Wie viel Diversität erträgt die Schule?

Integriertsein, Dabeisein ist ein menschliches Urbedürfnis. Zugehörigkeit als humaner Anspruch gehört darum zum Grundauftrag der Schule. Doch wie divers darf eine Schulklasse sein? Die Frage ist umstritten. Das kluge Buch “Sind Integration und Inklusion in der Schule gescheitert” von Beat Kissling analysiert das Problemfeld.* Condorcet-Autor Carl Bossard hat es mit Gewinn gelesen.

Carl Bossard: Wohltuend sachlich und gleichzeitig pädagogisch engagiert.

Die obligatorische Schule hat es schwer. Unzähligen gesellschaftlichen Funktionen und Erwartungen muss sie gerecht werden. Viele ihrer Aufgaben sind allerdings widersprüchlich und in ihren Zielen mehrdeutig. Das verunsichert. Schule hat zu bilden und zu kultivieren, sie soll gleichzeitig ausbilden und qualifizieren, individualisieren und sozialisieren; dazu muss sie integrieren und selektionieren. Dieses Gleichzeitige ist komplex und in vielem paradox zugleich. Wie weit die Schule dabei allen und allem gerecht werden kann, ist eine kontroverse Frage.

Höchst umstrittene Reform

In den letzten Jahren hat die Schule zusätzliche Aufgaben übernommen und auch neue Fächer wie frühe Fremdsprachen eingeführt. Dazu kommt die verstärkte Integration über die Immigration einerseits und die Schliessung vieler Kleinklassen anderseits. Diese Massnahme ist eine Folge des Integrationskonzepts der 1990er-Jahre. Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen, mit einer Lernschwäche oder Verhaltensauffälligkeiten werden seither in die Normalklassen integriert. Die Reform selbst war umstritten. Praktiker hatten ihre Zweifel am Gelingen der Integration; für die Befürworter dagegen war das erfolgreiche Umsetzen lediglich eine Frage der richtigen Didaktik.

In der Zwischenzeit ist der integrative Unterricht zur Regel geworden. Als Katalysator gilt die Salamanca-Erklärung von 1994, dazu die Uno-Behindertenrechtskonvention von 2006. Die Schweiz hat sie 2014 ratifiziert. In Artikel 24 heisst es: «Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten [sie] ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen.» Ziel ist die Inklusion. Darunter wird die möglichst umfassende gemeinsame «Schulung von Kindern mit und ohne besonderen Bildungsbedarf in der Regelschule verstanden». Sie soll eine Separation vermeiden.

Rückkehr zu Kleinklassen?

Die Kontroverse bleibt, der Disput geht unvermindert weiter. Die einen verlangen die vollständige Inklusion; sie wollen die Jahrgangs- und Niveauklassen abschaffen und die möglichst umfassende Vielfalt in einem Kollektiv zum Normalfall erklären. Damit vollzöge sich ein Paradigmenwechsel, ja eine eigentliche Revolution gegenüber der bisherigen Schulkonzeption. In dieser inklusiven Realität wäre der Unterricht vollständig individualisiert. Die grossen individuellen Unterschiede lassen ein gemeinsames Fördern gar nicht mehr zu.

Die Gegenseite fordert die Rückkehr zu Kleinklassen mit dem Argument, Heterogenität sei nicht beliebig steigerbar und Diversität lasse sich nicht folgenlos entgrenzen. Zum Unterricht gehöre das soziale Miteinander in der Klasse; konstitutiv sei ein gemeinsames, inhaltlich zielführendes Lernen.

Beat Kissling, Mitherausgeber des Magazins “Einpruch”, Erziehungswissenschafter, Psychotherapeut und Dozent für Umweltethik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Elementare Bedürfnisse des Kindes

Wohltuend sachlich und gleichzeitig pädagogisch engagiert analysiert eine neue Publikation die Debatte. «Sind Inklusion und Integration in der Schule gescheitert?», fragt der berufserfahrene Pädagoge Beat Kissling. Was bedeutet Inklusion im Schulalltag? Wer kann davon profitieren und welche Vor- und Nachteile bringt die integrative Schulform? Solche Fragen kommen aus fundierter pädagogischer, psychologischer und philosophischer Sicht zur Sprache, getragen von einer langjährigen Lehrtätigkeit auf verschiedenen Stufen.

Der Autor ist Erziehungswissenschafter, Psychotherapeut und Dozent für Umweltethik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Der Untertitel sagt es: «Eine kritische Auseinandersetzung». Die Schrift schafft eine nuancierte Sicht und ermöglicht einen sachlichen Diskurs. Zu polarisieren oder zu polemisieren liegt Kissling fern. Er will auf wichtige Aspekte hinweisen, die im aktuellen Inklusionsdiskurs häufig vergessen oder gar negiert werden. Die Publikation führt darum über die Streitpunkte hinaus und umreisst prinzipielle Fragen der Schule. Kissling hat einen klaren Blick für die elementaren Bedürfnisse des einzelnen Kindes und den Kernauftrag der Schule in seinem gegebenen Kontext.

Vertrauenswürdige Basis

Was sagt die empirische Unterrichtsforschung zum guten Unterricht und zu einem gelingenden Lernen? Kissling zoomt dazu in die Mikroprozesse des Lernens hinein: Wie lernt es sich am besten? Ein eigenes Kapitel geht dieser bedeutsamen Frage nach. Sie stellt sich immer, fern jeder Unterrichtsform und unabhängig von der Altersstufe. Es ist die Suche nach den anthropologischen Voraussetzungen des Lernens.

Viele Schulkinder brauchen die Lehrerin, den Lehrer als «sichere, vertrauens- und glaubwürdige Basis»

Nicht unerwartet kommt dabei der Bindungsforschung eine wichtige Rolle zu. Viele Schulkinder brauchen die Lehrerin, den Lehrer als «sichere, vertrauens- und glaubwürdige Basis», wie das Forscherehepaar Karin und Klaus Grossmann empirisch nachweisen kann. Für das Hineinwachsen in die Welt benötigen Kinder und Jugendliche die Aufmerksamkeit eines achtsamen Gegenübers. Fehlt ein solches Vis-à-vis, wird die kindliche Aufmerksamkeit zu stark von den eigenen inneren Unsicherheiten und Angstgefühlen absorbiert. Das gilt ganz besonders für lernschwächere und benachteiligte Kinder, und es ist wichtig für die Modellformen der verstärkten Integration.

Orientierung an Bezugspersonen

Es sind diese anthropologischen Konstanten – Beziehung und Bindung, Vertrauen und Glaubwürdigkeit, Wertschätzung und Aufmerksamkeit –, die für die Lernprozesse so entscheidend sind. Sie ermöglichen auch das «dialogische Lernen», wie es bereits Sokrates vorgelebt hat und wie es Urs Ruf und Peter Gallin didaktisch verfeinert haben. Es überrascht daher nicht, dass der Autor schreibt: «So erfolgreich Integration sein kann, so grandios kann sie scheitern, wenn die Lehrperson mit der Dynamik in der Klasse und der Anzahl an Schülern, die eine besondere Zuwendung und enge Betreuung brauchen, überfordert ist. Dann entgleist die angestrebte Integration und bringt negative Folgen mit sich, insbesondere für Schüler, die speziell gefördert werden müssen.»

Hier liegt vermutlich die Gelingensbedingung für eine geglückte Integration. Es ist das, was der Philosoph Jürgen Habermas mit «entgegenkommenden Verhältnissen» meint. Sie liegen in der Grundhaltung der Lehrperson und in ihrem pädagogischen Bezug zur Klasse.

Ideologiefreie Diskussion ist nötig.

Jenseits ideologischer Gräben

Das Buch bringt wertvolle wissenschaftlichen Erkenntnisse. Sie verdienen eine breite und interessierte Leserschaft. Der Autor, einer humanistischen Grundhaltung verpflichtet und am Wohl des Kindes orientiert, argumentiert jenseits ideologischer Gräben. Es gibt kein Entweder-oder, wie es bei dieser Thematik immer wieder zu finden ist. Kisslings «kritische Auseinandersetzung» ist eine erhellende Lektüre in einem dogmatisch nicht selten verdunkelten Feld.

 

 

* Beat Kissling: Sind Inklusion und Integration in der Schule gescheitert? Eine kritische Auseinandersetzung, Hogrefe 2021

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1 Kommentar

  1. Endlos wird über Inklusion und Integration geschrieben und diskutiert. Tatsache ist, dass die Gaussche Kurve noch immer ihre Gültigkeit hat. Unterricht ist gefragt und dazu gehört das nötige Sachwissen. Psychologie und Erziehungswissenschaften kommen an zweiter Stelle.

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