22. April 2021

Träumen erlaubt

Julia Klebs löste mit ihrem engagierten Votum für ein Schulsystem, das die unterprivilegierten Schichten nicht weiter benachteiligt, eine spannende Debatte auf unserem Blog aus. Diesmal ist die Reihe wieder an unserem Condorcet-Autor Felix Schmutz, der Frau Klebs in einigen Punkten recht gibt, aber auch die positiven Seiten unseres Bildungssystems betont.

Felix Schmutz, Baselland: Gab es je soziale Gerechtigkeit?

In ihrer präzisierenden Antwort versucht Julia Klebs, ihren linken Standpunkt vor Fehlinterpretationen zu retten. Im Wesentlichen geht es ihr um die soziale Gerechtigkeit, die sie in unserer Gesellschaft durch das Auseinanderdriften der Einkommens- und Vermögensschere in Schieflage sieht.

Soziale Gerechtigkeit ist ein Begriff, der von Aristoteles bis John Rawls auf ganz unterschiedliche Art beschrieben wird. Klebs nennt vor allem die heutigen Defizite, sie bleibt jedoch ziemlich vage, wenn es darum geht, wie man sich eine Gesellschaft oder einen Zustand vorstellen müsste, in dem soziale Gerechtigkeit tatsächlich herrscht. Gab es in der Menschheitsgeschichte überhaupt jemals einen Ort oder eine Epoche mit «sozialer Gerechtigkeit»? Träumen davon ist nach wie vor erlaubt und wichtig.

Allerdings stellt Klebs einige Behauptungen auf, die ich als zu grosse Verallgemeinerungen sehe:

  1. Behauptung: Im gesellschaftlichen Diskurs dominierten Begriffe wie «Bildungsferne», mit der die Verachtung für «einfache» Menschen verbunden ist.
Julia Klebs, Redaktorin Widerspruch, Lehrerin: Es geht um die soziale Ungleichheit

Stimmt das wirklich? Der Begriff Bildungsferne ist tatsächlich wegen der abwertenden Konnotationen umstritten. Allerdings soll mit der Ortsmetapher eine real existierende Tatsache beschrieben werden, die sich nicht bestreiten lässt, da sie statistisch erhärtet ist: Der Zutritt zur wissenschaftlich-humanistisch geprägten Schulbildung fällt jenen leichter, die im akademischen Milieu, eben bildungsnah aufwachsen, während diejenigen, die in andern Milieus aufwachsen, grössere Hürden überwinden müssen.

Tabuisierung ist kein guter Ausgangspunkt, wenn es zum Beispiel darum geht, gerechtere Lösungen zu finden für begabte Kinder, die aus Migrationsfamilien stammen.

Wie auch immer man diese soziologische Tatsache benennen will, es muss erlaubt sein, darüber zu sprechen, ohne gleich den Vorwurf hören zu müssen, man «verachte» einfache Menschen. Tabuisierung ist kein guter Ausgangspunkt, wenn es zum Beispiel darum geht, gerechtere Lösungen zu finden für begabte Kinder, die aus Migrationsfamilien stammen.

Deutliche Lohnfortschritte

Gewerbliche Berufe haben zum Teil deutliche Lohnfortschritte gemacht

Dass die Lohnschere gewisse Dienstleistungsberufe und die Landwirtschaft benachteiligt, trifft nach wie vor zu. Dies hat sicher ursprünglich mit dem Prestige der Berufe zu tun. Ob es allerdings heute noch auf «Verachtung» zurückzuführen ist, darf bezweifelt werden. Gewerbliche Berufe haben je nach Sektor deutliche Lohnfortschritte gemacht und an gesellschaftlichem Ansehen gewonnen. Vielmehr sind wohl Gegebenheiten des Marktes zur Hauptsache für Preis- und Lohndruck verantwortlich: Konkurrenz, Mieten, Investitionen, Druck der Grossverteiler*Innen (um diese Gender- und LGBT-gerechte Schreibweise auch einmal zu verwenden).

 

  1. Behauptung: Gute schulische Leistungen garantieren nicht mehr den sozialen Aufstieg in höhere Einkommens- und Vermögensklassen, weil die sozio-ökonomischen Strukturen den weniger Privilegierten ungerechtfertigte Nachteile in den Weg legen.

Lässt sich diese Behauptung wirklich derart pauschal aufrechterhalten? Haben wir nicht dank unseren Volksschulen, Berufslehren, Fachhochschulen neben den Gymnasien und Universitäten in den letzten 40 Jahren einen enormen sozialen Aufstieg ursprünglich benachteiligter Schichten erlebt? Haben wir nicht im kapitalistischen Land der Schweiz deswegen eine gegenüber andern Ländern verschwindend kleine Arbeitslosigkeit? Dass die Umwälzungen in der Wirtschaft auch zu neuer Armut geführt haben, soll nicht bestritten werden. Jedoch dürfte klar sein, dass es nach wie vor einen Konnex zwischen Ausbildung und sozialer Stellung gibt, unabhängig von der sozialen Herkunft.

Wen kümmert es, wenn das Land einige Milliardäre aufweist, solange bis auf wenige Prozent allen die Möglichkeit gegeben ist, aus eigener Kraft ihr Leben zu fristen und politisch mitzubestimmen?

Viele sind am Wohlstand beteiligt

Wen kümmert es, wenn das Land einige Milliardäre aufweist, solange bis auf wenige Prozent allen die Möglichkeit gegeben ist, aus eigener Kraft ihr Leben zu fristen und politisch mitzubestimmen? Solange die Firmen, die Besserverdienenden und Vermögenden Arbeitsplätze schaffen und durch ihre Steuern den grossen Teil der staatlichen und sozialen Aufgaben berappen, sollte sich der Neid in Grenzen halten. Der Sozialstaat als Umverteilungsmaschine hat durchaus Korrekturmöglichkeiten, die er nutzen kann, wenn sich grosse Gräben zwischen Benachteiligten und Bevorteilten auftun. Keine Frage, dass er sie nutzen sollte.

  1. Behauptung: Klebs empfiehlt einen «emanzipatorischen Bildungsbegriff, der sich von einer Bildung distanziert, die herrschende Verhältnisse legitimiert».

Es wird nicht näher begründet, inwiefern der gängige Bildungsbegriff herrschende Verhältnisse legitimiert. Prohibitiv seien die Standards, PISA, die Abschlüsse und Zertifikate, m.a.W. die Selektion. Und da darf man Klebs Recht geben.

Klebs müsste also beweisen, dass die Wissenschaften «herrschende Verhältnisse» abbilden und die Lehrpersonen systematisch die Förderung der wenig Privilegierten torpedieren.

Unterricht stützt sich auf wissenschaftliche Grundlagenfächer

Ist das jedoch der Bildungsbegriff der Schweiz? Jedenfalls nicht dann, wenn die verfassungsmässige Grundlage der Volksschule und der Aufbau des Unterrichts berücksichtigt werden. Diese verlangen einerseits die ganzheitliche Förderung der Kinder und Jugendlichen und stützen den Unterricht anderseits auf wissenschaftliche Grundlagenfächer, die den Stand des Wissens und der Technik abbilden. Klebs müsste also beweisen, dass die Wissenschaften «herrschende Verhältnisse» abbilden und die Lehrpersonen systematisch die Förderung der wenig Privilegierten torpedieren.

Der emanzipatorische Bildungsbegriff meint einen Unterricht, der alle Inhalte jeweils kritisch auf die gesellschaftlichen Machtverhältnisse reflektiert. Das erinnert an die Literaturdidaktik des Bremer Kollektivs in den Siebzigerjahren: Märchen mit Kindern so umschreiben, dass sie der herrschaftsfreien Idealwelt entsprechen.

Emanzipation im ursprünglichen Sinn der Befreiung zur Autonomie entsteht nicht durch Bevormundung, sondern durch breitest mögliche Aufklärung und durch Ermutigung zur begründeten eigenständigen Meinung.

Da besteht die Gefahr, die Menschen zu überfahren, die sich mit Reflexion schwertun, ihnen die Lust zu nehmen, sich auch «inkorrekt» mit einem Thema zu beschäftigen. Es besteht weiter die Gefahr, die Inhalte einseitig auszuwählen und abzuhandeln. Die Volksschule sollte jedoch jede Form von Einseitigkeit vermeiden. Weder religiös-fundamental, noch psychologisierend, noch politisch eingefärbt wünscht man sich die Schule. Emanzipation im ursprünglichen Sinn der Befreiung zur Autonomie entsteht nicht durch Bevormundung, sondern durch breitest mögliche Aufklärung und durch Ermutigung zur begründeten eigenständigen Meinung.

 

Felix Schmutz, 18. 12. 2020

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