2. Dezember 2022

Irrlichternde Signale der Bildungspolitik

Die Pädagogischen Hochschulen postulierten eine deutlich längere Lehrerausbildung. Doch im Kanton Zürich genügt jetzt eine Kompaktwoche, und schon kann man unterrichten. Gedanken zu einem puren Verzweiflungsakt von Condorcet-Autor Carl Bossard.

Carl Bossard: Panikreaktion
Alain Pichard: Lehrkräfte ohne Deutschkenntnisse

In Kürze starten die Sommerferien. Normalerweise sind die Pensen verteilt und die Lehrerinnen und Lehrer ihren Klassen zugeteilt. Nicht so dieses Jahr. Es fehlen Hunderte von Lehrkräften. Lücken werden mit unqualifizierten Schnellakquisitionen gestopft. Konsterniert schreibt der Berner Grossrat Alain Pichard: «In ihrer Not stellen die Schulleitungen Personal ein, die weder über ein Patent noch über gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen. An meiner ehemaligen Schule arbeiten derzeit zwei Lehrkräfte, die kaum Deutsch sprechen.» Eine Einzelstimme zwar, aber kein Einzelfall. Vielen Schulen fehlt das Personal. Bewerbungen gibt es kaum. Oder dann von anders qualifizierten Personen: «Auf Ausschreibungen melden sich Mediamatikerinnen aus der Ostschweiz, eine Militärhistorikerin aus Serbien, ein entlassener Elektroingenieur und viele andere berufsfremde Leute», hält der zitierte der Berner Bildungspolitiker weiter fest.

Mit einwöchigem Schnellkurs ins pulsierende Klassenzimmer

Der Bildungsbericht sagte alles voraus.

Vielerorts ist die Lage verzweifelt. Das zeigen die Notmassnahmen der Verantwortlichen. Da werden Klassen zusammengelegt oder aufgefüllt, da wird umgeteilt und neu verteilt, und da werden vor allem beide Augen zugedrückt. Der Kanton Zürich beispielsweise erlaubt Interessierten die Arbeit an einer öffentlichen Volksschule – dies auch ohne die notwendige Qualifikation. Der Schnelleinstieg mit einer einzigen Kompaktwoche an der Pädagogischen Hochschule Zürich genügt. Innerhalb von fünf Tagen werden die Kursteilnehmer ins Schulsystem eingeführt, vernehmen etwas über den Berufsauftrag, befassen sich mit Unterrichtsgestaltung und Zusammenarbeit. Dazu lernen die Neo-Lehrer den Lehrplan 21 und einige rechtliche Grundlagen kennen. Das Kurzprogramm beinhaltet zudem Klassenführung und Kooperation mit Eltern. Dann können diese Instant-Lehrpersonen Kinder unterrichten. Mindestens für zwei Semester.

Zum Angebotspaket gehört allerdings noch ein Coaching während des ersten Schuljahres. Online vernimmt man, wie mit schwierigen Schülern umzugehen ist. Welch unheilvolle Signale verbreitet dieser Crashkurs? Die versteckte Botschaft heisst doch: Schnellbleiche genügt! Unterrichten kann jede und jeder! Was sich andere in einem mehrjährigen Studium erarbeiten, lässt sich auch innert einer Woche erlernen. So etwas ramponiert das berufliche Renommee noch mehr, zehrt am Lehrerimage und verstärkt gleichzeitig den grassierenden Lehrermangel. Vom Affront gegenüber erfahrenen Lehrerinnen und guten Lehrern nicht zu reden.

Viele Reformen mit einer Verzettelung ins fachliche Vielerlei

Der Lehrermangel kommt nicht überraschend. Die Krise kündigte sich an. Nur die Bildungspolitik zeigt sich erstaunt und reibt sich die Augen. Wie wenn man es nicht gewusst hätte! Dabei spricht der Bildungsbericht Schweiz 2018 Klartext, wenn er prognostiziert: «Aktuell sind die für 2025 erwarteten Schülerzahlen demgemäss grösser als jemals in der Geschichte der schweizerischen Volksschulen.»[i] Und das hätte Konsequenzen für den Bedarf an Ressourcen wie an Personal, heisst es in der umfangreichen Studie weiter.

Kein einziges Problem wurde entschärft. Im Gegenteil: Die Belastung der Lehrpersonen als Folge der vielen Reformen mit der verstärkten Integration und der Verzettelung ins fachliche Vielerlei stieg.

Auch über die Flucht vieler Lehrinnen in die Teilzeit und den schnellen Ausstieg mancher Lehrer aus dem Beruf lässt der Bildungsbericht niemanden im Unklaren. Da ist von den substanziellen Pensenreduktionen und vom tiefen Beschäftigungsgrad vieler Lehrpersonen die Rede.[ii] Auch das ein Fakt mit Folgen! – beispielsweise der Verlust an Stabilität bei den Bezugspersonen. Doch geschehen ist wenig. Kein einziges Problem wurde entschärft. Im Gegenteil: Die Belastung der Lehrpersonen als Folge der vielen Reformen mit der verstärkten Integration und der Verzettelung ins fachliche Vielerlei stieg. Dazu kommen die administrativ engen Vorgaben von oben aus der Bildungsbürokratie. Das alles verstärkt die Emigration aus dem Schulzimmer oder den Umstieg in ein reduziertes Pensum.

Hans-Rudolf Schärer. ehem. PH-Direktor: Ausbildung unbedingt verlängern.

Einwöchige Schnellbleiche oder neunsemestriges Masterstudium?

Die verzweifelten Notaktionen lassen aufhorchen. Die Lehrer-Misere ist gross. Anders lässt sich die Kompaktwoche «Schnelleinstieg für Lehrpersonen ohne Lehrdiplom» der Zürcher Bildungsdirektion nicht erklären. Sie steht in eklatantem Widerspruch zu den Forderungen der Pädagogischen Hochschulen unseres Landes. Noch vor Kurzem postulierten die PH-Rektoren in einem Strategiepapier für Kindergärtnerinnen und Primarlehrer ein viereinhalb bis fünfjähriges Studium. Die Begründung: «Die Anforderungen an die Schule nehmen zu, dem müssen wir Rechnung tragen» – und die Ausbildung um die Hälfte verlängern. Es brauche einen Masterabschluss, so argumentierte Hans-Rudolf Schärer, damaliger Präsident der pädagogischen Kammer beim Hochschulrektorenverband Swissuniversities.[iii]

Der Lehrermangel als Sorgenkind

In der Zwischenzeit ist der Schlussbericht «Weiterentwicklung der Qualifikation von Primarlehrpersonen» erschienen. Das Projekt QuaPri spricht nur noch vom fakultativem Masterstudium.[iv] Doch immer und immer wieder ist in diesem 80-seitigen Bericht die Rede «von gut ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern, die den aktuellen Herausforderungen fachlich und menschlich gewachsen sind». Das unterschreiben alle. Wie aber ist vor diesem Hintergrund eine einwöchige Schnellbleiche zu erklären? Wie ein Crashkurs, der diesen hohen Ansprüchen gerecht werden soll – zugunsten unserer Kinder und Jugendlichen und ihrer Zukunft. Davon ist nirgends die Rede. Das beunruhigt. Vielleicht winkt Friedrich Dürrenmatt aus dem Grab. «Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.» Die Geschichte um den Lehrermangel ist noch lange nicht zu Ende.

 

[i] SKBF (2018). Bildungsbericht Schweiz 2018. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung, S. 33.

[ii] Ebda., S. 249f.

[iii] René Donzé, Lehrerausbildung soll länger dauern, in: NZZaS, 12.03.2017, S. 23.

[iv] https://www.swissuniversities.ch/organisation/gremien/kammer-paedagogische-hochschulen/projekte/projekt-weiterentwicklung-der-qualifikation-von-primarlehrpersonen-quapri-2018-2021, u.a. S. 60.

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3 Kommentare

  1. Es stellt sich auch die Frage, warum die Beurteilungen der PH-Studenten nicht ernster genommen werden, die bei ihren Dozenten bemängeln, dass viele von ihnen nur wenig Praxiserfahrung als Lehrpersonen der Volksschule haben und ihnen kaum praxistaugliche Lerninhalte ermitteln können.

  2. Jede einigermassen bei der Vernunft verbliebene Lehrperson muss sich m. E. nun ernsthafte Gedanken machen zu ihrem Verbleib auf der sinkenden Bildungs-Titanic. Dieses Grossraumschiff wurde von den Verantwortungsträgern brutal in die Eisbergwand gerammt. Dabei war der Eisberg schon länger sichtbar.
    Die Politik, die Schulbehörden und die Schulleitungen sind letztlich in erschreckendem Masse unfähig, das Schiff angemessen zu steuern. Nun fliegt das Geschirr durch den Esssaal des Schiffs und Tische und Stühle wanken. Matrosen werden im Schnellverfahren zu Offizieren ernannt, die Rettungsboote fehlen jedoch.
    Karma nennt sich das!

  3. Ich befürchte, dass die erfahrenen Lehrpersonen in naher Zukunft auch vermehrt Coachings und Stellvertretungen für die unerfahrenen und schnell überforderten Lehrpersonen übernehmen müssen. Noch eine Zusatzbelastung mehr!
    Wäre es jetzt nicht auch angebracht über die miserable Entlöhnung im Kanton Bern zu sprechen?!

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