22. April 2021

Zum 10-jährigen Jubiläum der Starken Schule beider Basel: Die Halbstarken aus einem halben Kanton oder «le village des irrésistibles»

Last but not least lässt es sich auch Condorcet-Autor Alain Pichard nicht nehmen, seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern aus dem Kanton Baselland zu gratulieren. Dabei verhehlt er auch nicht einen gewissen Neid, wenn er auf die Erfolge dieses Vereins der “Irrésistibles” blickt.

Alain Pichard. Lehrer Sekundarstufe 1, Orpund (BE): Es muss einen Zaubertrank geben.

 

Die «Halbstarken” legten anfangs der 60er Jahre Innenstädte lahm, prügelten sich mit Polizisten und galten als Symptom des Werteverfalls – ein Irrtum, wie sich heute herausstellt. Denn die in Lederjacken daherkommenden Rowdys erschütterten die damalige deutsche Leitkultur und die saturierte Genügsamkeit des Establishments.

Auch meine Eltern enervierten sich heftigst über das provozierende Gehabe dieser jungen verwöhnten Rotzöffel, die lieber mal arbeiten sollten, als die Arbeitenden zu verhöhnen. Nun stellte sich aber im Nachhinein heraus, dass diese Jugendlichen vorwiegend aus der damals noch zahlenmässig starken Arbeiterklasse stammten und durchaus wussten, wie das Berufsleben aussah.

Damit wäre auch der erste Treffer meiner gewagten Metapher erzielt. Viele Leute der Starken Schule beider Basel kommen allesamt aus dem Lehrberuf, will heissen, sie wissen wovon sie reden. Die Protagonisten der Starken Schule prügeln sich zwar nicht und auch punkto Alter und Outfit erinnert bei ihnen nichts an die Cowboystiefelträger der 60er Jahre.

Die Hälfte aller Initiativen gewonnen, welche Bewegung in der Schweiz kann dies schon von sich behaupten?

Stoisch unbekümmert und unverfroren

Aber mit ihrer stoischen Unbekümmertheit bringen sie die Bildungsbürokratie ihres Kantons und einen Teil des Establishments immer wieder in Rage, wie es den «Halbstarken» zu ihrer Zeit gelang. Und sie haben mit ihrem Draufgängertum und ihrer teilweise zur Schau gestellten Kompromisslosigkeit Erfolg. Die Hälfte aller Initiativen gewonnen, welche Bewegung in der Schweiz kann dies schon von sich behaupten?

Ein grosser Unterschied besteht natürlich, und da hat auch meine Metapher ihr Ende. Die Leute der Starken Schule wissen genau, was sie nicht wollen, und sie wissen, was nicht funktioniert. Und hier fällt mir unweigerlich eine zweite Metapher ein. Es ist das legendäre Dorf der «irrésistibles Gaulois», die – gestärkt durch einen Zaubertrank – dem römischen Imperium standhalten.

Hier ticken die bildungspolitischen Uhren anders.

In diesem kleinen Halbkanton ticken die bildungspolitischen Uhren anders als in der Restschweiz, die sich scheinbar widerstandslos dem Kompetenzdiktat unterwirft. Der rebellische Verein mit markanten Persönlichkeiten wie Jürg Wiedemann, Alina Isler, Regina Werthmüller oder Saskia Olsson wird auch von vielen Eltern unterstützt.

Starke Schule beider Basel: Mehr als nur Jürg Wiedemann.

Nicht vergessen dürfen wir, dass in diesem Kanton noch ein verhältnismässig aufmüpfiger LehrerInnenverin wirkt mit einem intelligenten Präsidenten, Roger von Wartburg, und dem blitzgescheiten Analytiker Philipp Loretz. Und auch die SP-Baselland denkt und handelt bildungspolitisch ziemlich anders als ihre Mutterpartei. Wie im Gallierdorf geben sich die Protagonisten zwischendurch tüchtig aufs Dach, um dann gemeinsam umso heftiger zuzuschlagen, wenn es gegen die “Römer” geht. Die 84,4% JA zur Lehrmittelfreiheit lassen grüssen.

Wer sich übrigens von den Diffamierungsversuchen des spiessigen Stadt-Halbbruders verunsichern lässt, die dieses widerspenstige Dorf mit seinen Rebellen als rückständig bezeichnen, kann getrost auf die Ergebnisse der nächsten ÜGK warten.

 

Vermutlich gibt es ja zwischen Muttenz und Frenkendorf doch diesen legendären Zaubertrank, der solche Typen hervorbringt. Ob Halbstarke oder widerspenstige Gallier, die Redaktion des Condorcet-Blogs ist stolz, drei dieser «Irrésistibles» in ihren Reihen zu wissen: Alina Isler, Felix Hoffmann und Philipp Loretz. Wer sich übrigens von den Diffamierungsversuchen des spiessigen Stadt-Halbbruders verunsichern lässt, der dieses widerspenstige Dorf mit seinen Rebellen als rückständig bezeichnet, kann getrost auf die Ergebnisse der nächsten ÜGK warten.

Congratulations aus der «besetzten» Restschweiz!

Alain Pichard

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2 Kommentare

  1. Die Starke Schule beider Basel sollte man x-fach klonen können. Ihre Art von Bildungspolitik scheint einer der wenigen wirksamen Wege zu sein, wie man die Umgehung der direkten Demokratie mittels «soft governance» erfolgreich stoppen oder rückgängig machen kann. Denn es droht neues Ungemach: Laut der heutigen NZZ vom Sonntag soll die beliebteste und grösste Schweizer Berufslehre, die Kaufmännische Lehre, mit einer ähnlichen Vorgehensweise wie beim LP 21 auf das Schuljahr 2022 total umgebaut werden. Das ist aber erst der Anfang. Laut der sogenannten «Anhörung» des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI, wird die berufliche Grundbildung auch bei allen anderen Berufen als Schmalspurausbildung auf «Handlungskompetenz» und «Kompetenzorientierung» umgekrempelt: https://www.sbfi.admin.ch/sbfi/de/home/bildung/berufliche-grundbildung/anhoerungen.html

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