28. Oktober 2021

Neue Rubrik: Der Sonntagszwischenruf eines deutschen Nachbarn. Heute: Die Noteninflation

Der Condorcet-Blog konnte mit dem Mathematik-Professor Wolfgang Kühnel einen neuen Autor gewinnen, der schon seit Jahren mit seinem feinsinnigen Understatement fehlerhafte Entwicklungen in unseren Bildungssystemen kommentiert. Seine Worte zum Sonntag sind einem kleinen Kreis von Eingeweihten schon seit Jahren bekannt. Nun richtet er jeweils an einem Sonntag (nicht regelmässig, aber hoffentlich beständig) seine ironischen Zwischenrufe an die LeserInnenschaft des Condorcet-Blogs. Lesen Sie heute seine Gedanken zur Noteninflation.

Prof. Wolfgang Kuehnel, Stuttgart: Immer bessere Schüler?

Aufregend ist mein erster Zwischenruf im Condorcet-Blog nicht, aber auch irgendwie wenig beruhigend: Die Noteninflation. Dass es sie überhaupt gibt, wird oft bestritten. Aber ich schaue öfter mal aus Interesse auf die Schulszene in Berlin, soweit sie im Internet dargestellt ist. Vor Jahren staunte ich schon über den Abiturnotendurchschnitt von 1,71 bei der Evangelischen Schule Frohnau, erzielt von einem Jahrgang mit zahlreichen Abiturienten. Jetzt (2020) steht da eine 1,62, und das ist nicht mal Rekord, sondern die Berlin Cosmopolitan School (Gymnasium) bringt es sogar auf 1,61.

Schwächere Noten kann man abwählen

Gleich 11 staatliche Gymnasien lagen 2020 bei 2,0 oder besser, von den Privatschulen sind es 9 von 15, und sogar bei den staatlichen Sekundarschulen (ehem. Gesamt- oder Haupt- oder Realschulen) sind es immerhin zwei(einmal 1,66, einmal 1,80 und dann einmal 2,01).

Auch ohne nähere Statistik-Kenntnisse kann man mit reiner Grundschulmathematik ganz naiv abschätzen, was das ungefähr nach hergebrachten Maßstäben bedeutet. Der Begriff “Durchschnitt” suggeriert ja, dass das das arithmetische Mittel der jeweiligen Einzelnoten sein soll. Ein Durchschnitt von 1,61 könnte z.B. besagen, dass es ca. 2/5 Einsen und ca. 3/5 Zweien gibt und keine anderen Noten.

Für je dreimal die Note 3 müsste es siebenmal die Note 1 geben.

Realistisch ist das nicht. Für je dreimal die Note 3 müsste es siebenmal die Note 1 geben, um das auszugleichen bei ansonsten nur Zweien. Um eine Vorstellung davon zu bekommen: Nehmen wir an, 100 Schüler bekommen zusammen 700 Noten, davon keine 4, 30 mal die 3, 367 mal die 2 und 303 mal die 1. Dann macht das im Durchschnitt 1,61. Falls es etwa 10 mal eine 4 geben sollte, dann könnte das so ausgeglichen werden: 30 mal die 3, 337 mal die 2, 323 mal die 1.

Etwas Statistik

Natürlich stimmt das so nicht. Die Berechnung der Abiturgesamtnote nutzt einen eher komplizierten Algorithmus, und für eine 1,0 muss man keineswegs ausschließlich Einsen im Zeugnis haben. Dennoch vermittelt das – denke ich – einen Eindruck von der Noteninflation. Es gab 2016 sogar mal eine 1,40 und 2018 eine 1,37, 2019 eine 1,39 (alle genannten Schulen sind Privatschulen), vielleicht sind das Ausreißer. Die besten staatlichen Gymnasien liegen so bei 1,7 – 2,0, es gibt auch noch 2,5 – 2,8 als Durchschnitt. Die Erfolgsquote liegt bei 20 staatlichen Gymnasien bei 100 %, bei weiteren 11 liegt sie bei 99 %.

Das ist so, wie wenn bei einem Turbo-Pkw mit 500 PS ein technisches Tempolimit von 270 km/h eingebaut wird, damit die Überflieger nicht abheben können.

Wir können uns demnächst gewiss auf mehr Schulen mit einem Abiturnotendurchschnitt von 1,5,  1,4,  1,3  usw. einstellen, die theoretische Grenze liegt bei 1,0. Die Spielregeln vermerken dazu ausdrücklich: Wenn eine Zahl kleiner als 1,0 herauskommen sollte (offenbar ist das möglich), dann wird das als 1,0 gewertet, wie praktisch. Das ist so, wie wenn bei einem Turbo-Pkw mit 500 PS ein technisches Tempolimit von 270 km/h eingebaut wird, damit die Überflieger nicht abheben können.

In Berlin kann man Mathematik aus der Abiprüfung abwählen.

Wie macht man das in Berlin? Hat man immer bessere Schüler oder immer bessere Lehrer? Ich glaube kaum. Ein Detail: In Berlin kann man Mathematik aus der Abiprüfung abwählen. Ob jemand die zentrale Klausur im Leistungs- oder Grundkurs mitschreibt, ist freiwillig, man kann andere Fächer wählen. Da dürfte wohl klar sein, dass nur die besseren Kandidaten das überhaupt wagen.

Mathematik kann abgewählt werden

Es müssen nur insgesamt Mathematik oder Deutsch oder eine Fremdsprache vertreten sein. Es gibt eine mündliche Prüfung in einem Grundkursfach (mehr wären freiwillig möglich zur Notenverbesserung), aber wie oft wird da Mathematik drankommen? Zusätzlich werden noch “Besondere Lernleistungen” oder eine “Präsentationsprüfung” gewertet, auch als Gruppenprüfung mit bis zu vier Personen. Auch das wird natürlich alles freiwillig gewählt. Eine erfolgreiche Teilnahme bei “Jugend musiziert” oder “Jugend forscht” zählt auch. Es gibt nur drei Klausuren, und zwar in den beiden jeweiligen Leistungskurs-Fächern und einem Grundkursfach.

Wie wäre es denn, wenn künftig DAX-Unternehmen in ihrer Bilanz nur noch die Sparten aufführen, bei denen sie gute Gewinne machen, und diejenigen mit Verlusten einfach gar nicht mehr nennen?

Der Trick besagt also: die Fächer mit den schwächeren Noten kann man so weitgehend abwählen, dass eben nur noch die Fächer mit den besseren Noten zählen.

Wie wäre es denn, wenn künftig DAX-Unternehmen in ihrer Bilanz nur noch die Sparten aufführen, bei denen sie gute Gewinne machen, und diejenigen mit Verlusten einfach gar nicht mehr nennen? Da könnte der DAX nochmal in die Höhe schießen. Banken könnten ihre “Schrottpapiere” einfach verschweigen und nur ihre positiven Seiten präsentieren.

Als einer der Oldies hier möchte ich daran erinnern, dass zu meiner Zeit (noch vor Einführung von Grund- und Leistungskursen) alle dieselben vier Klausuren zu schreiben hatten, in meinem Fall Deutsch, Mathematik und zwei Fremdsprachen. Eine Wahlmöglichkeit gab es überhaupt nur einmal, und zwar bei der dritten Fremdsprache nach Klasse 7.

Durch Veränderung der Spielregeln kann man eben allerlei erreichen.

Zentralabitur?

Zentralabitur? A Schmarrn

Aber in der Presse gibt es öfter mal eine Riesendiskussion über das “bundesweite Zentralabitur” und die Vergleichbarkeit. Ein aufrechter Bayer würde das vermutlich “a Schmarrn” nennen, denn in Bayern muss noch jeder Abiturient die Matheklausur schreiben. Wir dürfen gespannt sein, was unseren Kultusministern noch alles einfällt, um die Abiturquote weiter zu erhöhen.

In diesem Sinne wünscht einen schönen Sonntag

Wolfgang Kühnel

Verwandte Artikel

Einsam lernen: 30 Schüler und kein Lehrer

Der Condorcet-Blog hat eine doppelte Premiere. Einerseits schreibt eine junge 21-jährige zukünftige Lehrerin aus Deutschland für unseren Blog, was wir sehr begrüssen. Andererseits möchte sie dies nur unter einem Pseudonym tun, was uns sehr leid tut. Der Text entfaltet zwar eine äusserst kritische Sicht auf den heutigen Unterricht und damit auch auf die Ausbildung der zukünftigen LehrerInnengeneration, verstösst aber keineswegs gegen irgendwelche Vertraulichkeitsprinzipien, wodurch sich hier die Behörden gezwungen sähen, Massnahmen gegen die Autorin zu ergreifen. Es ist zweifelsohne besorgniserregend und sagt viel über den heutigen Zeitgeist aus, wenn sich junge Lehramtsabsolventinnen gezwungen sehen, kritische Texte nur anonym zu veröffentlichen. Der richtige Name und die Person sind der Redaktion bekannt.

Wissenschaft und Pseudowissenschaft in der Sprachdidaktik

Der Mehrsprachigkeitsforscher Berthele plädiert in einem brisanten Artikel für strengere Massstäbe bei der Auswertung von Forschungsergebnissen und bei der Abgabe von Empfehlungen an die Bildungspolitiker im Bereich Fremdsprachenunterricht. Und er tut dies nicht ohne Selbstkritik. Etwas, was den Passepartout- und Frühfranzösisch-Promotoren auch anstehen würde. Condorcet-Autor Felix Schmutz übersetzte den bemerkenswerten Artikel aus dem Englischen und stellt ihn den Condorcet-Leserinnen und Lesern vor.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.