminister und kein Didaktik-Institut ernsthaft gekümmert.

Bob Blume: Ich möchte auf einen Punkt kommen, den ich in dem Beitrag von Herrn Böhme kürzlich auf FAZ.NET gelesen habe. Sie haben geschrieben, dass das Motivationsgefüge im Klassenzimmer durch ChatGPT zerstört wird. Ich würde dem entgegenhalten: In vielen Klassen und sogar Schulen ist es schon längst zerstört. Wenn Herr Lankau sagt, Lernen sei Aneignen, wenn Sie, Herr Böhme sagen, die Gelackmeierten sind angesichts von ChatGPT die, die sich anstrengen, sage ich: Genau, denn warum sollte ein Schüler angesichts der perfekten KI-Ergebnisse zum Beispiel im Fach Englisch ChatGPT nicht verwenden? Hier stellen sich tatsächlich philosophische Fragen, solche, die mit Menschenbild und Erziehung zu tun haben – all diesen Dingen, für die wir in der Schule keine Zeit haben, weil es immer etwas abzuprüfen oder die nächsten Inhalte durchzubringen gilt. Ich sage schon länger: Hausaufgaben sind tot, spätestens, seit es Whatsapp gibt, das ja auch jeder nutzen kann, um mal eben abzuschreiben. Deshalb weise ich immer eigens darauf hin, wenn mir eine Hausaufgabe besonders wichtig ist und sie allein gemacht werden sollte. Auch bei Referaten haben Eltern seit jeher geholfen. Der Bildungsbereich als Ganzes steht gerade vor dem Problem, dass die Vertiefungsprozesse des Lernens, die ja eigentlich das Wichtigste sind, nach Hause verlagert wurden, das sieht man auch an der milliardenschweren Nachhilfeindustrie. Wir müssen darüber nachdenken, was das für das schulische Lernen bedeutet.

Patrick Bronner (Bild: Richard Kiefer)

Patrick Bronner: Wir müssen die Lernkultur verändern. Ein Beispiel ist das benotete Referat, in Baden-Württemberg GFS (Gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen) genannt: Mittlerweile können sich Schülerinnen und Schüler zum Beispiel über die KI-Tools SlidesGPT.com oder Tome.app komplette Powerpoint-Präsentationen mit lizenzfreien Bildern und Vortragstext generieren lassen. Anschliessend kann die Präsentation in das KI-Tool ChatPDF.com eingefügt werden, um ein schriftliches Handout für die Mitschüler zu generieren. Und jetzt soll ich diese von KI-Tools generierte GFS benoten? Nein! Zum Wandel der Lernkultur gehört, dass ich den Schülern sage: Vergesst das schriftliche Handout, macht eure Präsentation, und danach gibt es eine ausführliche Fragerunde, zu der wir alle digitalen Medien komplett ausschalten. Es gibt eine Verschiebung hin zur Mündlichkeit. In den Fragerunden prüfe ich genau, ob der Schüler das Thema wirklich verstanden hat. Auch der Projektunterricht wird für mich immer wichtiger: Ein Erklärvideo, einen Podcast, eine Website zu erstellen – all das gibt den Schülern die Möglichkeit, sich selbständig Wissen zu einem Thema zu erarbeiten und dieses kreativ und kommunikativ in ein Lernprodukt zu integrieren.

Bob Blume: Ich habe meine Hausaufgabenpraxis gar nicht gross verändert. Für mich bestand und besteht der Sinn von Hausaufgabe darin, dass man etwas in der Schule frei erklären kann, natürlich ohne „aufstehen und abfragen“. Wenn Schüler Inhalte vernünftig erklären können, ist mir herzlich egal, womit sie sich das Thema angeeignet haben. Ja, es wird im Unterricht mehr in Richtung Mündlichkeit gehen.

Nachdenken, was das für das schulische Lernen bedeutet.

Ralf Lankau: Ich fürchte, durch die Verwendung der neuen Tools schleicht sich etwas ein, was dem Lernen schadet. Wir liefern uns den Systemen aus – Medien, auf die man sich nicht verlassen kann. Dagegen ist Wikipedia noch einigermaßen valide, da gibt es wenigstens noch eine Prüfung von Inhalten. Die ganzen Chatbots hingegen sind eine komplette Blackbox, der Datenstand ändert sich permanent.

Wir sind uns, glaube ich, alle darin einig, dass ChatGPT in der Schule ausprobiert und kritisch reflektiert werden muss. Aber besteht der Unterschied zwischen den Positionen nicht darin, ob man es für möglich hält, dass ChatGPT in Bereiche des Lernens vorstösst, die der herkömmliche Unterricht nicht eröffnet? In welchen Bereichen kommt ChatGPT Schülern beim Lernen entgegen, ohne schädlich zu sein?

Patrick Bronner: Ich möchte gerne einen Blick in die nähere Zukunft werfen. Welche Situation haben wir in zwei, drei Jahren? Was kann ein Lehrer mit dreissig Schülern im Klassenzimmer nicht leisten? Da sind wir bei der formativen Diagnose und dem personalisierten Lernen, für die man KI gut einsetzen kann, es gibt auch schon die ersten datenschutzkonformen Lernplattformen, die beides für den Mathematikunterricht anbieten. Auf dieser Basis können Schüler gezielt auf ihrem Lernstand gefördert werden. Auch interessant sind KI-Lernhelfer wie Khanmigo, die einem nicht die fertige Lösung anbieten, sondern bei den Lösungsschritten helfen. Das ist die Zukunft. Es wäre toll, wenn wir so etwas mit einem datenschutzkonformen deutschen System hinbekämen, auf das Zugriff hätten. Das wäre Chancen- und Bildungsgerechtigkeit.

Ralf Lankau (Bild: privat)

Gottfried Böhme: In Sachsen wird für die Benotung des Deutsch-Abituraufsatzes eine Abiturmatrix eingesetzt, bei der der korrigierende Lehrer für die Notenfindung den Aufsatz unter neun Kriterien – äußere Form, Analyse, Wertung und so weiter – nur noch mit einer Zahl zwischen 0 und 15 bewerten muss, die KI errechnet dann die Gesamtnote und schreibt auch gleich das Worturteil. So etwas halte ich für eine Katastrophe, denn gerade die kreativen Schüler formulieren manchmal auf eine Weise, die im digitalen Raum gar nicht abgedeckt wird und die der KI deshalb als fehlerhaft erscheinen muss. Ich sehe dahinter eine Standardisierung des Unterrichts, die nicht das Ziel sein kann.

Patrick Bronner: Ich habe von formativer Diagnose gesprochen, also dem notenfreien Raum. Am Schluss gebe ich als Lehrer die Note, nicht das Diagnoseinstrument.

Ralf Lankau: Die Tendenz geht schon leider dahin, dass die Vermessung zum Wesentlichen wird. In der Mathematik oder der Biologie mag das ja noch funktionieren, aber bei fünf Aufsätzen erwarte ich fünf völlig unterschiedliche Ergebnisse. Ich möchte Offenheit und Vielfalt. Es sollen sich doch Persönlichkeiten entwickeln.

Bob Blume: Alles, was Sie sagen, ist richtig, entspricht aber nicht der Realität in der Schule. Das Ideal einer persönlichkeitsbildenden Schule wird doch jetzt schon nicht umgesetzt. Ich finde es witzig, dass uns ChatGPT gerade mit der Nase auf diesen fundamentalen Punkt stößt. Das Traurige an ChatGPT ist eine große Möglichkeit für die Schulen, darüber nachzudenken, was ihre eigentliche Aufgabe ist. Und dies noch zu KI-Assistenten wie Khanmigo: Ich glaube auch, dass KI als adaptiver Lernassistent künftig eine grosse Rolle spielen wird. Es gibt für das Fach Deutsch zum Beispiel jetzt schon ein Programm namens Orthographietrainer. Nach einer Diagnose von Schülerarbeiten werden bestimmte Aufgaben empfohlen. Für diese Diagnosearbeit bräuchte ich als Lehrer bei 30 Schülern eine ganze Woche, und wahrscheinlich wäre ich selbst dann nicht präzise genug. So etwas hat unglaubliches Potential. Aber wir müssten schon genau analysieren, wo KI hilfreich sein kann – und wo nicht.

Das Ideal einer persönlichkeitsbildenden Schule wird doch jetzt schon nicht umgesetzt. Ich finde es witzig, dass uns ChatGPT gerade mit der Nase auf diesen fundamentalen Punkt stösst.

Bob Blume

 

Ralf Lankau: Es gibt Werkzeuge, die hilfreich sind für Orthographie, es gibt gute Vokabeltrainer, der Punkt ist aber wieder: Wie steht es mit dem Rückkanal? Und was die KI-Assistenten angeht: Wir wissen nicht, wo sie uns hinführen wollen, welches ist ihr Ziel? Bei einem Vokabeltrainer weiss ich das.

Bob Blume: Wir sind eine Einwanderungsgesellschaft, wir haben jetzt gelernt: Ein Viertel der Kinder am Übergang zur höheren Schule kann nicht richtig lesen. Wenn sie durch KI gefördert werden können, weil man sie individuell in ihrem Lernprozess unterstützen kann, wüsste ich nicht, wo das Problem daran ist. Natürlich möchte ich nicht, dass die Kinder einen undurchsichtigen Avatar vorgesetzt bekommen, es geht dabei immer um funktionalen Umgang.

Eine abschließende Frage an alle: Welche Vorgaben für den Umgang mit KI in der Schule würden Sie von den Kultusministerien erwarten?

Gottfried Böhme: Ich habe es im Grunde schon gesagt: Ich glaube, es gibt bestimmte philosophische Fragen, die nicht trivial, die kompliziert sind und beantwortet werden sollten. Didaktiker sollten sich darüber Gedanken machen, wie sie Schülern vermittelt werden können. Das bedeutet aber, dass Inhaltsfragen eine Renaissance erfahren müssten – was angesichts der herrschenden Didaktik ziemlich aussichtslos erscheint.

Patrick Bronner: Ich finde, dass die Kultusministerien beim Thema KI vorbildlich sind. Das baden-württembergische zum Beispiel hat schon im Februar 2023 gefordert, dass Künstliche Intelligenz aktiv im Schulunterricht behandelt wird, da die Schüler lernen müssten, mit dieser neuen Technologie umzugehen. Auch Fortbildungen zum Thema werden gefördert und bereits angeboten. Diese offensive Herangehensweise hat mich positiv überrascht. Was noch fehlt, ist ein datenschutzkonformer Zugang des Landes zu den KI-Tools über eine API-Anbindung für alle Lehrenden und Lernenden. Erste Ansätze hierzu werden vom Land Baden-Württemberg sogar bereits erprobt.

Ralf Lankau: Ich würde viel radikaler argumentieren. Man muss KI im Unterricht thematisieren und klarmachen, welche wirtschaftlichen Interessen dahinterstehen und dass es sich um Entmündigungswerkzeuge handelt. Lernformen müssen in den Vordergrund gestellt werden, die dazu befähigen, etwas selbst zu machen, etwas selbst zu können.

Das baden-württembergische zum Beispiel hat schon im Februar 2023 gefordert, dass Künstliche Intelligenz aktiv im Schulunterricht behandelt wird, da die Schüler lernen müssten, mit dieser neuen Technologie umzugehen.

Patrick Bronner

 

Bob Blume: Mir ist das zu einfach. Wir leben in einer Kultur der Digitalität, und wir können Schüler nicht auf eine ja im Grunde willkürliche Grenze zurückwerfen. Wir schreiben momentan beim Abitur Sechs-Stunden-Klausuren mit einem Füller – warum, wer schreibt denn heute noch so? Ich finde, die Kultusministerien müssten sich mal bei einem tatsächlichen Bildungsgipfel darüber Gedanken machen, was Bildung im 21. Jahrhundert eigentlich bedeuten soll. Auch in unserem Gespräch sind wir immer wieder bei Fundamentalfragen gelandet: Wie können wir das Lernen wieder in den Vordergrund stellen? Worüber wir heute nicht gesprochen haben, ist: Wie soll ich meine Unterrichtseinheit und die Prüfungen durchbringen, wie komme ich zu meinen Noten? Diese Fragen prägen den schulischen Alltag, und es wird Zeit, dass sie wieder verschwinden.

Ralf Lankau: Es gibt einen schönen Beitrag von dem Schweizer Philosophen Peter Bieri zu dieser Frage: „Wie es wäre, gebildet zu sein?“. Er macht deutlich: Andere können uns ausbilden, aber wir müssen uns selbst bilden. Das ist ein Hinweis darauf, dass wir möglicherweise mit den Bildungseinrichtungen in die falsche Richtung laufen, die sich auf das Prüfbare konzentrieren.

Bob Blume: Diesen Beitrag finde ich auch wunderbar. Aber wenn wir feststellen, dass die Bildungseinrichtungen nicht für die Bildung da sind, haben wir ein echtes Problem. Dann müssen die nämlich unbedingt wieder dahin.

Ralf Lankau: Die Bildungseinrichtungen müssen einen Raum für Bildung schaffen, und dieser Raum ist der Dialog. Diesem Auftrag werden die Schulen und Hochschulen derzeit nicht gerecht.

 

Das im Videokonferenzformat geführte Gespräch moderierte Uwe Ebbinghaus.

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